Theoretisieren, Argumentieren, Disziplinieren – Machtträger und (Krisen-) Management im Zeichen der Moral (8.–16. Jahrhundert)

Ort
Darmstadt
Veranstalter
Kristin Zech / Stephan Ebert, FB 02 Institut für Geschichte Fachgebiet Mittelalter, Technische Universität Darmstadt
Datum
09.12.2016 - 10.12.2016
Von
Stephanie Eifert, Graduiertenkolleg KRITIS / Institut für Geschichte, Fachgebiet Mittelalter, Technische Universität Darmstadt

Krisen, als historische Wendemomente oder -zeiten, forderten Machtträger heraus. Ihre Bewältigung verlangte die Entwicklung und Umsetzung von Handlungsstrategien, so die Organisatoren der Tagung KRISTIN ZECH und STEPHAN EBERT (beide Darmstadt) in ihrem Eröffnungsvortrag. Die in einer Krise ergriffenen Maßnahmen eignen sich dabei besonders gut, um nach deren Entstehungshintergründen und Begründungszusammenhängen zu fragen. Der Fokus der Tagung sollte dabei auf dem Argument der Moral liegen: Wie wurde dieses von Machtträgern innerhalb von Krisen und deren Bewältigung genutzt (oder auch benutzt)? Hinter dieser Leitfrage verberge sich, so die Organisatoren, eine Vielschichtigkeit an möglichen Argumentationsmustern, die anhand von normativen oder aber historiographischen Texten untersucht werden solle. Dabei müsste es sich aber nicht ausschließlich um die Moral der Machtträger selbst handeln, sondern auch die unterstellte Unmoral des Gegners oder aber mit Moralvorstellungen einhergehenden Disziplinierungsbestrebungen von Machtträgern könnten in den Blick genommen werden.

Die erste der vier Sektionen, welche chronologisch dem Verlauf des Medium Aevum folgten, wurde von GEORG FRIEDRICH HEINZLE (Köln) eröffnet. Heinzle referierte über die Argumentation Nithards, einem Vertrauten Karls des Kahlen, in dessen Auseinandersetzung mit seinem Bruder Kaiser Lothar. Nithard, so Heinzle, war Argumentator in einer Krise, welche er den Umständen anpasste und weiterentwickelte: Er fokussierte dabei die Intention Lothars, einen Bruderkrieg führen zu wollen und in diesem Zusammenhang das Töten von Christen in Kauf zu nehmen. Dies wertete Nithard als Missachtung der moralischen Werte unitas, consensus, concordia und iustitia. Lothar wurde so zum Tyrannen stilisiert, was eine deutliche Diskrepanz zur Beschreibung von Karl dem Kahlen und seinem Bruder Ludwig dem Deutschen darstellte. Diese zeichneten sich nämlich durch den Willen aus, consensus und concordia wiederherstellen zu wollen, was ihren Krieg gegen Lothar rechtfertigte. Die Niederlage Lothars bei Fontenoy im Jahr 841 wurde von den zeitgenössischen Bischöfen als Gottesurteil gewertet. Dies griff Nithard auf, um zu verdeutlichen, dass die fehlende Moral Lothars von höchster Instanz bestraft wurde. Demnach war Moral in diesem Beispiel ein Instrument, um die „gerechte Herrschaft“ von der „tyrannischen“ zu trennen und das eigene Handeln zu legitimieren.

Dieses Argumentationsmuster konnte auch SIMON GROTH (Düsseldorf) für die Annales Fuldenses konstatieren, die aus ostfränkischer Perspektive über den späteren Bruderkrieg zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen berichteten. Karl der Kahle vernachlässige laut den Beschreibungen der Chronik die primären Herrschertugenden wie die Erhaltung des Friedens und der Eintracht. Etwas anders gestaltete sich jedoch der Befund zu dem Brief des westfränkischen Episkopats, welcher unter der Federführung Hinkmar von Reims verfasst wurde. In dieser Quelle formulierte man vorsichtiger, indem man Ludwig den Deutschen als „Räuber“ titulierte, welchen man mit abschreckenden Beispielen vergangener Herrscher personifizierte und als „Kirchenräuber“ denunzierte. Schwerpunkt der Argumentation war in beiden Quellen aber nicht mehr ausschließlich die Intention der Machtträger, sondern ebenso deren konkrete Maßnahmen. So thematisierte der Brief beispielsweise das Morden, Brandschatzen und Plündern und wertete diese Handlungen, die man zumeist in einen heidnischen Kontext stellte, konsequent als moralisch verwerflich ab. Die abwartende Haltung der Bischöfe wurde in der anschließenden Diskussion eingehend thematisiert. Man diskutierte, inwieweit die kirchlichen Amtsträger der Zeit ebenfalls als Machtträger anzusprechen seien und ob man ihnen eine Vermittlerrolle innerhalb des Krisenmanagements zusprechen könnte.

Die zweite Sektion eröffnete von STEPHANIE PLASS (Erlangen). Sie stellte die Argumentation des englischen Gelehrten Giraldus Cambrensis in seinen Epistolae ad Stephen Langton vor. Diese sollte den abgesetzten Erzbischof von Canterbury davon überzeugen, sich nicht, wie Stephen Langton es anscheinend vorhatte, der vita contemplativa zuzuwenden. Um diese sehr persönliche Krise abzuwenden, führte Cambrensis an, dass ein Erzbischof ein von Gott verliehenes Amt innehätte und dieses mit Verpflichtungen einhergehe, wie beispielsweise weitere Seelen für das Christentum zu gewinnen und diese als guter Hirte zu leiten. Allein die damit verbundenen Anstrengungen stilisierte Cambrensis als moralisch wertvoll, da das Gegenteil, mit Trägheit einhergehen würde und entsprechend zu verurteilen sei. Ein Abwenden von der vita activa sei demnach eine Flucht vor der Verantwortung. Folglich wurde auch in diesem Fall mit einer Kontrastierung von Moral und Amoral gearbeitet, um das „Gute“ von dem „Schlechten“ zu trennen und diese für die Werbung um die eigene Sichtweise instrumentalisiert.

ANDREA RIEDL (Wien) beschäftigte sich ebenfalls mit der Argumentation eines kirchlichen Machtträgers. Das Opus tripartitum, welches Gregor X. in Vorbereitung auf das Unionskonzil von Lyon im Jahr 1274 verfasste, wurde von der Referentin schwerpunktmäßig auf die darin enthaltenen Ausführungen zum morgenländischen Schisma analysiert. Damit thematisierte Riedl auf dieser Tagung erstmalig ein genuin theologisches Motiv. Gregor X. verurteilte den Abfall der Griechen als moralisch verwerflich. Oberstes Ziel sei es, dass diese den Primatsanspruch des Papstes anerkennen. Der kirchliche Machtträger identifizierte jedoch die Krise nicht nur, sondern gab im weiteren Verlauf des Werkes integrative und kompromissorientierte Handlungsanweisungen zu deren Bewältigung: So seien Fremdsprachenkenntnisse der Beteiligten des Konzils elementar für die Verhandlungen und den Austausch untereinander im Allgemeinen. Die Kontakte untereinander müssten intensiviert werden, regelmäßige Visitationen sollten dazu dienen, die Bescheidenheit der lateinischen Kirchenmänner zu repräsentieren und den Griechen auf diese Weise den ihnen innewohnenden Hochmut aufzuzeigen. Demzufolge diente Moral in dieser Fallstudie zum einen der Charakterisierung unterschiedlicher Parteien. Zum anderen war die „Moral“ des Papstes zugleich „Heilmittel“ der Krise, welches seinen alleinigen Führungsanspruch als Hirte aller Christen manifestieren sollte.

MATTHIAS HEIDUK (Erlangen) zeigte auf, wie der französische König Philipp IV. zeitgenössische Verschwörungstheorien und Stereotypen als Waffe im Kampf um die Ausweitung seiner königlichen Rechte in Konkurrenz zur Kirche gestaltete. Der Referent nahm schwerpunktmäßig das Vorgehen Philipps IV. gegen die Mitglieder des Templerordens im Jahre 1308 in den Blick: Das angebliche Praktizieren satanischer Riten und der Homosexualität dienten als Vorwürfe gegen die Mitglieder des Ritterordens, um sie öffentlich zu befragen und Gelehrte als Autoritäten in den Diskurs aktiv einzubinden. Diese fertigten Gutachten oder Schriften an, welche die Vorwürfe belegten und weiter ausbauten; so bezeichnete Guillaume de Plaisance die Befreiung von den Templern als eine gottgefällige Arbeit. Der König wurde durch seine Rolle als Wahrer der Moral zum Vikar Gottes und zum Boten des Herrn stilisiert. Das stellte für Philipp IV. wiederum die Ermächtigung dar, in den theokratischen Schranken des Papstes zu handeln. Dies spiegelte sich zum einen in der öffentlichen Verurteilung und Hinrichtung der Mitglieder des Templerordens und zum anderen in der Übernahme der päpstlichen Titulatur wider. Entsprechend wurde Moral im dargestellten Beispiel als Instrument zur bewussten Lenkung der politischen Kommunikation und der Legitimation des eigenen Machtstrebens eines weltlichen Machtträgers genutzt: Philipp IV. konstruierte die Krise anhand der Zuschreibung unmoralischer Handlungen und nutzte die Moral zugleich, um den Weg aus der Krise aufzuzeigen und dies praktisch umzusetzen.

Die letzte Sektion der Tagung eröffnete EILEEN BERGMANN (Trier). Sie stellte dar, wie der Consiglio dei Dieci der Stadt Venedig die Handelssperren Kaiser Sigismunds der Jahre 1411–1433 als elementare Bedrohung für das Gemeinwohl der Stadt wertete. Das städtische Gremium sah es als necessitas an, einen Weg aus dieser Krise zu finden, was für die Referentin ein Beleg dafür war, dass soziale (Un-)Sicherheit immer konstruiert sei. Das Ausmaß der Wertung der Krise durch den Rat wurde jedoch erst an der in Erwägung gezogenen Bewältigungsstrategie erkennbar: In den Protokollen des Consiglio dei Dieci fand die Referentin die schriftliche Bestätigung, dass man einen Mörder angestellt hatte, der den Kaiser vergiften sollte. Der Plan wurde aufgrund des Sieges der Venezianer in der Auseinandersetzung mit dem Kaiser nicht in die Tat umgesetzt. Er war für die anschließende Diskussion jedoch der Ausgangspunkt sich darüber auszutauschen, wie die offensichtliche Unmoral der Ratsmitglieder zu werten sei: Handelte es sich hier um eine frühe Anwendung machiavellistischer Ideen oder lediglich um eine Höherwertung des eigenen, städtischen Gemeinwohls, dessen Erhaltung notfalls auch einen Königsmord rechtfertigte?

SASKIA LIMBACH (St. Andrews) referierte anschließend über den Einsatz moralischer Argumente in verschiedenen Policeyordnungen des 16. Jahrhunderts. Dafür stellte sie die württembergische Landesordnung den Kölner Verordnungen exemplarisch gegenüber. Dabei stellte sie fest, dass in den städtischen Verordnungen die Mündlichkeit noch sehr dominant war, sodass man mit der schriftlichen Fixierung moralischer Argumente recht spärlich umging. Diese Sparsamkeit stand aber in einer auffallenden Diskrepanz zu den württembergischen Landesordnungen. Jene nach innen gerichteten Ordnungen hatten das Ziel das Gemeinwohl ins Zentrum der Erlasse zu rücken. So sollte garantiert werden, dass die Bestimmungen für die Bevölkerung nachvollziehbar waren. Anders verhielt es sich jedoch mit Landesordnungen, die als Beispiele nach außen weitergegeben werden sollten. In ihnen wurde der Anteil der Hinweise auf die Bedeutung des Gemeinwohls reduziert, da die Aussteller Sorge hatten, man könnte sonst auf etwaige Missstände in ihrem Herrschaftsgebiet schließen. In der anschließenden Diskussion wurde auch ein konfessioneller Unterschied festgestellt. Demnach seien es vor allem die Landesordnungen aus evangelischen Herrschaftsgebieten gewesen, welche sehr stark mit Kontrastierungen zwischen moralisch richtigem, also auf das Gemeinwohl zielende, Verhalten und dem Gegenteil arbeiteten, also den Handlungsweisen, die den Zorn Gottes hervorrufen.

GERRIT J. SCHENK (Darmstadt) fiel die Aufgabe zu, die einzelnen Beiträge zusammenzufassen. Er betonte, dass „Moral“ den Beiträgen entsprechend als Ressource der Legitimierung beziehungsweise Delegitimierung des Handelns von Machtträgern genutzt wurde. Dabei sei die Mehrheit der Beiträge sehr sozial-konstruktivistisch geprägt gewesen. Das hatte zur Folge, dass die „Krise“ nicht in ihrer Materialität überprüft wurde, sondern man sich auf deren Diagnose fokussierte. Dadurch thematisierten die Referenten zumeist Krisennarrative, in ihrer Eigenschaft als analytisches Werkzeug. Es handelte sich um zwei großen Gruppen, das diagnostische Narrativ und das Rechtfertigungsnarrativ, welche in unterschiedlichen Spielarten auftraten. Das diagnostische Narrativ zeigte, wie man eine Situation identifizierte, welche einer Änderung bedurfte und somit handlungsleitend wirkte. Das Rechtfertigungsnarrativ hingegen wurde immer erst nach dem tatsächlichen Geschehen angewandt, um durch Wertungen eine Legitimierung der eigenen Handlungen zu erreichen. Im Zweifelsfall, so Schenk, könne beides zutreffen, oder es könnten sich Diagnose und Rechtfertigung zueinander komplementär verhalten. Insgesamt haben Machtträger das gesamte Mittelalter hindurch moralische Argumente für ihre Zwecke mobilisiert. In diesem Zusammenhang warf Schenk die abschließende Frage auf, ob die Machtträger des Mittelalters überhaupt hätten anders argumentieren können. Seiner Meinung nach, sei dies nicht möglich gewesen. Er wies darauf hin, dass in mehreren Beiträgen thematisiert wurde, wie sehr die Machtträger daran interessiert waren, ihre Maßnahmen im Nachhinein wieder in den Kontext der Moral zu stellen. Daher sei es angebracht, nicht nur Krisennarrative, sondern auch die Handlungen innerhalb einer Krise stärker in den Fokus der Untersuchung zu stellen.

Die Abschlussdiskussion thematisierte zunächst die von Schenk angestoßene Frage. Man resümierte, dass Moral zugleich eines der kompliziertesten, aber auch der kontinuierlichsten Narrative des Mittelalters gewesen ist; vielleicht könne man es sogar als „Überepochenspezifikum“ bezeichnen.

Die Vielzahl der Nuancen und Umdeutungen von Moral wurden anschließend genutzt, um nach dem im Tagungstitel enthaltenen „Theoretisieren“ zu fragen, die durch den Ausfall des Vortrages zu den Fürstenspiegeln thematisch zu kurz kam. Nicht zu vernachlässigen sei hierbei auch der theologische Diskurs, welcher für diesen Begriff von zentraler Bedeutung sei. Viele der theologischen Grundlagen, welche wie beispielsweise die Benediktinerregel als idealtypische Handlungsanweisungen zu verstehen sind, seien krisenunabhängig entstanden. Demnach handele es sich dabei um sehr gute Grundlagen, die Inhalte der Moral zu fassen. Abschließend herrschte Einigkeit darüber, dass die Untersuchung der Krisennarrative durch handlungstheoretische Ansätze ergänzt werden sollte, um einen kritischen Blick auf das Krisenmanagement zu werfen und auf diesem Weg auch die Probleme der Deutungsmacht und Deutungshoheit stärker thematisieren zu können.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Moral als Handlungsanweisung und Diskreditierungsinstrument

Georg Friedrich Heinzle (Köln): Moral und Recht im Bürgerkrieg. Zur Verknüpfung argumentativer Ebenen bei Nithard

Simon Groth (Düsseldorf): Der „Tyrann“ und der „Räuber“. Argumentationsmuster in der karolingischen Krise des Jahres 858

Sektion II: Moral. Die Richtschnur der Entscheidungsfindung?

Stephanie Plass (Erlangen): Was der Herr verhindern möge: Giraldus Cambrensis und der suspendierte Erzbischof von Canterbury

Andrea Riedl (Wien): „Summi pontificis sit villigare dilligenter“. Kirchliches Krisenmanagement im Umfeld des II. Konzils von Lyon (1274)

Sektion III: Moral in Theorie und Praxis. Konzeptionelle Grundlagen, machtpolitische Umsetzungen

Matthias Heiduk (Erlangen): Zeitalter der Krise. Zeitalter der Verschwörung? Spätmittelalterliche politische Kommunikation und die Moral des Königs am Beispiel des Templerprozesses

Sektion IV: Disziplinieren, Machtausübung und Rechtfertigung

Eileen Bergmann (Trier): Krisenmanagement in Venedig. Der Consiglio die Deici zur Zeit der Handelssperren Sigismunds (1412–1433)

Saskia Limbach (St. Andrews): „Zu ferner Verhütung solchs verderblichen Nachteils“ – Zur Argumentation in Policeyordnungen des 16. Jahrhunderts

„Ein Rückblick nach vorn“ – Zusammenfassung durch Gerrit J. Schenk (Darmstadt)

Zitation
Tagungsbericht: Theoretisieren, Argumentieren, Disziplinieren – Machtträger und (Krisen-) Management im Zeichen der Moral (8.–16. Jahrhundert), 09.12.2016 – 10.12.2016 Darmstadt, in: H-Soz-Kult, 08.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7106>.
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08.04.2017
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