Interpersonal relations in court societies – Theory and methodology in practice

Ort
Paris
Veranstalter
Regine Maritz / Pascal Firges (DHI Paris)
Datum
22.03.2016
Von
Annett Schyschka, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Anja Westphale, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Der von Regine Maritz (Paris) und Pascal Firges (Paris) organisierte Workshop war auf die unterschiedlichen und neuen methodischen Ansätze der Hofforschung ausgerichtet, welche den Hof sowohl politisch als auch sozial betrachten, und schuf einen breiten Rahmen für Diskussionen. Ausführlich thematisiert wurden Methoden der Quellensuche, Lektüre und Reflexion.

Die erste Sektion wurde nach einleitenden Worten von PASCAL FIRGES und RAINER BABEL (Paris) durch JOSEPH FREEDMAN (Montgomery, Alabama) eröffnet, der sich mit der Frage beschäftigte, ob interpersonale Beziehungen unterrichtet werden konnten und welche Unterschiede dabei zwischen dem privaten und akademischen Umfeld bestünden. Die Untersuchungsgrundlage bildete Henry Peachams „The Compleat Gentleman“ (London 1634).[1] Besonderes Interesse legte Freedman auf den Lehrplan der Universitäten und den Vergleich mit den Inhalten des „The Compleat Gentleman“. Dass junge Adelige zuweilen von Tutoren unterrichtet oder von diesen mit auf Bildungsreisen zu Universitäten genommen wurden, unterstrich er ebenso, wie die Tatsache, dass die Professoren neben ihrer Lehrtätigkeit an der Universität auch Privatstunden abhielten – sowohl für einzelne Studenten als auch für Kleingruppen. Die in der Quelle ausgewählten Kapitel erklärten das Verhalten eines Gentleman (in der Universität) und behandelten weiterhin die Thematik der Ehre, welche auch in vielen folgenden Vorträgen und Diskussionen zur Sprache kam. Obwohl auch einige Bezüge des Leitfadens aus dem akademischen Kontext (so etwa aus den Künsten oder Wissenschaften) stammten, läge der Fokus des Werkes aber nicht in diesem Bereich. Damit bilde der „Compleat Gentleman“ den Rahmen für den privaten beziehungsweise halb-privaten Unterricht der jungen Adeligen.

Anschließend präsentierte REGINE MARITZ die Methode des Listening Guide zur Analyse und Interpretation schriftlicher Quellen aus dem höfischen Umfeld.[2] Bei dieser Herangehensweise erfasst der oder die Forschende den vorliegenden Text in Bezug zu seinem Erkenntnisinteresse in mehreren aufeinanderfolgenden Leseetappen („listenings“), bei denen jeweils andere Schwerpunkte gesetzt werden. Im ersten Schritt wird zunächst die Handlung erfasst und der weitere soziale Kontext des Geschehens ermittelt. Anschließend wird auf die „I Poems“, folglich die Verwendung der Ich-Stimme, fokussiert, um deutlich zu sehen, wie der/die Verfasser/in sich selbst in unterschiedlichen Textpassagen schildert. Im Zentrum des dritten Schrittes erfolgt das „Listening for Contrapuntal Voices“. Dementsprechend werden unterschiedliche Stimmen innerhalb der Quelle erfasst (etwa bezogen auf Hintergrundgeschehen oder formulierte Wünsche). Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse aus den vorangegangenen Schritten verknüpft und zur Interpretation vereint. Maritz führte eine solche Untersuchung exemplarisch am Beispiel des Briefwechsels zwischen Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557–1608) und seiner Frau Sibylla von Anhalt (1564–1614) vor, den sie im Rahmen ihres Dissertationsprojektes „Geschlechterkonfigurationen am Hofe der frühen Neuzeit, 1580–1650“ untersucht. Als Ergebnis hielt sie fest, dass besonders die Frage der Geschlechterrollen am Hof nicht zu vernachlässigen sei. Weiterhin dürfe Sibyllas emotionale Arbeit bei der Fortführung des Briefwechsels mit ihrem Mann, dessen zahlreiche außereheliche Beziehungen sie oft beklagte, nicht ausgeblendet werden. So sei Sibylla zum Gegengewicht des abreibenden Herrschaftsstils von Friedrich I. avanciert.

PASCAL FIRGES widmete seinen Beitrag den unterschiedlichen und geschlechtsabhängigen Folgen von außerehelichen Beziehungen französischer Adeliger am Herrscherhof. Das Konzept der Ehre, welches gerade für die Angehörigen dieses Kreises ein Kapital darstellte, wurde in seiner Verankerung innerhalb einer vorrangig durch das Familieninteresse kontrollierten Gesellschaftsstruktur charakterisiert. Ziel der Familienverbände sei es gewesen, das eigene Ansehen und den eigenen Status zu verbessern. Hier setze die Frage an, welchen Effekt außereheliche Beziehungen einzelner Mitglieder für das Ansehen der Familien hatten. Während für Männer außereheliche Liebschaften zur Demonstration ihrer Machtposition oder ihrer Männlichkeit förderlich sein konnten, spielten für Frauen hingegen die Konzepte der Unberührtheit und Keuschheit eine große Rolle. Konnte ein betrogener Ehemann im 16. und frühen 17. Jahrhundert seine Ehre durch Brutalität (etwa durch Ermorden der Frau und des Liebhabers) wiederherstellen, so nahm diese Tendenz innerhalb des 17. Jahrhunderts schließlich ab. Firges benannte drei mögliche Strategien, mit denen der Ehemann seine Ehre schützen konnte: Erstens die öffentliche und formale Aufrechterhaltung der adeligen Ehe, zweitens das Beschweigen der Affäre und drittens das Anzeigen des sexuellen und emotionalen Desinteresses an seiner Ehefrau. Firges betonte, dass die Untersuchung der implizierten Regeln ehelicher und außerehelicher Beziehungen dem besseren Verständnis der Historizität zwischenmenschlicher Beziehungsformen diene, wie auch der Erforschung mikropolitischer Prozesse in frühneuzeitlichen Herrschaftszentren.

Sektion zwei wurde mit einem Vortrag von SÉBASTIEN SCHICK (Paris) eingeleitet, welcher unter der Verwendung des von Lahire entwickelten soziologischen Konzepts des „l’homme pluriel“ einen sozio-politischen Ansatz zur Erforschung des höfischen Gefüges am Beispiel der Minister Hannovers und Preußens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorstellte. Der Mensch als „l’homme pluriel“[3] werde gemäß Lahire als Träger einer Vielzahl von sozialen Rollen verstanden, die situationsbedingt aktiviert und eingesetzt werden. Schick erhoffte sich, dass das Modell passende Interpretationsansätze liefere, um die Interaktionen der Individuen am Hof verstehen und analysieren zu können, welche – wie die Patronageforschung gezeigt hat – viele verschiedene Rollen auszufüllen hatten (zum Beispiel der Diener des Prinzen, der Vater, der Bruder, der Freund, der Patron, der Klient). Weiterhin erlaube das Modell des „l’homme pluriel“ nicht nur, diese verschiedenen Rollen der Akteure zu rekonstruieren, sondern vor allem zu beobachten, welche der sozialen Rollen in welchem Moment und mit welcher Wirkkraft eingesetzt werde. Ziel des soziologischen Blickwinkels sei es, die Perspektive des jeweiligen Individuums einzunehmen und zu ergründen, welches die Motive für die Wahl einer spezifischen Rolle seien.

JOHANNA HELLMANN (Tübingen) stellte zur Untersuchung der interpersonalen Beziehungen Marie Antoinettes in der höfischen Struktur als methodischen Ansatz die Analyse von Gesandtenberichten vor. Im Speziellen wertete sie Gesandtenberichte deutscher Reichsfürsten zwischen 1770 und 1780 aus, um Marie Antoinette innerhalb der französischen Hofstruktur verorten zu können. Unter Berücksichtigung des Konzepts der „Diplomatie du type ancien“[4] hätten diese einerseits den Vorteil, dass sie weniger durch egoistische Intentionen gefärbt seien. Andererseits sei es bei der Analyse der Briefwechsel wichtig zu berücksichtigen, dass die Diplomaten auf die Wünsche der Heimathöfe antworteten und daher ebenfalls zu einem Spiegel der politischen Interessen des Heimathofes würden. Dieser beeinflusste in der Folge auch die Darstellung Marie Antoinettes. Inhaltliche Schwerpunkte stellten dabei die Analyse und der Vergleich der Beziehung Marie Antoinettes zum König Ludwig XVI. sowie ihr Verhältnis zu führenden Ministern dar. Auf diese Weise arbeitete sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Berichten heraus, welche ein umfassenderes Bild zur Verortung der Königin bei Hof erlauben würden.

CATHERINE ANNETTE LUDWIG-OCKENFELS (Gießen) untersucht im Rahmen ihrer Dissertation, wie die Medicäerinnen Claudia de‘ Medici (1604–1648) und Anna Maria Luisa de‘ Medici (1667–1743) auf die herrschaftsstützenden Mechanismen der Kunstförderung sowie der Formung eines Patronagenetzwerks zurückgriffen und im Zuge dessen florentinisches Kunstschaffen an den Höfen, an die sie durch Heirat gelangten, zu Repräsentationszwecken etablierten. Zur Untersuchung der Funktionsweisen der Machtsicherung durch Repräsentation an fremden Höfen wählte sie die methodischen Ansätze des Kulturtransfers und des Kulturaustausches der Medici-Fürstinnen zwischen Florenz und Düsseldorf sowie Innsbruck. Im Rahmen des Workshops stellte sie zur Debatte, ob hierbei der methodologische Begriff des „Kulturtransfers“ genutzt werden kann oder ob dem von Peter Burke etablierten Begriff des „cultural exchange“[5] Vorzug zu gewähren sei. Beide Modelle stellten eine mögliche Annäherung an die Fragestellung dar. Dennoch dürften sie nicht die Entwicklung eines eigenen Ansatzes verhindern, der gewinnbringende Erkenntnisse aus beiden Ansätzen vereinen könne. Weiterhin sei es bei diesem Projekt auch das Ziel, den politischen Nutzen des Kulturtransfers bzw. Kulturaustausches zu rekonstruieren, wobei letztlich auch über die Definition der Begriffe der „Kultur“ und des „kulturellen Raumes“ nachzudenken sei.

Den Abschluss des Workshops bildete der Beitrag von PABLO VÁZQUEZ GESTAL (Paris), welcher unter Berücksichtigung von Emotionen in politischen und sozialen Prozessen das „Lächeln“ Karls III. von Spanien (1716–1788) auf verschiedenen Gemälden analysierte. Während die Konzepte „Politik“, „Emotion“ und „Geschichte“ bisher nur einzeln untersucht worden seien, versuche der Ansatz von William M. Reddy[6] diese zu vereinen. Mittels eines methodischen Dreischritts werden zuerst die Ziele der Politik und der Kunst untersucht, sodann die repräsentativen politischen Strategien und zuletzt das Zusammenspiel zwischen Emotionen und den repräsentativen politischen Strategien analysiert. Unter der Annahme, dass mit dem Einsatz von Emotionen stets auch ein politisches Ziel zu verbinden sei, erhoffte sich Vazquez Gestal mit den Methoden des „emotional turn“ gewinnbringende Erkenntnisse in der Hofwissenschaft aufzeigen zu können und die vielschichtige Natur der interpersonalen Hofbeziehungen zu ergründen.

Die Workshop-Teilnehmer waren sich darüber einig, dass das konzeptionelle „Experiment“ der Veranstaltung als gelungen bezeichnet werden könne, da nicht nur über die verschiedenen Methoden und Theorien gesprochen, sondern vor allem rege diskutiert wurde und ein Austausch stattfand, der von allen als gewinnbringend empfunden wurde.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung: Pascal Firges (Paris)

Panel I:
Moderation: Rainer Babel (Paris)

Joseph S. Freedman (Montgomery, Alabama): To what extent can interpersonal relationships be taught? Reputation and Carriage in Henry Peacham’s „The Compleat Gentleman”.
Regine Maritz (Paris): Making Sense of Courtly Correspondence: Adapting a Method of Psychology for Historical Enquiry.
Pascal Firges (Paris): Male Honour and Female Adultery in French Court Society.

Panel II:
Moderation Pascal Firges (Paris)

Sébastien Schick (Paris): Agir à la cour comme un „homme pluriel“: le modèle sociologique et son intérêt heuristique pour l’anayse des cours des cours à l’époque moderne.
Johanna Hellmann (Tübingen) : Diplomatic correspondence as a approch to court structures? Marie Antoinette as object of courtly diplomacy.

Panel III:
Caroline zum Kolk (Paris)

Catherine Annette Ludwig-Ockenfels (Gießen): Enforcement of Power through Cultural Representation at Foreign Courts. “,Cultural Transfer’ of ,Cultural Exchange’?”
Pablo Vázquez Gestal (Paris): The Rhetoric of the Smile: Politics, Emotions, and Interpersonal Relationships in Eighteenth-Century Court Culture.

Abschlussbemerkungen / Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Henry Peacham, The Compleat Gentleman, Oxford 1634.
[2] Carol Gilligan u.a., On the Listening Guide: A Voice-Centered Relational Method, in: Paul M. Camic / Jean E. Rhodes / Lucy Yardley (Hrsg.), Qualitative Research in Psychology. Expanding Perspectives in Methodology and Design, Washington 2003.
[3] Bernard Lahire, L’homme pluriel. Les ressorts de l’action, Paris 2011 (1998).
[4] Hillard vonThiessen, Diplomatie vom type ancien. Überlegungen zu einme Idealtypus des frühneuzeitlichen Gesandtschaftswesens, in: Ders./ Christian Windler, Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel, Köln 2010, S. 471–504.
[5] Peter Burke, Translating Knowledge, Translating Cultures, in: Michael North (Hrsg.), Kultureller Austausch. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung, Köln 2009, S. 69–80.
[6] William M. Reddy, Emotional Liberty. Politics and History in the Anthropology of Emotions, in: Cultural Anthropology 14,2 (1999), S. 256–288.

Zitation
Tagungsbericht: Interpersonal relations in court societies – Theory and methodology in practice, 22.03.2016 Paris, in: H-Soz-Kult, 08.06.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6555>.
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Veröffentlicht am
08.06.2016