Cities and Science: Urban History and the History of Science in the Study of Early Modern and Modern Europe (CEU Summer University)

Ort
Budapest
Veranstalter
Pasts, Inc. Center for Historical Studies, Central European University
Datum
29.06.2015 - 04.07.2015
Von
Christoffer Leber, Wissenschaftsgeschichte, Ludwigs-Maximilians-Universität München

Seitdem der spatial turn Einzug in die Geistes- und Kulturwissenschaften gehalten hat, ist auch unter Wissenschaftshistorikern ein zunehmendes Interesse an Orten der Wissensproduktion und -zirkulation zu beobachten. Einen besonderen Stellenwert scheint hierbei der urbane Raum einzunehmen, da sich in ihm nicht nur wissenschaftliche Akteure, Institutionen und Austauschforen in besonderer Form verdichten; er bietet zugleich außeruniversitäre Orte, in denen Wissen medial repräsentiert und popularisiert wird. Aktuell diskutierte Konzepte wie eine urban history of science spiegeln das Desiderat nach einer räumlichen Neuperspektivierung von Wissenschaftsgeschichte wider. Ungeachtet dessen scheinen nach wie vor Stadt- und Wissenschaftsgeschichte eher nebeneinander zu existieren, als miteinander im Dialog zu stehen. Der Forderung nach einem ‚urban turn‘ in der Wissenschaftsgeschichte zollte die vom 29. Juni bis 4. Juli 2015 am Center for Historical Studies der Central European University Budapest veranstaltete Summer University “Cities and Science” Tribut. Die Veranstalter Katalin Stráner (Budapest) und Markian Prokopovych (Budapest) luden dazu ein, nach Emergenzen zwischen Stadt- und Wissenschaftsgeschichte zu suchen. So ging es nicht nur um die Frage, inwiefern der urbane Raum zur Genese und Verbreitung von (Experten-)Wissen beiträgt, sondern inwiefern Wissenschaft und Technologie auch die Stadt und ihre urbane Kultur prägen. Dem Ansatz der urbanen Wissenschaftsgeschichte liegt die Vorstellung zugrunde, dass Wissenschaft nicht im ideengeschichtlichen Sinne als ein abstraktes Konglomerat von Wissensbeständen, sondern als soziale Praxis aufgefasst wird – Wissen wird im wahrsten Sinne des Wortes geschaffen.

Mit folgenden Fragen befasste sich die Summer School: Welche urbanen Akteure tragen zur Genese und Zirkulation von Wissen bei, kann Wissen gar selbst einen Akteursstatus annehmen? Wie verhalten sich Wissenschaft und die städtische Öffentlichkeit zueinander, zum Beispiel wenn es um die Popularisierung genuin wissenschaftlicher Diskurse geht? Inwiefern formt und verändert Wissenschaft die Selbstrepräsentation und Perzeption von Städten? Wie beeinflussen Fach- und Populärwissenschaft die städtische Alltagskultur, z.B. durch Technologien, Raumplanung, Bildungseinrichtungen und Museen? Inwiefern generiert die Stadt spezifische Forschungspraktiken und -fragen? Und schließlich: Welche Rolle spielen translokale Diskurse in der Genese von wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Konzeptionell umfasste die Summer University sowohl themenbezogene Seminare, die die Interferenzen zwischen Wissenschaft und Stadt in der Moderne unterschiedlich perspektivierten, Studentenworkshops zur Diskussion einzelner Projekte, als auch Abendvorlesungen. Ergänzt wurde das Seminarprogramm durch zwei Exkursionen, die einen medizin- und wissenschaftshistorischen Bezug aufwiesen.

Die von KATALIN STRÁNER (Budapest) und MARKIAN PROKOPOVYCH (Budapest) geleitete Eingangsdiskussion befasste sich mit der Frage, inwiefern die Dichotomie zwischen Stadt- und Wissenschaftsgeschichte durch einen neuen ‚urban turn‘ überwunden werden könne. Diskussionsgrundlage war der Theorieartikel „Toward an Urban History of Science“ (2003), in dem Sven Dierig, Jens Lachmund und Andrew Mendelsohn vier Interferenzen zwischen Stadt- und Wissenschaftsgeschichte diagnostizieren: Erstens die Wechselwirkung von wissenschaftlicher Expertise und städtischer Politik, zweitens die Rolle der Wissenschaft in der kulturellen Repräsentation und Wahrnehmung der Stadt, drittens die Einbettung von Wissenschaft in die urbane soziale und technische Infrastruktur und viertens die Interaktion zwischen Wissenschaft und dem alltäglichen Leben („knowledge from the street“).[1] Die theoretische Einführung nahm sich zum Ziel, einige Reflexionen über den Nutzen und Mehrwert einer urbanen Wissenschaftsgeschichte anzustellen. Diese betrafen zum einen die Frage nach der Definition von Wissenschaft als soziale Praxis, zum anderen das Problem der Akteure: Welche Personen, Institutionen, Medien übernehmen Akteursstatus, wenn es um die urbane Verortung von Wissensproduktion geht? Was sind die spezifischen Merkmale, Herausforderungen und Probleme einer Stadt, die Wissensproduktion katalysieren? Wo zieht man überhaupt die Grenze zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Stadt und Land, zwischen ‚first‘ und ‚second cities‘?

In seinem Seminar “Science, Environmental Issues and Global Cities“ befasste sich STÉPHANE VAN DAMME (Florenz) mit der Frage, inwiefern umwelthistorische Perspektiven für die Geschichte des urbanen Raums fruchtbar gemacht werden können und welche Rolle hierbei Umweltwissen (klimatologisches, geologisches, geographisches, hygienisches und physikalisches Wissen) spielt. Es wurde darüber diskutiert, ob eine urbane Umweltgeschichte den Mensch als historischen Akteur dezentralisieren könne und inwiefern die essentialistische Dichotomie zwischen Kultur und Natur durch einen Umweltbegriff (environment) überwunden werden könne. Schließlich wurde über die bis in die 1930er-Jahre wegweisende „Chicago School“ innerhalb der Stadtforschung diskutiert – eines der letzten holistischen Versuche, die Stadt analog zur Natur als eine organische Einheit aufzufassen. Was sind die naturgemäßen Strukturen einer Stadt, die ihre Entwicklung vorhersagbar und planbar machen? Van Dammes Vorlesung „Geological Grandeur, Mineral Metropolis: Exploring a Physical History of Paris (18th-19th centuries)“ stellte den Versuch an, sich einer Naturgeschichte von Paris anzunähern. Hierbei wurde die Akteursfunktion von Umwelt, Natur und Naturwissenschaft in der stadthistorischen Entwicklung von Paris und seiner urbanen Identität herausgestellt. Van Damme untersuchte, welche Rolle geologisches, mineralogisches wie physikalisches Wissen in der Kartierung, Imagination und Repräsentation der Stadt Paris spielten. Es wurden die mannigfaltigen Versuche beleuchtet, das Urbane zu naturalisieren und Umweltkatastrophen im städtischen Raum durch wissenschaftliche Erhebungen vorhersehbar zu machen.

RICHARD ROGER (Belfast) untersuchte in historischer Perspektive, auf welche Weise Technologie und ihre praktische Anwendung den städtischen Raum beeinflusst, welchen Fingerabdruck sie in einer Stadt hinterlässt und welche wissenschaftlichen wie (lokal-)politischen Implikationen mit ihr einhergehen. Inwiefern kann wissenschaftliche Expertise Kommunalpolitik und Stadtplanung beeinflussen? Ausgehend von Christoph Bernhardts Artikel „At the Limits of the European Sanitary City“[2], in dem es um das Ideal und die Grenzen einer egalitären Wasser- und Hygieneversorgung im Berlin des 19 Jahrhundert geht, wurde der Einfluss von Expertise, Technologie, Investition und statistischer Datenerhebung im Kontext kommunaler Stadtpolitik erörtert. Datenerhebung und -sammlung avancierten beispielsweise zum Mittel des lokalen policy making, indem wissenschaftliche Evidenz für Argumente geliefert wurde, die technologische Maßnahmen im urbanen Raum rechtfertigten.

In seinem Vortrag „Humanity of Display“ nahm sich LASZLO KONTLER (Budapest) dem Phänomen der „human zoos“ im 19. Jahrhundert an – jenen Völkerschauen, die das „Exotische“, das „Primitive“ der Kolonialvölker ausstellten. „Human zoos“ waren gleichermaßen ein Indikator für zeitgenössische Kollektivbilder des Anderen (otherness), wie für die Konstitution nationaler, mithin urbaner Identität innerhalb der Kolonialmächte. Über die Konfrontation mit dem Fremden vergewisserte man sich seiner eigenen kulturellen Identität. Die identitätsstiftende Funktion von ethnischer otherness im Kontext von Völkerschauen, ethnologischen Ausstellungen und freak shows wurde bereits eingehend untersucht. Der Blick wurde nun auf ländliche Regionen und Städte Europas verlagert, insbesondere auf Budapest, die keinen direkten kolonialen Hintergrund aufweisen. Welchen identitätsstiftenden Zweck erfüllten „human zoos“ in solchen Orten?

ULRIKE SPRING (Sogndal) befasste sich in ihrem Vortrag mit der populären Rezeption, Diskursivierung und kommunikativen Transformation arktischen Wissens in der urbanen Öffentlichkeit Wiens, Budapests und Prags 1874 – jenem Jahr, in dem die großangelegte habsburgische Polarexpedition zur Erforschung der Nordlichter erfolgreich endete. Ihr Vortrag behandelte die Frage, welchen Anteil die Medien und urbane Öffentlichkeit in der Veranschaulichung und kommunikativen Verhandlung von Polarwissen hatten. Spring zeigte auf, dass das wissenschaftliche Wissen um die Nordlichter – die weder analysiert noch langfristig beobachtet werden konnten – über mediale Kanäle materialisiert und in einen breiteren kulturellen Wissenschaftsdiskurs eingebettet wurde. Zudem war die Polarexpedition in einen zeitgenössischen politischen Diskurs integriert. Im Jahr des Wiener Börsenkrachs 1873 diente die mediale Verbreitung der Polarexpedition dazu, den kollektiven Glauben an die Macht der maroden Habsburgermonarchie zu rehabilitieren. Das darauffolgende Seminar befasste sich mit dem Konzept „knowledge in transit“ (Jim A. Secord)[3], das Wissenschaft als eine „form of communication“ begreift und die hierarchische Unterscheidung zwischen autoritativem und populärem Wissenschaftsdiskurs zu überwinden sucht. In Anlehnung an Livingstones Desiderat „Putting Science in its Place“[4] wurde darüber diskutiert, inwiefern sich Wissen sowohl geographisch verorten lässt (science in place), als auch über lokale Grenzen hinweg beeinflusst und disseminiert wird (science over place). Kriterien, die für die Wissensgenese und –verbreitung zentral seien, so Spring, seien neben dem lokalen und globalen Kontext, die spezifischen Akteure und ihre Reputation, politische Zustände, Sprache und Übersetzung von Wissen, Institutionen und soziale Klassenverhältnisse. Die theoretischen Konzepte wurden im Anschluss auf die einzelnen Forschungsprojekte der TeilnehmerInnen angewendet.

In seinem Vortrag und dem anschließenden Seminar „Science with Animals in Urban Settings in the 19th and 20th century“ widmete sich MITCHELL G. ASH (Wien) den Zoologischen Gärten als Kristallisationspunkten der öffentlichen Unterhaltung, des städtischen Spektakels und der Produktion (populären) zoologischen Wissens. Inwiefern katalysierten Zoos Debatten um Wissenschaftlichkeit, waren sie doch Orte an der Schnittstelle von Forschung und Unterhaltung? Welche Art von Wissen brachten sie hervor? Inwiefern transformierte sich der städtische Alltag durch den Ausbau zoologischer Gärten, trugen sie gar zu einem Wandel der Mensch-Tier-Beziehung bei? Ein Fokus des Seminars lag auf dem hybriden Status des Zoos als einen Ort, an dem unterschiedliche Wissenschaftsauffassungen miteinander kollidierten. Während Laien die unmittelbare Beobachtungen der lebendigen Tiere als ‚wissenschaftlich‘ erachteten, wurde von Forscherseite kritisiert, dass der Zoo ein Trugbild von Wissenschaftlichkeit vermittle und keine verlässlichen Erkenntnisse generieren könne. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der sogenannten „Hagenbeck Revolution“. Was war das Neue an Hagenbecks Tierpark? Nach mehreren Afrikaexpeditionen initiierte Carl Hagenbeck nicht nur einen weitverzweigten Tierhandel, er legte auch den Grundstein für die professionelle Tierdressur. 1907 schließlich öffnete er den ersten gitterlosen Zoo in Hamburg, den Tierpark Hagenbeck, in dem erstmals künstliche Landschaftspanoramen patentiert wurden, die die Illusion einer wilden Natur kreieren sollten – Hagenbeck transformierte den Zoo zu einem bislang nie da gewesenen Gesamtkunstwerk.

In der von Katalin Stáner (Budapest) und Markian Prokopovych (Budapest) geführten Abschlussdiskussion wurde festgehalten, dass nicht nur Orte der Wissensproduktion einen heuristischen Wert für eine urban history of science haben, sondern ebenso epistemische Reisewege (“epistemic itineraries”), die Wissen über verschiedene Medien und Objekte hinterlegt. Wo sind ‚Wanderungen‘ des Wissens inner- und außerhalb einer Stadt zu erkennen? Wünschenswert wäre es, die räumliche Kategorie des Urbanen stärker auszudifferenzieren; schließlich sind neben dem geographischen Raum der Stadt weitere – mediale, epistemische, soziale – Räume denkbar. Ein weiterer Diskussionspunkt betraf die mediale Repräsentation von Wissen und die damit einhergehende diskursive Transformation fachwissenschaftlicher Inhalte. Nicht zuletzt wurde darauf insistiert, den Menschen als maßgeblichen Akteur der Wissensproduktion und -nutzung nicht aus den Augen zu verlieren.

Zusammenfassend hat die Summer School interessante Interferenzen von Wissen und Stadt aufgezeigt, die gewinnbringende Perspektiven für Wissenschafts- und Stadthistoriker verspricht. Es wurden theoretische, inhaltliche und konzeptionelle Debatten um eine urbane Wissenschaftsgeschichte angestoßen, die eine historiographische Sensibilität für die raumzeitliche Einbettung von Wissen geschärft haben. Ob sich tatsächlich ein ‚urban turn‘ in der Geschichtswissenschaft etabliert, bleibt abzuwarten.

Konferenzübersicht:

Introduction, Markian Prokopovych / Katalin Stráner (Budapest): Approaching History of Science and Urban History

Seminar, Stéphane Van Damme (Florenz): Science, environmental issues and global cities

Public Lecture, Stéphane van Damme (Florenz): Geological Grandeur, Mineral Metropolis: Exploring a Physical History of Paris (18th-19th centuries)

Seminar, Richard Rodger (Edinburgh): Engineering the City: The Appliance of Science

Journal Presentations: Urban History, East European History

Student Workshop

Public Lecture, Richard Rodger (Edinburgh): Engineering the City: The Appliance of Science

Museum Tour/Thematic Walk: Hospital in the Rock (Budapest)

Student Workshop

Seminar, Laszlo Kontler (Budapest): Humanity of Display: Ethnographic Knowledge, Spectacle and Metropolitan Identity

Student Workshop

Public Lecture, Ulrike Spring (Sogndal): The Arctic in the City: Reinventing Polar Science in the Public Spaces of Vienna, Budapest and Prague in 1874

Seminar, Ulrike Spring (Sogndal): Locating and Popularizing Science in the 19th Century

Seminar, Mitchell G. Ash (Wien): Science with Animals in Urban Settings in the 19th and 20th centuries

Public Lecture, Mitchell G. Ash (Wien): Science in Zoos in the 19th and 20th Centuries: Before and after the “Hagenbeck” Revolution

Markian Prokopovych, Katalin Straner (Budapest): Closing discussion

Museum Tour, Semmelweis Museum of Medical History (Budapest)

Anmerkungen:
[1] Sven Dierig, Jens Lachmund and Andrew Mendelsohn, Introduction: Toward an Urban History of Science, in: Osiris 18 (2003): Science and the City, S. 1-19.
[2] Christian Bernhardt, At the Limits of the European Sanitary City, in: Geneviève Massard-Guilbaud / Richard Rodger (Hrsg.), Environmental and Social Justice in the City: Historical Perspectives. Cambridge 2011, S. 155-169.
[3] Jim A. Secord, Knowledge in transit, in: Isis 95 (2004), 4, S. 654-672.
[4] David N. Livingstone, Thinking Geographically about Nineteenth-Century Science, in: David N. Livingstone / Charles W. J. Withers (Hrsg.), Geographies of Nineteenth-Century Science. Chicago 2011, S. 1-19.

Zitation
Tagungsbericht: Cities and Science: Urban History and the History of Science in the Study of Early Modern and Modern Europe (CEU Summer University), 29.06.2015 – 04.07.2015 Budapest, in: H-Soz-Kult, 30.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6187>.
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Veröffentlicht am
30.09.2015