Probleme um die Edition städtischer und hansischer Quellen

Ort
Lübeck
Veranstalter
Hansischer Geschichtsverein / Copernicus-Vereinigung für die Geschichte und Landeskunde Westpreußens
Datum
17.03.2017 - 18.03.2017
Von
Jürgen Sarnowsky, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Am 17. und 18.3.2017 fand am Europäischen Hansemuseum in Lübeck im Bethaus des ehemaligen Dominikanerklosters ein vom Hansischen Geschichtsverein und der Copernicus-Vereinigung für die Geschichte und Landeskunde Westpreußens gemeinsam veranstalteter Workshop zu Editionsproblemen um städtische (preußische) und hansische Quellen statt, organisiert von Matthias Puhle (Magdeburg) und Jürgen Sarnowsky (Hamburg), an dem rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligt waren.

Das Programm gliederte sich nach der Eröffnung durch Matthias Puhle und Jürgen Sarnowsky in zwei Teile. Der erste Teil war mittelalterlichen Stadtbüchern und ihrer Edition gewidmet, angeregt von der von der Copernicus-Vereinigung betriebenen Edition der Kulmer Stadtbücher; der zweite widmete sich den Problemen um die Editionsreihen des Hansischen Geschichtsvereins, den Hanserecessen bzw. dem Hansischen Urkundenbuch, auf die in den letzten Jahren insbesondere jüngere Forscherinnen und Forscher aufmerksam gemacht hatten.

Der erste der vier für den ersten Teil vorgesehenen Vorträge, von Henning Steinführer (Braunschweig), musste leider aus gesundheitlichen Gründen entfallen. Der Vortrag wäre einer Vorstellung der "Stadtbücher" als Quellen sowie Überlegungen zu ihrem Quellenwert und ihrer Edition gewidmet gewesen. Den Anfang machte daher JÜRGEN SARNOWSKY (Hamburg) mit einem Überblick über die Stadtbuch-Überlieferung und -Editionen aus dem Ordensland Preußen. Auf der Grundlage der Kategorien des in Halle betriebenen Index Librorum Civitatum konnte die Vielfalt der aus Preußen bekannten Stadtbücher und der daraus entstandenen Editionen aufgezeigt werden. Dabei ergaben sich nicht nur Desiderata für weitere Editionen, sondern es wurde auch deutlich, dass eine Erfassung der Stadtbücher des Ordenslandes Preußen nach den im Hallenser Projekt entwickelten Kategorien sinnvoll ist. Die Editionen sollten den Vorlagen folgen und die Texte ohne große editorische Eingriffe wiedergeben, eine tabellarische Erfassung reicht nicht aus. Zudem bedarf es einer intensiven Erschließung, auch in digitaler Form, so zunächst bei den schwerer erfassbaren Stadtbüchern "vermischten Inhalts". Wünschenswert ist auch die Umgestaltung des Stadtbuch-Verzeichnisses in ein Portal, das Editionen und Abschriften bietet. Bei der Edition der zu den Stadtbüchern gehörenden Rezessbücher muss man ebenfalls auf die Handschriften zurückgehen, um die künstlich geschaffene moderne Form aufzulösen, wie sie in Anlehnung an die Hanserezesse – in oft unglücklicher Überlappung – und an die Reichstagsakten nicht zuletzt auch die Edition von Max Toeppen repräsentiert.

Im dritten Vortrag stellte DIETER HECKMANN (Berlin/Werder) die zehn Kulmer Stadtbücher vor und diskutierte die bereits erschienenen fünf Editionen. So edierte Arthur Semrau 1927 ein Stadtbuch der Zeit um 1400 in relativ einfacher Form zeichengetreu mit einem Apparat, während sich die Editionen von Zenon Nowak und Janusz Tandecki zum Vorstädtischen Schöffenbuch und zum Zinsbuch der städtischen Pfarrei aus den 1970er-Jahren an den Richtlinien von Adam Wolf orientierten und teilweise in den Text eingriffen. 1999 folgte die Edition des Kulmer Gerichtsbuchs der Jahre 1330 bis 1430 durch Carl August Lückerath und Friedrich Benninghoven, die deutsche und lateinische Teile gleich behandelte, aber ebenfalls in den Text eingriff. Die zuletzt im Druck erschienene Edition des Schöffenbuchs der Stadtfreiheit Kulm, begonnen von Johann Karl von Schroeder und abgeschlossen von Bernhart Jähnig, unterscheidet 111 Hände, die aber mit einer Ausnahme nicht identifiziert werden konnten. Ein sechster Band, das Kulmer Zinsregister der Jahre 1423-1457, liegt bereits in Transkription vor, muss aber noch abschließend bearbeitet werden. Heckmann forderte die Erarbeitung gemeinsamer Erschließungsrichtlinien, die sich z.B. für deutsche Texte an seinen Vorschlägen orientieren könnte, für lateinische an denen von Johannes Schultze. Vor diplomatischen Abschriften sollten Groß- und Kleinschreibung, Ligaturen, Emendaturen und Hände geklärt werden. Die reichhaltige Kulmer Überlieferung verdient auf jeden Fall eine vollständige Edition.

Im Anschluss zeigten ALEXANDER KREY (Frankfurt am Main) und PHILIPP HÖHN (Frankfurt am Main) die Möglichkeiten zur rechtshistorischen Arbeit mit den Städtebüchern auf. Die norddeutsche Kategorie Stadtbuch umfasst im weiteren Sinne alles, was in der Stadt geschrieben und niedergelegt wurde. Dies erklärt die Inhomogenität der Überlieferung, wie sie etwa in einem verlorenen Stadtbuch Lübecks, aber ebenso noch in den Lübecker Niederstadtbüchern fassbar wird. Die Buchreihen differenzierten sich durch Ausgliederung, so gelegentlich durch die Entstehung einer eigenen Gattung von Gerichtsbüchern wie in Lübeck. Vielfach war ein Eintrag Ausdruck freiwilliger Gerichtsbarkeit, daneben entstanden Gerichtsprotokollbücher, die aber nicht Oralität in schriftlicher Form wiedergeben. Die Editionen geben die überlieferten Texte nur teilweise adäquat wieder. So edierte Hans Planitz die Kölner Schreinsbucheinträge nur in einer Auswahl, die "unkontaminiert" vom Römischen Recht sein sollte, und Wilhelm Ebel gab mit seiner Edition ein geschlossenes Rechtssystem vor, das so nicht existierte, indem er z.B. durch die Überschriften schon die Deutung vorwegnahm. Dagegen bieten die Editionen des Stralsunder Liber memorialis, des Lübecker Societates-Registers und des (zweiten) Niederstadtbuchs bewusst die Texte in vollem Wortlaut. Als Problem erweist sich immer wieder die Indizierung, wenn etwa Quellentermini genutzt werden. Das Stadtbuch erfordert zudem immer eine Vernetzung mit anderen Quellen.

Es folgten drei Vorträge zu den hansischen Editionen. Den Anfang machte CARSTEN JAHNKE (Kopenhagen) mit einer kritischen Analyse von Hanserezessen und Hansischem Urkundenbuch und ihrer Entstehung. Der erste Anstoß kam nach 1802 mit Georg Sartorius, der seine Pläne für eine Urkundensammlung aber nicht umsetzen konnte. Sein Nachfolger war Johann Martin Lappenberg, der sich zusammen mit Georg Waitz um Unterstützung durch die unter Maximilian II. von Bayern gegründete Bayerische Akademie der Wissenschaften bemühte. Nach dessen Tod wurde in München nur die erste Reihe der Hanserecesse fortgeführt, die Leitung der weiteren Editionen ging an den 1870 gegründeten Hansischen Geschichtsverein über. Die Edition der ersten beiden Reihen der Hanserecesse und der ersten Bände des Hansischen Urkundenbuchs lagen beim "hansischen Arbeiterkleeblatt" Karl Koppmann, Goswin von der Ropp und Konstantin Höhlbaum, die die Grundlinien festlegten und auf gemeinsamen Reisen sich auf wenige Archive beschränkten und die Ergebnisse gemeinsam auswerteten. Ihre Idee von der Hanse bestimmte die Auswahl, der Fokus lag auf dem "allgemeinen Handelsinteresse" und damit insbesondere auf der gesamthansischen Politik. Die regionalen Tage fanden zunehmend weniger Aufnahme, den Schwerpunkt bildete der wendisch-sächsische Raum. Privilegien wurden kaum aufgenommen, ebenso Zollrollen. Für die Rezesse wurde keine Leithandschrift gewählt, die Texte wurden an eine lübische Standardsprache angeglichen. Im Aufbau lehnte man sich an die Edition der Reichstagsakten an und legte die aufzunehmenden Texte künstlich fest. Die Regesten und Anmerkungen transportieren die Wertungen, Siegelbeschreibungen und genauere Angaben zur Überlieferung fehlen. Die Editionen sind damit für eine Analyse der Hanse und der Hansetage nicht nutzbar, es bedarf der Herstellung der Provenienz und der Rückkehr in die Archive.

Daran schloss der Beitrag von ANGELA HUANG (Lübeck) und ULLA KYPTA (Basel) an, die einen Vorschlag für die Neuausrichtung der hansischen Editionstätigkeit entwickelten. Ausgangspunkt war eine Umfrage unter Fachleuten, die – so etwa Joachim Deeters – auf die Unschärfe der Quellengattung Rezess hinwiesen und zudem kritisierten, dass die Hanserezesse und das Hansische Urkundenbuch vielfach den Kontext der Überlieferung unklar lassen. Auch die Verwendung analytischer Begriffe wie "Tagfahrt", "Verhandlung", "Versammlung", "Ratssendeboten" sollte kritisch überprüft werden. Da die Rezesse weiterhin ein wichtiges Objekt der Forschung darstellen, sollte ein "Handbuch" zu den Problemen erarbeitet werden. Ein solcher Leitfaden müsste die Auswahl-Prinzipien der Editionen der Hanserezesse verdeutlichen, die vielfach chronologisch oder nach Archivalien geordnete Einzelstücke präsentieren. Band 7 der ersten Abteilung bietet z.B. für die ersten Jahre 174 Briefe gegenüber nur sechs Protokollen, oft auf der Grundlage anderer Drucke. Die Nutzung der älteren, bereits erschlossenen Überlieferung wie der noch nicht edierten Rezesse aus der Zeit nach 1537 sollte sich dagegen allein an den Protokollen orientieren. Das Ziel sollte eine Edition zu den niederdeutschen Städtetagen sein.

Im letzten Vortrag entwickelt STUART JENKS (Erlangen) am Beispiel der auch für die Hanse relevanten Londoner Zollakten Methoden zur besseren Erschließung des in den Editionen enthaltenen Namensmaterials, die immer vom Benutzer ausgehen müssten. Die Indizes sollten einheitliche Formen bieten und verschiedene Sachbegriffe unter Sammelbegriffen bzw. Themenfeldern zusammenfassen. Für die Hanseforschung wäre die Edition weiterer Zollakten etwa aus Boston und Hull ertragreich, aber auch die der u.a. den Küstenhandel spiegelnden Portbooks.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Zusammenfassung der Ergebnisse durch Jürgen Sarnowsky und Matthias Puhle, die nachdrücklich die Weiterarbeit an den Editionen auf neuen Grundlagen einforderten.

Konferenzübersicht:

Matthias Puhle (Magdeburg) / Jürgen Sarnowsky (Hamburg): Eröffnung

Stadtbücher und Amtsbücher

Henning Steinführer (Braunschweig): Stadtbücher als Quellen

Dieter Heckmann (Berlin/Werder): Die Edition der Kulmer Stadtbücher

Alexander Krey / Philipp Höhn (Frankfurt am Main): Die Stadtbücher als Rechtsquellen

Jürgen Sarnowsky (Hamburg): Stadtbücher-Editionen und Ständeakten.

Die hansischen Editionen auf dem Prüfstand

Carsten Jahnke (Kopenhagen): Die Editionsreihen HR und HUB

Angela Huang (Lübeck) / Ulla Kypta (Basel): Kritische Überlegungen zu den hansischen Editionen

Stuart Jenks (Erlangen): Editionen „nicht-hansischer“ Quellen zur hansischen Geschichte

Matthias Puhle (Magdeburg): Zusammenfassung

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Probleme um die Edition städtischer und hansischer Quellen, 17.03.2017 – 18.03.2017 Lübeck, in: H-Soz-Kult, 13.09.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7298>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.09.2017