Rector maris: Sextus Pompeius und das Meer

Ort
Berlin
Veranstalter
Freie Universität Berlin
Datum
20.07.2017 - 21.07.2017
Von
Carlotta Voß, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Pirat, Seekönig, Neptuns Sohn in blauem Mantel – Sextus Pompeius, Widersacher des späteren Kaisers Augustus, ist in der antiken Rezeption wie kein anderer Bürgerkriegsteilnehmer als Figur des Meeres entworfen worden. Die Schlagworte dieses maritimen Diskurses sind bekannt, an einer ausführlichen Untersuchung seiner Hintergründe, Mechanismen und normativen Parameter fehlte es indes bislang. Die Tagung „Rector maris: Sextus Pompeius und das Meer“ an der Freien Universität Berlin stieß in diese Forschungslücke und suchte die titelgebende Beziehung des Sextus zum Wasser aus interdisziplinärer Perspektive zu beleuchten. Vier Panels strukturierten die Konferenz: Unter der Überschrift „Meer und Legitimation“ wurde in drei Vorträgen zunächst die Entwicklung maritimer Bezüge im Diskurs der Republik nachgezeichnet und mithin ein Kontext für die Bewertung von Sextus‘ meerzugewandter Selbstdarstellung und seiner maritimen Kriegsstrategie geschaffen – Themen, die im Zentrum des zweiten Panels, überschrieben „bellum Siculum“, standen. Das dritte Panel stellte mit dem Titel „Historische Narrative“ einen Rahmen für die Analyse der historiographischen Verarbeitung und Ausdeutung von des Sextus Verhältnis zum Meer, im vierten Panel, bezeichnet „Dichtung und Wirkung“, wurde schließlich der Rezeption der Figur in römischer Poesie und frühneuzeitlichem Drama nachgegangen.

CHRISTIAN ROLLINGER (Trier) schuf mit seinem Eröffnungsvortrag der Tagung eine breite Grundlage, suchte er doch die Figurationen von Seemacht in der aristokratischen Repräsentation der späten Republik einer systematischen Betrachtung zu unterziehen. In der Auswertung numismatischer und archäologischer Zeugnisse vermochte er eine wachsende Intensität in der Ausstellung maritimer Potenz vom 2. Jahrhundert v.Chr. bis zu Augustus aufzuzeigen. Vor allem im Bürgerkrieg habe sich der Diskurs verschärft: Das Meer – im Verlauf des 1. Jahrhunderts durch den wachsenden aristokratischen Konkurrenzdruck und die tagespolitischen Notwendigkeiten schon als Ort der Selbstdarstellung erschlossen – sei dort zum Beherrschungsobjekt stilisiert worden, eine Entwicklung, in die sich Sextus eingefügt und die Augustus schließlich ihrem Höhepunkt zugeführt habe.

ERNST BALTRUSCH (Berlin) ergänzte die Thesen Rollingers mit einem Blick auf die literarischen Quellen. Auch er suchte zunächst den spätrepublikanischen Drang aufs Meer aus dem politischen System zu erklären, das die Nobilität zunehmend unter den Zwang persönlicher Profilierung gesetzt habe, und deutete schließlich Caesars maritime Selbstdarstellung, ein bis dahin unerreichter propagandistischer Superlativ im römischen Konkurrenzkampf, als konfrontative Weiterentwicklung der Legitimationsstrategie des Pompeius Magnus.

DOMINIK MASCHEK (Birmingham) bettete die althistorischen Beiträge seiner Vorredner in einen archäologischen Kontext ein und verortete die maritime Bildsprache der Bürgerkriege und mithin auch des Sextus in einer weit zurückreichenden Traditionslinie: Indem er die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung römischer maritimer Motivik und der Ausweitung des Seehandels ab Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. herausstellte, erhellte er die wirtschaftlichen Vorbedingungen der politischen Propaganda im Bürgerkrieg.

Mit Panel 2 rückte die militärische und propagandistische Auseinandersetzung zwischen Sextus Pompeius und Octavian ins Zentrum der Betrachtung. BARRY STRAUSS (Ithaca) unterzog die militärische Strategie und Taktik des Sextus, vornehmlich in den Kampagnen von 38 und 36 v.Chr., einer ausführlichen Untersuchung, an deren Ende das Fazit stand, dass Sextus‘ Siegesstrategie – nach Strauss vornehmlich die Demütigung Octavians – trotz ihrer Potenziale schließlich an ihrer Einseitigkeit habe scheitern müssen.

PHILIP DE SOUZA (Dublin) führte die militärhistorische Perspektive fort. Er suchte Sextus‘ Kriegsführung zu kontextualisieren, indem er die ihre Darstellung prägende „raid mentality“ als zentrales Element und Konstante der antiken Kriegführung im Mittelmeerraum herausstellte. Über die Rekonstruktion von Kriegsschiffmodellen veranschaulichte er seine These, dass die antiken Flotten bauartlich weniger auf spektakuläre Schiff-gegen-Schiff-Konfrontationen auf hoher See ausgelegt gewesen seien denn auf Landüberfälle, die Materialgewinn versprochen und dem Gegner psychologische, wirtschaftliche und politische Schäden gleichermaßen zugefügt hätten.

Wieder der repräsentativen Verarbeitung von Seesiegen wandte sich sodann WILHELM HOLLSTEIN (Dresden) zu, der die Münzprägung des Sextus Pompeius auf Sizilien – Bezugspunkt für alle Vortragenden – einer gründlichen Analyse unterzog und dabei neue Erkenntnisse zu Prägestätten und Datierungen vorlegen konnte. Exkurse zur Prägung anderer Bürgerkriegsteilnehmer halfen schließlich dabei, des Sextus Münzprogramm in einem größeren Kontext zu verorten.

CRISTINA ROSILLO-LÓPEZ (Dresden) führte in ihrem Vortrag von Sizilien wieder zurück nach Rom. Sie ging der erstaunlich positiven Rezeption des Sextus dort nach und legte drei Faktoren frei, die die öffentliche Meinung zu Gunsten des Pompeiussohnes zu beeinflussen vermocht und zugleich dessen maritime Selbstdarstellung fortgeschrieben hätten: den Briefaustausch zwischen Exilierten in Sizilien und ihren in Rom verbliebenen Verwandten, die in der domus rostrata, inmitten der Stadt, dauerhaft materialisierte Erinnerung an die Taten seines Vaters, und schließlich politische Literatur mit sextusfreundlicher Tendenz und heterogenem Adressatenkreis.

Panel 3 wurde von LAURA KERSTEN (Berlin) eröffnet, die in ihrem Beitrag die Figur des Sextus Pompeius im Narrativ des Appian eingehend untersuchte. Sextus sei durch den Historiographen, ganz wie die Triumvirn, als Kämpfer um die Teilhabe an der Herrschaft im Imperium Romanum gezeichnet worden, als eben jener „vierte Tyrann“, als den ihn das Volk von Rom nach dem Scheitern des Vertrages von Misenum tituliert habe. Unterschieden werde er von den anderen Bürgerkriegsteilnehmern lediglich durch seine überspannte maritime Selbstdarstellung, die Appian freilich kausal an niedergangbringenden Stolz geknüpft und negativ konnotiert habe. Er folge in seiner kritischen Sextus-Darstellung, so Kersten weiter, mithin einer breiten historiographischen Tradition und könne nicht, wie bisweilen in jüngerer Forschung geschehen, als Sonderfall im Quellenkanon bewertet werden.

Auch CHRISTIAN WENDT (Berlin / Bochum) spürte der literarischen Repräsentation des Sextus in historiographischen Werken nach. Er wies in einer vergleichenden Zusammenschau zentraler Narrative auf eine wiederkehrende Tendenz in ihren Sextusdarstellungen hin, den Pompeiussohn – gerade ob seiner Hinwendung zum Meer – mit der bedrohlichen Sphäre des Irrationalen, des Wahnsinns, des Okkultismus zu verknüpfen und entdeckte ihn darin als Schlüsselfigur des Bürgerkriegsnarrativs, nach Beispiel etwa des sallustischen Catilina modelliert, um zum Sinnbild allgemeingesellschaftlicher Verwirrung, ja, zum personifizierten Strukturmerkmal der Bürgerkriege als einer geradezu thukydideischen stasis mit ihrer totalen Werteumkehr zu werden.

Das vierte und letzte Panel eröffnete CHRISTOPHER LONDA (New Haven) mit einem Beitrag zur Rezeption des Sextus in der Dichtung des Horaz, in dem die Potenziale und Schwierigkeiten einer Nutzung von Epoden und Oden als historische Quellen aufgezeigt wurden: Auf der einen Seite ermöglichten die Werke, so Londa, einen einzigartigen Einblick in den zeitgenössischen und frühaugusteischen Diskurs in Rom, auf der anderen Seite entzögen sie sich in ihrer lyrischen Ästhetik der eingängigen Deutung: Namentlich taucht Sextus bei Horaz nirgends auf, seine Präsenz im Text ist an maritime Bildsprache geknüpft, die, so Londa weiter, in ihrer allusiven Natur unweigerlich ambig bliebe – auch wenn sich in der Rezeption der Dichtung rasch einseitig verengte Interpretationen durchgesetzt hätten. So habe die scholiastische Tradition, gleichsam als „long tail of Augustean propaganda“, eine Negativfigur des Sextus aus den Werken modelliert. Fortgetragen hätte sie freilich auch die bei Horaz vorgefundene Verbindung des Sextus mit dem Meer – und so das zentrale Element von dessen Selbstdarstellung, wenn auch in pejorativer Umkehrung, in die Erinnerungskultur überführt.

FELIX MUNDT (Berlin) vertiefte den Blick auf die Rolle des Sextus Pompeius in der römischen Dichtung: Von Lucan und Vergil über Horaz bis zu Properz arbeitete er sich durch die Schichten der poetischen Sextus-Rezeption – angeleitet von der Frage, ob trotz der Omnipräsenz der Actiumbezüge Verweise auf Sextus zu finden seien. Während er bei Lucan und Horaz derer einige ausmachte, diagnostizierte er Schweigen bei Properz – einen Umstand, den er mit dem Alter des zweiten erklärte: Anders als Horaz sei Properz bereits stark von der augusteischen Darstellung der Bürgerkriege geprägt gewesen. Bei Vergil werde Sextus zwar nicht ausdrücklich erwähnt, die Aeneis aber könne als steter Verweis auf das bellum Siculum gelesen werden.

Ein Blick auf die frühneuzeitliche Rezeption des Sextus Pompeius führte die Tagung schließlich ihrem Ende zu. HEATHER JAMES (Los Angeles) beleuchtete die interpretative Verarbeitung des Sextus in Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ und suchte jene dann über eine Annäherung an des Dichters Pompeiusbild in der shakespeareschen Gedankenwelt zu verorten. Pompeius Magnus nämlich sei in einer Vielzahl von Shakespeares Werken als positive Referenzfigur präsent – in Erinnerungen, Träumen und Allusionen evoziert und stets mit Meer, Macht und republikanischen Werten assoziiert –, wiewohl ihm nie ein Auftritt als dramatis persona gewährt werde. James suchte diesen verwunderlichen Umstand aus Shakespeares politischer Philosophie heraus zu erklären: Die Schilderung von Pompeius gewaltsamem Tod bei Plutarch, besonders die bildhafte Szene von der Darbietung des Gemordeten Kopf an den siegreichen Caesar, habe den Dichter ob ihres hohen symbolischen Gehalts – die Enthauptung des Pompeius als Sinnbild für die Enthauptung der Republik – so nachhaltig geprägt, dass er dem Triumvirn ein ideelles Andenken haben schaffen wollen.

Am Ende der Konferenz ließ sich das ihr titelgebende Bild vom rector maris, von Sextus Pompeius im Neptunsmantel, in neuer Beleuchtung betrachten; jeder der 12 Vorträge erhellte eine andere seiner Facetten. Die gemeinsame Untersuchung des maritimen Diskurses brachte nicht nur neue Erkenntnisse zur Figur des Sextus, seiner Selbstdarstellung und Rezeption hervor, sie gab auch Aufschluss über die Bedeutung des Meeres in der Republik, seine propagandistische Funktion und seine motivische Nutzung in der dichterischen und historiographischen Aufarbeitung der Bürgerkriege, kurz: Am Fallbeispiel vermochte die Tagung das Verhältnis des antiken Menschen zum Meer in spezifischer Weise zu problematisieren.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Meer und Legitimation / Legitimacy and the Sea

Christian Rollinger (Trier): Rom, das Reich und das Meer. Figurationen von Seemacht in der Späten Republik

Ernst Baltrusch (Berlin): „Wer das Meer beherrscht, der wird unbedingt den Krieg…“ (Cic. Att. 10,9,4) – Der lange Weg republikanischer Legitimationsstrategien zur See

Dominik Maschek (Birmingham): Waves of Fortune, Waves of Fate. Sextus Pompeius and the Importance of Marine Symbolism in Rome’s Civil Wars

Panel 2: Bellum Siculum

Barry Strauss (Ithaca): Sextus Pompey and the Strategy and Tactics of Ancient Seapower

Philip de Souza (Dublin): The Naval Operations – Sextus Pompeius in the Light of Recent Research

Wilhelm Hollstein (Dresden): Die Münzprägung des Sextus Pompeius in Sizilien

Cristina Rosillo-López (Dresden): Public Opinion in Rome and the Popularity of Sextus Pompeius

Panel 3: Historische Narrative / Historical Narratives

Laura Kersten (Berlin): Der vierte Tyrann. Sextus Pompeius im Narrativ des Appian

Christian Wendt (Berlin / Bochum): Animus inquies. Sextus Pompeius als Figur der stasis

Panel 4: Dichtung und Wirkung / Poetry and its Effect

Christopher Londa (New Haven): Sextus Pompey in Horatian Sea-Change

Felix Mundt (Berlin): Im Schatten von Actium. Sex. Pompeius und der Ptolemäische Krieg in der römischen Dichtung

Heather James (Los Angeles): Pompey and Son in Shakespeare’s Antony and Cleopatra

Zitation
Tagungsbericht: Rector maris: Sextus Pompeius und das Meer, 20.07.2017 – 21.07.2017 Berlin, in: H-Soz-Kult, 11.09.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7311>.
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Veröffentlicht am
11.09.2017
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