Communist Homosexuality 1945–1989

Ort
Paris / Créteil
Veranstalter
Université Paris-Est Créteil; École des Hautes Études en Sciences Sociales Paris
Datum
02.02.2017 - 03.02.2017
Von
Klaus Storkmann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften Potsdam

Kommunistische Homosexualität. Kommunistische Homosexualität? Schon das Konferenzthema lässt beim Lesen im Kopf zwangsläufig ein großes Fragezeichen entstehen. Galten doch Homosexuelle in den sozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas als Außenseiter in klassischen Wortsinn: im besten Fall als schrullige Reste der bürgerlichen Dekadenz schief angeschaut, im schlimmsten aber häufigsten Fall staatlichen, polizeilichen und geheimdienstlichen Repressalien ausgesetzt. Kaum eine Bevölkerungsgruppe scheint in größerem Widerspruch zum Ideal der propagierten neuen sozialistischen Gesellschaft gestanden zu haben, wie die Schwulen und Lesben. Der gewählte Konferenztitel war somit auch eine Provokation, die mit dem Widerspruch zwischen dem repressiven Staatssozialismus und der nach kleinen Freiheiten strebenden „queeren“ Szene spielt. Die Veranstalter Jerome Bazin, Mathieu Lericq und Arthur Clech haben Historiker, Soziologen und nicht zuletzt Künstler eingeladen und so ein breites Spektrum an Themen aus fast allen alten und neuen ost- und mittelosteuropäischen Ländern beleuchtet.

JEROME BAZIN (Paris), an der gastgebenden Universtät Paris Est Creteil lehrend und Organisator der Konferenz, machte eingangs auf ein weiteres Wortspiel aufmerksam: Im Chinesischen seien die Worte und Schriftzeichen für „Kommunist“ und „Schwuler“ identisch. Eine mögliche Erklärung liege in der Vergangenheit, als sich sowohl Kommunisten als auch Homosexuelle in den ersten zwei Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts als gesellschaftliche Randgruppen in abgegrenzten versteckten Zirkeln organisierten. ARTHUR CLECH (Paris), an der ebenfalls gastgebenden Ecoles des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) Paris zur Homosexualität in Russland und Georgien forschend, stellte weitere Worte und Schimpfworte für Schwule und Lesben in osteuropäischen Sprachen vor. Im Russischen werden Schwule gemeinhin als goluboi bezeichnet, was übersetzt „himmelblau“ oder „Himmelblauer“ bedeute. MATHIEU LERICQ (Aix-en-Provence / Marseille) wies in seiner Einführung auf Schwierigkeiten in der Forschung zur Geschichte der Homosexualität in Osteuropa hin: die Quellenlage. Forscher können auf Quellen sehr verschiedener Provenienzen zurückgreifen, Polizeiberichte, soziologische Studien, Kriminalstatistiken, Filmsequenzen, Gedichte, Romane usw. Was sagen uns diese Quellen? Wie kann die notwendige kritische Distanz zu den Quellen gefunden werden und wie können sie richtig erklärt werden?

Einleitend hinterfragte ŁUKASZ SZULC (Antwerpen) die üblichen Bilder des homophoben Osteuropas, das dem „schwulenfreundlichen“ Westen gegenüberstand und gegenübersteht. Der Ostblock sei aber auch in dieser Frage kein homogener Block gewesen. Es gelte zu differenzieren und die alten Mythen zu widerlegen. Ein Beitrag dazu sei die Dehistorisierung des schwulen und lesbischen Lebens in Osteuropa, die Konferenz ein Schritt in diese Richtung.

Zeitlich und geographisch umfasste die Konferenz neben der Blockführungsmacht Sowjetunion auch die sogenannten „Volksrepubliken“ Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die DDR zwischen deren Entstehung in den späten 1940er-Jahren und ihrem Ende um 1989/90. Jugoslawien, bekanntlich nicht im sowjetisch geführten Ostblock, wurde ebenfalls betrachtet. Hinsichtlich der Sowjetunion beschränkten sich die Vorträge bewusst auf deren europäischen und transkaukasischen Gebiete. (Die zentralasiatischen Republiken waren kulturell sehr anders geprägt.) Thematisch blickte das Symposium auf juristische, politische, soziale und nicht zuletzt künstlerische Aspekte des homosexuellen Lebens jener rund 40 Jahre.

Die Tschechoslowakei und Ungarn auf der einen Seite und Rumänien auf der anderen Seite bildeten, wie in vielen anderen politischen und gesellschaftlichen Fragen auch, die entgegengesetzten Pole in der strafrechtlichen und damit polizeilichen Verfolgung von Schwulen (und, wenn auch weniger, Lesben): die Regierungen in Budapest und Prag legalisierten bereits 1961 gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte zwischen erwachsenen Männern, in Rumänien überdauerte die Verfolgung der schwulen Männer sogar das Ceaucescu-Regime für weitere fünf Jahre und endete erst 1996. Dagegen stellten Ost-Berlin und Sofia gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte zwischen erwachsenen Männern 1968 straffrei, 1977 folgten die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Montenegro. Und Polen? Das streng katholische Land war in der Frage erstaunlich liberal und ging schon 1932 voran. In der Sowjetunion beendeten Lenins Bolschewiki bereits 1922 die Kriminalisierung der Homosexualität. Dies entsprach dem gewollten größtmöglichen kulturellen Bruch mit der „miefigen“, von der russisch-orthodoxen Kirche geprägten Vergangenheit, sahen sich die Bolschewiki doch als Avantgarde des Fortschritts. Unter Stalin war auch mit dieser Liberalität bald Schluss: Ab 1934 fanden sich sowjetische Schwule und Lesben wieder vom Strafrecht bedroht und von der Polizei verfolgt. Mögliche Erklärungen mögen in Stalins eigener, von der orthodoxen Kirche geprägter bäuerlicher Jugend liegen und in der Industrialisierung, die den Zuzug von Bauernmassen in die Städte verlangte. Die bäuerlichen Vorstellungen von Gesellschaft und Familie hielt so Einzug in die Zentren des Landes und verdrängten die Vorstellungen der kulturell-liberalen Avantgarde. Letzte fand sich ab 1934 bald ohnehin nicht nur außerhalb der Macht, sondern in den meisten Fällen auch im sibirischen Gulag oder vor Exekutionskommandos wieder.

Die neuerliche Verfolgung Homosexueller wurde von neuen Tönen der sowjetischen „Kulturschaffenden“ angekündigt und gerechtfertigt. Allen voran schritt der größte damals lebende Schriftsteller des Landes, Maxim Gorki. In seiner Anklage an das „unordentliche Sexualleben“ griff er 1934 das homosexuelle Leben als nicht konform mit der sozialistischen Ordnung scharf an. Auf Gorkis Ukas folgten Polizei und Geheimdienst. GALINA ZELENINA (Moskau) interessanter Blick auf Gorkis Homophobie wurde durch die Thematisierung von Gegenpolen wie André Gide ergänzt. Gide, der Sex unter Männern als „die höchste Stufe der Sexualität überhaupt“ bezeichnete, hielt nach dessen Tod auf dem Lenin-Mausoleum eine Trauerrede für Gorki. Zeleninas roter Faden war der spannende Vergleich zwischen Homosexuellen und Juden als zwei Minderheiten in der sowjetischen Gesellschaft.

THIBAULT BOULVAIN (Paris) nahm sich des Themas HIV und AIDS an. Er betrachtet diese für die schwule Szene traurige und traumatische Krankheit nicht medizinisch sondern aus künstlerischer Perspektive und verglich diesbezügliche Kunstprojekte in den USA und im kommunistischen Polen der späten 1980er-Jahre.

Zwei Kunstprojekte standen auch Pate für DAN HEALEYS (Oxford) Vortrag über die Erinnerungskultur an schwules Leben im heutigen Russland: Die Denkmäler für Vadim Kozin in Magadan in Ostsibirien und für Alan Turing im britischen Manchester. Zwei Denkmäler, zwei Biographien der Verfolgung Homosexueller, zwei Geschichten der Erinnerung: Der Sänger Kozin, berühmtester, wenn auch unfreiwilliger Sohn Magadans wurde dorthin 1945 verbannt, verurteilt wegen „anti-sowjetischer Hetze“ und „Sodomie“ genannter Homosexualität. Für die politisch motivierte Verurteilung wurde er nach Stalins Tod rehabilitiert, für den zweiten Anklagepunkt Zeit seines Lebens und auch posthum nie, im Gegensatz zu Turing. Magadan und Manchester sind die Pole, an denen der Professor für moderne russische Geschichte an der Universität Oxford seine Sicht auf die Homophobie im heutigen Russland ausrichtete, die Healeys als „Homophobie-Projekt“ des Kremls bezeichnet. Healey warf Fragen an die Machbarkeit der Erforschung schwuler und lesbischer Geschichte in der Sowjetunion unter den Bedingungen des neuen russischen Rechts, welches „homosexuelle Propaganda“ unter Strafe stellt, auf. Das größte Reservoir an Unterlagen liegt in den Archiven und Kellern des KGB-Nachfolgers FSB. Die im heutigen Russland lebenden Schwulen und Lesben haben aber bekanntlich keine Fürsprecher in den Geheimdiensten oder anderen Archivverwaltungen, die Unterlagen der Repression bleiben unter Verschluss.

Mit Healeys Keynote wurde thematisch zum zweiten Panel übergeleitet, das sich mit der Kontrolle homosexuellen Lebens befasste. FRANKO DOTA (Zagreb) blickte auf Jugoslawien. Dort scheiterte ein erster, mutiger Versuch der Rechtsabteilung des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten schon 1950 im neuen Strafrecht des nunmehr sozialistischen Jugoslawiens homo- und heterosexuelle Aktivitäten strafrechtlich gleichzustellen an Einsprüchen der Polizeibehörden der Teilrepubliken. Männliche Homosexualität blieb kriminalisiert, wenn auch unter deutlich geringerer Strafandrohung als unter dem alten königlichen Recht. Im Jahr 1950 registrierte die Polizei amtlich 602 Fälle „homosexuell auffälligen Verhaltens“, der Bericht an das Belgrader Justizministerium enthielt den aus heutiger Sicht unfreiwillig komisch klingenden Hinweis, „die tatsächliche Zahl der Schwulen in Jugoslawien sei vermutlich deutlich höher“. 1977 stellten dann, wie bereits erwähnt, einige Teilrepubliken Homosexualität außer Strafe. Serbien folgte dem erst 1994.

ULADZIMIR VALODZIN (Minsk) blickte auf strafrechtliche und polizeiliche Repressalien in der Sowjetunion und wählte hierfür den Fall eines in den 1960er-Jahren aufgeflogenen lesbischen Freundeskreises im georgischen Tiblissi.

Die zweite Keynote hielt JUDIT TAKACS (Budapest) von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest. Das alte ungarische Strafrecht orientierte sich am deutschen und stellte dementsprechend seit 1875 Sex unter Männern unter Strafe. Dies änderte sich auch nach Machtübernahme der Kommunisten nach 1945 nicht. KP-Chef Mátyás Rákosi, selbsternannter „bester Schüler Stalins“, folgte seinem großen Vorbild auch in dessen Homophobie. Schwule galten als Feinde des Sozialismus und wurden verfolgt. Dies änderte sich aber bereits unter Janos Kadar. Kadar entkriminalisierte die Homosexualität schon 1961, ließ aber die sich entwickelnde schwule Szene durch Spitzel der Geheimpolizei unterwandern. Unter den wachsamen Augen der Polizei und geheimen Dienste blühte in Budapest eine bunte schwule und lesbische Szene auf, die auch offen gelebten Sex in Badehäusern und öffentlichen Toiletten hervorbrachte. Ein auf einer solchen Toilette von der Polizei ertappter höherer Funktionär erwiderte die Vorwürfe der Polizisten mit der Frage, wo er denn sonst andere Männer treffen könne. Politisch waren die ungarischen Homosexuellen in ihrer großen Mehrheit aber nicht, sie standen nicht in Opposition sondern versuchten, ihr privates Leben zu leben und ihr kleines Glück zu finden. Budapest wurde auch zum beliebten Reiseziel schwuler und lesbischer Touristen aus anderen Ostblockländern. Bekanntlich galt Kadars Ungarn als die „lustigste Baracke im sozialistischen Lager“. Die ersten Schatten auf das freie und ungezügelte Sexualleben in Budapest warf ein internes Papier des Gesundheitsministeriums 1988. Darin warten die Beamten, die schwule Szene der Hauptstadt könne sich zu einem Brennpunkt für Krankheiten wie AIDS, Herpes, Hepatitis und Syphilis entwickeln.

Den Organisatoren war es wichtig, Homosexualität in Mittel- und Osteuropa nicht nur abstrakt theoretisch nachzuzeichnen, sondern auch zu leben und zu erleben. Schwules und lesbisches Leben war und ist vor allem auch eine lebendige kulturelle Szene, die immer wieder aufs Neue viele ungewöhnliche Talente hervorbringt. Einige dieser Talente wurden nach Paris eingeladen und konnten ihre Projekte präsentieren: Gezeigt wurden die ungarischen Filme „Egymásra nézve“ („Ein anderer Weg“) von KAROLY MAKK aus dem Jahr 1982 und „Eltitkolt évek“ („Geheime Jahre“) von MARIA TAKACS aus dem Jahr 2009. Als offizielle Eröffnung der Konferenz wurde eine Performance der polnischen Drag queen VALA TANZ (TOMASZ FOLTYN) ausgewählt. Abgeschlossen wurde die Konferenz durch den polnischen Künstler KAROL RADZISZEWSKI. Das künstlerische Begleitprogramm machte die Pariser Konferenz auch zu einem Erlebnis für Augen und Ohren und zeigte damit die Breite und Buntheit schwulen und lesbischen Lebens in Osteuropa – damals wie heute.

Konferenzübersicht:

Arthur Clech (EHESS Paris) / Mathieu Lericq (Aix-en-Provence / Marseille): Introductory remarks

Panel I: Ex-Centering Sexualities: Changing Fields of Research
Panel chair: Florence Tamagne (Université Lille 3)
Discussant: Arthur Clech (EHESS Paris)

Łukasz Szulc (University of Antwerp): Homosexuality in Eastern Bloc Countries in the 1980s in a Comparative Perspective

Anita Kurimay (Bryn Mawr College): Practicing and Imagining Homosexuality in Late Socialist Hungary

Vojin Saša Vukadinović (University of Zürich): A different kind of communist love. A case study on same-sex desire in the Red Army Faction and the G.D.R.

Galina Zelenina (Russian State University for the Humanities, Moscou): Late Soviet Jews and homosexuals: “older” minority and “younger” minority in internal discourse


Thibault Boulvain (Université Paris 1 – Panthéon Sorbonne): The AIDS epidemic didn’t stop at the borders of the Iron Curtain

Keynote (1):
Dan Healey (University of Oxford): How to Write the History of Communist Homosexuality: Historical Time, Geopolitics, and Queer Memory in the Former Soviet Union

Panel II — Homosexualities under control : legal and medical shapes
Panel chair: Éric Fassin (Université Paris 8)
Discussant: Roman Krakovsky (Labex TEPSIS, EHESS)

Franko Dota (University of Zagreb): A «Queer» Communist Idea: The Failed Post-Revolutionary Attempt to Decriminalize Homosexuality in Socialist Yugoslavia

Jan Seidl (Society for Queer Memory, Prague): Did the decriminalization of homosexuality in Czechoslovakia in 1961 actually take place?

Uladzimir Valodzin (Maksim Bahdanovič Literary Museum, Minsk): Criminal persecution of male homosexuals in late Soviet Union (1950s-1991): discourses and figures

Agnès Chetaille (EHESS): Between repression and incitement: state control and emergence of homosexual groups in Poland in the 1980s


Irina Costache (Central European University): Je est un autre: Homosexuality, Confession and the Politics of Abnormality in Ceausescu’s Romania

Keynote (2):
Judit Takács (Hungarian Academy of Sciences): Disciplining Gender and Homosexuality in State Socialist Hungary

Panel III: Between non-normative and normative everyday lives
Panel chair: Hadley Zaun Renkin (Central European University, Budapest)
Discussant: Jérôme Bazin (Université Paris-Est Créteil)

Francesca Stella (University of Glasgow): Rethinking communist homosexualities through everyday experiences: insights from a study on ‘lesbian’ lives in Soviet Russia

Maria Bühner (University of Leipzig):
Insights in the changing (self-)understandings of lesbians in East Germany during the 1980s


Alisa Zhabenko (University of Helsinki): Motherhood culture of the “last Soviet generation” women with same-sex sexual desire

Wojciech Śmieja (University of Upper Silesia, Katowice): The captive (homosexual) minds. On being a writer and a homosexual in communist Poland

Panel IV: Exposed intimacies: in search of a public and poetical presence
Panel chair: Dina Iordanova (University of St Andrews)
Discussant: Mathieu Lericq (Aix-Marseille Université)

Sanja Lazarević Radak (University of Belgrade): Non-Aligned Yugoslavia and ‘In-between’ Subjects’. Filming Homosexuality In The Yugoslav Black Wave (1967-1971)

Kevin Moss (Middlebury College): Traitors, Secrets, Spies, and Dissidents. Gay and Lesbian Characters in Two Classic Hungarian Films of the 80s

Tim Veith (University of Siegen): Pictures of homosexual life during communism in Poland in non-heterosexual magazines across Europe

Mateusz Chmurski (Université Paris-Sorbonne): Encircling the void? Body (and discourse) distortions in the Central-European gay prose

Articulated discussion between the artist Jaanus Samma and the reseacher Uku Lember (Université de Tallinn, Université d’Uppsala)

Closing remarks by Jérôme Bazin and general discussion

Zitation
Tagungsbericht: Communist Homosexuality 1945–1989, 02.02.2017 – 03.02.2017 Paris / Créteil, in: H-Soz-Kult, 22.02.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7015>.