Forum: I. Riek: FID Benelux / Low Countries Studies

Von
Ilona Riek, Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Münster

Die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Münster baut seit 2016 den regionalen Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies auf. Mit diesem Angebot bringt die ULB ihre Expertise im Bereich Benelux in das DFG-geförderte Programm der Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FID) ein. Zuvor betreute die ULB den Sammelschwerpunkt Niederlande/Flandern, der 1949 als Sondersammelgebiet (SSG) Niederländischer Kulturkreis in den Sondersammelgebietsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgenommen und von 2006 bis 2015 in Kooperation mit der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln als SSG Benelux fortgeführt wurde.

Zum Profil des FID Benelux / Low Countries Studies

Der interdisziplinär ausgerichtete Fachinformationsdienst Benelux / Low Countries Studies (FID Benelux) ist als zentrale Anlaufstelle für forschungsrelevante Literatur und Informationen über die Kultur und Gesellschaft der Beneluxländer sowie forschungsunterstützende Services geplant. Kernfächer des FID Benelux sind die Disziplinen Geschichte, Politik und Landeskunde sowie Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft.

Profil und Dienstleistungsportfolio des FID Benelux sind eng an den Anforderungen der Fachwissenschaft in Deutschland ausgerichtet. Sie basieren auf einer umfangreichen Befragung von WissenschaftlerInnen mit Benelux-Schwerpunkt und wurden mit einer fachlichen Beratungsgruppe abgestimmt. Im Rahmen der Umfrage wurden die ForscherInnen unter anderem zu ihren jeweiligen Forschungsinteressen, ihrem Umgang mit gedruckten und elektronischen Publikationen, ihrem Interesse an Instrumenten des Open-Access-Publizierens, ihren Wünschen in Bezug auf die Retrodigitalisierung sowie zu ihrem Bedarf an einer besonderen IT-Infrastruktur befragt.[1] Da sich im Zuge der Befragung herausstellte, dass der Bedarf der Forschung in Bezug auf die Beneluxländer je nach Beneluxregion und Fach unterschiedlich gelagert ist, bietet der FID ein gestaffeltes Servicemodell an, das diesen Besonderheiten Rechnung trägt.

Im Fach Geschichte gestaltet sich das Servicemodell folgendermaßen:

- Geschichte der Niederlande (einschließlich der ehemaligen Kolonien), des Gesamtstaates Belgien sowie Flanderns im Besonderen: höchste Sammlungs- und Betreuungstiefe, möglichst umfassende Beschaffung der aktuell erscheinenden Fachliteratur, die alle Publikationstypen, Text- oder Medienarten einschließlich des Nachweises frei im Internet verfügbarer Ressourcen berücksichtigt. Besondere profilbildende Schwerpunkte sind beispielsweise die Bereiche Lokal- und Regionalgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikrogeschichte und Ego-Dokumente wie Autobiographien, Tagebücher und Briefe.

- Geschichte Walloniens und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens: geringere Betreuungstiefe, Erwerbung aktuell erscheinender Fachliteratur in strenger Auswahl und auf Nutzerwunsch

- Geschichte Luxemburgs, der ehemaligen belgischen Kolonien und der Karibischen Niederlande (inkl. Aruba, Curaçao, Sint Maarten): geringere Betreuungstiefe, Erwerbung aktuell erscheinender Fachliteratur auf Nutzerwunsch

Aufgrund der sprachlichen Präferenzen der Zielgruppe werden sich die Services im Fach Geschichte in erster Linie auf Veröffentlichungen und Produkte in deutscher, englischer sowie vor allen Dingen in niederländischer und französischer Sprache konzentrieren.

Welche Angebote des FID Benelux können Historikerinnen und Historiker in Deutschland bereits jetzt nutzen?

Schwerpunkmäßig vorangetrieben wird die Digitalisierung wissenschaftlich relevanter Benelux-Altbestände der ULB Münster. Um den Bedarf an Digitalisaten aus dem Bestand anderer Bibliotheken zu decken, wird zudem eine Digitization-on-Demand-Option angeboten, die Auftragsdigitalisierungen solcher Werke mit einschließt. Retrodigitalisate mit Benelux-Bezug sind im ULB-Portal „Kulturgut Digital“ und in der „Virtuellen Fachbibliothek (ViFa) Benelux“ recherchierbar.[2]

Darüber hinaus ist der FID Benelux bestrebt, die richtungweisende niederländische Open-Access-Politik durch ein eigenes Dienstleistungsangebot zu ergänzen, um so einen möglichst hohen Anteil an fachlich relevanter wissenschaftlicher Literatur uneingeschränkt online zugänglich zu machen.[3] Zu diesem Zweck stellt der FID der Fachgemeinschaft kostenfreie Open-Access-Publikationsdienste für sowohl E-Journals als auch E-Books zur Verfügung. Gegen einen relativ geringen Aufpreis ist zudem eine parallele Printveröffentlichung möglich. Für die Erst- oder Zweitveröffentlichung einzelner Artikel und Dokumente kann überdies der fachliche Dokumentenserver „Benelux-Doc“ genutzt werden.

Neben dem elektronischen Angebot, das stetig ausgebaut wird, – mehr dazu siehe unten – spielt auch die Erwerbung, Erschließung und Bereitstellung von Printpublikationen bis auf Weiteres eine wichtige Rolle im FID Benelux. Dies hängt damit zusammen, dass die FID-Zielgruppe vor allem für ein vertieftes Studium gedruckte gegenüber E-Publikationen bevorzugt. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass ein großer Teil der für den FID in Frage kommenden Titel erst mit einer beträchtlichen zeitlichen Verzögerung oder gar nicht in elektronischer Form erscheint. Vom Grundbedarf vergleichbarer wissenschaftlicher Bibliotheken setzt sich der FID Benelux in seiner Erwerbungspolitik dadurch ab, dass aus FID-Mitteln ein hochspezieller, überwiegend fremdsprachiger Bestand jenseits der Produkte großer Wissenschaftsverlage und gängiger Publikationsreihen aufgebaut wird. Dieser zeichnet sich durch eine hohe Alleinbesitzquote aus. Grundlagentitel, Überblickswerke, gängige Einführungen und Lehrwerke werden vollständig aus Eigenmitteln der ULB Münster erworben. Alle gedruckten Bestände des FID sind im gesamten Bundesgebiet wie auch international per Fernleihe bestellbar. Anschaffungswünsche aus der Fachcommunity werden prioritär behandelt und auf dem schnellstmöglichen Weg bereitgestellt.

Ein Großteil des Buch- und Medienbestandes des FID Benelux befindet sich in der „Bibliothek im Haus der Niederlande“ (BHN) in Münster, wo er als Freihandbestand aufgestellt ist. Die BHN steht auch externen Nutzerinnen und Nutzern als Ausleihbibliothek zur Verfügung. Mit ca. 100.000 Bänden bietet sie einzigartige Bedingungen für den Bereich der Niederlandeforschung in Deutschland.

Das Schulungsprogramm des FID zur Recherche- und Informationskompetenz im Bereich Beneluxforschung kann bundesweit in Anspruch genommen werden. Es wird auf Wunsch themenspezifisch aufbereitet, sodass es in einzelne Seminare oder wissenschaftliche Veranstaltungen integrierbar ist. Daneben bietet der FID individuelle fachliche Beratung und Unterstützung bei Fragen der wissenschaftlichen Recherche und Informationsbeschaffung, des Open-Access-Publizierens, der Digitalisierung sowie des Einsatzes von Informationstechnologien in Forschungszusammenhängen.

Unter dem Dach der in den Jahren 2010 bis 2013 aufgebauten ViFa Benelux werden zudem folgende Services angeboten: eine Metasuche über zahlreiche Fachkataloge und -datenbanken, die perspektivisch in eine suchmaschinenbasierte Suche überführt wird; das „ViFa Benelux-Blog“ mit einer eigenen Rubrik für das Fach Geschichte[4]; laufend aktualisierte Verzeichnisse lizenzpflichtiger und frei im Internet verfügbarer E-Zeitschriften und Datenbanken (in der Fachsicht Geschichte sind hier aktuell 58 E-Zeitschriften und 95 Datenbanken nachgewiesen) sowie ein Benelux-Forschungsführer für den deutschsprachigen Raum auf Wiki-Basis, auch hier mit einem speziellen Sucheinstieg für Geschichte und Archäologie. Der technische Betrieb der ViFa Benelux liegt aktuell noch größtenteils in den Händen der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Ein Umzug des Portals auf eine neue, an der ULB Münster gehostete Plattform ist derzeit in Arbeit, sodass zukünftig sämtliche FID-Dienste an einem zentralen Ort bereitstehen werden.

Welche Dienste werden im Laufe des Projektes noch aufgebaut?

Der FID Benelux beschafft mit Unterstützung durch das Kompetenzzentrum für Lizenzierung überregionale Lizenzen für elektronische Medien, die in das FID-Spektrum fallen. Diese werden bundesweit einem fachlich definierten Nutzerkreis zur Verfügung gestellt. Zu diesem Nutzerkreis zählen prinzipiell alle HistorikerInnen, die sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Beneluxstaaten befassen. In den Lizenzverhandlungen wurden auf der Grundlage bereits vorliegender Daten bestimmte Hochschulen oder Einrichtungen benannt, an denen nachweislich Benelux-ForscherInnen verortet sind. Darüber hinausgehend wurde ein freies Kontingent verhandelt, das es ermöglichen sollte, einen etwaigen zusätzlichen Bedarf zu decken. Bei der Auswahl der zu verhandelnden Produkte fiel das Augenmerk zunächst auf E-Zeitschriften und Datenbanken, die in Deutschland bislang nur einen geringen bis gar keinen Verbreitungsgrad aufweisen. Zurzeit wird die Freischaltung erster FID-Lizenzen für E-Zeitschriften vorbereitet. Mit dabei ist „Dutch Crossing“, eine Zeitschrift, die sich epochenübergreifend mit Geschichte und Kunstgeschichte der Niederlande und Belgiens befasst. Für FID-Lizenzen in Frage kommende Produkte können jederzeit als Erwerbungsvorschlag eingereicht werden. Der FID wird alle Produktvorschläge prüfen und sich bei Vorliegen der Fördervoraussetzungen um einen entsprechenden Lizenzabschluss bemühen.[5]

Wer als fachwissenschaftliche/r NutzerIn die beunruhigende Pressemeldung „Dropbox: 68 Millionen Konten gehackt“ noch vor Augen hat, findet mit „Benelux-box“ unter Umständen eine Alternative zu gängigen Filehosting-Tools. Das im Aufbau befindliche Angebot ist ebenfalls ein Cloud-Dienst zum Datenaustausch, bietet jedoch bessere Standards in Bezug auf Datensicherheit und Datenschutz. „Benelux-box“ ist als zeitgemäßer, niedrigschwelliger Service konzipiert, der sich an häufig vorkommende Arbeitszusammenhänge wie das gemeinsame Abfassen von Publikationen richtet und die Zusammenarbeit auch über Organisationsgrenzen hinweg ermöglicht. Der Service soll sich nahtlos in die Arbeitsumgebung (PC, Laptop, Tablet, Smartphone) der Wissenschaftler/innen einbinden lassen und über entsprechende Synchronisierungsmechanismen sicherstellen, dass auf allen Geräten die jeweils aktuelle Version einer Datei zur Verfügung steht.

In Planung ist des Weiteren der Aufbau einer Online-Bibliographie deutschsprachiger Literatur über die Niederlande und Flandern. Diese Bibliographie ist als erster Anwendungsfall für eine technische Modelllösung mit Open-Source-Produkten gedacht und kann anschließend auf weitere und gegebenenfalls deutlich umfangreichere Projekte im nationalen wie internationalen Kontext übertragen werden.

Das gesamte Angebotsspektrum des FID Benelux wird kontinuierlich evaluiert und dem aktuellen fachwissenschaftlichen Bedarf angepasst.

Interaktion im nationalen und internationalen Kontext

Der FID Benelux betrachtet es als seine Aufgabe, eine adäquate Informationsinfrastruktur für die Beneluxforschung in Deutschland bereitzustellen und die Fachgemeinschaft regelmäßig über aktuelle Entwicklungen im Bereich der beneluxbezogenen Informationsversorgung auf dem Laufenden zu halten. Er teilt seine Expertise auf dem Gebiet der Fachrecherche sowie der Informationsbeschaffung, -erschließung und -bereitstellung in fortwährendem Dialog mit der wissenschaftlichen Zielgruppe und KollegInnen aus dem bibliothekarischen Umfeld. Auf nationaler Ebene wirkt der FID Benelux mit beim Aufbau disziplin- und/oder regionenübergreifender Informationsdienste. Er steht in engem Austausch und pflegt Kooperationsbeziehungen mit anderen Fachinformationsdiensten sowie weiteren Einrichtungen des Bibliotheks- und Informationswesens in Deutschland, den Beneluxstaaten wie auch im weiteren internationalen Kontext. Mehrere der Dienste des FID sind explizit interaktiv ausgerichtet, das heißt, sie setzen auf Mitwirkung und Beiträge der Fachwissenschaft. Hierzu zählen insbesondere die Angebote zur Open-Access-Publikation, der ViFa Benelux-Forschungsführer und das ViFa Benelux-Blog.

Weitere Informationen über die Aktivitäten des FID Benelux bieten die FID-Website, das ViFa Benelux-Blog, der FID-Newsletter sowie die Facebook-Präsenz der Bibliothek im Haus der Niederlande.[6]

Anmerkungen:
[1] Die Ergebnisse der Umfrage wurden auf dem FID-Dokumentenserver „Benelux-Doc“ veröffentlicht: <http://bit.ly/2bf0Vq0> (29.09.2016)
[2] Kulturgut Digital, Benelux: <http://bit.ly/2cEbzqP>; ViFa Benelux: <http://www.vifa-benelux.de> (29.09.2016)
[3] Die Niederlande haben es sich zum Ziel gesetzt, bis 2019 60 Prozent und bis 2024 100 Prozent aller wissenschaftlichen Publikationen Open Access verfügbar zu machen. Siehe: open access.nl (nationale Open-Access-Website der Niederlande), What does the government want? <http://www.openaccess.nl/en/in-the-netherlands/what-does-the-government-want> (29.09.2016)
[4] <http://bit.ly/2dnlJk9> (29.09.2016)
[5] Mehr über die Lizenzangebote des FID Benelux erfahren Sie auf den Seiten des Kompetenzzentrums für Lizenzierung: <http://benelux.fid-lizenzen.de> (29.09.2016)
[6] Website FID Benelux: <http://www.ulb.uni-muenster.de/benelux>, ViFa Benelux-Blog: <https://vifabenelux.wordpress.com>, Newsletter: <http://bit.ly/2dntd6B>, Facebookpräsenz Bibliothek im Haus der Niederlande: <https://www.facebook.com/bibliothek.hdnl> (29.09.2016)

Zitation
Forum: I. Riek: FID Benelux / Low Countries Studies, in: H-Soz-Kult, 30.09.2016, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-3897>.