Deutsch-polnisches wissenschaftliches Kolloquium: „Konfessionelle Hofkultur Europas. Die Silberbibliothek Albrechts von Preußen (1545–1562)“

Ort
Potsdam
Veranstalter
Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam
Datum
08.12.2016
Von
Jonas Milde, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam

Sie ist der Ausdruck von Frömmigkeit und Politik, von Selbst- und Herrschaftsverständnis. Ursprünglich 21 in silberne Einbände gebundene Bücher mit 29 darin enthaltenen Titeln. Die Silberbibliothek Herzog Albrechts bzw. Herzogin Anna Marias von Preußen stellt in der Geschichte der konfessionellen Hofkultur Europas eine Singularität dar. Über 60 Wissenschaftler und Interessierte aus Polen und Deutschland machten am 8. Dezember 2016 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) in Potsdam die Silberbibliothek dieses ersten Herrscherpaares des ersten lutherischen Staates in Europa zum Gegenstand des wissenschaftlichen Austauschs.

Grund hierfür bot das bevorstehende 500. Jubiläum der Reformation, zu dem unter der Schirmherrschaft des deutschen Außenministers, Dr. Frank-Walter Steinmeier, im HBPG eine Ausstellung „Reformation und Freiheit. Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“ vorbereitet wird (8. September 2017 – 21. Januar 2018). Dort werden einzelne Bände der Silberbibliothek, die sich heute in Polen befindet, erstmalig in Deutschland präsentiert.

In den Räumen seines Hauses begrüßte der Direktor des HBPG, KURT WINKLER (Potsdam), die Wissenschaftler der Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn und mehrerer deutscher Universitäten, sowie die Vertreter zahlreicher staatlicher, kultureller und kirchlicher Institutionen, die sich dem zweisprachigen Vortrags- und Diskussionsprogramm stellten, welches durch die simultane Übersetzung zweier Dolmetscherinnen gewährleistet wurde.

Die ersten beiden der insgesamt sechs Vorträge hielten die Thorner Professoren JACEK WIJACZKA (Thorn) und MICHAŁ WOŹNIAK (Thorn).

Wijaczka referierte zum Thema „Die Silberbibliothek, Herzog Albrecht und die Reformation in Preußen“ und eröffnete so das große Feld der preußischen Reformation. Als ausgewiesener Fachmann führte er in die Geschichte des Deutschordenslandes und die Biographie Albrechts von Brandenburg-Ansbach ein, der als letzter Hochmeister des Ordens durch die Einführung der lutherischen Reformation aus dem bis dahin geistlichen Ordensland ein weltliches Herzogtum machte und sich so aus dem Machtbereich von Kaiser und Papst befreit, wenngleich dies die (formale) Lehnsabhängigkeit vom polnischen König bedeutete. Das Herzogtum Preußen war somit der erste evangelische Staat, dessen konfessionelles Profil der frischgebackene Herzog in vielerlei Hinsicht zu schärfen vermochte. Durch seine Kontakte zu evangelischen Theologen, allen voran zum Reformator Nürnbergs, Andreas Osiander, den Albrecht nach Preußen holte und zum Missfallen der übrigen Geistlichkeit protegierte, sowie zu den (lutherischen) Höfen im Reich und darüber hinaus, gelang es Albrecht, das Herzogtum Preußen zu einem der führenden evangelischen Territorien zu machen und eine neue, evangelische Dynastie zu begründen.

Der Kunsthistoriker Woźniak verlas zunächst einen Beitrag des Buchwissenschaftlers und ehemaligen Leiters der Thorner Universitätsbibliothek Janusz Tondel, der seine Teilnahme hatte absagen müssen, über die Entstehung, und den bibliothekgeschichtlichen Kontext der Silberbibliothek. In einem anschließenden eigenen Vortrag untersuchte Woźniak die Bildkompositionen und Ikonografien der silbernen Einbände. Deren geometrische Struktur führte er auf mittelalterliche Vorlagen zurück, etwa auf Prachtevangeliare. Auch die Verwendung von Silber für Bucheinbände hat hier ihren Ursprung. Prominent ist etwa der um 1500 von dem Aachener Goldschmied Hans von Reutlingen gefertigte Silbereinband des aus karolingischer Zeit stammenden Reichsevangeliars, auf das im Verlauf des Kolloquiums mehrfach eingegangen wurde.

Nach diesem von den Thorner Wissenschaftlern gestalteten Auftakt sprach GEORG ADLER vom Arbeitskreis für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung historischer Buchbestände im ersten Vortrag des zweiten Blocks über „Die Silberbibliothek im Kontext der Einbandkultur der Renaissance“. Mit einem Blick in die Einbände der meist im Folioformat gefertigten und in Rind- oder Kalbsleder gebundenen Bücher der Spätgotik beginnt Adler in vorreformatorischer Zeit und führt das Auditorium mithilfe zahlreicher Abbildungen von der mittelalterlichen Buchkunst in die Geschichte des Buches der Renaissance. Die sich in der Frühen Neuzeit Bahn brechenden Erfindungen und Entdeckungen schlugen sich auch in der Buchkultur nieder. So beeinflusste nun etwa orientalische Ornamentik die Gestaltung von Buchdeckeln. In Bologna ersetzte man erstmalig die schweren Holz- und Lederdeckel durch Pappe, die zum Teil nur mit Seiden- oder Lederbändern statt metallener Schließen verschlossen wurden, und erfand im Zusammenspiel mit keinen Druckformaten so das erste Taschenbuch.

Zudem entstanden in dieser Zeit außergewöhnliche Bibliotheken, etwa die des ungarischen Königs Matthias I. Corvinus, die bei dessen Tod im Jahr 1490 etwa 3000 große und prächtig gestaltete Bände umfasste und bis heute mit ihren samtbezogenen Einbänden und silbernen Verschlüssen zu den berühmtesten Bibliotheken der Renaissance gehört.

In Italien begegnen, etwa in der Bibliothek des Florentiner Geschlechtes de’Medici, Silbereinbände, so etwa das Gebetbuch des bedeutenden Kunstmäzens Lorenzo de’Medici, der unter anderem auch Gebet- und Stundenbücher für seine Töchter mit vergoldeten Silberbeschlägen mit Email- und Edelsteineinlagen in Auftrag gab.

Auch in Frankreich und Deutschland gelangte die Buchkunst zu neuen Formen.

So besaß etwa der französische Adlige Jean Grolier de Servières, vicomte d’Aguisy (1479–1565) am Ende seines Lebens etwa 3000 buchhistorisch höchstwertige Bände und an den deutschen Fürstenhöfen entstanden umfangreiche Bibliotheken; so etwa in den lutherischen kurfürstlichen Residenzen Heidelberg und Dresden. Doch auch vermögende Bürgerliche, etwa der Augsburger Ulrich Fugger, investierte in Bücher und deren kunstvolle Einbände, die in der berühmten Bibliotheca Palatina in Heidelberg übergingen.

Innerhalb der europäischen Buchkultur der Renaissance sind die Einbände der Silberbibliothek Albrechts von Preußen jedoch durch Alleinstellungsmerkmale ausgezeichnet: Ganzsilberne Einbände sind äußerst selten und abgesehen vom preußischen Corpus ausschließlich für Einzelbände in kleineren Formaten nachzuweisen.

Im Anschluss an Adler informierten POITR NIEMCEWICZ (Thorn) und ELŻBIETA JABŁONSKA (Thorn), beide von der Universität Thorn, über das Restaurierungsprojekt der Silberbibliothek: Das Langzeitunternehmen befindet sich noch in der Planungsphase, in der der Zustand der Bände im Detail untersucht und ein Restaurierungsplan entwickelt wird. Die Bücher haben besonders im Zeitraum ihrer Auslagerung 1945 bis zu ihrer Sicherung in der Universitätsbibliothek Thorn erheblichen Schaden genommen – durch Feuchtigkeit, Zerstörung und unsachgemäße Lagerung, was durch teils drastische Fotografien dokumentiert wurde. Kunsthistoriker und Restauratoren der Universität Thorn arbeiten in dem Großprojekt mit Spezialisten anderer Fachbereiche zusammen.

Den abschließenden Block des Tages gestalteten THOMAS FUCHS (Leipzig) von der Universität Leipzig und RUTH SLENCZKA (Potsdam), wissenschaftliche Kuratorin der Potsdamer Reformationsausstellung und Organisatorin des Kolloquiums.

Fuchs betrachtete die Silberbibliothek im Kontext der protestantischen Buchkultur des 16. Jahrhunderts und macht auf die nicht zu überschätzende Bedeutung der Reformation für die Buchkultur Europas aufmerksam. Brachte das humanistische Interesse bereits statt der im Mittelalter üblichen Kompilationen vollständige Textausgaben der antiken Klassiker, so spitzte sich besonders im deutschen Kulturraum die Veränderung im gesamten Buchwesen zu. Basel, Wittenberg und Leipzig entwickelten sich zu den führenden Druckzentren und lösten die vormaligen west- und südeuropäischen Druckproduzenten ab. Anstatt des Druckes von Missalen, Brevieren und der Scholastiker kam es im Zuge der Reformation zunächst zu einer bisher nie dagewesenen Produktion von Flugschriften, die die Auseinandersetzung zwischen evangelischen und Altgläubigen befeuerten, und schließlich zum „massenhaften“ Druck der Schriften der Reformatoren, allen voran die Arbeiten Martin Luthers. Seine Bibelübersetzung, ob nun als Voll- oder Teilbibel, sowie Postillen, wissenschaftliche und erbauliche Schriften, Katechismen und Gesangbücher veränderten das Gesicht des Buchmarkts des 16. Jahrhunderts, nicht nur in den evangelischen Territorien des Reiches. Zugleich kam es zu einer Nationalisierung des Buchgewerbes in Deutschland mit der Entwicklung der Wittenberger Fraktur und einer Verfestigung des Verlagswesens, die einen neuen Typus von Großunternehmer hervorbrachte.

Mit Schulbüchern, Erbauungsliteratur und gedruckten Leichenpredigten wurden Bücher zu einem Alltagsgegenstand der stadtbürgerlichen Schichten. Und dennoch wurde nach wie vor lateinisch-wissenschaftliche Literatur gedruckt, was zu einer Aufspaltung in zwei Literaturklassen führte. Als Beispiel für diese Zweiteilung des lutherischen Lektüremilieus liefert Fuchs den Kampf der Zensur gegen calvinistische Werke in Leipzig: Die Leipziger Pfarrer hatten für ihre akademische Beschäftigung Werke calvinistischer Theologen in den Kirchenbibliotheken der Stadt zur Verfügung. Für das (Kirchen-)Volk waren jedoch Lektüre und Besitz calvinistischer Literatur verboten, weshalb auch die Leipziger Buchmesse nach solch unerlaubter Ware durchsucht wurde.

Auch in der Residenz des Herzogtums Preußen, dem Königsberger Schloss, waren die Buchbestände auf Bibliotheken aufgeteilt: Die um 1530 von Crotus Rubeanus begonnene Sammlung der „Bibliotheca nova“, die Kammerbibliothek des Herzogs, innerhalb derer die „Libri extraordinarii“ eine besondere Gruppe darstellten und als Pendant zur Silberbibliothek gelten können, die sich wiederum in der Privatbibliothek der Herzogin Anna Maria befunden hat. Stand die Bibliotheca nova seit 1540 der (akademischen) Öffentlichkeit offen, war die Kammerbibliothek des Herzogs mit ihren 548 zumeist deutschen Werken einzig der herzoglichen Familie und den Bediensteten der Kanzlei vorbehalten. 1583 wurde sie in die Schlossbibliothek integriert. Die Privatbibliothek der Herzogin umfasste rund 60 Bände, darunter eben auch die 21 in Silber gebundenen Bände, die der Erbauung dienende, jedoch keine dogmatische Literatur enthielten und somit ganz dem Stand der Herzogin entsprachen. Die Silberbibliothek demonstrierte bekenntnishaft die Wertschätzung des lutherischen Glaubens und seiner religiösen Praxis durch die Fürstin.

Slenczka beschloss das Kolloquium, indem sie sich einem der Bände der Silberbibliothek in einer genauen Detailanalyse zuwandte und die darin dargestellte Verschränkung von preußischer Heils- und Dynastiegeschichte präsentierte. Sie wählte dazu einen Band aus, der zwei Werke des lutherischen Theologen Erasmus Sarcerius (1501–1559) beinhaltet. Sarcerius, Superintendent der Grafschaft Mansfeld, war als Autor lutherischer Erbauungsliteratur hervorgetreten und wollte damit zu tugendhafter, christlicher Lebensführung anleiten. Dieses inhaltliche Programm findet sich auch in der Gestaltung des Einbandes wieder, der das preußische Herrscherpaar gleichsam in den Horizont des christlichen Heilsgeschehens wie auch in den eines vorbildhaften und tugendreichen Lebens stellt: Zum einen werden in den zwei Medaillons, die in die beiden Deckel mittig eingelassen sind, die Schlüsselszenen der Heilsgeschichte – Sündenfall und Kreuzigung – dargestellt, neben denen das Herrscherpaar jeweils dargestellt ist. Auf den Eckbeschlägen finden sich zum anderen figurale Tugendallegorien, die den Rahmen für das christliche Leben des Herrscherpaares aufspannen.

Wenngleich die Silberbibliothek nicht wie das ebenfalls von Albrecht in Auftrag gegebene Zeremonialschwert, auf dessen Bildprogramm Slenczka ebenfalls eingeht, zu den offiziellen Insignien des preußischen Herzogs- und späteren Königtums gehörte, so bildet die Ikonographie dieses einen der 20 erhaltenen Bände ein Herrschaftsprogramm ab, das das persönliche Glaubensbekenntnis des Herrschers und dessen Repräsentation zum Staatszwecke macht. Das Zeitalter der Konfessionalisierung war eine Epoche hoch sakralisierter Herrschaftsrepräsentation. Für den Hohenzollernfürsten und dessen Frau war der Glaube keine Privatangelegenheit, sondern aufs Engste mit der Landesherrschaft verbunden. So verstanden sie sich eben in ihrem landesherrlichen Stand als Vorbild im evangelischen Glauben, den sie mit ihren Untertanen teilten. Dies galt es, am Hof zu repräsentieren. Und dazu diente auch die Versilberung des frömmigkeitspraktischen Kernbestandes der Bibliothek, die später in die Schloss- bzw. in die Königsberger Universitätsbibliothek überführt wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils nach Thorn gelangte.

Politische Autonomie als Folge der Lösung vom papstkirchlichen Machtbereich, die sich mit dem lutherischen Glauben verbindet, findet ihren repräsentativen Ausdruck in einem außergewöhnlichen Kunstschatz, den im Rahmen der Potsdamer Reformationsausstellung ab September 2017 im HBPG zu betrachten dieses deutsch-polnische Kolloquium mit seiner fachlichen Qualität aufs Angenehmste eingestimmt hat.

Konferenzübersicht:

Jacek Wijaczka (Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn): Die Silberbibliothek, Herzog Albrecht und die Reformation in Preußen

Michał Woźniak (Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn): Die Silberbibliothek – Entstehung, Bildprogramme, bibliotheks-geschichtlicher Kontext

Georg Adler (Arbeitskreis für die Erfassung, Erschließung und Erhaltung historischer Bucheinbände): Die Silberbibliothek im Kontext der Einbandkultur der Renaissance

Piotr Niemcewicz & Elżbieta Jabłońska (Nikolaus-Kopernikus-Universitätsbibliothek Thorn): Vorstellung des Restaurierungsprojekts zur Silberbibliothek

Thomas Fuchs (Universität Leipzig): Die Silberbibliothek im Kontext der protestantischen Buchkultur des 16. Jahrhunderts

Ruth Slenczka (Kuratorin der Ausstellung): Die Silberbibliothek in der Reformationsausstellung des HBPG 2017

Zitation
Tagungsbericht: Deutsch-polnisches wissenschaftliches Kolloquium: „Konfessionelle Hofkultur Europas. Die Silberbibliothek Albrechts von Preußen (1545–1562)“, 08.12.2016 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 21.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7068>.
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Veröffentlicht am
21.03.2017
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