Umbruchsphase 1917–? Erodierende Machtstrukturen und Verschiebung von Loyalitäten

Ort
Graz
Veranstalter
Forum: Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg
Datum
20.10.2016 - 21.10.2016
Von
Markus Stephan Cvetko / Philipp Schurian, Institut für Geschichte, Universität Graz

Das Jahr 1917 gilt als das Jahr, in dem die althergebrachten Machtstrukturen in mehreren Kriegsgesellschaften zunehmend infrage gestellt wurden. Diese Verschiebungen betrachteten die Organisatoren der 3. biennalen Konferenz des „Forum: Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“ als Loyalitätskonflikte, in denen die Akzeptanz des institutionell verankerten Gemeingefüges auseinanderbrach. Vor allem der Fragestellung nach der diffusen Zeitspanne bis zur Etablierung der Nachkriegsordnung stand dabei im Zentrum der Konferenz, die am 20. und 21. Oktober 2016 im GrazMuseum und an der Karl-Franzens-Universität Graz stattfand. Die Tagung ließ sich vom Thema „Umbruchsphase 1917–? Erodierende Machtstrukturen und Verschiebung von Loyalitäten“ leiten und richtete das Augenmerk auf Bruchlinien sowie Loyalitätskonflikte während der Endphase des Ersten Weltkrieges.

Nach der Eröffnung und den Grußworten, welche Nikolaus Reisinger für das Institut für Geschichte sowie Otto Hochreiter für das GrazMuseum als Kooperationspartner der Veranstaltung an das Auditorium richteten, begann das erste von insgesamt sechs Panels mit dem Titel „Propaganda als Instrument zentraler Loyalitätssteuerung“.

Der erste Vortragende JOACHIM BÜRGSCHWENTNER (Innsbruck) beschäftigte sich mit dem k.u.k. Kriegspressequartier und dessen Aktivitäten im Jahre 1917. Seine Ausführungen skizzierten einen Wandel am Beispiel der Bildpropaganda, welche in den ersten Kriegsjahren zunächst von organisatorischer Zersplitterung geprägt war, jedoch 1917 eine regelrechte „Revolution“ erfuhr. Wie die weiteren Ausführungen zeigten, ging dies mit einer Professionalisierung sowie Vergrößerung des Kriegspressequartiers von 1917 bis 1918 einher. Dies interpretierte Bürgschwentner als keine rein graduelle, interne Angelegenheit, sondern führte es auf die Ausweitung der Kompetenzen nach Eisner-Bubnas Kommandoübernahme zurück.

FRANZ MITTERMÜLLER (Graz) ging in seinem Vortrag auf die Veränderungen in der Wahrnehmung von Kindheit vor dem und während dem Ersten Weltkrieg ein. Auf Basis von Schulchroniken versuchte er den Schulalltag und den Lehrinhalten nachzugehen sowie darüber hinaus Rückschlüsse auf das Kindsein per se zu generieren. So gelang es Mittermüller, das Spannungsfeld zwischen inszenierter, propagandistischer Parallelwelt und realer Desillusion auf die gesellschaftlichen, sozialen und bildungspolitischen Realitäten von Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen, welche immerhin 35 Prozent der Gesamtbevölkerung im k.u.k. Reich ausmachten.

Im zweiten Panel „Loyalitäten im sozialen Kontext“ standen ebenfalls regional ausgerichtete Themen im Vordergrund. Zunächst widmete sich NICOLE GOLL (Graz) der Kriegsfürsorge in der Steiermark unter besonderer Berücksichtigung der Kriegsnagelungen. Sie stellte die bekanntesten lokalen Beispiele für Kriegsnagelungen vor und bettete sie des Weiteren in den Kontext der Kriegsfürsorge ein. Eine Analyse inklusive ausgiebigem Bildmaterial untermauerte ihre These, dass die gemeinnützigen Vereine und deren Engagement von der staatstragenden Elite geführt wurden, die Nagelungen somit einem Top-down-Prinzip folgten.

Im zweiten Vortrag des Panels ging WOLFRAM DORNIK (Graz) dem Grazer Gemeinderat im Zeitraum von 1917 bis 1918 nach. Während der ersten Phase des Weltkrieges ausgesetzt, konstituierte sich dieser erst wieder analog zum Reichsrat im Jahr 1917, konnte aber die drängenden Probleme der Stadt nicht lösen, so der Vortragende. Auffallend sei außerdem eine stark deutschnationale Komponente gewesen, die sich aus dem tradierten Selbstverständnis der „deutschesten Stadt der Monarchie“ ergäben hätten. Die Auswertung der Grazer Gemeindeprotokolle ergab demgemäß keine inhaltliche Zäsur für die Grazer Lokalpolitik, sondern eine Fortführung der Vorkriegszeit.

Den Schlusspunkt des ersten Konferenztages setzte BERTHOLD MOLDEN (Wien) mit einem Keynotevortrag unter dem Titel „Das marginale 1917. Zur globalen Polyzentrik eines Epochenjahrs“. Als dezentralen Achsenpunkt seiner histoire croisée wählte Molden Mexiko, mit dem es ihm gelang, die Bedeutung des Jahres 1917 für diverse globalgeschichtliche Entwicklungen hervorzuheben. So rückte er mit dem mittelamerikanischen, pazifischen und ostasiatischen Raum neben den aufstrebenden Mächten USA und die Sowjetunion auch weitere globale Faktoren in den Fokus, die von der eurozentrischen Geschichtsschreibung oft stiefmütterlich behandelt werden. Ein ideengeschichtlicher Aspekt, nämlich die Bedeutung des Jahres 1917 für emanzipatorische Tendenzen auf der Südhalbkugel, rundeten den Vortrag ab.

Der zweite Tagungstag begann mit dem Panel „Jüdische Identitäten während des Ersten Weltkrieges“. JAN RYBAK (Florenz) untersuchte die jüdisch-nationale, insbesondere die zionistische Antwort auf den radikalen Veränderungsprozess, der mit dem Weltkrieg einherging. Dabei stand die Frage konzeptioneller und praktischer Anpassung der Jüdinnen und Juden an den Nationalisierungsprozess im Mittelpunkt. Der Kollaps der multinationalen Reiche Zentral- und Osteuropas am Ende des Ersten Weltkrieges, so Rybak, warf für zahlreiche in der Region lebenden Juden und Jüdinnen einen fundamentalen Identitäts- und Loyalitätskonflikt auf. Dabei wurde insbesondere die vormals in Österreich-Ungarn etablierte Form jüdischen Lebens als Teil eines multireligiösen, multiethnischen und multikulturellen Reiches, grundsätzlich in Frage gestellt.

Einen gänzlich anderen Raum, nämlich Posen, betrachtete BEATA MACHE (Duisburg-Essen). Die rechtliche Gleichstellung der Juden sowie die Teilhabe an der deutschen Bildung und Kultur führten im 19. Jahrhundert zu ihrer wachsenden Identifizierung mit dem Deutschtum. Im Zeitalter des Ersten Weltkrieges und danach verstanden sie sich in ihrer überwiegenden Mehrheit als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Im Folgenden strich Mache heraus, wie die politische Auseinandersetzung des jüdischen Volksrates mit der neuen polnischen Regierung verlief, wobei sie sich auf die Ergebnisse des Projekts „Posener Heimat in Publizistik und Literatur der deutschen Juden 1919–1938“ berief.

GORDANA ILIĆ MARKOVI (Wien) begann das Panel „Supranationale Identitäten als Ausweg im Loyalitätenkonflikt?“ mit ihrem Vortrag über südslawische Identitäten. Neben der Presse, die laut Ilić Marković einen bedeutenden Austragungsort des politischen Konfliktes und Propagandaplattform darstellten, zog sie für ihren Vortrag Tagebücher, Briefe und Memoiren von Kroaten, Serben und Bosniaken als Quellen heran. Indem sie sich auf das letzte Kriegsjahr konzentrierte, konnte sie Einblicke in die Stimmungslage sowohl der Soldaten und Offiziere als auch der zivilen Bevölkerung geben. Eine sprachliche Analyse der Textquellen rundete ihre Thesen ab und zeigte das komplexe Identitätsgefüge der Südslawen eindringlich auf.

IONELA ZAHARIAs (Cluj-Napoca) Beitrag über rumänische Militärgeistliche in der Habsburgermonarchie widmete sich deren nationaler und supranationaler Identität. Der beleuchtete Zeitraum 1916 bis 1919 bot ein breites Spektrum an Aktivitäten rumänischer Militärseelsorger, die nicht nur aufgrund der Bedeutung der Religion im Leben der einzelnen Soldaten an den diversen Frontschauplätzen gewichtig waren, sondern ebenso für deren nationales Verständnis. Zaharia setzte ihren Schwerpunkt auf die Instrumentalisierung von Priestern nach 1917 und deren Intentionen, neben den Soldaten auch die Bevölkerung zu mobilisieren, indem sie eine klar antibolschewistische Haltung eingenommen hätten.

JOHN ZIMMERMANN (Potsdam) lenkte im ersten Teil des Panels „Verschiebung der inneren Loyalitäten“ den historischen Fokus auf die innenpolitische Problemlage. Ganz im Zentrum seiner Betrachtung standen das Attentat von Friedrich Adler auf den k.k. Ministerpräsident Karl Stürgkh, wobei es ihm gelang, die Motive und Hintergründe des Sozialdemokraten zu skizzieren und im Kontext des Tagungsthemas zu analysieren. So hätten nicht nur große Teile der Öffentlichkeit, sondern vor allem die politisch Verantwortlichen die eigentliche Brisanz der Tat, insbesondere ihre politische Sprengkraft angesichts der sich verändernden innenpolitischen und gesellschaftlichen Stimmungslage in ihrer Tragweite nicht rechtzeitig erkannt. Diese entlud sich laut Zimmermann schließlich im Prozess im Jahr 1917.

MARTIN PLATT (Bonn) behandelte die nicht-revolutionären Elemente der deutschen Revolution von 1918/1919. Er ging insbesondere der Frage nach Loyalitätswechseln nach, die er im deutschen Fall dahingehend ortete, dass die Ordnungs- und Verwaltungseliten ein Kontinuum zwischen Kaiserreich und Republik bildeten. So hätte es laut Platt eine anhaltende Zusammenarbeit mit den neuen „Volksregierungen“ gegeben, was auch den vergleichsweise gewaltarmen Regimewechsel begünstigte. Platt erörterte des Weiteren Erklärungsansätze, warum Militärs die Entwicklungen tolerierten und vice versa etwa sozialdemokratische Politiker vormalig als Symbolfiguren des wilhelminischen Deutschen Reiches geltende Zirkel in den Dienst der Republik nahmen.

Im letzten Panel der Tagung unter dem Titel „Bündnissysteme als Belastungstests der Loyalität“ erörterte BERNHARD BACHINGER (Graz) die Verfasstheit der Mittelmächte am Beispiel der südöstlichen Kriegsschauplätze. Der Krieg am Balkan zog seit Beginn des Koalitionskrieges im Herbst 1915 erhebliche Spannungen nach sich, diese konnten jedoch laut Bachinger aufgrund der Kriegserfolge weitgehend kaschiert werden. Im Jahr 1917 hätte sich auf Ebene politischer Differenzen sowie durch militärische Asymmetrie eine folgenschwere Entzweiung, insbesondere zwischen Bulgaren und Deutschen, vollzogen. Diese Streitigkeiten konnten nicht mehr beigelegt werden und waren letztendlich entscheidend beim Zusammenbruch der Saloniki-Front.

RICHARD LEINS (Graz) Analyse über die Zweibundpartner Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg schloss die zweitägige Konferenz. Besonders brachte Lein die mangelhafte Vorbereitung für den Koalitionskrieg, dem sich die beiden Bündnispartner ab 1914 stellen mussten, zum Ausdruck. Dabei betonte er, das Scheitern Österreich-Ungarns im ersten Kriegsjahr hätte bereits vorbedingt, dass notgezwungen eine Hierarchie zwischen den Partnern entstand. Das beiderseitige Verhältnis sei anschließend auch von dieser Konstellation sowohl auf politischer als auch auf militärischer Ebene geprägt gewesen. Den eigentlichen Wendepunkt machte Lein schließlich weniger im Jahr 1917 als bereits ein Jahr früher aus, als der gemeinsame Oberbefehl den Deutschen zufiel.

Summa summarum konnte durch die inhaltlichen Ergebnisse der Tagung gezeigt werden, dass sich in der Endphase des Ersten Weltkrieges viele althergebrachte Ordnungen in Bewegung befanden. Dies betraf, so ein Ergebnis der Konferenz, unter anderem auch Österreich-Ungarn in großem Maße. Dass die Neuverhandlung der Position ganzer Bevölkerungsteile allerdings noch offen war beziehungsweise bereits vortradierten Pfaden folgte, ist ebenfalls eine vorläufige Bilanz. Leider konnten durch die beschränkte Breite an Themen nur bedingte Vergleiche angestellt und einige Schneisen für eine tatsächlich umfassende Betrachtung der Loyalitäts- und Umbruchsproblematik geschlagen werden. Dagegen erwies sich das Tagungsformat als sehr ergiebig, sind doch die einzelnen Beiträge sowohl kommentiert als auch ausgiebig diskutiert worden.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Propaganda als Instrument zentraler Loyalitätssteuerung
Moderation: Verena MORITZ (Wien) Kommentar: Hannes LEIDINGER (Wien)

Joachim BÜRGSCHWENTNER (Innsbruck): Die verspätete Revolution im Kampf um die Loyalitätssicherung. Die Zentralisierung der Bildpropaganda im k.u.k Kriegspressequartier 1917

Franz MITTERMÜLLER (Graz): Kind sein im Ersten Weltkrieg – von der propagandistischen Parallelwelt zur Desillusion?

Panel 2: Loyalitäten im sozialen Kontext
Moderation: Richard Lein (Graz) Kommentar: Werner SUPPANZ (Graz)

Nicole GOLL (Graz): Zwischen Herrschaftssicherung, Selbstmobilisierung und Stabilisierung der Heimatfront. Kriegsfürsorge in der Steiermark mit besonderer Berücksichtigung der Kriegsnagelungen

Wolfram DORNIK (Graz): Partizipation zur Loyalitätssicherung? Der Grazer Gemeinderat 1917/18

Keynote von Berthold MOLDEN (Wien): Das marginale 1917. Zur globalen Polyzentrik eines Epochenjahrs
Moderation: Julia WALLECZEK-FRITZ (Wien)

Panel 3: Jüdische Identitäten während des Ersten Weltkrieges
Moderation: Elisabeth HAID (Wien) Kommentar: Gerald LAMPRECHT (Graz)

Jan RYBAK (Florenz): Jüdischer Nationalismus vom Imperium zur Nation. Die jüdischen Nationalräte in Zentral-/Osteuropa

Beata MACHE (Duisburg- Essen): Jüdische Positionen in der wieder polnisch gewordenen Provinz Posen 1918-1920

Panel 4: Supranationale Identitäten als Ausweg im Loyalitätenkonflikt?
Moderation: Bernhard BACHINGER (Graz) Kommentar: Karin ALMASY(Graz)

Gordana ILIĆ-MARKOVIĆ (Wien): Südslawische Loyalitäten

Ionela ZAHARIA(Cluj-Napoca): Habsburg Romanian Military Chaplains 1916-1919. Between National and Supranational Identity

Panel 5: Verschiebung der inneren Loyalitäten
Moderation: Markus WURZER (Graz) Kommentar: Karin SCHMIDLECHNER (Graz)

John ZIMMERMANN (Potsdam): Vom „Gefühl der Schande, ein Österreicher zu sein“. Der Fall Friedrich Adler und sein Siegeszug im Umbruchsjahr 1917

Martin PLATT (Bonn): Ordnungskonsens. Das Nicht-Revolutionäre der „deutschen Revolution von 1918/19“

Panel 6: Bündnissysteme als Belastungstests der Loyalität
Moderation: Nikolaus REISINGER (Graz) Kommentar: Wolfram DORNIK (Graz)

Bernhard BACHINGER (Graz): Die infrage gestellte Bündnisloyalität. Die Mittelmächte und die Saloniki-Front 1917/1918

Richard LEIN (Graz): Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn im Bündnis

Zitation
Tagungsbericht: Umbruchsphase 1917–? Erodierende Machtstrukturen und Verschiebung von Loyalitäten, 20.10.2016 – 21.10.2016 Graz, in: H-Soz-Kult, 10.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7042>.