Digitales Edieren im 21. Jahrhundert

Ort
Düsseldorf
Veranstalter
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Münster
Datum
03.11.2015 - 04.11.2015
Von
Ragna Boden, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Münster

Das Thema Edition, ob digital oder analog, hat weiterhin Konjunktur. Das zeigen eine Konferenz mit Fokus auf die Schweiz [1] und ein Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über zwei Editionen, die just am Vortag auf der hier zu besprechenden Tagung vorgestellt wurden.[2] Als etabliertes Medium zwischen Quelle und Auswertung nehmen Editionen eine Brückenfunktion ein, bieten einen ersten Zugriff. Sie ermöglichen Orientierung durch den selektierten, aufbereiteten und kommentierten Text und stellen zugleich eine Schutzform für die Quelle dar, sollte diese verloren gehen oder beschädigt werden.

Der generelle Wert von Editionen stand auf der Tagung „Digitales Edieren im 21. Jahrhundert“ in Düsseldorf im Ergebnis außer Frage. Vielmehr ging es darum, wie bewährte Methoden und Formen um neue technische Möglichkeiten bereichert und welche Standards angelegt werden können. Zehn Vorträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beleuchteten in drei Sektionen die historische Tradition, die wesentlichen Merkmale und den Nutzen von Editionen allgemein; dazu die spezifischen Ausprägungen ihrer analogen, hybriden und digitalen Formen, die Rezeption sowie Standards der Editionstechnik und Finanzierungskonzepte. Die Redner präsentierten Projekte vorwiegend aus Archiven und Universitäten, einzelne auch aus politischer Stiftung und Historischer Kommission. Praktischer Höhepunkt und Anlass dieser Tagung war, dass die Online-Edition der Kabinettsprotokolle der Landesregierung NRW auf das Portal http://www.archive.nrw.de[3] umzog.

In ihrer Begrüßung hoben FRANK M. BISCHOFF und MARTINA WIECH (Duisburg) zwei zentrale Aspekte des Mehrwerts digitaler Editionen gegenüber analogen hervor: universellen Zugriff und zeitgemäße Präsentationsform. Indem sie das Spannungsfeld zwischen Crowdsourcing und Ein-Personen-Projekten bei der Edition ansprachen, leiteten sie zum inhaltlichen Teil über. MARTIN SCHLEMMER (Duisburg) stellte in seiner Einführung die provokante Frage, inwiefern Editionen überhaupt zeitgemäß und zukunftsfähig seien. Damit sie nicht als Luxusprodukte oder Auslaufmodelle gälten, brauche es ein Umdenken hin zu den neuen Medien. Vielfach seien analoge Editionen totgesagt, könnten aber neben Repräsentations- auch eine essentielle back-up-Funktion übernehmen, falls die Online-Version abgeschaltet würde. Unverzichtbar sei ein Nachdenken über Standards, Sichtbarkeit und dauerhafte Verfügbarkeit.

Grundsätzliche Überlegungen zum Charakter von Editionen stellte FRANCESCO ROBERG (Marburg) an.[4] Er grenzte sie ab von den Vorlagen und ihrem Abbild einerseits und von anderen Bearbeitungsformen wie Transkription und Regest andererseits. Damit ließ er keinen Zweifel daran, dass die Veröffentlichung einer gescannten Quelle allein noch keine Edition darstellt, sondern eine einfache visuelle Präsentation ist. Als genuine Merkmale arbeitete er den von einem oder mehreren Experten hergestellten Editionstext mit bewusster Auswahl der Quellen und ihrer überlieferten Varianten, angereichert durch einen wissenschaftlichen Apparat heraus. Die Vertrauenswürdigkeit und der Nutzen einer Edition ergäben sich zwingend aus ihrer Qualität als „kanonisierter“, also durch Experten autorisierter Präsentation. Die Frage, wo Editionen am besten anzusiedeln seien, verknüpfte Roberg mit dem Qualitätsmaßstab: Eine große Durchdringungstiefe als Wesensmerkmal der Edition sei nicht verhandelbar. Von daher seien Akademien und Universitäten als wissenschaftliche Einrichtungen dafür prädestiniert; Archive nur dann, wenn entsprechende Ressourcen bereitgestellt würden, was tendenziell seltener geschehe.

Die folgenden Referenten erläuterten an konkreten Beispielen, wie sich aktuell Einzeleditionen und Reihen inhaltlich, organisatorisch, finanziell und technisch aufstellen. Das Spektrum reichte von traditionellen und themenbezogenen Editionsreihen wie den vom deutschen Bundesarchiv herausgegebenen Dokumenten zur Deutschlandpolitik (seit 1961) und provenienzorientierten wie den von der Konrad-Adenauer-Stiftung betreuten Protokollen des CDU-Bundesvorstands bis hin zu jüngsten, auf Persönlichkeiten fokussierten Projekten wie denen zu Pacelli und Faulhaber. Einen Schwerpunkt bildeten Editionen zu klassischen mittelalterlichen und neuzeitlichen Rechts- und Staatsquellen wie die Protokolle und die offiziellen Gesetzessammlungen des Kantons Zürich, Ergebnisse von Volkszählungen seit 1831, Zürcher Ehedaten vom 16.–18. Jahrhundert und deutsche Reichstagsakten seit dem 14. Jahrhundert.

JAKOB WÜHRER (Wien) beleuchtete anhand eingängiger Beispiele Editionen als Produkt mit vielen Facetten, die sich um den Editionstext herumgruppieren wie Vorwort, Kopfregest, Kommentar, Anmerkung, Variantenerläuterung, Register. Insbesondere auf den Wert von Transkriptionen als Teil der Edition ging Wührer ein. Die Edition nehme hier Historikern und Philologen einen Teil der Quellenkritik ab. Daher sollte der Editor, der ein „Nahverhältnis“ mit der Quelle eingehe, alle seine weiterführenden Eindrücke in der Edition mitteilen. Ebenso legte er Wert darauf, dass Editionsgrundsätze offengelegt würden, denn diese erfüllten letztlich die Funktion einer Bedienungsanleitung.

Das agenda setting stellte HANS-HEINRICH JANSEN (Koblenz) an den Anfang seiner Überlegungen zum Nutzen von Editionen. Von Intention und Auftrag hänge schließlich die Auswahl und Ausgestaltung der Edition ab. Als Beispiel nannte er das Transparenzanliegen des Deutschen Bundestages, dessen Protokolle zeitnah online gestellt werden. Lernende als Zielgruppe erhielten mittels einer Edition oft den Erstkontakt zu ungekürzten Quellen, mit allen nötigen Kontextinformationen. Nicht selten würden Editionen selbst zum Forschungsgegenstand, wie Jansen anhand der Foreign Relations of the United States veranschaulichte.

Die organisatorischen Aspekte, die CHRISTAN SIEBER (Zürich) ansprach, wurden besonders lebhaft diskutiert. Die zahlreichen Editionsprojekte des Staatsarchivs des Kantons Zürich stehen einerseits in einer langen Tradition als Kerngeschäft des Archivs und sind organisatorisch mit diesem verbunden. Finanziert werden die dazu nötigen 12 Vollzeitäquivalente aber durch Drittmittel insbesondere aus der staatlichen Lotterie. Aktuell laufen mehrere Projekte parallel, zum Teil in Kooperation mit anderen Institutionen. Ziel ist es, grundlegende Quellen vom Mittelalter bis zur Gegenwart im Volltext online zugänglich zu machen, sie mit Metadaten und Bildern anzureichern und sie über den Archivkatalog anzubinden. Dazu existieren Workflows für handschriftliche und gedruckte Vorlagen sowie Qualitätssicherungen durch angelernte Externe. Das Einbeziehen von Crowdsourcing etwa für Ehedaten aus der frühen Neuzeit sei wegen der Bedenken hinsichtlich der Qualität aktuell nicht geplant.

Wie hybride Editionen aussehen können, erläuterte WOLFGANG TISCHNER (St. Augustin). Angesichts des exponentiell anschwellenden Umfangs der Protokolle des CDU-Bundesvorstands sei die Online-Variante schon bei zwei Publikationen im Jahr kostengünstiger als der Druck, der inklusive Personalkosten mit etwa 300.000 Euro pro Band zu Buche schlage. Dennoch sei die analoge Publikation nicht obsolet, insbesondere als Datensicherung für eine anvisierte Erhaltungsdauer von zurzeit 100 Jahren. Dazu sei der Produktionsprozess umgestellt worden, so dass erst die Online-Edition erstellt werde, dann die Printversion. Das dazu genutzte, kollaborationsfähige Content Management System würde von einem externen Provider zur Verfügung gestellt.

SASCHA HINKEL (Münster) konzentrierte sich auf die digitale Form. Er stellte zwei laufende Editionsprojekte von Quellen des 20. Jahrhunderts vor, die durch eine Langzeitförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert werden. Als Voraussetzungen für eine gute Edition bezeichnete er wissenschaftlich aufgearbeitete Texte (etwa Transkriptionen) und technisch geeignete Datenbanken. ROLAND REUß (Heidelberg) unterstrich noch einmal die Bedeutung des Printmediums als Sicherung edierter Texte. Er stellte die grundsätzliche Frage nach dem Nutzen von Standards, insbesondere wenn sie von staatlichen oder staatlich geförderten Institutionen ausgingen. Reuß sah generell eine Chance der individuellen, freien Edition gegenüber der Gefahr politischer Steuerung seitens staatsnaher Einrichtungen.

Zu Beginn des zweiten Tages charakterisierte BERND NEUENDORF (Düsseldorf) die Debatten im Kabinett als im Vergleich zu Parlamentsdebatten standardisiert. Dennoch seien sie als digitale und analoge Edition unverzichtbare Quellen für den Einblick in die politische Arbeit. Er schaltete die neue Online-Edition der NRW-Kabinettsprotokolle frei. Im Anschluss daran stellte Martin Schlemmer dessen Funktionalitäten für die knapp 1.500 Protokolle vor. Er verwies auf die Zeitzeugengespräche, die zusätzlich geführt würden, um diese Quellenform mit Hintergrundinformationen und persönlichen Eindrücken der Beteiligten anzureichern. BURKHARD HIRSCH (Düsseldorf) kommentierte den Quellenwert aus der Sicht eines ehemaligen Landesministers und Zeitzeugen. Dabei wurde deutlich, wie wichtig die Ergänzung der Dokumente mit Kontextinformationen zur Orientierung ist, um die Zusammenhänge transparent zu machen.

KARL-ULRICH GELBERG (München) erläuterte verschiedene Editionsformen, von der einfachen Retrodigitalisierung und Online-Stellung von Printeditionen wie dem Lassalle-Briefwechsel bis hin zu Kooperationsprojekten wie den Akten der Reichskanzlei in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv. Die von der Historischen Kommission selbst programmierte Software für hybride Publikationen erlaube eine breite Verlinkung mit weiterführenden Informationen wie dem Reichsgesetzblatt oder der Deutschen Biographie. Kritische Nachfragen aus dem Publikum bezogen sich auf die zuweilen unzureichende Qualität der Digitalisate von GoogleBooks, auf die die vorgestellten Editionen verlinken, und auf die Qualitätssicherung bei der OCR-Texterkennung. Gelberg gab zu bedenken, dass es sich hierbei zum Teil um einfache Zusatzangebote für den Erstzugriff handle, die weniger hohen Ansprüchen genügen müssten als die Kernelemente der Edition. Diskutiert wurde im Zusammenhang der Verlinkung auch, wie bedeutsam die Nutzung von personen- und ortsbezogenen Normdaten sei. Was die von Gelberg vorgestellten Editionen berücksichtigen, könne etwa für die Masse des Archivgutes mit einer unüberschaubaren Anzahl an Einzeldaten nicht geleistet werden.

Wiederholt stellte sich die Frage nach dem Nutzen von Registern. In der Mehrheit galten sie als unverzichtbar, nicht zuletzt deshalb, weil sie die Möglichkeit böten, nach Dingen zu suchen, über die der Suchende noch nichts wisse, im Gegensatz zur Suchschlitzsuche, in die man eingeben müsse, wovon man schon Kenntnis habe. Insofern seien sie ein wichtiges strukturierendes Element. Auch die maßgebliche Einbeziehung von angelernten Hilfskräften oder Laien (Stichwort Crowdsourcing) bei der Texteingabe, -transkription und Qualitätskontrolle stieß mitunter auf Skepsis, ob dies den Wert von Editionen eher schmälere oder bereichere. Hieran zeigte sich, dass Transparenz in Bezug auf qualitative Ziele der Edition und die Arbeitsweisen unabdingbare Informationen für die Nutzung sind. Daran knüpfte PATRICK SAHLE (Köln) mit seinem Vortrag an. Er verwies auf die nötige Trennschärfe in der Diskussion zwischen der durch Tradition gefestigten, wissenschaftlichen Methodik der Edition und den genrespezifisch zu entwickelnden, technischen Standards.

Als Ergebnisse der Tagung hielt Frank M. Bischoff fest, dass die Printedition neben der digitalen bestehen bleiben könne. Für die digitale Form habe die Tagung eine große Spannbreite an Ausformungen deutlich gemacht. Das Thema Normdaten müsse insbesondere auch von den Archiven weiter verfolgt werden, ebenso wie die Frage nach der Verantwortlichkeit für Editionsvorhaben. Die Ergebnisse der Tagung sollen sowohl online als auch im Druck veröffentlicht werden. Das Thema Editionen aus der Sicht der Produzenten und Förderer hat auf der Tagung viele Perspektiven im Hinblick auf best practices in Auswahl, Aufbereitung und Präsentation für den deutschsprachigen Raum aufgezeigt. Ein erweiterter internationaler Blick darüber hinaus sowie auf die Wünsche der Zielgruppen bietet sich für künftige Arbeitstreffen zum Thema an.

Konferenzübersicht:

Frank M. Bischoff / Martina Wiech (Landesarchiv NRW): Begrüßung

Martin Schlemmer (Landesarchiv NRW): Einführung

Sektion 1: Wozu edieren? Wissenschaftliche Editionen: Ballast oder Mehrwert?
Moderation: Frank M. Bischoff (Landesarchiv NRW)

Francesco Roberg (Hessisches Staatsarchiv Marburg): Kritik und Kanonisation. Zum Wesen von Quelleneditionen

Hans-Heinrich Jansen (Bundesarchiv): Der besondere Nutzen der Edition

Christian Sieber (Staatsarchiv des Kantons Zürich): Zentrale Serien ins Netz! Die Editionsstrategie des Staatsarchivs Zürich

Sektion 2: Analog oder digital? Edieren im 21. Jahrhundert
Moderation: Martina Wiech (Landesarchiv NRW)

Wolfgang Tischner (Konrad-Adenauer-Stiftung): Rahmenbedingungen und Möglichkeiten hybrider Editionen

Sascha Hinkel (Universität Münster): Standards der kritischen Online-Editionen der Nuntiaturberichte Pacellis und der Tagebücher Faulhabers

Roland Reuß (Universität Heidelberg): Edition und Öffentlichkeit

Frank M. Bischoff / Martina Wiech (Landesarchiv NRW): Begrüßung

Freischaltung der Digitalen Edition der Kabinettsprotokolle im Rahmen des Archivportals NRW durch Staatssekretär Bernd Neuendorf

Martin Schlemmer (Landesarchiv NRW): Vorstellung der Edition im Archivportal anhand von Beispielen

Burkhard Hirsch (Landesminister a. D.): Die Kabinettsprotokolle der Landesregierung von NRW als historische Quelle. Anmerkungen aus Sicht eines Beteiligten

Sektion 3: Digitale Editionen: Abschied vom Standard?
Moderation: Astrid Küntzel (Landesarchiv NRW / Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW)

Karl-Ulrich Gelberg (Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften): Editorische Standards (einst und jetzt) und der Dialog mit Archivaren und Bibliothekaren

Jakob Wührer (Wiener Stadt- und Landesarchiv): Wie ediert man archivalische Quellen? Editionsstandards und ihre Bedeutung für die Durchführung von Editionsprojekten und die Rezeption von Editionen

Patrick Sahle (Universität Köln): Digitale Editionen zwischen methodischen Best Practices und technischen Standards

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Bericht von Michael Schaffner: Editionen! Wozu? Wie? Und wie viele? Zum Stand der historischen ‚Edition‘ in der Schweiz im digitalen Zeitalter, 07.11.2014 – 08.11.2014 Zürich, in: H-Soz-Kult, 09.03.2015, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5861>.
[2] Myriam Hönig: "Krisenjahre eines Kirchenfürsten. Die Online-Edition der Tagebücher von Kardinal Faulhaber hat begonnen", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. November 2015, N. 3.
[3] Die Zieladresse zur Edition lautet jetzt: http://www.archive.nrw.de/lav/publikationen/Editionen/Kabinettsprotokolle/index.php.
[4] Vgl. auch seinen früheren Beitrag zum Thema: Francesco Roberg, Findbuch – Regest – Edition – Abbildung. Zur archivischen Erschließung von Urkunden, in: Archivar 64 (2011), S. 174-180.

Zitation
Tagungsbericht: Digitales Edieren im 21. Jahrhundert, 03.11.2015 – 04.11.2015 Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 07.01.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6309>.
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Veröffentlicht am
07.01.2016
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