Der Steinkohlenbergbau in Boom und Krise nach 1945. Das Ruhrgebiet als Vergleichsfolie für Transformationsprozesse in der Schwerindustrie

Ort
Bochum
Veranstalter
Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Forschungsbereich Bergbaugeschichte
Datum
22.03.2017 - 24.03.2017
Von
Jan Kellershohn, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum

1996 merkte Helmuth Trischler an, dass sich in den 1950er-Jahren, „nahezu alle, die in der bundesdeutschen Soziologie später zu Rang und Namen gelangen sollten, […] mit den sozialen Beziehungen im Ruhrbergbau beschäftigten“.[1] Eine vergleichbare Beachtung sollte dem Ruhrbergbau auch noch durch die Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte späterer Jahre zukommen. Mittlerweile scheinen der Ruhrbergbau bzw. das Ruhrgebiet als schwerindustrieller Ballungsraum diese Aufmerksamkeit verloren zu haben. Dies mag zu einem erheblichen Teil an dem sich vermeintlich aufdrängenden Niedergangsnarrativ von Montanregionen liegen, hat aber auch dazu geführt, dass zur Geschichte des Steinkohlenbergbaus nach 1945 noch deutliche Lücken zu füllen sind. Vor diesem Hintergrund beleuchtete die vom Forschungsbereich Bergbaugeschichte des Deutschen Bergbaumuseums Bochum (DBM) ausgerichtete Tagung die Transformationsprozesse des Ruhrbergbaus und des Ruhrgebiets nach 1945. Im Fokus standen unternehmens- und technikhistorische sowie sozial- und wirtschaftshistorische Perspektiven. Der Zugriff sollte vergleichend erfolgen und über regionale bzw. Branchenvergleiche nach der Verallgemeinerbarkeit der Befunde sowie nach den Spezifika der Entwicklung des Ruhrbergbaus/Ruhrgebiets fragen. Schwerpunktmäßig wurden erstens die Möglichkeiten einer regionalen Wissens- bzw. Wissenschaftsgeschichte erkundet, zweitens Absatz- und Unternehmensstrategien in den Blick genommen und drittens der Anschluss an jüngere Forschungen zu Rationalisierung und Automatisierung gesucht.

Der erste Schwerpunkt klang bereits im Eröffnungsvortrag von HELMUT MAIER (Bochum) an. Maier stellte über die Diskussion technikhistorischer Ansätze die Frage, ob sich von einem ruhrgebietsspezifischen Technik- oder Wissenschaftsstil bzw. Innovationssystem sprechen ließe. Maier betonte die frühe Verwissenschaftlichung der Steinkohleindustrie, die auf branchenspezifische Gemeinschaftsinstitute habe zurückgreifen können. Diese weise damit, anders als die Stahlindustrie und trotz fehlender Hochschullandschaft, Merkmale eines Innovationssystems auf. Daneben zeigten die Bereiche der Hygiene- und der Arbeitssicherheitsforschung, herausgefordert durch die schlechte Wasserqualität im Ruhrgebiet sowie die Unfallzahlen im Bergbau, Kennzeichen eines Innovationssystems. Ebenso habe das „1950er-Syndrom“ eine Orientierung auf ökologische Fragen verstärkt. Diese könne als Impuls für die Herausbildung eines Systems von Umweltwissenschaften, das möglicherweise einen ruhrgebietsspezifischen Wissenschaftsstil abbilde, betrachtet werden. Während sich also genuin regionsspezifische Disziplinen schwer nachweisen ließen, konstituierten großtechnische Systeme spezielle Technikstile.

An die Überlegungen Maiers anknüpfen konnten DANIEL TRABALSKI (Bochum) und MARTHA POPLAWSKI (Bochum), die ruhrgebietsspezifische Wissenschaftsausprägungen untersuchten. Trabalski argumentierte anhand der Bekämpfung der Berufskrankheit Silikose, dass sich nach 1945 über die Verflechtung verschiedener Wissensmilieus (Ärzt/innen, Versicherungsexpert/innen, Bergleute), die bergmännische Männlichkeits- und Risikokultur sowie institutionell-bürokratische Logiken ein Feld von Wissenspraktiken herausgebildet habe. In diesem Feld konkurrierten bis in die 1970er-Jahre medizinische und technische Lösungsansätze. Der Fluchtpunkt dieses Verwissenschaftlichungsprozesses sei aber nicht das selbstverantwortliche Individuum, sondern die Verengung von Handlungsspielräumen der Arbeiter durch Technisierung gewesen. Einen vergleichbaren, aber im Ergebnis divergenten Verwissenschaftlichungsprozess betrachtete Poplawski mit den Arbeitswissenschaften im Bergbau. Anhand von Studien und Projekten aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren argumentierte sie, dass Erfahrungswissen zur Betriebsteuerung nicht mehr ausgereicht und umfassende Verwissenschaftlichungsprozesse mit betriebsexternen Akteuren eingesetzt hätten. Standen in den 1950er-Jahren noch die Leitsemantiken „Ordnung und Leistung“ im Mittelpunkt, konzentrierten sich die Maßnahmen der 1960er-Jahre auf die Steiger als Vorgesetzte, die einen „humanen“ Umgang mit Arbeitern erlernen sollten. Mit den 1970er-Jahren seien für die Expert/innen Selbstverantwortlichkeit, Motivation und kommunikative Verständigung zum Ideal avanciert. In die Richtung einer spezifischen Innovationskultur des Ruhrreviers argumentierte auch CHRISTOPH NONN (Düsseldorf) in seinem Abendvortrag. Das Krisenjahrzehnt von 1958 bis 1968 sei auch das innovationsreichste gewesen. Mit Blick auf die Strukturbruchsthese betonte Nonn, dass der „Boom“ im Ruhrbergbau bereits 1958 beendet und dies nicht das Resultat technischer Neuerungen gewesen sei, sondern diese erst eingeleitet habe. Darüber hinaus hätten die staatlichen Unterstützungsprogramme für den Ruhrbergbau ein Experimentierfeld dargestellt. Auf die Erfahrung staatlicher Stabilität in den 1960er-Jahren habe dann die „neoliberale Nonchalance“ der Nichtintervention in den 1970er-Jahren zurückgreifen können.

Der zweite Konferenzschwerpunkt lag im wirtschafts- bzw. unternehmenshistorischen Bereich und konzentrierte sich zum einen auf die Absatzorganisation des Steinkohlenbergbaus, zum anderen auf den Vergleich von Unternehmensstrategien nach 1945. JULIANE CZIERPKA (Bochum) und EVA-MARIA ROELEVINK (Bochum) beschäftigten sich in ihren Vorträgen mit der Frage nach der Reorganisation des Steinkohlenabsatzes und der Kontinuität kartellähnlicher Strukturen nach 1945. Czierpka fokussierte die Wechselwirkung zwischen der Absatzorganisation und den Verhandlungen zum Schuman-Plan. Die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) sei zunehmend an die Liquidierung der Absatzorganisation, dem Deutschen Kohlenverkauf, geknüpft worden. Dies führte 1953 schließlich zur Gründung der Gemeinschaftsorganisation Ruhrkohle, die sechs formal in Konkurrenz stehende Vertriebsunternehmen organisierte. Diese wiederum wurde 1956 auf Drängen der EGKS und mit Verweis auf ihre Kartellförmigkeit abgeschafft. Offiziell habe sich die deutsche Seite also von einer kartellförmigen Absatzorganisation verabschiedet, diese aber faktisch bis 1956 fortgesetzt. Vergleichbar argumentierte Roelevink dahingehend, dass der Absatz der Ruhrkohle auf dem niederländischen Markt um 1953/54, trotz des Kartellverbots, einen höheren Kartellierungsgrad aufgewiesen habe als zur Zeit des legalen Kartellwesens in den Jahren 1924/25. Roelevink unterstrich, dass die Organisation um 1924/25 nur bedingt als Kartell bezeichnet werden könne, was sie unter anderem auf den Wettbewerb im Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat (RWKS) und die vermehrte Staatsintervention zurückführte. Dagegen seien die Kohleunternehmen unter dem Druck zu mehr Wettbewerb in den 1950er-Jahren bemüht gewesen, die kartellierte Marktmacht in den Niederlanden durch ein informelles Alleinvertriebsrecht bis 1957 wiederherzustellen. Die Legalität der Kartelle habe also Wettbewerb ebenso wenig unterbunden, wie das Verbot von Kartellen diese verhindert habe.

Im Vergleich von Unternehmensstrategien nach 1945 konnte STEFANIE VAN DE KERKHOF (Mannheim) am Beispiel des Rüstungsunternehmens Rheinmetall zeigen, wie sich Unternehmensstrategien zwischen „Boom“ und „Krise“ entwickelten. Sie betonte, dass die Vorstellung einer „Stunde Null“ für die Rüstungsindustrie nicht haltbar und die Demontage der Waffenproduktion in den westlichen Zonen nur zögerlich erfolgt sei. Die Zeit bis zur offiziellen Wiederaufnahme der Rüstungsproduktion 1952, die mit dem Korea-Krieg und dem Erstausrüstungsboom der Bundeswehr rentable Formen annahm, hätten die Unternehmen durch Dual Use-Produkte, zivil und militärisch nutzbare Güter, überbrückt. Rheinmetall habe des Weiteren zivile Unternehmen aufgekauft, die dann innerhalb kürzester Zeit auf Rüstungsproduktion umgestellt werden konnten. Mit den ersten Wachstumsrückgängen der Rüstungsindustrie in den 1960er-Jahren sei aber deutlich geworden, dass die zugekauften Unternehmen nicht rentabel waren. Eine Konzentration auf die Rüstungsproduktion sowie eine Verwissenschaftlichung der Unternehmensstrategie sei die Folge gewesen.

Entgegen dieser Konzentrationsbewegung im Rüstungsbereich zeichnete DANIEL DÖREN (Bochum) anhand der Hibernia AG nach, wie diese mit dem Einsetzen der Kohlekrise ihre Diversifizierungsstrategien im Bereich der Kraftstoff- und Mineralölherstellung forcierte. Habe sich die Hibernia AG in den Jahren vor der Kohlenkrise auf die Kohlenveredelung bis zur Verstromung konzentriert, sei diese mit der Kohlenkrise in den Hintergrund getreten. Die Scholven-Chemie AG als Tochtergesellschaft habe über die Reaktivierung ihres Hydrierwerks seit den frühen 1950er-Jahren am Aufstieg des Öls und der verarbeitenden Kraftstoffindustrie partizipieren können. Die Hibernia AG sei dadurch vom Steinkohlenunternehmen zum Teil der verarbeitenden Industrie geworden und habe sich aktiv an der Energieträgerverschiebung auf dem Markt beteiligt.

Einen Verwissenschaftlichungspfad der Unternehmensstrategie beobachtete DANIEL WYLEGALA (Düsseldorf). Am Beispiel der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Unternehmen Thyssen und Krupp zeigte er, wie sich deren zu Beginn der 1950er-Jahre dezentrale Strukturen – bei Krupp in den 1950er-, bei Thyssen in den 1960er-Jahren – zentralisierten, wobei die umgesetzten Systeme versucht hätten, Effektivität durch Betriebsnähe und Effizienz durch zentrale Koordination zu erlangen. Zentral sei, dass diese Implementierungsprozesse zuerst durch persönliche Erfahrungen der Verantwortlichen, dann, über eine fortlaufende Evaluation, durch eine Professionalisierung der Fortentwicklung der Organisationsstrukturen bedingt gewesen seien. Die Ausdifferenzierung der Organisationsstrukturen habe einer Systematisierung der Unternehmensentwicklung Vorschub geleistet.

Der dritte Themenschwerpunkt setzte sich mit Fragen zur Rationalisierung, Automatisierung und Mechanisierung nach 1945 auseinander, wobei sich mit Blick auf den Bergbau eine technik-, mit Blick auf die industriellen Beziehungen eine diskurs- bzw. kulturhistorische Perspektive identifizieren lassen. Für die Mechanisierung des Steinkohlenabbaus schlug DIETMAR BLEIDICK (Bochum) eine Untergliederung der Entwicklung dieses „Innovationssystems“ in vier überlappende Perioden vor. Sei die Abbauarbeit bis 1918 durch Handarbeit geprägt gewesen, habe im Zeitraum von 1920 bis 1960 der Siegeszug des mechanischen Abbauhammers, begleitet von Versuchen mit schälenden Abbaumaschinen, eingesetzt. Ab den 1950er-Jahren stieg der Mechanisierungsgrad durch die schneidende und schälende Gewinnung deutlich an. Mit dem Ziel der Produktivitätserhöhung nach 1958 habe der Abbau unter Einsatz des Schildausbaus bis 1982 die Vollmechanisierung erreicht. Daran anschließend unternahm NIKOLAI INGENERF (Bochum) eine vergleichende Betrachtung der Automatisierungspraxis im Steinkohleabbau im britischen und bundesrepublikanischen Bergbau. Zwar habe der britische Kohlenbergbau in den 1960er-Jahren die Vollautomatisierung über Fernsteuerung auf der Zeche Bevercotes erprobt, dies sei aber erfolglos gewesen und an technischen Unzulänglichkeiten gescheitert. In der Bundesrepublik dagegen sei die Einstellung gegenüber der Automatisierung zurückhaltender gewesen. Über die Einrichtung von Grubenwarten, die der Informationsgewinnung und der Koordination zusammengelegter Zechen dienten, sei ein spezifischer Technologiepfad beschritten worden.

In gewerkschaftshistorischer Perspektive jenseits des Bergbaus analysierte MORITZ MÜLLER (Bochum) die Reaktion der Gewerkschaften auf den Wandel der Arbeitswelt in den 1970er- und 1980er-Jahren. Mit Bezug auf den Deutschen Gewerkschaftsbund, die Industriegewerkschaft Metall und die Gewerkschaft Handel – Banken – Versicherungen verfolgte Müller die These, dass, entgegen der Annahme eines Bruchs des Gestaltungsoptimismus in den 1970er-Jahren, die Gewerkschaften die Technik selbst als gestaltbar wahrgenommen hätten. Die ablehnende Haltung gegenüber der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse in den 1980er-Jahren interpretierte Müller unter strategischen Gesichtspunkten: Die konservative Politik der Gewerkschaften sei nicht ideologisch motiviert gewesen, sondern habe in einer Situation ungünstiger Kräfteverhältnisse dem Ziel gewerkschaftlichen Machterhalts gedient. Die konkrete Entwicklung der industriellen Beziehungen in den 1970er-Jahren betrachtete KARSTEN UHL (Hamburg) am Beispiel der Computerisierung der Druckindustrie. Die Dequalifizierungsangst, die die im Satz einsetzenden Computerisierungsmaßnahmen befeuerten, habe sich im Streik von 1978 niedergeschlagen. Die Industriegewerkschaft Druck und Papier habe aber an ihrem Gestaltungsanspruch festgehalten, während die Unternehmensseite durch einen Konflikt zwischen kleineren Betrieben und Medienkonzernen geprägt gewesen sei. Diese Entwicklung habe über den Times’ Dispute 1978/79 zu einer Europäisierung der Gewerkschaftspolitik über die Internationale Grafische Föderation geführt. Diese habe einerseits zwischen kommunistischen und sozialdemokratischen Gewerkschaften vermittelt und andererseits die Implementierung des Industriegewerkschaftsprinzips in der Druckerbranche vorangebracht. Gleichzeitig habe der Wissensvorsprung der Betriebsräte einer Verbetrieblichung der industriellen Beziehungen Vorschub geleistet.

Die abschließende Podiumsdiskussion mit LARS BLUMA (Bochum), DIETER ZIEGLER (Bochum) und MICHAEL FARRENKOPF (Bochum) kreiste um die Frage der Anschlussfähigkeit und der Potentiale des Bochumer Forschungsschwerpunktes Montangeschichte. Hinsichtlich der disziplinären Verortung waren sich die Diskutanten einig, dass Montageschichte als Brückenfach zwischen Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte betrachtet werden müsse, das verschiedene Ansätze – von der Unternehmensgeschichte bis zur Industriekulturforschung – über den gemeinsamen Forschungsgegenstand integrieren und dadurch Synergien entwickeln könne. Auch die epochale Verortung, die sich zunehmend ins 20. Jahrhundert verlagere, andererseits aber ebenso epochenübergreifend vorgehe, böte Anschlussmöglichkeiten an verschiedene Forschungsfelder. Die regionale Rückbindung der Montangeschichte gelte es dabei pragmatisch bzw. als Chance zu begreifen. Über das DBM sei die Möglichkeit einer Breitenwirksamkeit gegeben. Für die Entwicklung des Forschungsschwerpunktes Montangeschichte warf die Diskussion zwei Perspektiven auf: Einerseits sei es notwendig stärker vergleichend vorzugehen und benachbarte Branchen wie den Braunkohlenbergbau einzubeziehen, andererseits müsse die Montangeschichte den Anschluss an die Kultur-, die Wissenschafts- und Umweltgeschichte sowie die Forschungen zur Material Culture suchen.

Insgesamt lässt sich die Tagung als Teil eines umfassenden Selbstreflexionsprozesses der Montangeschichte lesen. Im Hinblick auf das Ende des Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018, der eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Montangeschichte erwarten lässt, geht es letztlich um die Frage, wie diese mit der produktiven Spannung zwischen regionaler Verankerung und wissenschaftlichem Anspruch umgehen und langfristige Perspektiven entwickeln kann. Dass die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit an übergeordnete Forschungsfelder gegeben ist, belegen die Konferenzbeiträge deutlich. Dieser Blickwinkel lässt sich allerdings auch umkehren und könnte dann die auf der Tagung nur am Rande angeklungene Frage aufgreifen, inwieweit auch für die Montangeschichte spezifische Bereiche und Problematiken stärker verfolgt werden können. Es ließe sich hier etwa an die konzeptionelle Debatte um den Begriff „Strukturwandel“ denken, in der die Montangeschichte, ob ihres Zuschnitts, nur eine marginale Rolle spielte. Dies verweist auf das grundsätzliche Problem, welches Narrativ der Geschichte des Bergbaus nach 1945 zu Grunde gelegt wird. Das eingangs erwähnte Niedergangs- oder Krisennarrativ stellt dabei die eigentliche Herausforderung dar, harrt es doch noch seiner Historisierung. Ähnliches gilt zuletzt auch für die Perspektive des Vergleichs von Montanregionen, der zwar schon unternommen wurde, aber beachten sollte, dass insbesondere nach 1945 und mit der Einrichtung der EGKS bereits umfassende Praktiken des Vergleichens und der wechselseitigen Beobachtung implementiert wurden, der Vergleich als solcher daher ebenfalls einer Historisierung bedarf. Die Konferenz unterstrich insgesamt die Notwendigkeit einer analytischen und methodisch reflektierten Montangeschichte sowie ihre Potentiale, jenseits deskriptiver Bergbauerzählungen für die Zeitgeschichte von Relevanz zu sein.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag:

Helmut Maier (Bochum): Disziplin, Technologie und Region – Wissenschaft und Ruhrgebiet im 19. und 20. Jahrhundert

Wissenschaft als Ressource im (westdeutschen) Steinkohlenbergbau nach 1945:

Daniel Trabalski (Bochum): Partizipative Risikopolitik. Die Silikose im Ruhrkohlenbergbau nach 1945

Martha Poplawski (Bochum): „Richtig Führen im Bergbau“. Zur Verortung der arbeitswissenschaftlichen Expertise in den Verwissenschaftlichungsprozessen des 20. Jahrhunderts

Technische Innovationen im Steinkohlenbergbau nach 1945:

Dietmar Bleidick (Bochum): Die Mechanisierung des Steinkohlenbergbaus nach 1945. Ein Überblick

Nikolai Ingenerf (Bochum): Von ROLF zu ISU – Automatisierung im Steinkohlenbergbau?

Industrielle Beziehungen und technischer Wandel nach 1945:

Moritz Müller (Bochum): Die Haltung der Gewerkschaften zum technisch-sozialen Wandel der Arbeitswelt in den 1970er-/1980er-Jahren

Karsten Uhl (Hamburg): Die Computerisierung der Druckindustrie und der Wandel der industriellen Beziehungen

Absatzorganisation im Steinkohlenbergbau nach 1945:

Juliane Czierpka (Bochum): Der Absatz der Ruhrkohlen als Streitpunkt in den Verhandlungen zum Schuman-Plan

Eva-Maria Roelevink (Bochum): „Freier Zechenhandel“ in alter Zeit, „Closed Shop“ in neuer Zeit: Die Absatzorganisation von Ruhrkohle und niederländischem Großkohlenhandel 1924/25 und 1953/54 im Vergleich

Abendvortrag:

Christoph Nonn (Düsseldorf): Die Ruhrbergbaukrise – Innovation und Untergang

Unternehmerische Strategien nach 1945:

Stefanie van de Kerkhof (Mannheim): Die Westdeutsche Rüstungsindustrie zwischen Wiederaufbau, Boom und Krise – Rheinmetall als Fallbeispiel in vergleichender Betrachtung

Daniel Dören (Bochum): Von der Bergwerksgesellschaft zum diversifizierten Chemieunternehmen. Die Hibernia AG 1951–1968

Daniel Wylegala (Düsseldorf): Wandel durch Erfahrung. Der Auf- und Ausbau der betrieblichen Forschung und Entwicklung des Thyssen- sowie des Kruppkonzerns von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1970er-Jahre

Diskussionsrunde: Die Bergbaugeschichte in der modernen Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte

Lars Bluma (Bochum)
Michael Farrenkopf (Bochum)
Dieter Ziegler (Bochum)

Anmerkung:
[1] Helmuth Trischler, Partielle Modernisierung. Die betrieblichen Sozialbeziehungen im Ruhrbergbau zwischen Grubenmilitarismus und Human Relations, in: Matthias Frese / Michael Prinz (Hrsg.), Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel im 20. Jahrhundert, Paderborn 1996, S. 145-171, hier S. 162.

Zitation
Tagungsbericht: Der Steinkohlenbergbau in Boom und Krise nach 1945. Das Ruhrgebiet als Vergleichsfolie für Transformationsprozesse in der Schwerindustrie, 22.03.2017 – 24.03.2017 Bochum, in: H-Soz-Kult, 29.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7146>.