Nachnutzung und Nachnutzbarkeit der Forschung im Akademienprogramm

Ort
Düsseldorf
Veranstalter
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften / Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste
Datum
09.11.2016 - 11.11.2016
Von
Jörg Wettlaufer, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Die abstrakte Frage der Nachnutzung und der Nachnutzbarkeit von Forschungsergebnissen, Forschungsdaten und Hilfsmitteln der Forschung in den Geisteswissenschaften entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Zu oft schon wurde mit der rhetorischen Variante dieser Frage im Sinne einer „Krise der Geisteswissenschaften“ argumentiert, und gerade die geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung im Akademienprogramm mag von außen betrachtet dazu verleiten, die Sinnhaftigkeit und den gesellschaftlichen Nutzen geisteswissenschaftlicher Forschung kritisch zu hinterfragen. Beim jährlichen Workshop der AG eHumanities der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, diesmal ausgerichtet von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf und unter Leitung des neuen Vorsitzenden Andreas Speer, lag der Schwerpunkt der Diskussion jedoch nicht auf solch grundsätzlichen wissenschaftspolitischen Erwägungen, sondern es ging vielmehr um sehr konkrete Szenarien der Nachnutzung und Nachnutzbarkeit von Forschungsdaten und Software im Rahmen der Akademieprojekte und darüber hinaus. Damit lieferte der Workshop gute Argumente eben für die Relevanz der im Akademienprogramm geförderten Forschung. Langfristige Forschung im Bereich von Wörterbüchern, Editionen und anderen Grundlagenwerken in größeren und kleineren geisteswissenschaftliche Disziplinen wird nämlich auf vielfältige Weise innerhalb und natürlich insbesondere auch außerhalb des Akademienprogramms nachgenutzt. Die einzelnen Projekte bieten dazu eine Reihe von Möglichkeiten, über die man sich auf dem Workshop informieren konnte.

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der AG und den Grußworten der Nordrhein-Westfälischen Akademie stellten in der ersten Sektion zwei organisierte Arbeitsgruppen der digitalen Akademieforschung ihre Projekte hinsichtlich Nachnutzungsformen und -möglichkeiten gebündelt vor. Zunächst eröffnete die Mainzer Digitale Akademie um Torsten Schrade mit einem bunten Reigen von fünf Projektbeispielen: Regesta Imperii Online, Deutsche Inschriften Online, Controversia et Confessio, Gluck Gesamtausgabe und Propyläen: Forschungsplattform zu Goethes Biographica.[1] Natürlich ist die Bereitstellung verschiedener Datenformate für die Nachnutzung über den jeweiligen Projektkontext hinaus mit zusätzlichem Aufwand verbunden, der sich für die Digitale Akademie aber nach eigener Aussage in vertretbaren Grenzen hält.

Anschließend berichtete GERALD NEUMANN (Berlin) von der TELOTA-Gruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über die Herausforderungen und Probleme, die sich aus der Sicht dieser Serviceeinheit bei der längerfristigen Nachnutzung von spezieller Software und der digital aufbereiteten Ergebnisse der Berliner Akademieforschung ergeben. Hier sind neben der Nachnutzung von etablierten Softwarelösungen bei neuen Projekten vor allem Herausforderungen bei der Betreuung und Langfristverfügbarkeit von Projekten zu nennen, die in der Regel auch nach Abschluss mindestens nach zehn Jahren einer technischen Überarbeitung bedürfen, damit sie auch weiterhin ihre Funktionalität behalten.

Dieses Thema wurde auch im öffentlichen Abendvortrag von ANDREA RAPP (Darmstadt) aufgegriffen, der sich mit Aspekten eines nachhaltigen Forschungsdatenzyklus beschäftigte. Die Referentin wurde mit einer kenntnisreichen Einführung in das Thema von Rudolf Schieffer vorgestellt, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie und bekannt vor allem auch als Mitherausgeber (bis 2012) der Monumenta Germaniae Historia (MGH), deren digitale Version (dMGH) heute zu den großen Errungenschaften digitaler Mediävistik gehört. Mit Bezug auf die vor kurzem vom Rat für Informationsinfrastrukturen zusammengestellten Empfehlungen mit dem Titel „Leistung aus Vielfalt“ [2] stellte Andrea Rapp die Herausforderungen dar, vor denen die Akademien mit ihren digitalen Publikationsprogrammen heute stehen. Sie warb dafür, die Ergebnisse der Grundlagenforschung der Akademien stärker zu einem Knoten in der nationalen Forschungsinfrastruktur auszubauen und zugleich das digitale akademische Ökosystem in seiner ganzen Vielfalt durch Open Access und Standardisierung zu fördern. In der Diskussion wurden verschiedene Aspekte der institutionalisierten Aufbewahrung digitaler Forschungsdaten aus Akademievorhaben angesprochen. Die mögliche Rolle der Bibliotheken und Archive in diesem Zusammenhang ist evident, aber noch nicht wirklich überall als Herausforderung wahrgenommen. Kontrovers wurde über die Nutzung von Angeboten digitaler Ressourcen als Indikator für ihre Aufbewahrung gesprochen. Das Wegwerfen oder die physische Erhaltung von Daten im digitalen Zeitalter sind zur Zeit weder technisch noch gesellschaftlich ausdiskutiert, doch diese Fragen weisen zugleich auch weit über das Feld der Wissenschaftsakademien hinaus.

Der zweite Tag des Workshops war angefüllt mit Vorträgen zum aktuellen Stand einer Reihe von Projekten, die zum einen Ressourcen nachnutzen und zum anderen selber solche Ressourcen zur Nachnutzung bereitstellen. VOLKER HOCHSCHILD (Tübingen) sprach zunächst über nachhaltiges Geodaten-Management am Beispiel des Projekts ROCEEH zur Rolle der Kultur bei der Expansion der frühen Hominiden in Afrika und darüber hinaus (http://www.roceeh.net/). Die Verwendung relationaler Datenbanken erlaubt dabei die Modellierung komplexer Geodaten zur Visualisierung der Umwelt und der Migrationswege (Projekt ROAD) der frühen Hominiden. BÄRBEL KRÖGER (Göttingen) stellte das Germania Sacra Projekt der GAW unter dem Aspekt der Nachnutzung der umfangreichen Kloster- und Personendatenbank vor, die über Austauschformate wie JSON und RDF, Permalinks sowie Schnittstellen auch die technische Voraussetzung zur Vernetzung mit anderen Projekten mit ähnlicher thematischer und epochaler Ausrichtung besitzt. SASCHA GRABSCH (Berlin) berichtete sodann über die wechselvolle Geschichte der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die nach nunmehr 10 Jahren eine neue digitale Ausgabe der Edition plant. Diese MEGAdigital2 genannte Version soll vornehmlich digital oder zumindest hybrid publiziert werden.

Die weiteren Beiträge des Tages beschäftigten sich mit Handschriftenüberlieferung, Epigraphik, Papyrologie und digitalen Arbeitsumgebungen. Im Mittelpunkt der Beiträge stand die Nachnutzung von Software für die Erstellung und Präsentation der Projektergebnisse, u. a. von Zotero für die Erfassung äthiopischer Handschriften (PIETRO LIUZZO, Hamburg), Ediarum sowie die Bereitstellung von Datenbanken und Metadaten zur Nachnutzung wie Trismegistos für die Duke Papyri Datenbank (NATALJ VEGA und MARCEL SCHAEBEN, beide Düsseldorf).

WOLFGANG MEIER (Heidelberg), bekannt als Entwickler der eXist XML Datenbank, erläuterte schließlich die Tücken der Aufbereitung von XML für den Druck und eine neue Initiative zur Lösung dieses Problems: teipublisher.com ist ein auf ODD [3] basierendes Werkzeug zur Druckvorbereitung von XML-TEI Dokumenten und verspricht eine echte Alternative zur manuellen Aufbereitung über LaTeX [4] zu bieten. SABINE TITTEL (Heidelberg) erläuterte anschließend die Nachnutzung der Infrastruktur und der Software des Dictionaire étymologique des l’ancien français (DÉAF) durch das Gascognische Wörterbuch (DAGél). INGO KOTTSIEPER (Göttingen) schließlich sprach sich in seinem Beitrag für eine konsequente Atomisierung der digital gespeicherten Daten aus, damit diese in möglichst vielen Kontexten nachgenutzt werden können. Wie CHRISTIAN PRAGER (Düsseldorf) zeigte, möchte eine solche Nachnutzung auch das Projekt zur Maya Sprache der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste bieten; man arbeitet daher intensiv mit TextGrid in Göttingen zusammen und setzt dabei auf Standards für Linked Open Data (LOD).

Den Abschluss des Tages bildete ein Panel zum Thema „Wörterbücher: Netze und Nachnutzung“. Moderiert von THOMAS GLONING (Gießen), dem Koordinator des vom BMBF geförderte „eHumanities Zentrum für historische Lexikographie“ (ZHistLex) diskutierten VOLKER HARM (Göttingen) für das 2DWB (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), PETER HINKELMANNS (Trier) und RALF PLATE (Mainz) für das AWB der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, Ralf Plate auch für das MWB (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), HENNING WOLF (Göttingen) für das FWB (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen) ALMUTH BEDENBENDER (Heidelberg) für das DRW (Heidelberger Akademie der Wissenschaften), ALEXANDER GEYKEN (Berlin) für das DWDS (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften), MICHAEL NIEDERMEIER (Berlin) für das Goethe-Wörterbuch (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Heidelberger Akademie der Wissenschaften) und STEFAN ENGELBERG (Mannheim) für die lexikographischen Projekte des IdS über Perspektiven der Vernetzung und Nachnutzung von Wörterbüchern im Kontext des vor kurzem angelaufenen BMBF-Projekts ZHistLex, das in den kommenden drei Jahren die Daten der beteiligten Projekte über offene Schnittstellen (APIs) zur Nachnutzung zur Verfügung stellen möchte.

Der dritte Tag der Tagung bot neben drei weiteren Projektvorträgen noch Platz für ein neues Format, nämlich zwei parallel stattfindende Workshops zu Grundlagen von LOD (TORSTEN SCHRADE, Mainz) [5] und eine Einführung in das PANDORA LOD Framework [6] (CHRISTOPHER JOHNSON und JÖRG WETTLAUFER, beide Göttingen). Der Schwerpunkt auf LOD in beiden Veranstaltungen ist sicher nicht zufällig, denn gerade dieser Semantic Web-Standard verspricht die einfache Möglichkeit der digitalen Nachnutzung von Daten in neuen Kontexten.

Die Vorträge dieser letzten Sektion beschäftigten sich ebenfalls unter dem Aspekt der Nachnutzung mit Szenarien der Nachnutzbarkeit von Textkorpora am Beispiel des DTA (MATTHIAS BOENIG, Berlin), der Nachhaltigkeit und Nachnutzung des Thesaurus Linguae Latinae (JOSINE SCHRICKX, München) und einem Projekt zu einem europäischen Akademienportal AGATE (ULRIKE WUTTKE, Berlin), das der besseren Information und Vernetzung von Akademieprojekten auf europäischer Ebene dienen soll und dazu deren Daten nachnutzen möchte.

In der Zusammenschau bot der Workshop einen beeindrucken Überblick zu den schon vorhandenen Angeboten zur Nachnutzung, thematisierte aber auch damit verbundene Probleme wie z.B. der zeitraubende Bereitstellung von Support für Software, für die in den Projekten oft keine Ressourcen vorgesehen sind. Ergebnisse der Akademienforschung werden schon jetzt breit rezipiert und auf unterschiedlichste Art und Weise nachgenutzt. Allerdings ist in der Praxis zu beobachten, dass die Vorteile der Verwendung und Bereitstellung von LOD noch nicht überall angekommen zu sein scheinen. Die AG eHumanities der Akademienunion sollte sich bemühen, auf die Mitgliederakademien in diese Richtung zu wirken und neben Open Access und Open Science auch Linked Open Data noch stärker zu unterstützten.

Konferenzübersicht:

I. Sektion: Nachnutzungsstrategien in einzelnen Akademien

Mitarbeiter der Digitalen Akademie (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz): Ebenen der Nachnutzung von Forschungsdaten in den Projekten der Mainzer Akademie

Gerald Neumann (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften): Nachnutzung von Daten und Werkzeugen bei TELOTA Berlin

Andrea Rapp (TU Darmstadt): Aspekte eines nachhaltigen Forschungsdaten-Lebenszyklus

II. Sektion: Datenmanagement und Portale
Volker Hochschild (Universität Tübingen): Nachhaltiges Geodaten-Management

Bärbel Kröger (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Das Online-Portal der Germania Sacra. Strategien zur Nachnutzung

Regina Roth, Sascha Grabsch (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften): Integration von existierenden Daten und Workflows bei der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA)

III. Sektion: Handschriftenüberlieferung
Pietro Liuzzo (Akademie der Wissenschaften in Hamburg): Beta maṣāḥǝft: Manuscripts of Ethiopia and Eritrea

Ulrich Schmid (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Der New Testament Virtual Manuscript Room (NTVMR) und das koptisch-sahidische Alte Testament

Klaus Wachtel (Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste): New Testament Virtual Manuscript Room (NTVMR) – eine Publikations- und Forschungsplattform für die Edition von Texten mit reicher handschriftlicher Überlieferung

IV. Sektion: Epigraphik & Papyrologie

Natalia Vega, Marcel Schaeben (Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste): Papyrologie

Francisca Feraudi-Gruénais, Frank Grieshaber (Heidelberger Akademie der Wissenschaften): Digital Epigraphy

Wolfgang Meier (Heidelberger Akademie der Wissenschaften): Standardbasierte Publikationsprozesse am Beispiel der „Buddhistischen Steinschriften in China“

V. Sektion: Arbeitsumgebungen

Sabine Tittel (Heidelberger Akademie der Wissenschaften): Nachnutzbarkeit von Inhalten und digitaler Arbeitsumgebung des Dictionnaire ètymologique de l’ancien français – DEAF

Ingo Kottsieper (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Datenmodellierung als Voraussetzung für Nachnutzung am Beispiel des Qumran-Wörterbuchs

Christian Prager (Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste): Nutzungs- und Nachhaltigkeitsstrategien im Projekt „Textdatenbank und Wörterbuch des Klassischen Maya“

Panel: Wörterbücher Netze und Nachnutzung

Moderation: Thomas Gloning (Gießen) mit ZHistLex (Projektverbund), Althochdeutsches Wörterbuch (Sächsische Akademie der Wissenschaften), Mittelhochdeutsches Wörterbuch (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen; Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz), Frühneuhochdeutsches Wörterbuch (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), Deutsches Wörterbuch (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen), Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften), Goethe-Wörterbuch (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Heidelberger Akademie der Wissenschaften), IdS (Mannheim)

VI. Sektion: Textcorpora, Belegarchive, Kooperationen

Matthias Boenig (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften): Szenarien der Nachnutzbarkeit von Textcorpora am Beispiel des Deutschen Textarchivs (DTA)

Josine Schrickx (Bayerische Akademie der Wissenschaften): Nachhaltigkeit und Nachnutzbarkeit des Thesaurus Linguae Latinae

Ulrike Wuttke (Akademienunion): Ein Projekt zu einem europäischen Akademienportal: AGATE

Workshops

Torsten Schrade (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz): Grundlagen von Linked Open Data (LOD) für die Nachnutzung von Forschungsdaten

Christopher H. Johnson / Jörg Wettlaufer (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Einführung in das PANDORA Linked Open Data Framework

Anmerkungen:
[1] Die zugehörigen Folien sind erreichbar unter: https://digicademy.github.io/2016-agehum-ddorf/#/step-1 (alle Links zuletzt 09.01.2017).
[2] www.rfii.de/download/rfii-empfehlungen-2016/
[3]http://www.tei-c.org/Guidelines/Customization/odds.xml
[4]https://www.latex-project.org/
[5]http://xtriples.spatialhumanities.de/index.html
[6]https://github.com/blumenbach. Siehe auch https://www.youtube.com/watch?v=TEqUkiO6tcA

Zitation
Tagungsbericht: Nachnutzung und Nachnutzbarkeit der Forschung im Akademienprogramm, 09.11.2016 – 11.11.2016 Düsseldorf, in: H-Soz-Kult, 10.01.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6918>.