Imagining Byzantium. Perception, Patterns, Problems in Eastern and Southeastern Europe (19th – 20th Centuries)

Ort
Mainz
Veranstalter
Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident
Datum
02.03.2017 - 04.03.2017
Von
Andreas Gietzen/ Vaios Kalogrias, Johannes Gutenberg Universität Mainz

An der von der „Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident“ organisierten Tagung diskutierten Forscher aus verschiedenen Disziplinen und Ländern über die Rezeption der byzantinischen Geschichte und Kultur in Ost- und Südosteuropa sowie im Kontext westeuropäischer, d. h. katholischer und protestantischer Einflüsse. Hauptsächlich ging es um die Frage nach der Schaffung positiver wie negativer, nationaler Narrative, die im Rahmen nationalstaatlicher Bildungsprozesse und Machtantagonismen im neunzehnten Jahrhundert entstanden und ihre volle Entfaltung im zwanzigsten Jahrhundert erreichten. Der von Nicolae Iorga geprägte Begriff „Byzance après Byzance“ war das Leitmotiv der Tagung.

In seiner Evening lecture griff GÜNTER PRINZING (Mainz) in die aktuelle Diskussion um die historische Tragfähigkeit des 1940 von Franz Dölger (†) entwickelten Konstrukts der „Familie der Könige im Mittelalter“ ein. Insbesondere kommentierte er Wolfram Brandes Fundamentalkritik von 2012, die er zwar in vielen Punkten für zutreffend hielt. Durch den Vergleich mit G. Ostrogorsky und am Beispiel der Taufe des Kiever Fürsten Vlaimir (988) zeigte Prinzing aber auch deren Widersprüche auf. Auch wenn bestimmte Elemente dafür sprächen, dass das Konstrukt nicht völlig obsolet sei, erscheine es richtiger, nicht mehr von der Einbeziehung Russlands in Dölgers „Familie der Könige" zu sprechen, sondern eher vom Eintritt in ein modifiziertes Byzantine Commonwealth (J. Shepard).

JAN KUSBER (Mainz) stellte im Eröffnungsvortrag zum Themenkomplex die Leitfrage der Konferenz vor: Auf welche Weise setzten sich wissenschaftliche, kirchliche und politische Eliten mit (pseudo-)byzantinischen Elementen, Narrativen und Paradigmen situativ und kontextuell bedingt auseinander, um die eigene Identität zu festigen, Herrschaft zu inszenieren bzw. zu legitimieren, sowie bestimmte politische Strategien zu rechtfertigen. Dabei unterschied er anhand des bisher vorhandenen Forschungsstandes zwischen mehreren thematischen Feldern – Orthodoxie, Staatlichkeit (Autoritarismus), Architektur und Kunst, Byzantinische Studien und Narrative als politische Argumentationsmuster – die mit der Byzanzrezeption in Zielregionen in Verbindungen stehen. Sich auf Rogers Brubaker und dessen Schwerpunktverlagerung von Identität zu Identifikation berufend erinnerte Kusber aber auch daran, die Perspektiven gängiger Konzepte zur Nation (Anderson) und nationaler Bewegung (Hroch) stets auch zu hinterfragen und wenn nötig anzupassen. HANS-CHRISTIAN MANER (Mainz) analysierte am Beispiel Nicolae Iorgas (1871-1940) Konzept "Byzance après Byzance" die Frage der Kontinuität der byzantinischen Idee im Osmanischen Reich, das viele byzantinische Elemente aufnahm und die "Rechte" des Ökumenischen Patriarchats stärkte. Überdies wies er auf die Adaption der byzantinischen Idee in den Fürstentümern der Moldau und der Walachei hin. Neben dem walachischen Fürsten Michael der Tapfere, der alle byzantinischen Strömungen von damals vereinigt habe, fiel der Blick auch auf den moldauischen Fürsten Vasile Lupu, der in die Familie Kantakuzenos einheiratete, byzantinische Reichssymbole einführte und bei der Einsetzung von Patriarchen Einfluss nahm, sowie abschließend auf die griechischsprachige phanariotischen Elite im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. MILENA REPAJIĆ (Belgrad) befasste sich mit George Ostrogorskys Byzanzrezeption und deren Bedeutung für die serbische Nationalhistoriographie. Der Referentin zufolge war Ostrogorskys Geschichtswerk vom autoritären Geist des zaristischen Russlands, Zwischenkriegsdeutschlands, wo er zeitweise lebte und lehrte, und orthodoxer Mönche geprägt. Hinzu kamen marxistische Einflüsse, die sein Interesse an der byzantinischen Wirtschaftsgeschichte belegen. Anders als Iorga suchte Ostrogorsky Byzanz nicht für die serbische Nation zu vereinnahmen. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Autorität gibt es, so Repajić weiter, keine kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk in Serbien. DIMITRIS STAMATOPOULOS (Thessaloniki) erläuterte in seinem Beitrag die unterschiedlichen Byzanzinterpretationen von Konstantinos Paparrigopoulos (1815-1891) und Manouel Gedeon (1851-1943) einerseits und Paparrigopoulos und Spyridon Zambelios (1815-1881) andererseits im Kontext der hellenischen „Großen Idee“ und unter dem Aspekt West vs. Ost. Paparrigopoulos, Begründer der modernen griechischen Nationalhistoriographie, betrachtete Byzanz als „Hellenisches Reich“ und integralen Teil der griechischen Geschichte, während der Schriftsteller Gedeon, der zu einer Gruppe pro-russischer Patriarchisten gehörte, und der Literat Zambelios konservative Formen der Byzanzrezeption vertraten. PRZEMYSLAV MARCINIAK (Katowice) untersuchte die überwiegend negativen Verhaltensweisen, die mit dem Begriff „Byzantinismus“ assoziiert sind. „Irrationalismus, „Despotismus“ und „Dekadenz“ sind nur einige wenige Substantive, die in etlichen Wörterbüchern kursieren. Die anschließende Diskussion entzündete sich an der Frage, ob „Byzantinismus“ mit „Orientalismus“ gleichgesetzt werden darf oder nicht.

Beim zweiten Panel stand die Byzanzrezeption in der Kirchenhistoriographie im Vordergrund. KIRILL MAKSIMOVIĆ (Frankfurt am Main) zeigte die Problematik der Übernahme des byzantinischen Kirchenrechts in Russland. Ausgehend von den aktuellen kirchlichen und politischen Inszenierungen in Russland bezüglich des Byzantinischen Erbes fokussierte ALENA ALSHANSKAYA (Mainz) in ihrem Beitrag eine etwaige Nutzung von „Byzanz“ als Argument in den fundamentalen Werken der Geschichtsschreibung der Russischen Orthodoxen Kirche im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob zu jener Zeit ein byzantinisches Vermächtnis als konstitutives Element der Kirchengeschichte und kirchliches Selbstbewusstseins in Erscheinung trat. Dabei wurde festgestellt, dass erst nach der Entwicklung der Byzantinischen Studien im ausgehenden 19. Jahrhundert, die auch nicht zuletzt durch damalige politische Interessen gefördert wurden, die Kirche anfing, sich auf das byzantinische Erbe zu berufen.

DIMITRIOS MOSCHOS (Athen) suchte Spuren der byzantinischen Vergangenheit in den Geschichtswerken des Patriarchen von Jerusalem, Dositheos, (1641-1707) und des Metropoliten von Athen, Meletios, (1661-1714). Der erste war antikatholisch geprägt, der zweite stand unter dem Einfluss der Aufklärung. Dementsprechend fiel ihre Deutung der byzantinischen Geschichte aus. CHRISTINA HADJIAFXENTI (Mainz) legte die Frage der Autokephalie im nachrevolutionären Griechenland (nach 1833) in der griechischen Kirchengeschichtsschreibung anhand des Byzanz-Paradigmas dar. Um diesen Konflikt zu veranschaulichen, verglich sie die Beziehung zwischen Staat und Kirche in den Werken des athenischen Theologen Anastasios Diomides Kyriakos (1843-1923) und des Klerikers im Patriarchat von Konstantinopel und Professors an der Theologischen Fakultät von Chalki Filaretos Vafeides. Obwohl beide an deutschen Universitäten studiert hatten und daher protestantischem Einfluss ausgesetzt waren, stellten sie nicht nur das Verhältnis zwischen Staat und Kirche im byzantinischen Reich anders dar, sondern machten auch unterschiedlichen Gebrauch vom byzantinischen Paradigma, um ihre Position zum Verhältnis zwischen dem neugegründeten griechischen Staat und der Orthodoxen Kirche zu untermauern. MIHAI-D. GRIGORE (Mainz) ergründete das Byzanzbild am Beispiel der theologischen Schulbücher von Ioan Ramureanu und Mircea Päcurariu im Rumänien im späten zwanzigsten Jahrhundert. Beim ersten wurden verschiedene Aspekte der byzantinischen Geschichte – etwa das Verhältnis zwischen byzantinischem Kaiser und Orthodoxer Kirche sowie die Auseinandersetzung zwischen Katholischer und Orthodoxer Kirche – positiv, d. h. der byzantinischen Argumentation entsprechend, gesehen. Beim zweiten nahm die byzantinische Geschichte verständlicherweise nicht so einen prominenten Platz ein. In beiden Fällen jedoch band man ein positives Bild von Byzanz in das nationalrumänische Narrativ ein, um die Ethnogenesis-Theorie des rumänischen Volks, das aus einer ‘Dakoromanischen” Ur-Nation stammte, zu untermauern.

Byzanz als Argument für Vordenker des nationalstaatlichen Bildungsprozesses war Thema des dritten Panels. LORA GERD (Saint Petersburg) erläuterte die „byzantinischen“ Konzepte russischer Akademiker und Institutionen in Russland, die in Verbindung mit der Politik des zaristischen Reichs im „orthodoxen Osten“ standen. ANDRII DOMANOVSKYI (Kharkiv) erklärte seinerseits die Bedeutung der intellektuellen byzantinischen Rezeption für den Prozess der ukrainischen Nationsbildung im Kontext der russisch-ukrainischen kulturellen Auseinandersetzung im neunzehnten Jahrhundert. Domanovskyi führte aus, dass die ukrainische Byzanzrezeption von der negativen Einstellung gegenüber Russland geprägt war. Diese Debatte führte ANDREAS GIETZEN (Mainz) über das Bild der „bösen Byzantiner“ des serbischen Schriftstellers und Politikers Vladimir Jovanović (1833-1922) weiter. Gietzen legte dar, wie dieser an einem Wendepunkt politischer Veränderung in Serbien auf eine simplifizierte und stereotypisierte Vorstellung von Byzanz zurückgriff, um eine angeblich originär demokratische Tradition in Serbien historisch zu legitimieren, über die er sein liberalpolitisches Konzept implementieren konnte. STEFAN ROHDEWALD (Gießen) zeigte seinerseits, dass die bulgarische Byzanzrezeption im neunzehnten Jahrhundert im Zeichen eines „Re-nation“-Prozesses stand. Damit gemeint ist die Entwicklung einer bulgarischen Nationalidentität im Kontrast zur byzantinischen beziehungsweise zur zeitgenössischen nationalgriechischen Identität. Im bulgarischen Kontext wurde die byzantinische Zeit als „Fremdherrschaft“ gedeutet.

Bei der Abschlussdiskussion herrschte Einigkeit darüber, dass die Byzanzrezeption – in positiver wie negativer Weise – mit der Frage der Nationalidentität und der Staats- sowie Nationsbildung in Ost- und Südosteuropa aufs Engste verknüpft war. Dieser Prozess berührte auch religiöse und kulturelle Fragen. Beispielsweise wurde im Fall des griechischen Historikers Konstantinos Paparrigopoulos deutlich, dass die „byzantinische Idee“ eine Modernisierungskomponente aufwies und eine – auf den ersten Blick – widersprüchliche Hinwendung Griechenlands zum Westen bedeutete. Man war sich darüber einig, dass ein gemeinsames byzantinisches Narrativ in der orthodoxen Welt Ost- und Südosteuropas ebenso wenig existierte, wie eine gemeinsame Vorstellung davon, was “Byzanz” überhaupt meint. Iorga etwa sprach von der rumänischen Nation, was auch für Paparrigopoulos und die bulgarischen Intellektuellen wie Marin Drinov galt.

Bei der Betrachtung der einzelnen Vorträge im Vergleich wurde ebenfalls deutlich, dass im 19. Jahrhundert das Gibbon’sche Paradigma von “Decline and Fall of the Roman Empire” ähnlich inhaltslos verwendet und situativ neu bespielt wurde, wie heutzutage Iorgas “Byzance après Byzance”. Ähnlich verhalte es sich mit dem Begriff des “Byzantinismus”, der je nach Verwendung – ob im historiographischen Diskurs oder im politischen Feld – verschiedene Aspekte von und Perspektiven auf Byzanz in sich vereinte. Er könne somit als “umbrella term” gelten, dessen Ausmaß es noch abzuschätzen gilt. Am Ende blieb daher die Feststellung, dass der Rahmen, in dem sich Untersuchungen von Byzanzrezeption im Augenblick bewegen, noch nicht weit genug gesteckt ist, und auch andere Narrative, etwa das osmanische beziehungsweise das türkische, hinzugezogen werden müssen, um die Bedeutung, die “Byzanz” als Folie, Beispiel und Argument beigemessen wurde, vollumfänglich erfassen zu können.

Konferenzübersicht:

Opening Address
Hans-Christian Maner (Mainz)

Evening Lecture
Günter Prinzing (Mainz): Byzantium, the Rus' and the So Called Family of Rulers

Jan Kusber (Mainz): Imagining Byzantium: an Introduction

Hans-Christian Maner (Mainz): »Byzance après Byzance« – Nicolae Iorga's Concept and Its Aftermath

Milena Repajic (Belgrade): George Ostrogorsky's Perception of History and Byzantium in Serbian National Historiography: Between Otherness and Orthodoxy

Dimitrios Stamatopoulos (Thessaloniki): The Western Byzantium of Konstantinos Paparrigopoulos

Przemyslaw Marciniak (Katowice): Oriental and Exotic – Constructions of Byzantinism in the 19th Century Historiography

Kirill Maksimovic (Frankfurt/Main): Collection of Byzantine Canon Law (»Kniga
pravil«, 1839) as a Legal Basis of the Russian Orthodox Church of the 19th-20th Centuries: Paradoxes, Problems and Perspectives

Alena Alshanskaya (Mainz): The Reception of »Byzantium« in the Russian Church Historiography at the Late Imperial Period

Dimitrios Moschos (Athens): Approaching the Byzantine Past in the Historical Work of Dositheos of Jerusalem and Meletios of Athens

Christina Hadjiafxenti (Mainz): Byzantium in the Greek Church Historiography of the 19th Century: Between German Protestant Influence and Greek Orthodox
Confession

Mihai-D. Grigore (Mainz): Byzantium for Priests. Image of Byzantium in Romanian Theological Schoolbooks of the Late 20th Century

Lora Gerd (Saint Petersburg): Russian Imperial Policy in the Orthodox East and Its Relation to Byzantine Studies

Andrii Domanovskyi (Kharkiv): The Perception of Byzantium in the Context of Modern Ukrainian Nation Building (Second Half of the 18th to Early 20th Century): from Hryhorii Skovoroda through Taras Shevchenko to Mykhailo Hrushevsky

Andreas Gietzen (Mainz): Bad Byzantines – A Historical Narrative in the Liberal Conception of Vladimir Jovanovic

Stefan Rohdewald (Gießen): Byzantine »Slavery« as Postcolonial Imagination: »Foreign« Rulers of a »Pure« Bulgarian Nation (1850-1930)

CONCLUDING DISCUSSION

Vaios Kalogrias (Mainz)

Zitation
Tagungsbericht: Imagining Byzantium. Perception, Patterns, Problems in Eastern and Southeastern Europe (19th – 20th Centuries), 02.03.2017 – 04.03.2017 Mainz, in: H-Soz-Kult, 22.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7132>.