Mann – Frau – Partnerschaft. Genderdebatten des Christentums

Ort
Weingarten
Veranstalter
Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart; Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart; Andreas Holzem und das Graduiertenkolleg „Religiöses Wissen im Vormodernen Europa“, Universität Tübingen
Datum
17.09.2015 - 19.09.2015
Von
Maria E. Gründig, Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Die Idee von Männlichkeit und Weiblichkeit ist Ergebnis einer kulturellen Auseinandersetzung und somit eine zeit- und raumabhängige soziale Konstruktion. Diese gelte, wie Andreas Holzem (Tübingen), der gemeinsam mit Maria E. Gründig (Geschichtsverein) und Petra Kurz (Akademie) die Tagungsleitung übernommen und der die Tagung initiiert hatte, auch für die Rollen, die den Geschlechtern zugeschrieben würden oder in die sie sich selbst fügten. Das Christentum lieferte vielfältige Vorgaben, wie Männlichkeit, Weiblichkeit und ihre Gemeinsamkeit oder Unterschiedlichkeit zu verstehen sind: biblische Erzählungen, Verhaltensmuster aus seinen Umgebungskulturen, Rituale oder Lebensformen. Diese werden als vollzogene Praxis, aber auch durch Theologie, Predigt oder sozialen Wandel immer wieder herausgefordert und umgeformt. In vierzehn Referaten wurde die Frage zu beantworten gesucht, wann und warum sich Christen Männer und Frauen dachten.

In der Sektion Selbstkonzepte behandelte REGINA HEYDER (Bonn/Mainz) die Selbst- und Geschlechterkonzepte von Peter Abaelard (1079–1142) und Heloïse (1095- um 1164). Die Analyse ihres Briefwechsel zeige, dass das Selbst- und Geschlechtskonzept des geistlichen Paares zeittypisch war: Frauen wurden als passiv, empfangend und unterordnend beschrieben. Männer dominierten Frauen, doch gemeinsam sahen sie sich ihrem Gott untergeordnet. Diese Konzepte wandelten sich jedoch: Heloïse, nun im Amt der Äbtissin, diskutierte mit Abaelard brieflich die Abfassung spezifischer Ordensregeln für die von ihr geleitete geistliche Frauengemeinschaft; Hierin ging es u.a. um die Unabhängigkeit der Gemeinschaft und deren Leitung. Abaelard fördert, ja revolutioniert ein Anliegen seiner Freundin nach Unabhängigkeit und Autorität von Äbtissinnen. Er habe sich, so führte Regina Heyder aus, Heloïse angepasst und damit die geltenden Geschlechterkonzepte auf den Kopf gestellt. Als Vorbild für ihre gewandelten Konzepte wurde die selbstbewusste und gebildete Marcella (um 325–410) herangezogen, sowie Hieronymus (347–420), der Bildung für Frauen aus der Oberschicht gefordert hatte.

Für STEFANIE NEIDHARDT (Tübingen) sind die um 1490 im württembergischen Dominikanerinnenkloster Kirchheim lebenden Chronistinnen (oder die Chronistin) hochgebildete und selbstbewusste Ausnahmefrauen ihrer Zeit. Die Aufzeichnungen der „Kirchheimer Chronik“ zeigten, dass die Frauen in einer Zeit harter Auseinandersetzung mit der Stadt Kirchheim und Graf Eberhard IV. (1447–1504) ihre Haltungen hinterfragten und sich dabei selbst bewusst wurden. Innerhalb dieses Konflikts mit den männlich dominierten geistlichen und politischen Mächten wurde, wie die Landes- und Kirchenhistorikerin ausführte, ein Wandel ihres Selbstkonzepts deutlich: Die Konventualinnen deuteten den Konflikt als eine Prüfung Gottes, die sie als Unschuldige passiv zu erdulden hatten. Allerdings betrachteten sich die geistlichen Frauen letzten Endes als Gewinnerinnen dieser Prüfung und verstanden sich nach Ende des Konfliktes als geistig-intellektuell und geistlich Gestärkte. Selbstbewusst stellten sich die Frauen damit über die politische und männlich dominierte Landesherrschaft.

Fragen nach dem Selbstkonzept von Äbtissinnen in Spätmittelalter und Frühneuzeit ging SABINE KLAPP (Tübingen) nach. Das Fehlen von Egodokumenten ließe nur wenige eindeutige Aussagen über das Selbstkonzept von leitenden hochadeligen Stiftsdamen zu, die vor allem im Rheinland oder in Süddeutschland geistliche und weltliche Herrscherinnen waren. Die Frage nach Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit der Äbtissinnen seien daher für die genannte Zeit nicht exakt zu klären. Aus den vorliegenden Quellen konnte die Landeshistorikerin jedoch ersehen, dass sich Äbtissinnen an klösterlichen Traditionen aus dem 14. und 15. Jahrhundert orientierten. Dagegen sei eine Orientierung an Vorbildern, wie sie etwa Heiligenviten geboten hätten, nicht nachzuweisen. Nicht eindeutig geklärt sei zudem, wie stark der Einfluss der Herkunftsfamilien oder geweihter Kleriker auf die Entscheidung einer Äbtissin war und wie dieser zu gewichten sei. Historische Quellen aus Buchau zeigten, dass das Selbstbild der Frauen nicht primär durch das Geschlecht, sondern durch die Stellung in der Adelshierarchie geprägt worden sei.

BERNHARD SCHNEIDER (Trier) eröffnete die Sektion Gendering mit einem Abendvortrag zu Geschlechterkonstruktionen in katholischen Männer- und Frauenbüchern um 1900. Die Analyse dieser Publikationen zeige, dass die lange Zeit unhinterfragter Thesen von der Feminisierung von Religion für die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis um 1930 ebenso wenig aufrecht zu erhalten seien wie die neuere These von der (Re-)Maskulinisierung in Religion und Kirche. Es existierten zwar klare geschlechtsspezifische Akzentuierungen, etwa bei Franz Xaver Wetzel (1849–1903, St. Gallen), doch werde in den untersuchten Publikationen überwiegend ein Bild gezeichnet, das bürgerliche Frauen und Männer in gemeinsamen Lebenswelten und Betätigungsfeldern zeige. An der bürgerlichen Idealisierung der Familie, des Heims und der Mütterlichkeit hätten die untersuchten Autoren jedoch partizipiert. Allerdings fehle dem katholischen „Kopf der Familie“ das extrem Harte, Aggressive oder Militaristische. Der Referent versteht die vorgestellten Schriften als Versuche, zeitgenössische Geschlechterkonstruktionen aufzugreifen, zu modellieren und für die weltanschaulichen Konflikte fruchtbar zu machen.

MICHAELA BILL-MRZIGLOD (Koblenz) stellte dar, wie in der Frühen Neuzeit der Diskurs über jene geistlichen Frauengemeinschaften geführt wurde, die nicht zu den Orden zählten. Die Historikerin zeigte dies am Beispiel zweier semireligiöser Frauengemeinschaften auf, die von Luisa de Carvajal y Mendoza (1566–1614) und Mary Ward (1585–1645) gegründet wurden. Neben rechtlichen und moraltheologischen Dokumenten und spirituellen Texten, die zeigen, dass die Diskurse durchweg repressiv, distinktiv und performativ verliefen, zog die Referentin nonverbale Ausdrucksformen für ihre Interpretation heran. Aus beiden Quellengattungen konnte sie Statusfragen und Fragen nach der Identität von Frauen wie Männer ablesen. Semireligiöse Gemeinschaften waren vom Kirchenrecht und von der geistlichen (männlichen) Elite nicht als vollkommene Institutionen anerkannt, obgleich deren Mitglieder ähnliche Gelübde lebten wie Ordensleute. Sie betrachteten sich jedoch als vollkommener Stand und sahen sich nur gegenüber Gott verantwortlich. Sie benötigten keinen Beichtvater oder geistlichen Leiter. All dies ließ sie autonomer und flexibler agieren. Ohne das Leben in der Klausur war ihnen zudem das Wirken in der Laienwelt möglich, sodass ihre religiösen Haltungen in das Alltagsleben getragen werden konnten.

MILAN WEHNERT (Rottenburg) sprach über die Entwicklung eines neuen Priesterbildes nach dem Konzil von Trient (1545–1563) und über dessen Wirkungen auf das Bild von Männlichkeit und Heiligkeit. Mit Trient und der katholischen Konfessionalisierung habe sich die Kulturpraxis des Priesterstandes (z.B. durch neue liturgische Rituale, die Priesterweihe oder durch priesterliche Bekleidung) gewandelt, die den Status als Priester erhöhte und diesen vom Laienstand segregierte. An zeitgenössischen Gemälden, die Kleriker aus den aufstrebenden Orden und Reformkongregationen darstellen, zeigte der (Kunst-)Historiker und Theologe auf, wie sich das neue Priesterideal visualisierte, das auch in der Laienwelt getragen wurde. Durch die Gemälde wurde das Bild des Priesters verändert, aber auch neue Bilder von Männlichkeit gezeichnet: Als markante Hervorbringungen dieses Genderdiskurses nannte Milan Wehnert die Typenbilder des Philipp Neri, der bartlosen jesuitischen Engelsjünglinge und des marianisch begnadeten „vir eximius“ des Franz Xaver.

Der Landeshistoriker TJARK WEGNER (Tübingen) referierte in der Sektion „Beziehungen“ über Söflinger Klarissen, die mit ihren Briefpartnern, zumeist mit Ulmer Franziskanern, im späten Mittelalter partnerschaftliche und freundschaftliche Beziehungen aufrechterhielten. Diese Beziehungen wurden bislang oft als schwärmerisch etikettiert, so dass die Ansicht entstand, hier handele es sich um geistliche Liebesbriefe. Tatsächlich erbrachte die Durchsicht aller Briefe – auch der unspektakulär erscheinenden – das Ergebnis, dass in ihnen wirtschaftliche und strategische Inhalte vorherrschend sind. In den Briefwechseln würden zwar tiefe Freundschaften sichtbar, allerdings habe es vor allem um geschäftliche Beziehungen gehandelt, die die Klarissen mit den Franziskanern „auf Augenhöhe“ pflegten und die den Aufbau und den Erhalt von Netzwerken zum Ziel hatten. Tjark Wegner revidiert damit Deutungen aus vergangenen Jahrhunderten, etwa der Observanten, die nach Belegen für die Lasterhaftigkeit von Nonnen suchten oder der evangelisch dominierten Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die den Nonnenstand negativ bewertet sehen wollten.

ULINKA RUBLACK (Cambridge) untersuchte die Beziehung des Astronomen Johannes Kepler (1571–1630) zu seiner Mutter Katharina Kepler (1546–1622). Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde seine Mutter in Leonberg der Hexerei angeklagt, gefangen genommen, letztendlich aber wohl aufgrund eines Gutachtens eines Freundes ihres Sohnes zunächst freigesprochen. Und doch distanzierte sich Kepler von seiner Mutter. Die Kulturhistorikerin fragte in ihrem Vortrag nach dem Grund und fand ihn in der (lutherischen) Naturphilosophie, in der Verbindung mit dem zeitgenössischen Weltbild, der Astrologie, der Kepler’schen Wissenschaftslehre und dem Gedanken der (von Gott bestimmten) Weltharmonie. Danach bestimmen die Sterne das Leben, alles ist somit vorherbestimmt und gehorcht einem mathematischen Prinzip. In diesem Weltbild sei „alles gegendert“, führte Ulinka Rublack aus. Keplers Frauen- und Mutterbild sei entsprechend gefärbt. Die Naturlehre erklärt auch Keplers Selbstbild, das ihn, so Rublack, als „so anders“ als seine Mutter, seine Ehefrau und als alle Frauen erscheinen lasse. Die herrschende Geschlechterordnung sei für Kepler sinnstiftend und fest mit seiner Lebenspraxis als Wissenschaftler verbunden gewesen. Eine Verteidigung (oder ein Verstehen) seiner Mutter sei ihm daher nicht möglich gewesen.

ULRIKE GLEIXNER (Wolfenbüttel) stellte in ihrem Referat zunächst die Theorie der lutherisch-pietistischen Ehe dar, wie sie seit Mitte des 17. Jahrhunderts gedacht wurde: Ehe gilt als „heiliger Stand“. Die aus der Ehe fließenden Rechte und Pflichten der Eheleute seien „symmetrisch“, denn auf spiritueller Ebene sind vor Gott Mann und Frau gleich. „Hierarchisch“ blieben in diesem Entwurf dagegen die Pflichten der Ehegatten: Der Mann habe die (alleinige) Pflicht, seine Frau zu regieren. Allerdings werde der Frau das Recht eingeräumt, sich zu wehren, so dass Ehescheidung möglich ist. An acht Praxisfeldern stellte die Historikerin dar, wie sich der pietistisch-lutherische Eheentwurf in der Realität auswirkte. Neben Kirchen- und Gerichtsakten nutzt Ulrike Gleixner zudem Egodokumente, vor allem Selbstzeugnisse wie Tagebücher, die mehrheitlich von Frauen aus dem württembergischen Amtsbürgertum stammen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es deutliche Spannungen zwischen dem Entwurf der spirituellen Partnerschaft und der daraus resultierenden Gleichheit vor Gott mit dem (bürgerlichen) Recht gegeben habe. Sie sieht zudem Konflikte zwischen den Individualisierungsmöglichkeiten im Eheentwurf und den realen Chancen im Alltagsleben. Zudem konstatiert sie eine spirituelle Überhöhung des Starken in der Ehe.

Der Wandel des Eheideals in den reformierten Städten Augsburg und Basel hatte sich JUDITH PFEIFFER (Köln) zum Thema gemacht. Die Ehe versteht die Literaturwissenschaftlerin als einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt innerhalb der Reformationsgeschichte. Die Ehereform und ihre Erhebung zur idealen Lebensform hätten sich in sämtlichen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens niedergeschlagen. Als besonders eindrucksvolles Beispiel für diesen Wandel benannte die Referentin den Ausbau der Ehegerichtsbarkeit, welche die Ehe zu etwas Öffentlichem gemacht habe und in der nicht nur geistliche und weltliche Herren eingebunden waren. Frauen hatten hier Rederecht und bestimmten folglich den Diskurs mit. Am Beispiel des Susannadramas zeigt die Referentin auf, wie diese historischen Wandlungsprozesse vermittelt wurden. Das in der Reformationszeit äußerst populäre apokryphe Drama um die wegen eines vermeintlichen Ehebruches vor Gericht gestellten und zum Tode verurteilten Susanna habe den Wandel des Eheideals im Sinne der Obrigkeit begleitet, reflektiert und begründet. Die öffentlichen Aufführungen des Stoffes – 1532 vom schwäbischen Sixt Birck ins Deutsche übersetzt – stellte die Gerichtsverhandlung ins Zentrum des Schauspiels. Besonders die zentrale Szene vor dem Ehegericht sollte die Zuschauer abschrecken und das individuelle Verhalten und Denkmuster – Reinheit/Keuschheit, häusliche Gewalt/Unzucht – im Sinne der Obrigkeiten steuern und wandeln.

ANTONIA LEUGERS (München) stellte die Beziehung zwischen einer ledigen promovierten Münchner Germanistin und dem Münchner Kardinal Michael von Faulhaber dar. Ein privater, bislang nicht bekannter Nachlass vermag nach Ansicht der Historikerin einen bislang unbekannten Zugang zur Gefühlsgeschichte des Münchner Erzbischofs Kardinal Michael von Faulhaber aus der Perspektive einer Frau zu erschließen. Aus kurzen Stenogrammen des Kardinals zu „Frl. Dr.“ und den ebenfalls stenographisch verfassten ausführlichen Aufzeichnungen der Germanistin gehe hervor, wie sich aus der geistlichen Begleitung – als „Seelenführerschaft“ bezeichnet – unter den besonderen Bedingungen einer hypersensibilisierten Kommunikationsform von Priester und gläubiger Katholikin eine intensive Beziehung mit sich steigernden Ausdrucksformen der liebevollen Zuneigung entwickelt habe. Faulhaber setzte allerdings klare Grenzen. Die Germanistin war für Faulhaber, der seit 1917/18 physisch und psychisch angeschlagen war, ein Ideal für „Harmonie“ von Seele, Geist und Körper. Er sah sie als Helferin und Gebende, als dienende Liebende. Tatsächlich sah sich die Germanistin selbst als unabhängige, gebildete und selbstständige moderne Frau, die, wie die Theologin und Kirchenhistorikerin Leugers ausführte, keineswegs als „Fräulein“ bezeichnet werden wollte und mental im Kulturkatholizismus beheimatet war.

Die Ehe von Freya und Helmuth James von Moltke wurde von JULIANE MAGER (Freiburg) als Entwurf vor Gott und dem Tod dargestellt. Anhand des Briefwechsel zwischen dem im Herbst/Winter 1944/45 in Berlin-Tegel Gefangengesetzten und seiner Frau stellte die Kirchenhistorikerin exemplarisch den Prozess des Christ-Werdens und des Christ-Seins im Angesicht der NS-Diktatur und in der Perspektive des nahen Todes dar. Dieser sehr intime Schriftwechsel sei aufgrund der Tiefe des jeweiligen Glaubenszeugnisses faszinierend und zeuge von einer besonderen ehelichen Bindung und tiefen Liebe. Das Paar habe damit einen Schutzraum generiert, der dazu beitragen habe, das jeweilige Schicksal vorzubereiten und gemeinsam zu tragen. Der intensive Briefwechsel habe für beide eine Möglichkeit zu wechselseitiger Aushandlung und zu einem Einverständnis ihrer religiösen Verortung geboten. Der Vortrag zeichnete nach, wie beide das eigene und fremde Schicksal vom christlichen Glauben her rational durchdachten, emotional durchlitten und verantwortlich durchstanden. Dabei stellte die Referentin dar, inwiefern sich transzendentes und eheliches Beziehungsgeschehen gegenseitig durchdrangen und wie es den Moltkes gelang, ihre Ehe zu transzendieren und somit über den Tod hinaus zu erhalten.

Um die vorgetragenen Inhalte nicht auf wenige holzstichartige Kernthesen zu reduzieren, suchte ANDREAS HOLZEM (Tübingen) in seiner Zusammenfassung einen anderen Weg der Zusammenfassung. Sein Ziel war es vielmehr, Konsequenzen für künftige Forschungen zu destillieren und Fragestellungen zu erarbeiten. Zum einen hätten die Vorträge aus den Sektionen Selbstkonzepte und Gendering gezeigt, dass sich beide Bereiche bedingten: Während das Gendering ein vielfach gewünschtes und benötigtes Ordnungsinstrument zur Verfügung stelle, das klare Grenzziehungen ermögliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen definiere, erweiterten Selbstkonzepte diese „Frames“ und böten Potenziale für die Dynamisierung der Geschlechtsverhältnisse an. Für die historische Forschung sei es daher wichtig zu untersuchen, welche Rolle das Christentum jeweils eingenommen habe: Wo leistete das Christentum Beiträge zu Gendering und wo zu Erweiterung und Dynamisierung der Frames? In einem Vergleich der Religionen sieht der Kirchenhistoriker einen gangbaren Weg, die Beiträge anschaulich zu machen. Zum anderen stellt sich für ihn die Frage, ob das geschlechtsspezifische Rahmenwerk mächtiger ist als Konzeptualisierungen des Selbst. Daher sei es wichtig zu klären, welche Kräfte zwischen den beiden Bereichen herrschen und wie sie wirkten.

Konferenzübersicht:

Sektion I. Selbstkonzepte

Regina Heyder(Mainz/Bonn), Geschlechterkonzepte eines geistlichen Paars: Abaeland und Heloïse.

Stefanie Neidhardt (Tübingen), und darum wir wehrend on zwyfel Ritterin christi. Die Kirchheimer Chronistin: Eine hochgebildete und selbstbewusste Ausnahmefrau ihrer Zeit?

Sabine Klapp (Tübingen), Stiftsdamen als geistliche und weltliche Herrscherinnen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit.

Sektion II. Gendering

Bernhard Schneider(Trier) Männer der Tat und opferwillige Frauen. Geschlechterkonstruktionen in katholischen Männer- und Frauenbüchern um 1900.

Michaela Bill-Mrziglod (Koblenz), Formen des Diskurses über den Stand der Vollkommenheit semireligioser Frauen in der Frühen Neuzeit.

Milan Wehnert (Rottenburg), Männlichkeit, Heiligkeit und Priestertum nach dem Konzil von Trient. Materialien der Aushandlung 1560–1660.

Sektion III. Beziehungen

Tjark Wegner (Tübingen), Zwischen strategischer Partnerschaft, Freundschaft und geistlicher Ehe. Die Beziehungen der Söflinger Klarissen zu ihren Briefpartnern.

Ulinka Rublack (Cambridge), Der Astronom und die Hexe: Johannes und Katharina Kepler.

Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel), Die lutherisch pietistische Ehe im Entwurf und in der Praxis: Bestimmende Faktoren und Möglichkeiten.

Judith Pfeiffer(Tübingen), Ehen vor Gericht und Ehegerichte auf der Bühne. Die Susannadramen in der Reformation.

Janina Fahrner (Tübingen) und Peter Höfermayer (Melchingen) in einer Szenische Lesung. glauben. lieben. hoffen. Abaelard und Heloïse – Freya und Helmuth James von Moltke.

Antonia Leugers (München), Du hast alles vereint: Seele und Geist und Körper. Kardinal Faulhaber und seine geistliche Freundin.

Juliane Mager (Freiburg), Ehe als Entwurf vor Gott und dem Tod. Helmuth James und Freya von Moltke in den Gefängnisbriefen aus Berlin-Tegel.

Andreas Holzem (Tübingen), Zusammenfassung und Abschlussdiskussion.

Zitation
Tagungsbericht: Mann – Frau – Partnerschaft. Genderdebatten des Christentums, 17.09.2015 – 19.09.2015 Weingarten, in: H-Soz-Kult, 19.02.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6405>.
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Veröffentlicht am
19.02.2016
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