Tavola rotonda: L’unificazione delle due Germanie. Le paure e le speranze del 1990 dalla prospettiva dei partner europei e internazionali

Ort
Rom
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Rom
Datum
14.12.2015
Von
Carolin Kosuch, Deutsches Historisches Institut Rom

Mit einer Diskussionsrunde im Format des „Runden Tisches“ erinnerte das Deutsche Historische Institut Rom am Abend des 14. Dezember 2015 an „25 Jahre deutsche Wiedervereinigung“. Martin Baumeister, Direktor des Instituts, sprach hierzu mit Frédéric Bozo (Université Paris III Sorbonne Nouvelle), Leopoldo Nuti (Università degli Studi Roma Tre), Gideon Reuveni (University of Sussex) und Antonio Varsori (Università degli Studi di Padova). Einleitend verwies er auf den Veranstaltungsort Rom, der es ermögliche, gewissermaßen von außen auf die politisch aufgeladene Zeit um 1989 zu blicken. Die Geschichtswissenschaft sei aufgefordert, mit ihren Instrumentarien und Kompetenzen auf dieses sehr aktuelle Thema einzugehen und bestehende Auffassungen kritisch zu hinterfragen.

ANTONIO VARSORI (Padova) schilderte die Situation Italiens zur Zeit der Wiedervereinigung und sprach weiter zur italienischen Wahrnehmung der Problematiken des Herbstes ’89. Die italienischen Reaktionen auf die Einheit seien geteilt ausgefallen, unterstrich er einleitend: Zum einen habe das Ende der deutschen Teilung zugleich die aus der Situation des Kalten Krieges her resultierenden Brüche innerhalb Italiens grundsätzlich in Frage gestellt und sei daher positiv aufgenommen worden. Das Außenministerium unter Andreotti habe ferner international Verantwortung übernommen und sei sich seiner Bedeutung in den Verhandlungen zwischen Ost und West sehr bewusst gewesen. Zum anderen aber sei Andreotti im Kalten Krieg sozialisiert worden und habe das Auftreten der Deutschen bei der Besetzung Roms im Zweiten Weltkrieg miterlebt, was ihn in Folge den deutschen Belangen gegenüber eher als Pragmatiker, weniger als Enthusiast auftreten ließ. Die Sozialisten unter Gianni de Michelis hingegen seien der Auffassung gewesen, man habe ohnedies keinen Einfluss auf das politische Geschehen rund um die Wiedervereinigung. Sie hätten indes gehofft, die Ereignisse in Deutschland könnten auch eine Chance für Italien bereithalten: Sowohl mit Blick auf den Balkan, Österreich und Ungarn, als auch hinsichtlich einer europäischen Integration in stabilen Grenzen, die Michelis zur Grundvoraussetzung einer deutschen Einheit erklärte.

Einen etwaigen Vergleich der italienischen Situation mit der französischen, den die geteilte generationelle Erfahrung Andreottis und Mitterands nahe legen würde, erachtete FRÉDÉRIC BOZO (Paris) in seinen Ausführungen als schwierig. Frankreich als eine der vier Siegermächte habe Deutschland gegenüber in einem anderen Verhältnis gestanden als Italien. Insbesondere die seit den 1950ern wachsende deutsch-französische Partnerschaft sei maßgeblich für das Verhältnis der Bundesrepublik und Frankreich gewesen und habe die pro-deutsche Haltung der französischen Öffentlichkeit auch in der Frage der Wiedervereinigung mit bedingt. Generell verwies Bozo auf den Herbst ’89 als ein klassisches und doch auch rezentes Thema der Forschung, das durch die Öffnung und Aufarbeitung von Archivbeständen aktuell und in den kommenden Jahren breiter und fundierter analysiert werden könne. Die Akten würden erhellen, dass sich Mitterand im Juli 1989 sehr für die deutsche Einheit im Rahmen einer europäischen Lösung ausgesprochen habe. Im Hinblick auf die Wiedervereinigung seien für ihn die europäische Stabilität, die Währungsunion und vor allem die Permanenz der Oder-Neiße-Grenze entscheidend gewesen. Dem Mythos des französischen Widerstandes gegen die Einheit sei nach all dem der Boden entzogen, Frankreich sei im Gegenteil als Fürsprecher aufgetreten und habe auf eine intensive deutsch-französische Zusammenarbeit als Motor des geeinten Europa nach dem Ende des Kalten Krieges gedrängt.

Über die Problematik, die Rolle der USA im Herbst ’89 differenziert darzustellen, sprach LEOPOLDO NUTI (Roma). Die erste Publikationswelle geschichtswissenschaftlicher Aufarbeitung sei in Form einer Triumphhistoriografie erfolgt. Hiervon müsse man zunächst Schicht für Schicht abtragen um zu einer kritischen Einordnung der Ereignisse zu gelangen. Die Ausgangslage sei durch ihre Ambivalenz gekennzeichnet gewesen: In den 1980er-Jahren habe eine Annäherung zwischen den USA und der Sowjetunion stattgefunden, jedoch hätten die Nuklearfrage und die sowjetische Intervention in Afghanistan deutlich gemacht, dass der Kalte Krieg noch nicht vorüber war. Unter der Regierung Bush seien die USA in einem Moment der Ruhe verharrt, um dann Schritte in Richtung Versöhnung zu unternehmen. Trotz dieses Ruhemoments hätte Washington jedoch die Ereignisse in Ungarn enthusiastisch begrüßt und die Freiheitsbestrebungen unter den Schlagworten Flexibilität und Pragmatismus unterstützt. Diese Haltung der USA war eher zu erwarten gewesen, als etwa jene Frankreichs und Italiens, führte Nuti aus. George H. W. Bush habe durch sein diplomatisches Geschick und seine politische Umsicht dem Einigungsprozess gut getan.

GIDEON REUVENI (Sussex) fügte den vorangegangenen drei Einschätzungen die Perspektive auf Israel hinzu und fokussierte damit auf eine bedeutsame, gleichwohl selten thematisierte Dimension im Einigungsprozess. Er referierte unter der Fragestellung, inwiefern die deutsche Wiedervereinigung einen Wendepunkt in den Beziehungen der Bundesrepublik und Israels markiert habe. Beide Länder seien durch die Shoah aneinander gebunden, konstatierte er einführend: Israel habe sich als Vertreter der Opfer, die BRD als Alleinerbin der deutschen Geschichte und aller aus ihr resultierenden Verantwortlichkeiten gesehen. Trotz der 1952 erfolgten Ratifizierung des deutsche Reparationszahlungen regelnden und auf beiden Seiten höchst kontrovers diskutierten Luxemburger Abkommens habe es weitere 15 Jahre gedauert, bis auch offizielle diplomatische Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufgenommen worden seien. In den 1980ern schließlich habe Israel – durch innere und äußere Konflikte in die Krise geraten – erhebliche Existenzängste gehegt. Während die israelischen Medien der Wiedervereinigung sehr negativ gegenübergestanden hätten, habe sich die Öffentlichkeit indifferent gezeigt. Ein eindeutiges, die israelische politische Landschaft widerspiegelndes Meinungsspektrum bezüglich der Einheit sei nicht auszumachen gewesen. Die Hauptsorge habe der Positionierung der Staaten nach Auflösung der Ordnung des Kalten Krieges hinsichtlich des israelisch-arabischen Konflikts gegolten. Der Architekt des offiziellen israelischen Meinungsbildes sei Benjamin Netanjahu gewesen. Er habe sich sehr für die Wiedervereinigung eingesetzt und auf die Unterstützung eines in Europa verwurzelten, starken Deutschland gehofft. Zudem habe das positive Beispiel der friedlichen Einigung zweier Staaten mit Blick auf den Nahostkonflikt entsprechende Hoffnungen in Israel geweckt. Der Herbst ’89 sei bei allem kein eigentlicher Wendepunkt, sondern eher der Ausgangspunkt für eine intensivere deutsch-israelische Zusammenarbeit gewesen.

Die folgende Diskussion erstreckte sich auf die Aktualität der nuklearen Bedrohung, den Stand der europäischen Integration vor dem Panorama der Krise und den damit verbunden Fragen nach einem potenziellen deutschen „Sonderweg“. Dass sich ein solcher abzeichne, verneinten die Diskutanten einhellig. Indes existiere jedoch ein schon vor die Zeit der Wiedervereinigung zurückgehendes deutsches Problem im europäischen Kontext, das auch aus der hinter der ökonomischen Integration zurückbleibenden politischen Einheit Europas resultiere. Grund für Pessimismus gäbe es allerdings nicht, vielmehr müsste Deutschland seine Führungsrolle auf EU-Ebene viel stärker politisch, nicht nur ökonomisch ausfüllen – eine Aufgabe, die indes auch Frankreich und anderen Staaten im Rahmen des europäischen Gesamtprojektes gestellt sei.

Konferenzübersicht:

Diskutanten

Frédéric Bozo (Université Paris III Sorbonne Nouvelle)

Leopoldo Nuti (Università degli Studi Roma Tre)

Gideon Reuveni (University of Sussex, Brighton)

Antonio Varsori (Università degli Studi di Padova)

Moderation
Martin Baumeister (Direktor DHI Rom)

Zitation
Tagungsbericht: Tavola rotonda: L’unificazione delle due Germanie. Le paure e le speranze del 1990 dalla prospettiva dei partner europei e internazionali, 14.12.2015 Rom, in: H-Soz-Kult, 10.02.2016, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6401>.
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Veröffentlicht am
10.02.2016
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