Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert. 5. wissenschaftliche Fachtagung

Ort
Vallendar
Veranstalter
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Datum
11.02.2005 - 13.02.2005
Von
Gisela Fleckenstein, Brühl

In Vallendar diskutierten 30 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Themen zur Ordensgeschichte. Die Mitglieder des Arbeitskreises sind durch wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten (Dissertation, Habilitationsschrift), Forschungsprojekte, Lehrtätigkeit an Hochschulen oder Tätigkeit als Archivar oder Archivarin mit der Thematik befasst. Als fertige Werke wurden der siebte und letzte Band der Kongregationsgeschichte der Schwestern unserer lieben Frau und die Provinzgeschichte der Pallottiner vorgestellt.

Dr. Athanasius von Wedon (Borken) beschäftigte sich am Beispiel des Ordensgründers der Oblaten, Eugène de Mazenod (1782-1861), mit der Frage "How to make saints"? Die Forschungsgeschichte über den Bischof von Marseille de Mazenod ist eng mit dessen Selig- und Heiligsprechungsverfahren verbunden, welches 1936 eröffnet und 1975 bzw. 1995 abgeschlossen wurde. Die zur Führung des Seligsprechungsverfahrens herangezogenen Biographien erwiesen sich nach Prüfung durch die Ritenkongregation als defizitär und widersprüchlich in ihren Aussagen. 1947 wurde das "Summarium" durch die Historische Sektion der Kongregation quellenkritisch geprüft. Die Sektion bemängelte die fehlende Anwendung der historisch-kritischen Methode und bestand auf ergänzenden Archivstudien. Rom verhinderte in diesem Fall eine panegyrische Darstellung Mazenods und trug zu einem wirklichkeitsnäheren Lebensbild bei.

In einem weiteren biographischen Beitrag stellte Dr. Clemens Brodkorb (München) den außergewöhnlichen Lebensweg des Jesuiten Georg von Sachsen (1893-1943) vor. Der sächsische Kronprinz, ältester Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. und der Erzherzogin Maria Luise von Toskana, war im ersten Weltkrieg Stabsoffizier. Nach dem Studium der katholischen Theologie wurde er 1924 für das Bistum Meißen zum Priester geweiht und trat ein Jahr später in die Oberdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Er wirkte als Seelsorger in Berlin. 1943 starb er bei einem Bad im Großglienicker See an Herzversagen. Georg von Sachsen wurde in der Gruft der Wettiner in der Dresdner Hofkirche beigesetzt. Der Vortrag stütze sich auf den Nachlass des Kronprinzen im Archiv der Jesuiten. Eine Bearbeitung der dort vorhandenen umfangreichen Korrespondenz dieses Jesuiten steht noch aus. Georg von Sachsen, der auch unter Beobachtung der Gestapo stand, hatte vielfältige Kontakte in höchste Adelskreise und zur Generalität. Bisher lässt sich sein Wirken im Widerstand gegen den Nationalsozialismus nur schwer nachweisen.

Prof. Dr. Norbert Wolff (Benediktbeuern) konnte neue Forschungsergebnisse zur Geschichte der Salesianer Don Boscos in Deutschland liefern. Ausgehend von einer beiläufigen Bemerkung in einem älteren Zeitschriftenartikel konnte er nachweisen, dass die erste deutsche Gründung der Salesianer nicht 1916 in Würzburg erfolgte, sondern dass es schon eine Vorgängergründung im "Reichsland" Elsaß-Lothringen gab. In Sierck (1904/5) und dann in Diedenhofen/Thionville (1905-1917) wirkten Salesianer in der Seelsorge für Arbeitsmigranten aus Norditalien.

Dr. Cathérine Bosshart-Pfluger (Fribourg) gab einen Werkstattbericht ihrer Erforschung der sog. "Marienkinder", welche an die Kongregation der Sacré-Coeur-Schwestern angeschlossen waren. Diese Ordensgemeinschaft, eine Gründung der Madeleine Sophie Barat (1779-1865), übernahm 1832 in der Nähe von Fribourg eine Schule mit Internat. Die Schülerinnen konnten nach der Erstkommunion in den geistlichen Verein der "Marienkinder" aufgenommen werden. Jedes Kind erhielt bei der Aufnahme eine Medaille. 1847 mussten sich die den Jesuiten verwandten Sacré-Coeur-Schwestern aus der Schweiz zurückziehen. Doch die Marienkinder hatten - auch ohne die Bindung an die Schule! - noch bis zur Erosion des katholischen Milieus in den 1950er Jahren Bestand. Die Marienkinder pflegten in einem säkularen Umfeld eine besondere Herz-Jesu-Frömmigkeit und übten sich in Werken der Caritas. Bosshart-Pfluger will diese Vereinigung hinsichtlich der Mitglieder und ihrer gesellschaftlichen Verbindungen untersuchen. Als Grundlage verfügt sie über Protokollbücher der Kongregation ab 1884. Ein zentraler Untersuchungsaspekt soll die öffentliche Ausübung weiblicher Religiosität sein.

Dr. Antonia Leugers (München) stellte das an der Technischen Universität Dresden gestartete interdisziplinäre DFG-Projekt "Katholische Missionsschulen in Deutschland 1887-1940" vor. Exemplarisch untersucht werden von Patres geleitete Schulen und Internate der Pallottiner, Steyler Missionare und Missionsbenediktiner, die im Deutschen Reich Schüler für eine spätere Verwendung in ihren Missionsgebieten ausbildeten. Das Projekt untersucht die institutionelle Entwicklung nach dem Kulturkampf bis zur Aufhebung durch die Nationalsozialisten, die schulpolitischen Rahmenbedingungen, das pädagogische Konzept der Schulen zwischen Ordens- und Staatseinflüssen, die tatsächlichen und die behaupteten Funktionen der Missionsschulen für die Missionstätigkeit, deren Beitrag zur Förderung bildungsbenachteiligter Bevölkerungsteile. Es erstellt eine Kollektivbiographie der Schüler, der Patres und der externen Lehrkräfte. Missionsschulen sind sowohl ein Desiderat in der bildungsgeschichtlichen, als auch in der ordens- und kirchengeschichtlichen Forschung.

Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) stellte fünf Spielfilme aus der Zeit zwischen 1992 und 2002 vor, die überwiegend Ordensleben zeigen. Sie gab eine Einführung in die Filminhalte und analysierte ausgewählte Szenen. Durchgängig bedienen sich Filmemacher gängiger Klischees, wie z.B. der Weltfremdheit von Ordensleuten, der Fremdheit gegenüber moderner Technik und ausgeprägten Gehorsamsstrukturen innerhalb eines Klosters. Vielfach wird Situationskomik durch die Konfrontation zwischen Welt und Kloster erzeugt. Bei den Zuschauern werden Grundkenntnisse und Neugier am Ordensleben vorausgesetzt.

Damian Bieger (Großkrotzenburg) gab Einblick in sein Dissertationsvorhaben über das Ordensstudium der Kölnischen Franziskanerprovinz von 1929-1968. Untersuchungsaspekte für das Wirken der Mönchengladbacher Hochschule werden sein: der Aufbau der Hochschule in ihren Abhängigkeiten von der Ordensleitung, die Ausbildung und Kompetenz der ordenseigenen Professoren (Lektoren), die besondere franziskanische Ausrichtung der Lehrinhalte und die dadurch erfolgte Prägung der Studenten sowie die Bedeutung der Hochschule für das Selbstverständnis der Kölnischen Franziskanerordensprovinz.

Dr. Johannes Kistenich (Detmold) regte in seinem Beitrag "Verfolgt - Wieder-gut-gemacht? Wiedergutmachungsakten als Quellen für den "Klostersturm" während der NS Zeit und für die Geschichte der Orden in der frühen Bundesrepublik" dazu an, eine bisher kaum beachtete Quellengruppe für Fragen der Ordensgeschichtsschreibung zu nutzen. An zwei Beispielen (Zisterzienserabtei Hardehausen und Kloster der Salvatorianer in Sennelager) erläuterte er den Aussagewert der Akten.

Wie schon in den vorangegangenen Tagungen wurden laufende Arbeiten diskutiert, nichtschriftliche Quellen (neue Medien) berücksichtigt und eine für die ordensgeschichtliche Forschung relevante Quellengruppe vorgestellt.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises Ordensgeschichte findet vom 03.-05. Februar 2006 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar statt. Weitere Informationen beim Leitungsteam des AKO: Dr. Antonia Leugers (München), Dr. Gisela Fleckenstein (Brühl) und Prof. Dr. Joachim Schmiedl (Vallendar).

Kontakt

Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert
Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Pallottistr. 3
56174 Vallendar
Tel.: 0261-6402128
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitskreis Ordensgeschichte 19./20. Jahrhundert. 5. wissenschaftliche Fachtagung, 11.02.2005 – 13.02.2005 Vallendar, in: H-Soz-Kult, 24.02.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-711>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.02.2005
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