Historikertag 2014: Kultur- und Mediengeschichte

Von
Christoph Hilgert, Gießen / Frankfurt am Main

Besprochene Sektionen:

„The Winner Takes It All“. Popgeschichtliche Narrative des 20. Jahrhunderts zwischen Ausbeutung und Emanzipation
Konstruktionen des Heroischen. Transformation und Niedergang einer politischen Kategorie im 20. Jahrhundert
Wertsachen. Gewinn und Verlust im „global life of things“
Fühlen wir (jetzt auch noch) Geschichte? Emotionsforschung als Erkenntnisgewinn oder Orientierungsverlust
Gewinner und Verlierer im medialen Geschichtsunterricht. Personalisierung von historischen Persönlichkeiten in den öffentlich-rechtlichen Medien
Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik

Historikertage sind nicht nur zentrale Diskussionsforen, sondern auch wichtige Schaufenster und gemeinschaftsstiftende Versammlungen der vielgestaltigen deutschen Geschichtswissenschaft. Mithin ist es höchst attraktiv, neue Forschungsansätze in diesem großen Rahmen zur Diskussion zu stellen. Das bestätigte sich auf dem 50. Deutschen Historikertag in Göttingen. In gleich mehreren Sektionen, die einen kultur- und/oder mediengeschichtlichen Schwerpunkt aufwiesen oder sich aus dieser Warte mit einigem Gewinn betrachten ließen, wurde vermeldet, dass der behandelte Gegenstand erstmals auf einem Historikertag diskutiert werde, wobei in der Regel ein selbstbewusstes „endlich“ mitschwang. Das Etikett des Innovativen nahmen etwa Podien zur Pop-Geschichte, zur Homosexualität, zur Emotionsforschung, zu Mensch-Tier-Beziehungen oder Dinggeschichten für sich in Anspruch. Interessanterweise wurde bei den jeweiligen konzeptionellen Betrachtungen selten explizit an die Debatten zur neuen Kulturgeschichte angeknüpft. Und anders als noch auf dem Historikertag in Mainz wurden kaum genuin mediengeschichtliche Fragen oder die Bedeutung der Massenkommunikation für den Lauf der Geschichte verhandelt. Ist beides mittlerweile evident oder deuteten sich insbesondere mit Blick auf die – nicht mehr ganz so neue – neue Kulturgeschichte erste Absetzbewegungen an? Vermutlich besteht die Antwort aus einem entschiedenen Sowohl-als-auch.

Für einen Historikertag (noch) vergleichsweise ungewohnte Töne waren in der von DETLEF SIEGFRIED (Kopenhagen) und BODO MROZEK (Berlin/Potsdam) geleiteten Sektion „‚The Winner Takes It All’. Popgeschichtliche Narrative des 20. Jahrhunderts zwischen Ausbeutung und Emanzipation“ zu hören. Thematisch passende Pop-Musik-Titel, stilecht von Schallplatten eingespielt, standen der Sektion wie den Einzelvorträgen voran. Siegfried bekräftigte in seiner Einleitung, dass „Pop“ vor allem ein analytisch noch zu bestimmender Quellenbegriff für ein massenkulturelles Phänomen der Zeitgeschichte sei, das aber sehr wohl Vorläufer habe und sich keineswegs auf Musik beschränke. Die Historisierung von Pop-Geschichte(n) erweise sich als ein überaus nützliches Instrument zur Analyse des gesellschaftlichen Wandels insgesamt und schließe gut an Fragestellungen der Politik-, Protest-, Wirtschafts- und Konsumgeschichte an. THOMAS MERGEL (Berlin) hob in seinem Kommentar vor allem auf Bezüge zur neuen Politikgeschichte ab. Im Mittelpunkt der Vorträge standen indes vor allem unterschiedliche Facetten der musikalischen Populärkultur des 20. Jahrhunderts und Narrative der Pop- Geschichte. ASTRID KUSSER (Rio de Janeiro) widmete sich in ihrem Vortrag der populären Tanzkultur im 20. Jahrhundert, wobei der argumentative Bogen von öffentlichen „Cakewalk“-Veranstaltungen in den USA des ausgehenden 19. Jahrhunderts über den Film „Flashdance“ von 1983 bis zur RTL-Show „Let’s Dance“ im Jahre 2004 reichte. Der „Cakewalk“ kann als noch während der Sklaverei einsetzende Auseinandersetzung der schwarzen Community mit dem europäischen Gesellschaftstanz gelten. Zunächst rassistisch beäugt, ebnete er bald den Weg für die exzessiven Tanzvergnügen der „Roaring Twenties“ sowie für alle nachfolgenden populären Tanzstile und -ereignisse. KLAUS NATHAUS (Edinburgh) sprach über Erfolgswege in der Popgeschichte und lenkte die Aufmerksamkeit auf Eigendynamiken der sich entwickelnden Musik-Industrie. Allerdings wirkte die These einer von politischen Zäsuren oder gar Hörerinteressen weitgehend unbehelligten Pop-Geschichte am Ende doch arg überspitzt. Überzeugender war diesbezüglich der Beitrag von BODO MROZEK, der Fan-Clubs als avantgardistische „Geschmacksgemeinschaften“ der Pop-Musik zwischen 1950 und 1980 analysierte und die enge Wechselbeziehung von Produktion und Konsumption betonte. ALEXA GEISTHÖVEL (Berlin) wiederum nahm den Boom popkultureller Erinnerungsschriften zum Anlass, gängige Selbst- und Fremdinterpretationen jugendlicher Pop-Aneignung in der Geschichte zu hinterfragen. Die Verdammung oder aber die Verklärung eines hedonistischen Eintauchens in die Populärkultur im Jugendalter hätten sich zu Leiterzählungen einer Verschwendung von Ressourcen oder der Jugend selbst entwickelt. Hier könne die Geschichtswissenschaft einerseits zur Entmystifizierung beitragen. Andererseits gelte es solche Narrationen etwa als Ausdruck historisch spezifischer Sozialisierungsstrategien zu untersuchen. Die Sektion zeigte eindrücklich auf, dass die Erforschung von Popgeschichten neue und originelle Einblicke in die Geschichte insgesamt eröffnet.

Die von CHRISTOPH CLASSEN (Potsdam) und MAJA BÄCHLER (Berlin) geleitete Diskussionsrunde „Konstruktionen des Heroischen“ mühte sich, den theoretischen Mehrwert des Heldentums als Kategorie der neuen Politikgeschichte zu ergründen. Ausgangsbeobachtung war die gegenwärtige Omnipräsenz von Heldenfiguren, die wenig mit den Helden der griechischen Antike oder den bis Mitte des 20. Jahrhunderts propagierten Kriegshelden gemein haben. Konstatiert wurde eine Ausdifferenzierung der Heldenbilder, deren Bandbreite nunmehr gewissermaßen von Achilles bis zum Sitzplatzfreimacher in der Straßenbahn reicht. Auch die Gleichsetzung mit Idolen und Stars der Pop-Kultur könne hin und wieder beobachtet werden. Ob dies als Entwertung, als Niedergang oder „nur“ als Ablösung und Zivilisierung klassischer, opferbereiter Heldentypen (Kriegshelden und Märtyrer) durch eher wenig riskierende Alltagshelden zu werten sei, hänge vom eigenen Standpunkt ab. Der Politikwissenschaftler HERFRIED MÜNKLER (Berlin) brachte hier seine These vom Aufstieg postheroischer Gesellschaften, als Folge der Erosion einer religiös oder ideologisch motivierten Opferbereitschaft, ins Spiel. Helden seien narzisstische Projektionsflächen, was auch aktuelle heroische Gegenbewegungen wie etwa die Attraktivität islamistischer Gotteskrieger für einzelne Heranwachsende erkläre. JAN-PHILIPP REEMTSMA (Hamburg) zeigte indes wenig Neigung, sich auf die Fragen und Thesen der Runde einzulassen und beharrte darauf, dass es sich bei den in der Gegenwart üblicherweise genannten Helden qua definitionem eben nicht um solche handele. Dies bleibe den Protagonisten der seit der Antike etablierten Heldenepen oder allenfalls Kinofiguren wie Rambo oder der „Braut“ in Kill Bill vorbehalten. Den Glauben an die transhistorische Persistenz und Purität dieses Heldennarrativs muss man nicht unbedingt teilen, zumal er wenig analytisches Potenzial für diesbezügliche Popularisierungsprozesse eröffnet. Darüber, dass die Forcierung von Helden des Alltags jedoch eine selbstwidersprüchliche Kategorie hervorgebracht habe, waren sich alle Diskutanten einig. Zu kurz kamen die sich aufdrängenden Fragen nach der Rolle der Medien bei der Konstruktion entsprechender Heldenbilder und nach deren gesellschaftlicher Funktion.

Die von KIM SIEBENHÜNER (Bern) und SÜNNE JUTERCZENKA (Berlin) initiierte Sektion „Wertsachen. Gewinn und Verlust im ‚global life of things‘“ hatte sich auf die Fahnen geschrieben, der weltweiten Zirkulation von „Dingen“, genauer: dem „sozialen Leben“ global ausgetauschter, als wertvoll erachteter materieller Objekte, epochenübergreifend auf den Grund zu gehen.[1] In ihrer Einleitung erinnerten sie an Forderungen an die Geschichtswissenschaft, sich auch mit der „material culture“ beziehungsweise der „agency“ von Objekten zu beschäftigen. An der Schnittstelle von Globalgeschichte und materieller Kultur sei „eines der dynamischsten Forschungsfelder der jüngeren Zeit“ entstanden, das etwa Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte bereichern könne. In der deutschsprachigen Forschung bestehe aber noch Nachholbedarf. Insbesondere der These eines „social life of things“ des Ethnologen Arjun Appadurai, wonach die Zirkulation der Dinge den eigentlichen Zugang zu deren gesellschaftlicher Bedeutung biete, vermochten die Referentinnen und Referenten der Sektion viel abzugewinnen. Zugleich plädierten Siebenhüner und Juterczenka dafür, auch die „Sinnlichkeit der Dinge“, deren Materialität und den Herstellungs- und Gebrauchsprozess in die Betrachtungen einzubeziehen, was in den vorgetragenen Fallstudien vorerst aber nur ansatzweise gelang. LUCAS BURKART (Basel) spürte dem Handel orientalisch anmutender, teilweise aber im Okzident gefertigter Kunsthandwerksstücke und der kulturellen Verflechtung im Mittelmeerraum um 1500 nach. Stärker „objektbiographischen“ Charakter hatten die Studien von Kim Siebenhüner zum Handel mit Diamanten sowie zu deren transkulturell ähnlicher Wertschätzung, über den Umgang mit Seide als Rohstoff, Handelsware und Konsumgut von JULIA A. SCHMIDT-FUNKE (Jena), über die Sammlung außereuropäischer Leichen(teile) durch anatomisch oder anthropologisch interessierte Naturforscher im frühen Kolonialzeitalter von Sünne Juterczenka sowie über die herausragende Bedeutung des Samovars im Alltag und im kulturellen Selbstverständnis verschiedener Bevölkerungsgruppen im Russischen Kaiserreich und in der Sowjetunion von LEORA AUSLANDER (Chicago). In den Vorträgen ging es um materielle Objekte, die hergestellt, bewegt, gehandelt, vielleicht auch vererbt oder geraubt wurden sowie ganz generell um vielseitige Mensch-Objekt-Beziehungen. Inwiefern die Sektion dabei einen material turn der Geschichtswissenschaft beziehungsweise die Wiederkehr (be)greifbarer historischer „Realitäten“ jenseits abstrakter Diskurse und Texte forcierte, wie im Auditorium vereinzelt gemutmaßt/frohlockt wurde, mag unterschiedlich beurteilt werden. Die Vortragenden wie auch der Kommentator BERND-STEFAN GREWE (Freiburg) plädierten dafür, das „social/global life of things“ als Perspektiverweiterung in unterschiedlichen Forschungsfeldern der Geschichtswissenschaft fruchtbar zu machen, anstatt neue Großtheorien zu entwickeln. Wie lohnend eine stärkere Berücksichtigung der physikalischen Stofflichkeit historischer Artefakte – hier fehlt es der Geschichtswissenschaft allerdings oft noch an methodischer Kompetenz – und der spezifischen Beziehung zwischen Objekt und Akteur sein kann, zeigten die Vorträge allemal.[2]

Eine muntere Debatte über die Vor- und Nachteile sowie die methodischen Herausforderungen einer emotionsgeschichtlichen Perspektivierung des historischen Geschehens entspann sich in der von DOROTHEE WIERLING (Hamburg) moderierten Kurzsektion „Fühlen wir (jetzt auch noch) Geschichte?“. Für LYNDAL ROPER (Oxford) waren Emotionen nicht zuletzt ein Schlüssel zum Verständnis der Bedeutsamkeit und Wirksamkeit von Diskursen und der Entstehung von Gemeinschaften. So sei etwa die Reformation kein rationales Ereignis gewesen und daher nur durch Einbeziehung von Emotionen verständlich. UTE FREVERT (Berlin) erinnerte daran, dass es sich dabei keineswegs um einen neuen Ansatz handele. Vielmehr gebe es Traditionslinien mindestens bis zur Annales-Schule.[3] Anspruch sei es nicht eine neue Subdisziplin der Geschichtswissenschaft zu postulieren, sondern dieser eine vielfältig instruktive Forschungsperspektive beizusteuern. Wichtig für entsprechende Untersuchungen sei es zwischen Emotionen und Mentalitäten beziehungsweise affektiven und kognitiven Formen der Umweltauseinandersetzung zu unterscheiden. Daran anknüpfend wiesen BENNO GAMMERL (Berlin) und FRANK BÖSCH (Potsdam) auf die soziokulturelle Konditionierung von Gefühlen hin, die eine Fülle an instruktiven Forschungsfragen eröffne. Neben ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Studien zur Gefühlsforschung oder Untersuchungen einzelner, spektakulärer Emotionsäußerungen regte Bösch etwa an, verstärkt Gefühle materiell, räumlich und zeitlich zu verorten, Praktiken des Emotionsmanagements und das Zusammenspiel von Emotionen und medialer Massenkommunikation zu untersuchen. VALENTIN GROEBNER (Luzern) nahm einmal mehr die Rolle des Advocatus Diaboli ein und machte auf die enormen methodischen Schwierigkeiten der historischen Emotionsforschung und den unsicheren Mehrwert dieses in der Tat schon länger diskutierten Ansatzes für die Geschichtswissenschaft aufmerksam. So mangele es einerseits schlicht an Quellen, die – abgesehen von einigen konkreten Situationen – zuverlässig Aufschluss über die emotionalen Befindlichkeiten von Einzelpersonen gäben. Wie ließen sich etwa echte von simulierten Gefühlen unterscheiden? Und welches historische Forschungsvorhaben hätte andererseits eigentlich nichts mit Gefühlswelten zu tun? Groebner argwöhnte, dass hinter diesem Ansatz die Sehnsucht nach einem kulturwissenschaftlichen Generalschlüssel oder die Verheißung einer freilich nicht erreichbaren Superanthropologie stecke. Bisweilen scheine es sich gar nur um ein nützliches Etikett im Wettstreit um Forschungsgelder zu handeln. Was hat eine Emotionsgeschichte also Neues zu bieten? Kann sie beispielsweise ein Gegengift zu abstrakten Diskursgeschichten beziehungsweise eine notwenige Bereicherung und Korrektur der Perspektiven der neuen Kulturgeschichte sein? Immerhin habe die Emotionsgeschichte den Anspruch auch das Ungesagte einzubeziehen. Diesem Ansinnen konnte auch Groeber seinen Reiz abgewinnen. Strittig blieb, wie dies umzusetzen sei. Außerordentlich irritiert zeigte sich etwa JÜRGEN REULECKE (Gießen) im Auditorium angesichts der vermeintlichen Geringschätzung psychologischer Forschungserkenntnisse als mögliche Impulse und Referenzpunkte der an Emotionen interessierten Geschichtswissenschaft durch Ute Frevert. Allerdings hatte diese primär auf die Grenzen des interdisziplinären Austauschs hingewiesen; etwa wenn, wie in dem von ihr geleiteten Forschungsbereich am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Historiker und Experimentalpsychologen aufeinandertreffen. Dass Gefühle beziehungsweise Gefühlsäußerungen dem historischen Wandel unterliegen, also keine überzeitlichen Phänomene darstellen, sei für Historiker evident. Manche psychologischen Modelle operierten hingegen mit der Prämisse psychologischer Konstanten. Da sei ein fruchtbarer Austausch oft nicht zu bewerkstelligen. Am Ende waren sich die Diskutanten auf dem Podium und im Auditorium einig, dass eine stärkere Einbeziehung der Emotionen in die Geschichtswissenschaft prinzipiell erstrebenswert sei, eine geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen vollumfänglich genügende Theorie und Methode allerdings immer noch auf sich warten lasse – frei nach Brecht: Der Vorhang zu und fast alle Fragen offen…

Die eigensinnige Rolle von Massenmedien, wie dem Fernsehen, bei der öffentlichen Konstruktion historischen Wissens diskutierte die vom Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e.V. (VGD) organisierte und von CHRISTIAN JUNG (Bietigheim-Bissingen) geleitete Sektion „Gewinner und Verlierer im medialen Geschichtsunterricht. Personalisierung von historischen Persönlichkeiten in den öffentlich-rechtlichen Medien“. JOACHIM HORN (Leipzig) vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) stellte sichtlich stolz die geschichtsjournalistischen Projekte seines Hauses vor und kam insbesondere auf das Onlineportal „Eure Geschichte“ zu sprechen, das in enger Abstimmung mit dem VGD die Geschichte der DDR aufbereite. Unter anderem werde textliches und audiovisuelles Material aus den historischen Programmbeständen des MDR und des früheren DDR-Rundfunks zugänglich gemacht. Inwiefern dieses Angebot im Geschichtsunterricht tatsächlich gewinnbringend genutzt werden kann beziehungsweise ob die didaktische Rahmung für außerschulische Nutzungskontexte ausreicht, wurde leider nicht ernsthaft diskutiert. STEFAN BRAUBURGER (Mainz), der betont sachliche Nachfolger Guido Knopps als Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, wiederum präsentierte die Vorzüge einer personalisierten Erzählweise im Geschichtsfernsehen am Beispiel der Folge über Sophie Scholl in der 2013 erstmals ausgestrahlten Sendereihe „Frauen, die Geschichte machten“. Sinn sei es, durch die Ich-Perspektive der Sophie Scholl und die auch sonst konsequent fiktionalisierte Darstellung, die an einen Spielfilm angelehnt ist, es nicht zuletzt jüngeren Zuschauern zu erleichtern, das historische Geschehen beziehungsweise die geschichtsdidaktischen Aussagen nachzuvollziehen. Emotionale und personalisierte Darstellungsformen seien affizierender und damit letztendlich lehrreicher als nüchterne Formen. Um die dafür notwendige Vereinfachung partiell auszugleichen, sei es heutzutage üblich, entsprechende Filme durch weitere Medienangebote zu flankieren. Darüber, inwiefern diese durchaus auch ökonomisch motivierte Strategie tatsächlich aufgeht, wäre freilich noch zu sprechen. Der Mainzer Geschichtslehrer RALPH ERBAR machte sich anschließend daran, die filmische Darstellung der Sophie Scholl und das vermittelte Geschichtsbild zu dekonstruieren. Aus geschichtsdidaktischer Warte zeichnete er klar die Differenzen zwischen wissenschaftlich nachvollziehbarem historischen Geschehen und der geschichtsdidaktisch gebotenen Komplexitätsreduktion beziehungsweise deutenden Inszenierung nach. Analog skizzierte er die schrittweise Idealisierung Sophie Scholls in der deutschen Erinnerungskultur von der bloßen Mitwisserin zur Seele des Widerstands. Erbars Ausführungen erschöpften sich nicht in der mehr oder weniger ergiebigen Frage, inwiefern hier von einer Geschichtsklitterung zu sprechen sei, sondern mündeten im Plädoyer, in den Schulen vermehrt auf den Konstruktionscharakter historischer Erzählungen einzugehen und die Medienkompetenz zu stärken. In die gleiche Richtung argumentierte auch der wissenschaftliche Kommentar des Gießener Geschichtsdidaktikers VADIM OSWALT. Ausgehend von der Feststellung einer substanziellen Bedeutungszunahme „informeller Akteure“ im Bereich der historischen Bildung, bekräftigte er die Herausforderung, im Geschichtsunterricht nicht nur zur klassischen Quellenanalyse, sondern auch zur Darstellungsanalyse zu befähigen. Das Florieren refigurierter und fiktionalisierter Präsentationsformen in den Massenmedien erfordere es nicht nur, Fragen an die Geschichte, sondern auch Fragen an die Geschichte(n) der Geschichte zu stellen.

Welch fundamentale Bedeutung die Struktur und Mission von Archiven für die Möglichkeiten der historischen Forschung und Lehre hat, wurde unterdessen in der archiv- und sammlungsgeschichtlichen Sektion „Aus der Niederlage lernen? Archivische Überlieferungsbildung, Sammlungsaktivitäten und Erinnerungskultur in der Weimarer Republik“ deutlich, die von WOLFGANG ZIMMERMANN (Heidelberg) moderiert wurde. Der Erste Weltkrieg bewirkte einen markanten Umbruch im (deutschen) Archivwesen, wie ROBERT KRETZSCHMAR (Stuttgart/Tübingen) im Hinblick auf Bewertungsdiskussionen und den Aufbau zeitgeschichtlicher Sammlungen sowie MICHAEL HOLLMANN (Koblenz) anhand der Gründungsgeschichte des Reichsarchivs in ihren Vorträgen eindrücklich nachzeichneten. Die Zäsur bestand insbesondere darin, dass nicht mehr nur mittelalterliche und frühneuzeitliche Akten, sondern auch neuartige, nichtstaatliche Materialien der allerjüngsten Zeitgeschichte, wie etwa Plakate oder Postkarten, als archivwürdig einstuft, geschichtswissenschaftliche Kompetenzen angemahnt und erstmals Archivstrukturen auf Reichsebene eingerichtet wurden. Dies geschah nicht allein aus archivfachlichen Überlegungen, sondern war ein zutiefst politischer Akt. Das zunächst gesammelte Material sollte etwa Argumente für die Kriegsschulddebatte liefern und die militärischen Anstrengungen sowie den Alltag der „im Felde unbesiegten“ deutschen Soldaten möglichst breit dokumentieren. Nichtsdestotrotz ist eine rasche und nachhaltige Zivilisierung und archivfachliche Professionalisierung der ursprünglich aus Armeedienststellen entstandenen militärgeschichtlichen Sammlungen festzustellen. Dies ermöglichte nicht nur Kooperationen mit Archivaren der ehemaligen Kriegsgegner, sondern auch eine zukunftsweisende Debatte über die Modifikation der archivalischen Methode. Der Vortrag von RAINER HERING (Schleswig/ Hamburg) verdeutlichte am Beispiel kirchlicher Quellen zum Ersten Weltkrieg wiederum wie lohnend der Blick in Bestände der Kirchenarchive sein kann, die bislang nur unzureichend ausgewertet worden sind. Grundsätzlich unterstrich die vom Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. betreute Sektion, dass die Historisierung archivalischer Sammlungs-, Bestandsbildungs- und Erschließungslogiken, die in erheblichem Maße die Möglichkeiten der heutigen und künftigen Geschichtsschreibung determinieren, ein überaus wichtiges (kulturhistorisches) Forschungsfeld bilden. Nicht zuletzt mag daraus die Aufforderung abzuleiten sein, sich als Geschichtswissenschaft in Zeiten des scheinbaren Informationsüberflusses und der Digitalisierung stärker für die aktuellen archivalischen Debatten zu interessieren.

Die betrachteten Sektionen einte das Bedürfnis, bei allen Vorzügen kulturhistorischer Zugriffe deren Grenzen und Leerstellen nicht außer Acht zu lassen. Vereinzelt war ein Überdruss an einer auf Diskurse, Konstruktionen, Repräsentationen und „virtuelle“ Befindlichkeiten fixierten kulturhistorischen Forschung sowie eine diffuse Sehnsucht nach handfesten und scheinbar leichter handhabbaren Geschichten zu vernehmen. Und in der Tat nimmt das Interesse an methodischen und theoretischen Modifikationen und perspektivischen Ergänzungen, etwa im Hinblick auf Emotionen oder die Materialität und „agency“ von Objekten, wieder merklich zu. Dabei handelt es sich aber wohl noch um keine grundsätzliche Relativierung der neuen Kulturgeschichte, deren Potenziale auch längst noch nicht ausgeschöpft sind.

Anmerkungen:
[1] Die thematisch ähnlich gelagerte Sektion „Die Materialität der Geschichte. Dinge als Signaturen ihrer Epoche“ konnte nicht persönlich besucht werden und bleibt hier daher ausgeklammert.
[2] Entsprechende Forderungen werden bereits seit Längerem von Vertretern der nutzerorientierten Technik- und Mediengeschichte erhoben, deren Arbeiten und Konzepte (z.B. Dispositiv) hier noch stärker einbezogen werden sollten. Vgl. etwa: Martina Heßler, Kulturgeschichte der Technik, Frankfurt am Main 2012, S. 82ff. sowie Andreas Fickers, The Birth of Eurovision. Transnational Television as a Challenge for Europe and Contemporary Media Historiography, in: ders./ Cathy Johnson (Hrsg.), Transnational Television History. A Comparative Approach, New York 2012, S. 13-32, bes. S. 14ff.
[3] Siehe dazu bereits den Forschungsüberblick von Bettina Hitzer, Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen, in: H-Soz-Kult, 23.11.2011, <http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1221> (01.12.2014).

Zitation
Historikertag 2014: Kultur- und Mediengeschichte, in: H-Soz-Kult, 09.01.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2590>.