Käthe Schirmachers Frauenbewegungen – eine kontroverse Aktivistin im Kontext

Place
Wien
Host/Organizer
Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
Date
25.11.2016
By
Waltraud Schütz, Europäisches Hochschulinstitut Florenz

Umfassende Forschungen zum Leben und Wirken jener Aktivistinnen von Frauenbewegung(en), die sich aufgrund ihrer politischen Positionierungen aus heutiger Perspektive wenig oder gar nicht zur Identifikation eignen, sind nach wie vor rar. Das an der Universität Wien angesiedelte Forschungsprojekt mit dem Titel „Engagement und Professionalisierung. Käthe Schirmacher (1865–1930) – Selbstentwürfe zwischen radikaler Frauenbewegung und völkischem Nationalismus“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung neuer Zugänge im Umgang mit umstrittenen Akteur/innen und berührt eine Vielzahl von Fragestellungen der Frauen- und Geschlechterforschung. Gefördert durch den Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF) ist das Projekt unter der Leitung von JOHANNA GEHMACHER (Universität Wien) angelegt, „die vielen Biografien der Käthe Schirmacher“[1] zu erforschen. Gemeinsam arbeiten CORINNA OESCH (Universität Wien), ELISA HEINRICH (Universität Wien) und JOHANNA GEHMACHER seit 2013 an dem umfassenden Nachlass der frauenbewegten Aktivistin.

In diesem Kontext fand am 25. November 2016 am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien die Tagung mit dem Titel „Käthe Schirmachers Frauenbewegungen – eine kontroverse Aktivistin im Kontext“ statt. Das eintägige Kolloquium war in drei Panels unterteilt: Im ersten Panel wurden Käthe Schirmachers Positionen zum Thema Sittlichkeit und Sexualität analysiert, das zweite Panel widmete sich der Geschlechterpolitik Käthe Schirmachers im Hinblick auf ihre inter/trans/nationalen Positionierungen, und im letzten Panel mit der Überschrift „Nationale Imaginationen weiblicher Gemeinschaft“ wurden die völkischen Aktivitäten der Akteurin in den Fokus gerückt. Die Inhalte der einzelnen Panels wurden jeweils von HANNA HACKER (Universität Wien), BIRGITTA BADER-ZAAR (Universität Wien) und HEIDRUN ZETTELBAUER (Universität Graz) kommentiert und eingehend diskutiert.

Im ersten Panel begegneten die Teilnehmer/innen des Kolloquiums frauenbewegten Positionierungen Käthe Schirmachers, die als Reaktion zu (bestehender oder drohender) restriktiver Gesetzgebung entstanden waren. BETTINA KRETZSCHMAR (Universität Hamburg) skizzierte in ihrem Vortrag das Entstehen der abolitionistischen Bewegung in Deutschland im internationalen Kontext, in der Käthe Schirmacher gleichzeitig als Aktivistin des internationalen, des französischen und des deutschen Zweiges der Bewegung in unterschiedlichen Rollen, auch in der Rolle als Vermittlerin, auftrat. In Folge von Kretzschmars Beschreibung der Reisetätigkeiten der Aktivistin im Zeichen des Abolitionismus wurde die Figur der reisenden Frauenbewegungssprecherin um 1900 in der Diskussion aufgegriffen, der Frage nachgehend, was es bedeutete, als Frau allein zu reisen und allein in der Öffentlichkeit aufzutreten. Welche Rolle spielte etwa das Netzwerk vor Ort für die reisende Frauenbewegungssprecherin? ELISA HEINRICH (Universität Wien) diskutierte Reaktionen zu der 1909 in einem Vorentwurf des deutschen Reichsstrafgesetzbuches vorgeschlagenen Ausdehnung des §175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, auf Frauen. Käthe Schirmachers ablehnende Äußerungen zur Strafverfolgung weiblicher Homosexualität, die Heinrich zufolge einer dem jeweiligen Medium angepassten Aufmerksamkeitsökonomie folgten, stellen eine der wenigen öffentlichen Interventionen von Frauenbewegungsseite in dieser Debatte dar. In Abgrenzung zu der häufig vorgenommenen identitätspolitischen Vereinnahmung Schirmachers und ihrer Partnerin als „einzig offen lebendes Lesbenpaar der Ersten Frauenbewegung“ schlug Heinrich den Begriff der „intimen Beziehung“ vor. Hanna Hacker verklammerte die beiden Vorträge schließlich in anregender Weise, indem sie Fragen nach der Konstellation des Paares in der Moderne, nach dem Begriffspaar privat/öffentlich und den Historiografien seit der Zweiten Frauenbewegung aufwarf.

ANGELIQUE LESZCZAWSKI-SCHWERK (TU Dresden) gab im zweiten Panel einen Einblick in den vielseitigen Aktivismus der polnischen Frauen(friedens)bewegung. Die Vortragende thematisierte die Ambivalenzen und Widersprüche – die bereits durch den Vortragstitel „sisterhood above it all?“ angedeutet wurden –, mit denen die polnische Bewegung durch das Konzept des „imperial feminism“ und dessen „civilising missions“ konfrontiert war. Leszczawski-Schwerk zeigte am Beispiel der Aktivistin Zofia Daszyńska-Golińska Spannungen zwischen Akteurinnen und deren Umgang mit existierenden Strukturen auf. Daszyńska-Golińska beanspruchte für sich „Im Namen der Polinnen“ zu sprechen; eine pragmatische Herangehensweise im Nutzen von Strukturen und ein Beispiel dafür, dass Prozesse nicht nur top-down funktionieren, sondern eine Analyse der Verflochtenheit der verschiedenen Ebenen notwendig ist, wie Birgitta Bader-Zaar anmerkte. In diesem Zusammenhang unterstrich Bader-Zaar in ihrem Kommentar die Handlungsspielräume, die Frauen sich in diesen Strukturen schufen; als Beispiel wurde die Nutzung internationaler Veranstaltungen wie Kongresse für nationale Bestrebungen genannt. CORINNA OESCH setzte sich in ihrem Vortrag mit den Begrifflichkeiten und Dimensionen des Internationalen/Nationalen/Transnationalen in Bezug auf Käthe Schirmachers Situation auseinander. Die Akteurin erfuhr wiederholt Ausgrenzung für ihre Unan- oder Un-ein-gepasstheit in das hierarchische Schema des Inter/Nationalen; der geografische Ort – Schirmacher lebte viele Jahre in Paris – spielte hier eine Schlüsselrolle. Die Aktivistin arbeitete an der Etablierung einer loseren, horizontal organisierten Alternative und setzte sich so gegen den ab 1900 zunehmenden Modus des Internationalen ab. In der darauffolgenden Diskussion wurden vor allem die Begrifflichkeiten Prekarität und Agency diskutiert; es wurde angeregt, ökonomische Gegebenheiten stets mit-zu-denken, auch das Theorem der „Migrantin“ im transnationalen Raum als mögliche Forschungsperspektive wurde genannt.

KIRSTEN HEINSOHN (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg) stellte im dritten Panel die Diskursfigur der deutschen Frau und ihre Entwicklung zur kollektiven Selbstbeschreibung der völkischen Bewegung vor. Heinsohn ging auf das Fehlen von Forschung über konservative, völkische Frauenvereinsmilieus ein, in dessen Folge die Kommentatorin Heidrun Zettelbauer das Fehlen des Identifikationspotentials in diesem Forschungsfeld unterstrich. Anknüpfend an das Postulat der Historikerin Christiane Streubel, dass „Feminismus“ als analytischer Begriff definiert und daher auch „Völkische Frauenrechtlerinnen“ unter dieser Perspektive untersucht werden sollten, schlug Kirsten Heinsohn vor, weniger nach Gemeinsamkeiten zwischen Feministinnen zu suchen, sondern Abgrenzungen, Unvereinbarkeiten und divergierende politische Positionierungen zu analysieren. Diese Form von Analyse wurde im darauffolgenden Vortrag von JOHANNA GEHMACHER illustriert, die Einschreibungen, Deutungskämpfe und Historisierungsanstrengungen von Akteurinnen der Frauenbewegung und insbesondere von Käthe Schirmacher am Beispiel eines 1927 publizierten Textes analysierte. Gehmacher schilderte Schirmachers Versuch, „Grundanschauungen“ der Frauenbewegung im völkischen Kontext Geltung zu verschaffen, indem sie in einem Prozess des Recycling Textelemente aus eigenen früheren Arbeiten rekontextualisierte. Heidrun Zettelbauer unterstrich in ihrem Kommentar, wie wichtig es sei, Differenzen zwischen Frauen zum Ausgangspunkt zu nehmen, um sich einzelnen Protagonistinnen anzunähern. Wiederkehrend wurden Käthe Schirmachers völkische Aktivitäten kommentiert, die wohl im ersten Schritt die Frage nach dem „Warum?“ evozieren, doch im Forschungskontext nicht erklärt oder gerechtfertigt, sondern von unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden müssen. Die Runde stimmte in diesem Zusammenhang Kirsten Heinsohns Hinweis zu, dass eine wichtige Aufgabe biografisch arbeitender Forscher/innen sei, sich den Diskontinuitäten und Brüchen in Lebensverläufen zu widmen, und Johanna Gehmacher ergänzte, dass anhand Käthe Schirmachers Biografie auf besondere Weise jene Selektionen, Verwerfungen und Neupositionierungen analysierbar seien, die mit autobiografischen Praxen immer verbunden seien.

Identitätskonstruktionen, so WALTRAUD SCHÜTZ (Europäisches Hochschulinstitut Florenz) in ihrem zusammenfassenden Kommentar, sind immer komplex und multidimensional, wie dieses Kolloquium eindrucksvoll vermittelt hat. Das Bewusstsein für Gleichzeitigkeiten und die Notwendigkeit unterschiedlicher Perspektiven ist in den Vorträgen und Diskussionen stark sichtbar geworden. Mit ihren Beiträgen an der Tagung haben sich die Teilnehmer/innen ein Stück auf die Gleichzeitigkeiten und Ambivalenzen im Leben der vielseitigen Akteurin Käthe Schirmacher eingelassen; eine bereichernde Erfahrung, von der viele Anregungen in den Forschungsalltag mitgenommen werden konnten.

Konferenzübersicht:

PANEL 1: Eine neue Sittlichkeit. Eine neue Sexualität?
Moderation: Norman Domeier
Kommentar: Hanna Hacker

Bettina Kretzschmar (Universität Hamburg): Gleiche Moral und gleiches Recht für Mann und Frau – bürgerliche Sittlichkeit, Prostitution und Abolitionismus um 1900

Elisa Heinrich (Universität Wien): „Ich glaube, daß geschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen nicht selten sind.“ (1911) – Beziehungsentwürfe und sexualitätspolitische Interventionen bei Käthe Schirmacher

PANEL 2: Geschlechterpolitik als transnationales Projekt
Moderation: Gabriella Hauch
Kommentar: Birgitta Bader-Zaar

Angelique Leszczawski-Schwerk (TU Dresden): Sisterhood above all? – Die inter/nationale Frauen(friedens)bewegung aus polnischer Akteurinnensicht

Corinna Oesch (Universität Wien): Im Modus des Inter/Nationalen. Käthe Schirmacher „lost in transnationalism“?

PANEL 3: Nationale Imaginationen weiblicher Gemeinschaft
Moderation: Margit Reiter
Kommentar: Heidrun Zettelbauer

Kirsten Heinsohn (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg): „… ausgesprochen ‚deutsch‘“ (Käthe Schirmacher 1918). Geschlecht und Gemeinschaft im konservativen und völkischen Milieu der Weimarer Republik

Johanna Gehmacher (Universität Wien): „Was verdankt die deutsche Frau der deutschen Frauenbewegung?“ (1927) Käthe Schirmachers völkische Intervention in die Historisierung feministischer Bewegungen

Waltraud Schütz (Europäisches Hochschulinstitut Florenz): Zusammenfassender Kommentar

Anmerkung:
[1] FWF Projekt Käthe Schirmacher, virtuelle Konferenz, abrufbar unter https://schirmacherproject.univie.ac.at/die-vielen-biographien-der-kaethe-schirmacher/ (12.12.2016).

Citation
Tagungsbericht: Käthe Schirmachers Frauenbewegungen – eine kontroverse Aktivistin im Kontext, 25.11.2016 Wien, in: H-Soz-Kult, 04.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7052>.
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Published on
04.03.2017
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