Forum: G. Horstkemper: Fachinformationsdienst Geschichtswissenschaft

Von
Gregor Horstkemper, Bayerische Staatsbibliothek München

Die Förderlinie der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Aufbau und Betrieb von Fachinformationsdiensten stellt einerseits eine tiefgreifende Zäsur dar, sie ermöglicht es andererseits jedoch auch, bewährte Instrumente aus dem Bereich wissenschaftlicher Literaturversorgungs- und Informationssysteme neu zu justieren und den Anforderungen einer zunehmend digitalen Forschungs- und Publikationspraxis anzupassen. Die Zäsur kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass die kontinuierliche und umfassende Förderung von Sondersammelgebieten mit ihrem Schwerpunkt auf der Erwerbung, Erschließung und Bereitstellung von gedruckten Publikationen zu einem Ende gekommen ist. Dieser Diskontinuität stehen jedoch auch Kontinuitäten gegenüber, wie sich nach inzwischen gut zweieinhalb Jahren Laufzeit der neuen Förderlinie zeigt: Die Lizenzierung elektronischer Publikationen soll zwar gegenüber dem Erwerb gedruckter Literatur dann den Vorrang haben, wenn eine Veröffentlichung in beiden Medienformen verfügbar ist, doch wird weiterhin auch die Beschaffung von ausschließlich gedruckt vorliegenden Forschungspublikationen gefördert. Die Erwerbungsprofile müssen deutlich geschärft werden und sind nun auf gar nicht oder kaum an deutschen Forschungsstandorten verfügbare Literatur fokussiert, aber auch unter den Bedingungen einer solchen Profilschärfung leistet die Deutsche Forschungsgemeinschaft weiterhin einen substantiellen Beitrag zur Sicherstellung der Literatur- und Informationsversorgung gemäß den Bedürfnissen der Forschung. Wenn der Verzicht auf eine vorsorgende und vollständige Erwerbung auch seine Probleme mit sich bringt, so eröffnen die Fachinformationsdienste doch auch neue Möglichkeiten: Im Sondersammelgebietssystem waren die Fördermaßnahmen auf die Erwerbung gedruckter Literatur konzentriert, während nun auch E-Book-Pakete, Fachdatenbanken oder E-Journals lizenziert werden können. Vor allem aber können nun Dienste entwickelt werden, die den Forschenden das Finden und Nutzen von Publikationen und anderen forschungsrelevanten Daten, aber auch den Einsatz von digitalen Instrumenten für ihre Forschungs- und Publikationstätigkeit erleichtern sollen.

Das bisherige System der Sondersammelgebiete wirkte insbesondere im Hinblick auf die Geschichtswissenschaft recht zerklüftet: Es gab nicht weniger als 25 Gebiete, die dem Fachgebiet der Geschichte zugeordnet waren. Nach der Reform der überregionalen Literatur- und Informationsversorgung sind nun noch rund ein Dutzend Fachinformationsdienste für die Versorgung mit geschichtswissenschaftlich relevanten Informationen zuständig. Die größte Teilgruppe bilden dabei regional definierte FIDs, bei denen die Geschichte der Regionen im Regelfall einen wichtigen Schwerpunkt des Aufgabenbereichs darstellt. Allerdings bleibt abzuwarten, ob der stark interdisziplinäre Charakter dieser regionalen FIDs zu Differenzierungen bei der Versorgung mit geschichtswissenschaftlich relevanten Publikationen, Informationen und Diensten führt, die im Ergebnis eine stärkere Beanspruchung des FID Geschichtswissenschaft zur Folge haben könnte. Die Alte Geschichte ist in den ebenfalls interdisziplinär geprägten FID Altertumswissenschaften integriert, während alle anderen Gebiete der Geschichtsforschung im Fachinformationsdienst Geschichtswissenschaft betreut werden. Das bisher separate Gebiet der Technikgeschichte ist von Beginn an in diesen FID einbezogen worden und wird von der Bibliothek des Deutschen Museums betreut, die gemeinsam mit der Bayerischen Staatsbibliothek den Aufbau des FID Geschichtswissenschaft verantwortet.

Welche neuen elektronischen Dienste werden in den FID entwickelt und auf welche Bedürfnisse in der Fachcommunity wird damit reagiert?

1. Lizenzierung und Bereitstellung digitaler Medien

Mit Ansätzen wie den National- und Allianzlizenzen konnten in den vergangenen zehn Jahren beachtliche Mengen an Fachinformationen einem weiten Nutzerkreis zugänglich gemacht werden, im Fall der Nationallizenzen sogar allen interessierten Bürgern. Mit der Etablierung von Fachinformationsdiensten verfolgt die Deutsche Forschungsgemeinschaft unter anderem das Ziel, neue Lizenzformen für die bedarfsorientierte Versorgung der jeweiligen Fachcommunities zu etablieren. Hier ist ein weiterer Fokussierungschritt der Förderpolitik zu beobachten: Gemäß den Aufgaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben die FIDs ausdrücklich die Aufgabe der Versorgung der Forschenden mit speziellen Literatur- und Informationsangeboten in den Mittelpunkt zu stellen, während die Sicherstellung der Grundversorgung – unter anderem für Zwecke der Lehre – den lokalen Universitäts-, Instituts- und sonstigen Forschungsbibliotheken obliegt. Aufgrund dieses Zuschnitts der FIDs wird die Lizenzierung digitaler Angebote – insbesondere von E-Books, E-Journals und Fachdatenbanken – speziell für die Fachcommunity der Geschichtswissenschaft erfolgen. Um Verlage für den Abschluss solcher FID-Lizenzen gewinnen und gleichzeitig bezahlbare Preise gewährleisten zu können, wird eine Authentifizierungslösung für die Nutzung der FID-Lizenzen notwendig. Hier stellen sich Herausforderungen bezüglich der Sichtbarkeit und Zugänglichkeit solcher Ressourcen. Die Zugangshürden sollen möglichst niedrig gehalten werden, um das Auffinden und die Nutzung digitaler Medien so einfach wie möglich zu gestalten. Neben der Lizenzierung größerer Pakete von E-Books wird als weitere Option die nutzergesteuerte Erwerbung von einzelnen E-Books vorbereitet. Damit wird eine stärkere Bedarfsorientierung bei der Bereitstellung von Publikationen realisiert und zugleich die Verfügbarkeit von fachlich relevanten E-Medien ausgebaut. Der Aufbau eines „Wunschbuch-Dienstes“ wird auch die Unterstützung von Forschenden bei der Identifizierung des einfachsten und schnellsten Weges zur gewünschten Publikation umfassen und damit durch eine noch stärkere Service-Orientierung geprägt sein.

2. Recherche- und Zugangsportale

Bisherige Metasuchangebote über unterschiedliche Datenquellen, die etwa in verschiedenen „virtuellen Fachbibliotheken“ bereitgestellt wurden, stießen bei vielen Nutzern auf Akzeptanzprobleme. Meist fehlte es an einem klaren Profil der Suchangebote sowie an einer Unterstützung der Nutzer bei der Identifizierung von Zugangsmöglichkeiten zu relevanten Publikationen an ihrem jeweiligen Arbeitsort. Die im Rahmen des FID Geschichtswissenschaft geplanten Rechercheportale werden Lösungsansätze für diese Probleme anbieten. Zum einen werden Portale mit einem klar definierten inhaltlichen Profil aufgebaut: Ein Portal für Forschungsliteratur zur europäischen Geschichte wird wichtige Fachbibliografien sowie ausgewählte Bibliothekskataloge integrieren, in denen relevante Literatur zur Geschichte europäischer Länder, aber auch zur allgemeinen Geschichte nachgewiesen wird. Ein weiteres Portal wird der Technik- und Wissenschaftsgeschichte gewidmet sein und einschlägige Informationsmittel dieser Subdisziplinen zusammenführen. Durch diese fachliche Profilierung werden die Zielgruppen der jeweiligen Rechercheangebote klarer definiert, als es bei den Angeboten der „virtuellen Fachbibliotheken“ der Fall war. Zum zweiten werden die Portale ausdrücklich auch als Zugangsportale ausgestaltet: Neben die Identifizierung tritt der (möglichst direkte) Zugriff auf gewünschte Forschungsliteratur als zweite zentrale Portal-Funktionalität. Diese Ausrichtung der Portale dient der deutlichen Steigerung des Nutzwerts der Rechercheangebote und ihrer besseren Integration in den Arbeitsalltag der Forschenden.

3. Fachbibliografie

Ein besonders akutes Problem der Geschichtsforschung zur deutschen Geschichte stellt die Tatsache dar, dass nach der Einstellung der „Jahresberichte für deutsche Geschichte“ Ende 2015 und der bereits vorher erfolgten Einstellung der „Historischen Bibliografie“ keine epochenübergreifende Fachbibliografie zur deutschen Geschichte bzw. zum Forschungsoutput der deutschen Geschichtswissenschaft mehr existiert. Damit fehlt es gegenwärtig jedoch auch an einer verlässlichen, nach fachlichen Kriterien strukturierten Datenbasis, die die Identifizierung relevanter Forschungsliteratur überhaupt erst ermöglicht. Angesichts dieser kritischen Situation erscheint die Schaffung eines neuen Angebots – einer „Deutschen Historischen Bibliografie“ - als unverzichtbar, um die Literatur- und Informationsversorgung zur deutschen Geschichte auf eine neue Basis zu stellen. Der Neuanfang bietet die Chance, stärker als in der Vergangenheit auf Methoden der Datenaggregation und der automatischen Erschließung zurückzugreifen, und zugleich alle Funktionalitäten und Nachnutzungsoptionen eines modernen bibliografischen Arbeitsinstruments anzubieten. Außerdem wird eine Option für die Meldung neuer Publikationen durch Forschende geschaffen, um einen möglichst hohen Aktualitätsgrad der Datenbasis erreichen zu können. Auf diese Weise kann auch der Bedarf der Historikerinnen und Historiker zur möglichst schnellen Sichtbarkeit ihrer neuen Forschungsergebnisse in zentralen Rechercheinstrumenten abgedeckt werden.

4. Retrodigitalisierung und elektronisches Publizieren

Eine schmerzliche Lücke bei der Versorgung mit digitalen Publikationen ist für Veröffentlichungen des 20. Jahrhunderts zu konstatieren. Ältere Publikationen sind gemeinfrei und werden in großen Digitalisierungskampagnen für Forschende und andere Interessierte frei zugänglich gemacht. Die Bayerische Staatsbibliothek hat in Kooperation mit Google bereits über 1 Million Bände aus ihren Beständen für die Online-Nutzung bereitstellen können. Das Deutsche Museum ist im Jahr 2016 ebenfalls eine Kooperation mit Google eingegangen und wird in den nächsten Jahren entsprechende Retrodigitalisierungen durchführen. Auch die Forschungsliteratur des 21. Jahrhunderts ist in zunehmendem Maße – als E-Book, E-Journal oder sonstige E-Publikation – digitale verfügbar. Urheber- und verwertungsrechtliche Probleme bestehen jedoch weiterhin für viele Veröffentlichungen des 20. Jahrhunderts. Hier soll im Rahmen des FID im Rahmen eines überschaubaren Pilotvorhabens die Retrodigitalisierung von vergriffenen bzw. verwaisten Werken von hoher fachlicher Relevanz in Angriff genommen werden. Da eine entsprechende Option als Ergebnis einer Vereinbarung zwischen der Deutschen Nationalbibliothek und den einschlägigen Verwertungsgesellschaften erst seit kurzer Zeit verfügbar ist, sollen zunächst in überschaubarem Rahmen Erfahrungen gesammelt werden. Auf längere Sicht ist eine Ausweitung denkbar, um eine deutliche Erweiterung des Angebots an digital verfügbarer Forschungsliteratur des 20. Jahrhunderts zu erreichen.

Ein weiteres Teilangebot des FID wird die Ergänzung der Plattform recensio.net um ein Parallelangebot zur Landesgeschichte umfassen. Weil das inhaltliche Profil von recensio.net auf die europäische Geschichte ausgerichtet ist und Rezensionen aus ausgewählten Fachzeitschriften aus zahlreichen europäischen Ländern enthält, wird die Etablierung eines weiteren Rezensionsportals zur deutschen Landes- und Regionalgeschichte mit dem Arbeitstitel recensio.regio angestrebt. Die Realisierung erfolgt in enger Kooperation mit dem AG Landesgeschichte des VHD und dem Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine. Das neue Portal wird den gleichen Erschließungs- und Bereitstellungsprinzipien folgen, die dem Portal recensio.net zugrunde liegen.

Wie sind diese die Anforderungen und Bedürfnisse der Geschichtswissenschaften erhoben worden?

Der FID Geschichtswissenschaft und seine Module basieren auf den Erfahrungen, die die Bayerische Staatsbibliothek seit Jahrzehnten im Rahmen ihrer Aufgaben als Sondersammelgebietsbibliothek und im Zusammenhang mit Dutzenden von Kooperationsprojekten mit zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen sammeln konnte. Auch die Bibliothek des Deutschen Museums, das als Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft angehört und an dem das 1997 gegründete Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte angesiedelt ist, kann auf eine lange Tradition des engen und kontinuierlichen Austauschs mit der Forschung zurückblicken.

Im Hinblick auf die Erwerbungs- und Lizenzierungsaktivitäten konnten umfassende Daten zur Unikalität bzw. Singularität von Monographien- und Zeitschriftenbeständen ausgewertet werden, die in die Profilierung des Erwerbungsprofils eingeflossen sind. Ein 2015 durchgeführtes Rundgespräch mit ausgewählten Fachvertretern sowie der nach Bewilligung des FID etablierte Beirat begrüßten die von den betroffenen FID-Einrichtungen formulierten allgemeinen Grundsätze für die Erwerbung geschichtswissenschaftlicher Fachpublikationen. Auch das geschärfte Erwerbungsprofil sowie das Festhalten an einem eingeschränkt vorsorgenden Bestandsaufbau wurden ebenfalls als angemessen bewertet. Nachdem der VHD bereits im Rahmen des Historikertags 2014 ein entsprechendes Votum abgegeben hatte, bestätigte auch die zur Begutachtung des FID-Antrags eingesetzte DFG-Prüfgruppe die Ausgewogenheit der entsprechenden Grundsätze und Maßnahmen. Gleiches gilt für die Pläne zum Aufbau von Recherche- und Zugangsportalen, zur Etablierung einer Deutschen Historischen Bibliografie und zur Realisierung von Angeboten für das elektronische Publizieren. Für das letztere Arbeitsgebiet ist vorgesehen, eine konkrete Bedarfserhebung für weitere Angebote – etwa für elektronische Zeitschriften oder für eine Plattform zur nachhaltigen Bereitstellung geschichtswissenschaftlicher Publikationen – während der Projektlaufzeit durchzuführen. Der Bedarf für die Etablierung der erwähnten Plattform recensio.regio konnte bereits im Vorfeld der Antragstellung durch die Kooperation mit der AG Landesgeschichte und mit dem Gesamtverein ermittelt werden. Der Aufbau der technikgeschichtlichen Angebote des FID kann das Deutsche Museum auf ein eigenes Beratungsgremium zurückgreifen.

Nach Etablierung der oben aufgeführten Angebote werden weitere Instrumente zur Prüfung der Bedarfsorientierung zur Verfügung stehen: Für die Portale, lizenzierten Medien, die Bibliografie und recensio.regio werden jeweils detaillierte Nutzungszahlen erhoben, die Aufschluss über Bedarfsverschiebungen oder über den Bedarf an Weiterentwicklungen geben können. Die Planung und der Aufbau des FID wurden und werden außerdem im Unterausschuss „Geschichtswissenschaft in der digitalen Welt“ des VHD vorgestellt und diskutiert. Nicht zuletzt werden auch die Ergebnisse der über H-Soz-Kult durchgeführten Erhebung über den Informationsbedarf von Historikerinnen und Historikern in die weitere Ausgestaltung des FID Geschichtswissenschaft einfließen.

Welche Kontinuitäten der bisherigen Bibliotheksangebote als SSG-Bibliothek und als „Virtuelle Fachbibliothek“ sind vorgesehen?

Die eingangs skizzierte Mischung aus Kontinuitäten und Diskontinuitäten, die die Neuorientierung der Förderpolitik für die wissenschaftliche Literatur- und Informationsversorgung mit sich bringt, wirkt sich zwar direkt auf die Aktivitäten der Trägereinrichtungen der FIDs aus. Auch und gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft sind die betroffenen Institutionen jedoch bemüht, mögliche negative Folgewirkungen so weit wie möglich abzufangen. Dies betrifft beispielsweise den vorsorgenden Bestandsaufbau: Es wird zwar nicht möglich sein, den Wegfall beträchtlicher Fördermittel aus Eigenmitteln vollständig zu kompensieren. Die Erwerbungstätigkeit musste bereits angepasst und fokussiert werden. Noch lässt sich nicht abschätzen, welche langfristigen Folgen für die Literaturversorgung eintreten werden. Die FID-Institutionen stehen jedoch im kontinuierlichen Austausch mit den zuständigen Fachverbänden, um ggf. ergänzende Maßnahmen zur Kompensation auftretender Bedarfslücken ergreifen zu können. Im Hinblick auf die Erwerbungstätigkeit wird die Bayerische Staatsbibliothek an entsprechenden Aktivitäten für ihre bisherigen Sondersammelgebiete Geschichte allgemein, Geschichte Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie Geschichte Frankreichs und Italiens fortsetzen. Neu hinzu kommt die Erwerbung und Lizenzierung von Forschungsliteratur zur Geschichte Spaniens und Portugals, womit an die langjährige Pflege des entsprechenden Sondersammelgebiets durch die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg angeknüpft wird. Die Bibliothek des Deutschen Museums wiederum wird für den Bereich der Technikgeschichte die bisherigen Erwerbungsaktivitäten der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden im Rahmen des FID Geschichtswissenschaft fortsetzen.

Hinsichtlich der virtuellen Fachbibliotheken besteht insofern eine Kontinuität, als mit den oben skizzierten Recherche- und Zugangsportalen eine möglichst umfassende Suche über relevante Publikationen und Informationen angestrebt wird. Zugleich soll angesichts der Akzeptanzprobleme der virtuellen Fachbibliotheken aber durch eine klare Profilierung und durch die Umsetzung neuer Funktionen eine deutlich bessere Integration in den Forschungsalltag erreicht werden.

Welche Veränderungen in der Erwerbungspolitik bzw. im Erwerbungsprofil sind vorgesehen bzw. folgen aus den neuen Angeboten?

Die Profilschärfung für den FID Geschichtswissenschaft erfolgte in enger Abstimmung mit fachlich verwandten FIDs (etwa der Politikwissenschaft oder der Sozial- und Kulturanthropologie) sowie mit den regional definierten FIDs des europäischen Raums (Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa; Nordeuropa; Benelux; Anglo-amerikanischer Kulturrum). Diese zunächst aus pragmatischen Gründen auf den europäischen Raum fokussierte Abstimmung kann in weiteren Schritten ausgebaut werden. Die Profilschärfungen bei den verschiedenen FID-Einrichtungen haben einerseits zur Folge, dass nunmehr besser sichergestellt werden kann, dass bestimmte Publikationen nicht über verschiedene Einrichtungen beschafft werden. Im System der Sondersammelgebiete gab es in dieser Hinsicht Überschneidungen und Grauzonen, die durch die Profilschärfung deutlich reduziert werden konnten. Zum anderen wird nun bei der Erwerbung die eindeutige Orientierung an den Forschungsbedarfen dazu führen, dass z. B. Lehr- und Einführungsliteratur oder häufig an deutschen Bibliotheken vorhandene Grundlagenwerke nicht mehr zum Erwerbungsauftrag von FIDs gehören. Auch die Erwerbung populärer Geschichtsliteratur, die teilweise in den Sammelauftrag der Sondersammelgebietseinrichtungen gehörte, wird nun nicht mehr über die FID-Förderung unterstützt. Diese Folgen der Profilschärfung stellen noch keine wesentliche Einschränkung der Literaturversorgung mit Forschungsveröffentlichungen dar. Insbesondere für den Bereich der Literaturversorgung zur Geschichte der nicht deutschsprachigen Länder wird sich jedoch zeigen müssen, ob durch den Verzicht auf den vorsorgenden Sammlungsaufbau langfristig doch Versorgungslücken entstehen, die sich zu einem späteren Zeitpunkt nicht wieder schließen lassen.

Welche Rolle spielen zukünftig rein elektronische Publikationen und welche langfristigen Auswirkungen werden diese auf Verlage und Lizenzpolitik haben?

Im Vergleich zum Sondersammelgebietssystem eröffnen die FIDs ganz neue Optionen, wobei dies vor allem für den Bereich von E-Books und E-Journals gilt. Da das Ziel der Fördermaßnahmen in der Versorgung mit „Content“ besteht, werden Fachdatenbanken mit bibliografischem Charakter nur dann mit in die FID-Angebote einbezogen werden können, als sie über Volltext-Komponenten verfügen. Dies ist beispielsweise bei der Datenbank „Historical Abstracts with Full Text“ der Fall, für die bereits eine FID-Lizenz erworben werden konnte. Bei E-Books und E-Journals wiederum kann für den Bereich der Geschichtswissenschaft bislang nicht von einem relevanten Markt an „rein“ digitalen Angeboten gesprochen werden, weil die Verlage – in Reaktion auf die Rezeptionsgewohnheiten der Historikerinnen und Historiker – fast durchgängig ein hybrides Angebot aufbauen und Print- und Digitalfassung von Forschungsveröffentlichungen nebeneinander anbieten. Da im Rahmen des FID Geschichtswissenschaft bedarfsorientiert im Sinne der Schließung von manifesten oder absehbaren Versorgungslücken erworben wird, dürften sich die Auswirkungen auf Verlagsangebote in sehr engem Rahmen halten. Die Hauptabnehmer zumindest der größeren und mittelgroßen Verlage werden auch weiterhin die Universitäts- und Forschungsbibliotheken bleiben. Ein größerer Einfluss auf den Verlagsbereich dürfte eher der wachsende Druck zur Entwicklung von Open-Access-Geschäftsmodellen darstellen. Auch sind jedoch die FID-Einrichtungen nicht die treibenden Kräfte. Für den FID Geschichtswissenschaft wurde im ersten Schritt eine inhaltliche Fokussierung auf die oben beschriebenen Angebote beschlossen, um für die ersten drei Projektjahre eine realistische Aufgabenplanung erreichen zu können. Da zu den Aufgabenstellungen die Prüfung des Bedarfs für den Auf- und Ausbau von Infrastrukturangeboten für das elektronische Publizieren gehört, ist für eine zweite Förderphase eine entsprechende Erweiterung der FID-Aktivitäten nicht ausgeschlossen. Angesichts erster Beispiele von Open-Access-Geschäftsmodellen, die es Verlagen ermöglichen, neue Publikationen von vornherein – oder nach Ablauf einer gewissen Sperrfrist - als frei zugängliche digitale Angebote bereitzustellen, liegt der Aufbau einer solchen Infrastruktur zur fachlichen Bündelung und nachhaltigen Sicherung relevanter Forschungspublikationen nahe. In diesem Kontext ist auch der zunehmend wichtige Aspekt der Sicherung von Forschungsprimärdaten und ihrer Verknüpfung mit Forschungspublikationen zu berücksichtigen. Auch in dieser Hinsicht wird zu beobachten sein, ob und auf welche Weise Verlage entsprechende Angebote aufbauen werden, und ob in diesem Bereich Handlungsbedarf für einen FID Geschichtswissenschaft besteht.

Zitation
Forum: G. Horstkemper: Fachinformationsdienst Geschichtswissenschaft, in: H-Soz-Kult, 16.09.2016, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-3871>.