Bilateral, regional oder europäisch? Deutschland und die Niederlande im 20. Jahrhundert. 7. Workshop des Arbeitskreises Deutsch-Niederländische Geschichte

Ort
Nijmegen
Veranstalter
Radboud Universiteit Nijmegen; Duitsland Instituut Amsterdam (DIA); Arbeitskreis Deutsch-Niederländische Geschichte (ADNG)
Datum
15.10.2015 - 16.10.2015
Von
Esther Helena Arens, Institut für Niederlandistik, Universität zu Köln

Beim 7. Workshop des Arbeitskreises Deutsch-Niederländische Geschichte (ADNG) lag der Schwerpunkt auf der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts als Nachfolgerin der Zeitgeschichte – was bedeuten die Zäsuren 1945, 1968, 1990 nach „9/11“ für Kollektiverzählungen diesseits und jenseits der Staatsgrenze, welche neuen Ansätze in Theorie und Methode werden erprobt, welche Folgen hat das für die angewandte Geschichte? Damit verknüpft waren auch Fragen nach neuen Formen des Forschungsdesigns und der Finanzierung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auf der praktischen Ebene sind die jährlichen Workshops ein Beispiel für grenzübergreifende wissenschaftliche Praxis: Konzipiert diesmal von den Kooperationspartnern Wim van der Meurs (Nijmegen) und Liesbeth van de Grift (Utrecht), finanziell unterstützt von der Radboud Universiteit Nijmegen und vom Duitsland Instituut Amsterdam (DIA), und mehrsprachig in der Durchführung.

Zur Einführung skizzierte LISBETH VAN DER GRIFT (Utrecht) das Feld der Politischen Geschichte zwischen den Niederlanden und Deutschland. Sie erläuterte insbesondere die Leitfrage nach der methodischen Erschließung verflochtener Nationalgeschichten, wie der niederländischen und der deutschen. Der anschließende Vortrag von CLAUDIA HIEPEL (Duisburg-Essen) verdeutlichte am Beispiel der Euregio die Herausforderungen bei der Analyse eines bilateralen Gegenstands an der Schnittstelle von Zeitgeschichte und Europäischer Integrationsforschung: In welchem Verhältnis stehen Selbstgeschichtsschreibung und Historisierung? Was bedeutet das für die Darstellung von Konflikten und Misserfolgen?

Im zweiten Panel über Transitional Justice stellte MARIEKE OPREL (Amsterdam) eine Gruppe vor, die weder in der Erinnerungspolitik noch in der Nachkriegs-Geschichtsschreibung einen Platz gefunden hat. In ihrem Promotionsprojekt erforscht sie die transnationale Geschichte der Deutschen in den Niederlanden von 1948 bis 1967. Ihr Vortrag setzte sich dabei mit den Figuren von Grenzgängern, bystanders und strangers as enemies auseinander und fragte, wie die Deutschen in den Niederlanden kategorisiert werden müssten. Der Masterstudent MARKUS WEGEWITZ (Jena) analysierte die Folgen des nationalsozialistischen „Nacht und Nebel-Erlasses“ für die niederländischen Gefangenen im „Dritten Reich“ – was sind die „Kategorien des Gerichtssaals“, was wird als illegal bewertet, wie werden Schuld und Verantwortung in der Geschichtspolitik behandelt, was sind nationale Grenzen des Gedenkens?

Im dritten Panel zur Zwischenkriegszeit skizzierte KRISTIAN MENNEN (Berlin), wie die Verbindungen zwischen faschistischen Jugendverbänden in Europa dem Transfer nationalsozialistischer Ideologie dienten, diese aber unterschiedlich lokalisiert wurde. Er schlug vor, die Idee des Netzwerks auf diese Prozesse anzuwenden. BERNARD RULOF (Maastricht) betonte die Rolle des Theaters als Labor bei der Übertragung von Ideen und Praktiken aus Deutschland in die Niederlande. Nach Experimenten mit dem „massaspel“ im Amateurtheater um 1930 hätten auch Veranstaltungen zum 1. Mai als Vorbild gedient, um Sprecher und Feiernde in die Handlung aufzunehmen und allgemein bekannte Elemente wie Lieder als Manifestation der Zusammengehörigkeit zu nutzen. Ein Prozess, der sowohl als Appropriation oder als Akkulturation verstanden werden könne, je nach Gewichtung struktureller Faktoren oder individueller Handlungsmacht. HANS GELEINSE (Nijmegen) führte aus, wie die niederländische Presse zur Idee von Europa stand, und wie die jeweilige Beurteilung nationaler faschistischer Bewegungen Einfluss auf das Demokratiekonzept in der gesellschaftlichen Säule hatte, in der eine Zeitung produziert und konsumiert wurde. Einer Interpretation des Hitlerputsch 1923 (nl. Bierkellerputsch) zufolge war der Faschismus eine Reaktion auf eine starke Arbeiterbewegung. CASPAR KIRKELS (Nijmegen) untersuchte am Beispiel von Labour in Großbritannien und der Sociaal-Democratische Arbeiderspartij (SDAP) in den Niederlanden, wie der sogenannte „Streit um den Staat” im außerparlamentarischen Raum seinen Höhepunkt erreichte. In beiden Parteien hätten sich Elemente einer politischen Religion (Gefühl) mit Disziplinierungstechniken (Verstand) verbunden. Auffällig sei der Militarismus, beispielsweise in der Metapher vom Heer, als Reaktion auf Gegendemonstrationen und Wettbewerb.

Im vierten Panel zur Parteiendemokratie schilderte ANNE HEYER (Leiden), wie Parteiorganisationen auf dem Weg zur Massenpartei nicht auf Vorbilder zurückgreifen konnten und darum experimentierten. Sie zeigte an drei Fallstudien aus der Idee und Praxis früher Parteien – den Anti-Revolutionairen in den Niederlanden, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Deutschland und der National Liberal Federation in Großbritannien – wie die Motivation und der Machtanspruch früher Parteigründer sich vor allem im Feld von Mitgliederorganisation und – partizipation geltend machten. Im Wahlkampf hätten sich populistische Rhetorik und Gruppenidentität verbunden, mit dem Versprechen von Macht hätten die Parteien ihre Mitglieder mobilisiert und diszipliniert. RENÉ CUPERUS (DIA) verwies ausgehend von dem Konzept der Mediendemokratie und der Transformation der politischen Parteien von Volkspartei zur Staatspartei auf neuartige Gegenüberstellungen: Statt Klasse und Religion spielten wegen der Globalisierung soziales und kulturelles Kapital die Hauptrolle, so dass Volksparteien wie CDU/CDA und SPD/PvdA sich nicht mehr aus einem bestimmten Milieu speisen könnten. Die elitäre Nachkriegsordnung mit ihren Koalitionen habe zu Politikverdrossenheit und Populismus geführt.

Im fünften Panel über den Ersten Weltkrieg zeigte SUSAN SCHERPENISSE (Nijmegen) am Beispiel Belgiens, wie sich von 1830 bis 1940 nationale historische Referenzrahmen in der Presse verschoben haben. Zunächst wendeten die Zeitungen Themen wie das späte Mittelalter, die Revolution, bestimmte Helden je nach ihrer gesellschaftlichen Säule unterschiedlich „patriotisch“ an. Die aktivistischen Zeitungen in Flandern nahmen eine anti-französische Haltung ein und rechtfertigten später die Kollaboration; die radikalen wallonischen Zeitungen waren auf zwei Säulen verteilt und hatten deswegen eine weniger starke Geschichtsschreibung. Während des Ersten Weltkriegs bildete sich zwar ein nationaler belgischer Diskurs heraus, gleichzeitig diente die Kriegspresse aber auch als Sprachrohr für radikale regionale Vorstellungen. MEIKE FLÖSS (Amsterdam) und JACCO PEKELDER (Utrecht) stellten eine Quellenedition vor, die aus einer Kooperation der Universität Utrecht mit dem Huis Doorn hervorgegangen ist. Aus der intensiven Beschäftigung mit den Tagebüchern Sigurd von Ilsemanns, des Adjutanten Wilhelms II , haben sie drei Themenfelder herausgearbeitet: die Achse Berlin – Den Haag, die Neutralität der Niederlande gegenüber der Entente, sowie die Rolle lokaler und regionaler Behörden. Methodisch hat das Projekt Elemente der Histoire croisée aufgegriffen und darauf abgezielt, Geschichte erfahrbar zu machen.

Im sechsten Panel über Soziale Bewegungen verwies YANNICKE GORIS (Nijmegen) auf die politischen Prozesse rund um den „sauren Regen“ ( nl. verzuring). Sie legte den Fokus auf die beteiligten Akteure wie Kommunen, Bauern, den Energiesektor oder internationale Organisationen: Wer hatte ein Stimme im politischen Prozess, wer hatte Einfluss worauf, hatte die Wirtschaft oder die Umwelt Priorität? Die Ergebnisse der 1982 Stockholm Conference on Acidification of the Environment zeigten den begrenzten europäische Einfluss, darum stehe die nationale Politik im Fokus, vor allem bei der Festsetzung von Emissionsnormen für Montanindustrie und Raffinerien. CAMIEL OOMEN (Göttingen) beleuchtete den diskursiven Austausch über den Pazifismus während der Zwischenkriegszeit. In den Niederlanden war De Jongeren Vredes Actie von 1924 überparteilich und nicht religiös angebunden, während in Deutschland die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen zum Schlagwort vom „Pazifistenkrieg“ führten. Wenn auch die Gründung eines Weltjugendbunds für den Frieden an der unterschiedlichen Politisierung scheiterte, bestand der persönliche Austausch fort. Beispielsweise sprach 1931 Hein van Wijk über „Das Lebensrecht der jungen Generation“ auf einer Vortragsreihe der Deutschen Friedensgesellschaft und des Bunds der Kriegsgegner im Ruhrgebiet.

Abschließend fasste WIM VAN MEURS (Nijmegen) die Ergebnisse des Workshops zusammen: Erstens hänge die Perspektive der Forschung von der Generation der Forschenden ab. Die Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg sei immer weniger ein moralisch aufgeladenes Thema, weil die NachwuchswissenschaftlerInnen weniger mit ihrem Untersuchungsgegenstand identifiziert seien und sich auch weniger als Aktivisten begriffen. Zweitens habe das Treffen zur neuen politischen Geschichte in Nijmegen gezeigt, wie fruchtbar Vergleiche sind, die nicht auf der Hand liegen, wie auch die Überwindung traditioneller Hierarchien, und der Einsatz von Begriffen wie Transitional Justice als analytischer Kategorie. Drittens gebe es noch eine weitere Möglichkeit, um die Analyse zu erweitern, in dem man sich der Meta-Ebene der methodischen Reflektion zuwende.

Der Workshop hat vor Augen geführt, wie vielfältig die eingesetzten Methoden sind, vom bilateralen Vergleich nationaler Erscheinungen der Parteiendemokratie und Medienlandschaft bis zu multiperspektivischen Ansätzen. In vielen Projekten stellte sich die Frage der Periodisierung, ob die Brüche und Kontinuitäten der jeweiligen nationalen oder europäischen Meistererzählungen neuen Forschungsfragen angemessen sind, und welche Rolle dabei die Kategorie der Generation spielt. Hinzu kamen Definitionsfragen: Lassen sich Quellenbegriffe wie Jugend oder Umwelt grenzübergreifend anwenden? Das „oder“ des Workshoptitels wandelte sich im Lauf der Veranstaltung in ein „und“, um die zahlreichen Interdependenzen der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts abzubilden und zu analysieren.

Konferenzübersicht:

Panel 1 Nederland-Duitsland

Paul Sars (Radboud Universiteit Nijmegen): Welkomstwoord
Liesbeth van de Grift (Universiteit Utrecht): Inleiding
Claudia Hiepel (Universität Duisburg-Essen): Europäische Integration von unten? Die Gründung der EUREGIO

Panel 2 Transitional Justice

Marieke Oprel (Vrije Universiteit Amsterdam): Deutsche in den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg
Markus Wegewitz (Friedrich Schiller-Universität Jena): Transitional Justice? Die niederländischen „Nacht und Nebel“-Gefangenen und die Verfolgung der Verbrechen des Nationalsozialismus

Panel 3 Het interbellum

Kristian Mennen (Berlin): Das transnationale Netzwerk faschistischer Jugendorganisationen
Bernard Rulof (Universität Maastricht): The plural space of Dutch social-democratic amateur theatre, 1930s
Hans Geleinse (Radboud Universiteit Nijmegen): De ontwikkeling van het fascisme in Europa en de Nederlandse pers. Beoordeling van het nationaal-socialisme in de beginjaren
Caspar Kirkels (Radboud Universiteit Nijmegen): Tussen democratie en fascisme. Eeen onderzoek naar massabewegingen en politieke stijl

Panel 4 Partijendemocratie

René Cuperus (Duitsland Instituut Amsterdam): Die Erosion der Volksparteien und der Aufstieg des Populismus. Ein Vergleich zwischen den Niederlanden und der BRD
Anne Heyer (Universiteit Leiden): The Birth of Political Mass Parties

Panel 5 De Eerste Wereldoorlog

Susan Scherpenisse (Radboud Universiteit Nijmegen): Het nationale verleden in de Belgische (illegale) pers in WO I
Meike Flöss (Vrije Universiteit Amsterdam) en Jacco Pekelder (Universiteit Utrecht): Wilhelm II in Nederland. Ballingsoord Doorn als venster op de bilaterale, regionale en Europese dimensies van de Duits-Nederlandse betrekkingen

Panel 6 Sociale bewegingen

Yannicke Goris (Radboud Universiteit Nijmegen): De milieubeweging in Nederland in internationale vergelijking
Camiel Oomen: Nie wieder Krieg! = Nooit Meer Oorlog! Eine Parole, gleiche Bedeutung? Pazifismus-Verständnis und Unverständnis bei Begegnungen deutscher und niederländischer Pazifisten

Zitation
Tagungsbericht: Bilateral, regional oder europäisch? Deutschland und die Niederlande im 20. Jahrhundert. 7. Workshop des Arbeitskreises Deutsch-Niederländische Geschichte, 15.10.2015 – 16.10.2015 Nijmegen, in: H-Soz-Kult, 03.06.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6546>.