Ein neuer Stadttypus in der Wissensgesellschaft: Die amalgame Stadt der kreativen Milieus

Von
Oliver Frey, Centre of Sociology in the Department of Spatial Development, Infrastructure and Environmental Planning, Vienna University of Technology

In den letzten Jahren[1] ist in der wissenschaftlichen Literatur verstärkt von kreativen Eigenschaften der Städte die Rede: "Creative City"[2], "Cultural Industries"[3], "Creative Industries"[4], "Milieux Innovateurs"[5] oder "creative class"[6] sind einige der Begriffsverbindungen von Kreativität und städtischer Lebenswelt. Die zugespitzte Diagnose lautet, dass insbesondere die urbanen innerstädtischen Bereiche spezifische Bedingungen für kreative Innovationen in der Wissens- und Kulturproduktion bereitstellen und sich dort neue Formen sozialer Vergemeinschaftung im Sinne einer neuen Regulation von Arbeits- und Lebensformen herauskristallisieren. Dieses Potenzial der Städte in einer Wissensgesellschaft könnte zu einer "Renaissance der Stadt"[7] beitragen. Jene Wirtschaftszweige, die verstärkt kulturelle Wissensformen einbinden, sind zum Hoffnungsträger städtischer Ökonomien geworden. Mit Begriffen wie "Kreativwirtschaft", "Creative Industries", "Cultural Economy" wird ein neues Verschmelzen von Kultur und Ökonomie bezeichnet, das neue Produkte sowie neue Arbeits- und Lebensorganisationen hervorbringt. Dabei stellen "Kulturwirtschaft" oder "Kreativwirtschaft" einen zentralen Bereich städtischer Wachstumsstrategien dar.[8] Die Akteure/innen in diesem ökonomischen Bereich erproben neue Formen der raumzeitlichen Organisation von Arbeit und Leben und praktizieren neue Formen sozialräumlicher Wiedereinbettung. In ihrer gesellschaftlichen Rolle als "Pioniere" stellen sie ein Erprobungsfeld für neue gesellschaftliche Organisationsformen dar. In der Forschung und Literatur zur zukünftigen städtischen Entwicklung stehen die Bedeutung dieser Akteure/innen und ihre lokalen Wissens- und Organisationskulturen mit ihrer räumlichen Eingebundenheit im Vordergrund.

Dies wurde nicht immer so gesehen. Noch vor kurzem gab es breit angelegte Diskussionen um das "Verschwinden der Städte" oder das "Ende der Stadt".[9] Mit dem Bezug auf die Loslösung traditioneller Raumstrukturen in Gesellschaft und Stadt wurde zum einen die Verschmelzung städtischer und suburbaner Strukturen mit Begriffen wie "Zwischenstadt"[10], "Edge City"[11], "dritte Stadt"[12], "Netzstadt"[13], "Generic City"[14], oder im Zuge der Digitalisierung als "digitale Stadt"[15] oder "City of bits"[16] bezeichnet. In allen diesen neuen Stadtmodellen werden Leitbilder der Siedlungsentwicklung formuliert, die den soziologischen Diagnosen gesellschaftlicher Umbrüche Rechnung tragen. Sie beschreiben eine neue Formation räumlicher Strukturen, die wahlweise einen stärkeren Akzent auf räumliche Entankerungen sozialer, ökonomischer und baulicher Strukturen in der Siedlungsorganisation legen, indem hybride Verflechtungen und Verschmelzungen zwischen Region, Landschaft und Stadt aufgezeigt werden, oder es wird betont, dass die Herausbildung neuer Organisationsformen für soziale Ordnungen und Lebenswelten auch neue Strukturen der Siedlungsweise nach sich ziehen.

Im vorliegenden Beitrag soll diesen Stadttypen das Modell einer "amalgamen Stadt" gegenübergestellt werden, in welchem das Modell der "europäischen Stadt"[17] Zukunft hat: Diese liegt in der Anerkennung der Gleichzeitigkeit von Brüchen und Kontinuitäten der städtischen Entwicklung, von Kräften der Auflösung städtischer Raum- und Entwicklungsmuster und gleichzeitigen Tendenzen einer Stärkung spezifischer städtischer Raumidentitäten.

Stadtmodelle im Verhältnis von Milieu und Raum
Drei idealtypische Modelle lassen sich als gängige Muster der Stadtsoziologie zur Beschreibung des Verhältnisses zwischen Sozialräumen und Milieukonzepten ausmachen: das Modell der "gespaltenen Stadt", das in der Tradition der Segregationsforschung der Chicagoer Schule ein tendenziell homogenes Verständnis der Einheit von Raumstrukturen und den bedingenden Sozialstrukturen zugrunde legt; das Modell einer ausdifferenzierten sozialräumlichen Struktur, bei der es zur Überlagerung und dem Nebeneinander von Milieu- und Raumstrukturen kommt; das Modell der "Netzwerkstadt", dem der Gedanke zugrunde liegt, dass sich Raumbindungen von Milieus zunehmend auflösen und sich in szenenartige Vernetzungen innerhalb einer Stadtregion verwandeln. Diesen Modellen soll die "amalgame Stadt des Loft-Working" an die Seite gestellt werden, die eine Kombination der vorangestellten Modelle darstellt und einen eigenen Forschungsansatz beschreibt, der in empirischen Untersuchungen in Wien zugrunde gelegt wurde.

"Die gespaltene Stadt" oder: der Behälter für homogene Lebensstile
Mit dem Modell der gespaltenen Stadt wird zum Ausdruck gebracht, dass in der gegenwärtigen Stadtentwicklung sich die sozialräumliche Spaltung in Wohnquartiere ärmerer Bevölkerungsgruppen und reicherer Einkommensklassen verschärft.[18] In diesem Konzept wird eine territoriale Abgrenzung vorgenommen, die eine geografische Einheit hervorbringt und so die räumliche Verfasstheit sozialen Handelns und Verhaltens von Individuen beschreibt. Die territoriale Grenzziehung dient diesem Modell dazu, eine soziale Vergemeinschaftungspraxis innerhalb dieser abgegrenzten Gebiete und Nachbarschaften zu verorten. Dort finden in einem begrenzten Territorium soziale Prozesse eine Richtung, die in dem sozial-räumlichen Milieu ähnliche Lebensweisen und Mentalitäten hervorbringen. Milieu und Territorium werden so zu einer Einheit. Ausgangspunkt dieses Modells der sozialen Vergemeinschaftung liegt in der Chicagoer Schule und ihren Theorien zur residenziellen Segregation. Robert E. Park, der Gründungsvater der Segregationstheorie, konstatierte einen Zusammenhang zwischen der geografischen Lage von Wohnstandorten im Stadtgebiet und der sozialen Distanz von Menschen. Seine These lautet, dass innerhalb der Grenzen eines "natürlichen" Gebietes (natural area) homogene Sozialstrukturmerkmale der Bewohnergruppen zu finden sind. Er schreibt: "There are forces at work – within the limits of the urban community within the limits of any natural area of human habitation, in fact – which tend to bring about an orderly and typical grouping of its population and institutions".[19] Die Herausbildung dieses Milieus wird überwiegend durch den Wohnstandort definiert, woraus resultiert, dass die residenzielle Segregation nach Wohnstandorten der Indikator für soziale Segregation wird bzw. für eine Übertragung sozialer Ungleichheit in den städtischen Raum.[20]


Abb. 1: Modell einer gespaltenen Stadt (© Oliver Frey, 2006)

"Die ausdifferenzierte Stadt" oder: Heterogenisierung von Milieus
In diesem Konzept wird das Quartier als Sozialraum ausdifferenziert in der Art und Weise, dass in einem konkreten Stadtviertel unterschiedliche Milieus existieren können. Dadurch entstehen unterschiedliche Sozialräume, "die (im Wohngebiet) durch ihr Nebeneinander an einem Ort verbunden sind, ohne jedoch eine lokale Kultur oder Gemeinschaft zu erzeugen".[21] Dieses Verständnis trägt der Koexistenz von Milieus Rechnung, die sich an konkreten Orten oder Plätzen überlagern oder auch unverbunden miteinander in Zusammenhang stehen. In diesem Modell löst sich die Einheit des Territoriums der Stadt etwas auf und fragmentiert sich in unterschiedliche sozialräumliche Einheiten. Es bilden sich Nachbarschaften heraus, die inselhaft im städtischen Raum liegen, sich eventuell überlagern oder nebeneinander gleichzeitig existieren.[22] Der Ausdifferenzierung von Milieus und sozialräumlichen Lebensstilen wird hier Rechnung getragen, indem die Stadt keine umfassende sozialräumliche Einheit mehr bildet.


Abb. 2: Modell einer "Ausdifferenzierung von Milieus" (© Oliver Frey, 2006)

"Die Netzwerkstadt" oder: die räumlich entbetteten Sozialstrukturen
In diesem Konzept wird die These vertreten, dass das Quartier als ein territorialer Bezug von Vergemeinschaftung an Bedeutung verloren hat. Durch gestiegene Mobilität, neue Informations- und Kommunikationsmedien im Kontext einer Individualisierung von Lebensstilen und einer Heterogenisierung sowie Ausdifferenzierung von milieubildenden Werthaltungen büßt die Prägung des Wohnquartieres für das soziale Milieu an Bedeutung ein. Schulze formuliert das im Sinne seiner "Erlebnisgesellschaft" folgendermaßen: "Die Bodenhaftung sozialer Milieus ist weitgehend verloren gegangen, ohne dass die Milieus selbst verschwunden wären, wie es die traditionelle Vorstellung nahe legt".[23] Die Bedeutung des Raumes als Umgebung sieht Schulze schwinden und konstatiert dagegen, dass der Raum zur Szenerie wird. Die Umgebung wird dabei auf den konkreten Ort reduziert, der als Treffpunkt und Schauplatz von Szenen eine größere Bedeutung erhält. Diese szenischen Orte werden in ihrer räumlichen Ausdehnung als gering und in ihrer zeitlichen Kontinuität als fragil beschrieben. Die sozialräumliche Beziehung zwischen szenischem Ort und Individuum ist durch eine Flüchtigkeit gekennzeichnet. Szenen unterscheiden sich von Milieustrukturen in ihrer Vergemeinschaftungspraxis durch eher flexiblere und geringere Binnenkommunikationen, da sie eher temporären Verräumlichungen von begrenzter Zeitdauer unterliegen. Der losgelöste Ort ist eher Gegenstand einer affektiven spielerischen "Politik der Aufmerksamkeit".[24] Die spezifische Ortspolitik besteht darin, dass "soziale Zugehörigkeit neu verhandelt wird".[25]

Das Modell der "Netzwerkstadt" überlagert flexible Netze, die Knoten und Linien bilden. Sieverts beschreibt das Städtesystem als ein Netz mit Knotenpunkten, bei dem die "hierarchische Baumstruktur"[26] verloren gegangen ist: "In einem solchen Netz können idealtypisch alle Teile gleichberechtigt sein, es gibt im Prinzip keine Hierarchie mehr: Jeder Teil der Stadt kann bestimmte zentrale, d.h. nur einmalig oder zumindest nicht ubiquitär (allerorten) auftretende Aufgaben übernehmen, in anderer Hinsicht aber durchaus ubiquitäre Allerweltseigenschaften behalten".[27] Das Modell der Netzstadt ist ungerichtet und erstreckt sich in die Stadtregion hinaus. Dieser Netzwerkraum hat keine festen Hierarchien mehr und somit fehlt auch die Zentralität eines bestimmten Standortes. Auf diesen Gedanken baut auch das Modell der "Zwischenstadt" von Sieverts auf, das eine diffuse und ungeordnete Struktur ganz unterschiedlicher Sozialräume in der Stadtregion konstatiert. Die Verbindungsnetze verweben die unterschiedlichen Lebenswelten zu einem neuen Ordnungsmuster des Städtischen.


Abb. 3: Modell einer "Netzstadt" (© Oliver Frey, 2006)

Das Modell einer "amalgamen Stadt"
Unter einer Amalgamation versteht man die Vermischung und Verschmelzung verschiedener Elemente (griech. "malagma" für "das Erweichende", von arab. "amal al-gima", der Akt der körperlichen Vereinigung). In dem Konzept der "amalgamen Stadt" bezeichnet der Prozess der Amalgamation zum einen die Ineinanderverwobenheit und somit die Verschmelzung von baulich-manifesten Strukturen eines Ortes mit den sozial-psychischen Strukturen des sozialen Raumes. Das Konzept einer "amalgamen Stadt" zielt darauf ab, dass ein Gemenge und eine Mischung von unterschiedlichen Orten (jeweils als Ausdruck der Wechselbeziehung zwischen Sozialer Welt und physischen Dingen verstanden) den stadträumlichen Nutzungs-, Wahrnehmungs- und Lebensraum bilden.
Hiermit soll verdeutlicht werden, dass in den gegenwärtigen Metropolen eine Diversität von Kulturen und Lebensweisen vorhanden ist, die in ihrer Amalgamation etwas Neues hervorbringen.

Die Aneignungstrategien dieser Orte lassen sich als einen "konkreten Urbanismus"[28] bezeichnen; die Bindungskraft von bestimmten Orten nimmt ab, zu anderen Orten entstehen flexible, nicht starre Beziehungsmuster. Aus einigen temporär genutzten Orten werden im Laufe der Zeit beständige Nutzungen. Die Strategien und Maßnahmen der Stadtplanung müssen dementsprechend wirksam abgeschätzt werden, denn die Zusammenhänge von Orten und ihre jeweiligen Kontextbeziehungen werden zunehmend wichtiger. Für die Folgenabschätzung bieten sich Methoden der Szenariotechnik an.[29] Herausforderungen an die Stadtplanung bestehen darin, ein Minimum an behutsamer vorausschauender Planung sowie eine Folgenabschätzung bei den Projekten vorzunehmen.

Über konkrete Lokalitäten verknüpfen sich die ortsgebundenen Netzwerke zu einem Raum der "kreativen Milieus". In den neueren Forschungsarbeiten zu Milieustrukturen und ihrer räumlichen Einbettung werden zahlreiche verschieden gelagerte Milieukonzeptionen entwickelt.[30] Die Konzepte der "innovativen Milieus"[31], der "Wohnmilieus"[32], der "Wissensmilieus"[33] und des "creative milieu"[34] haben gemeinsam, dass sie
a) über eine Dichte von informell-sozialen Beziehungen verfügen, die nach innen gerichtet ist und
b) über spezifische Formen der Zusammengehörigkeit und eine verbindende Identität sich nach außen abgrenzen und
c) über konkrete Orte und Räume die je spezifischen Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung herstellen.

Matthiesen betont in einer Milieudefinition die Homogenität der Interaktionsformen, die somit auch stabile Ein- und Ausschlusskriterien nach sich ziehen: "Unter Milieus verstehen wir relativ homogene Interaktionsformen mit erhöhter Binnenkommunikation, die zugleich durch ein zumindest implizites Milieu-Wissen um gemeinsame Praxisformen geprägt sind".[35] Die Weiterentwicklung zu Wissensmilieus bezeichnet in der Folge "Interaktionsnetze, die prägnante Koppelungen von Wissenstypen entwickeln" und die in ihrer "Lebensführung durch wissensbasierte Handlungsfelder geprägt sind".[36]

Die Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs (GREMI) hat in zahlreichen Forschungsarbeiten seit den 1980er Jahren das Konzept des "innovativen Milieus" im Rahmen von regionalen Unternehmensnetzwerken entwickelt und ausdifferenziert. Die "innovativen Milieus" zeichnen sich durch spezifische lokale Ressourcen aus, die a) in der kulturellen Identität des Ortes liegen, b) durch Lernprozesse im Rahmen heterogener sozialer Kontakte stattfinden und c) durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Image eine ortsgebundene Identität schaffen.[37] Sie zeigt dies für "kreative Milieus" in New York City). Camagni beschreibt dies als "the set or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area often determining a specific external 'image' and a specific internal 'representation' and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through synergetic and collective learning processes."[38]

Auch Charles Landry beschreibt in seiner Definition des "kreativen Milieus" den Zusammenhang zwischen Innovation, Kreativität und sozialräumlichen Milieustrukturen. Als Bedingung für die Entstehung solcher innovativer und kreativer Prozesse innerhalb eines Milieus werden von ihm auch explizit die räumlichen Konstellationen des Ortes benannt: "A creative milieu is a place – either a cluster of buildings, a part of a city, a city as a whole or a region – that contains the necessary preconditions in terms of 'hard' and 'soft' infrastructure to generate a flow of ideas and inventions. Such a milieu is a physical setting where a critical mass of entrepreneurs, intellectuals, social activists, artists, administrators, power brokers or students can operate in an open-minded, cosmopolitan context and where face to face interaction create new ideas, artefacts, products, services and institutions and as a consequence contributes to economic success".[39]

Für die Etablierung und Entwicklung eines "kreativen Milieus" ist Voraussetzung, dass die je spezifischen Ressourcen des Milieus sichtbar und nutzbar werden. Das Modell einer "amalgamen Stadt" ist damit kein verallgemeinerbares Stadtmodell, sondern speziell für die Analyse der neuen raumstrukturellen Verteilungsmuster innerhalb der innovativen, ortsgebundenen Netzwerke der "kreativen Milieus" konzipiert. Die Bedeutung der Nachbarschaft oder des Stadtteils wächst und wird im Hinblick auf die Rolle des Arbeitsortes im Sinne des "Loft-Working" für neue raumzeitliche Nachbarschaftseffekte untersucht. Im Gegensatz zu den traditionellen Segregationsforschungen, die den Wohnort als Merkmal ungleicher Raum- und Sozialstrukturen ins Blickfeld nehmen, richtet sich der Blick in dem Modell der "amalgamen Stadt" in verstärktem Maße auf die Zentralität von Arbeitsorganisation und Arbeitsumfeld als Angelpunkte für die raumzeitliche Strukturierung des städtischen Raumes. In dem Konzept findet eine Auffächerung des Sozialraumes statt, da die ortsgebundenen Netzwerke nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft wirksam werden, sondern über das Quartier und die Stadt hinaus transstädtische Milieustrukturen ausbilden. Bei der Verknüpfung dieser verstreut gelegenen Orte entsteht ein amalgamierter Zusammenhang aus Mischungen und Gemengelagen, der im Sinne einer Syntheseleistung und des Spacings[40] einen abstrakten Raum konstruiert. Bei dieser Konstruktionsleistung durch das Handeln und Verhalten der Akteure/innen spielen die symbolischen Codierungen und die materielle Dinglichkeit der Orte eine entscheidende Rolle. Die Einheit von territorialem Raum und Milieustrukturen löst sich in hybride Mischungen auf und lässt Fragmentierungen von Räumen und sozialem Handeln zu.


Abb. 4: Modell einer "amalgamen Stadt" (© Oliver Frey, 2006)

Das Leitbild der "amalgamen Stadt" ist keine allgemeine Beschreibung einer städtischen Entwicklung oder eines Zustandes. Vielmehr kann für eine Gruppe von Stadtbewohnern/innen, nämlich den Akteuren/innen des "kreativen Milieus", ein Modell der städtischen Nutzung und Verknüpfung von städtischen Räumen vorgeschlagen werden. Ein zentraler Bestandteil des Modells ist eine akteurszentrierte Sichtweise auf die Nutzungen des städtischen Raumes, der von einem Ort ausgeht, der stärker prägt als andere Orte des Aktionsraumes, nämlich dem Arbeitsplatz.

Dieser neue Stadttypus, der die stadtstrukturellen Verflechtungen und Gemengelagen zwischen baulich-physischen Ressourcen des Ortes und den sozialen Räumen, zwischen den Ressourcen der Netzwerke und Szenen stärker ins Blickfeld rückt, stellt neue Herausforderungen an die herkömmlichen Instrumente der Stadtplanung: Wie können diese kreativen Ortsressourcen mit ihren Netzwerken in der "amalgamen Stadt" geplant und gesteuert werden? Ist es nicht eher möglich durch Instrumente des "Nicht-Planens", die eine Verabschiedung vom umfassenden Planungsverständnis erfordern, die Eigenlogiken und Eigendynamiken der Orte und ihrer Nutzer/innen zu fördern? Dies bedeutet sicher nicht eine "Laissez-faire" Mentalität im Sinne des Überlassens der Eigenlogik des "freien" Marktes zu verfolgen; im Gegenteil erfordert es eine Förderung von Eigeninitiative der kreativen Milieus und der endogenen Ressourcen der ortsbezogenen kontextabhängigen Netzwerk- und Milieustrukturen.

Oliver Frey, Dipl.-Ing. Mag., arbeitet seit 2000 im Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung, Fachbereich Soziologie an der Technischen Universität Wien als Universitätsassistent. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Instrumente und Methoden der Stadterneuerung, Empirische Sozialforschung und qualitative Methoden, Stadtsoziologie, Raumtheorien, Planungstheorie, Kreative Milieus und Creative Industries. E-Mail: Oliver.frey@tuwien.ac.at

Literaturempfehlungen:
Breitfuss, Andrea; Dangschat, Jens S.; Frey, Oliver; Hamedinger, Alexander (Hgg.), Städtestrategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Herausforderungen für eine sozialverträgliche Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungspolitik, Wien 2004.
Dangschat, Jens S., Raum als Dimension sozialer Ungleichheit und Ort als Bühne der Lebensstilisierung? – Zum Raumbezug sozialer Ungleichheit und von Lebensstilen, in: Schwenk, Otto G. (Hg.), Lebensstil zwischen Sozialstrukturanalyse und Kulturwissenschaft, Opladen 1996, S. 99-135.
Dangschat, Jens S., Der Schweiß der Maloche und der Lebensstil der kreativen Flexiblen, in: Baumeister 99 (1999), 10, S. 50-53.
Dangschat, Jens S.; Frey, Oliver, Stadt- und Regionalsoziologie, in: Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian; Maurer, Susanne; Frey, Oliver (Hgg.), Handbuch Sozialraum, Wiesbaden 2005, S. 143-163.
Drake, Graham, "This Place Gives Me Space": Place and Creativity in the Creative Industries, in: Geoforum 34 (2003), S. 511-524.
El Khafif, Mona, Frey, Oliver; Witthöft, Gesa, Space.ing: Wechselverhältnisse von gebauten Räumen und Sozialräumen in der Wiener Stadterneuerung, in: Magistrat der Stadt Wien (Hg.), Neue Strategien der Stadterneuerung. Aktionen und multimediale Installationen (Werkstattberichte Stadtentwicklung 76), Wien 2005, S. 59-84.
Frey, Oliver, Urbane öffentliche Räume als Aneignungsräume. Lernorte eines konkreten Urbanismus, in: Deinet, Ulrich; Reutlinger, Christian: Aneignung als Bildung in Zeiten entgrenzter Lernorte. Beiträge zum Bildungsverständnis der Sozialpädagogik, Wiesbaden 2004, S. 219-234.
Frey, Oliver, Sozialintegrative Stadtpolitik in Frankreich als Antwort auf städtische Jugendgewalt, in: Reutlinger, Christian; Mack, Wolfgang; Wächter, Franziska; Lang, Susanne, Jugend und Jugendpolitik in benachteiligten Stadtteilen Europas, Wiesbaden 2006 (im Druck).
Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Neue Urbanität, Frankfurt am Main 1987.
Henckel, Dietrich, Raumzeitstrukturen, in: ARL (Hg.), Handwörterbuch zur Raumordnung, Hannover 2005, S. 911-919.
Krätke, Stefan, Medienstadt. Urbane Cluster und globale Zentren der Kulturproduktion, Opladen 2002.
Kunzmann, Klaus R., Culture, Creativity and Spatial Planning, in: Town Planning Review 75 (2004), 4, S. 383-404.
Lange, Bastian, Socio-spatial Strategies of Culturepreneurs. The Example of Berlin and Its New Professional Scenes, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie 49 (2005), 2, S. 79-96.
Läpple, Dieter, City and Region in an Age of Globalisation and Digitization, in: German Journal of Urban Studies 40 (2001), 2, unter: <http://www.difu.de/publikationen/dfk/en/01_2/01_2_laepple.shtml> (23.08.2006).
Matthiesen, Ulf, Milieus in Transformationen. Positionen und Anschlüsse, in: Ders. (Hg.), Die Räume der Milieus: Neue Tendenzen in der sozial- und raumwissenschaftlichen Milieuforschung, in der Stadt- und Regionalplanung, Berlin 1998.
Winkelmann, Arne, Kulturfabriken. Kulturelle Umnutzung von leer stehenden Industriegebäuden, in: Stiftung Federkiel (Hg.), Wie Architektur sozial denken kann, Leipzig 2004.

Anmerkungen:
[1] Der vorliegende Beitrag für H-Soz-u-Kult ist im Rahmen des RTN-UrbEurope Netzwerkes entstanden und fasst die ersten Forschungsergebnisse im Rahmen meiner Dissertation an der TU Wien zusammen.
[2] Landry, Charles, The Creative City. A Toolkit for Urban Innovators, London 2000.
[3] Wynne, Derek, The Culture Industry: Arts in Urban Regeneration, Avebury 1992.
[4] O`Connor, Justin, The Definition of "Cultural Industries" 1999, vgl. <http://www.mipc.mmu.ac.uk> (23.08.2006).
[5] Aydalot, Philippe, Milieux Innovateurs en Europe, Paris 1986.
[6] Florida, Richard, The Creative Class, 2002, vgl. <http://www.creativeclass.com> (23.08.2006).
[7] Läpple, Dieter, Thesen zu einer Renaissance der Stadt in der Wissensgesellschaft, in: Gestring, Norbert; Glasauer, Herbert; Hannemann, Christine; Petrowsky, Werner; Pohlan, Jörg (Hgg.), Jahrbuch StadtRegion 2003, Opladen 2004, S. 61-77.
[8] Vgl. Kunzmann, Klaus R., Cultural Industries and Urban Economic Development, in: Art Today, 135 (2003), S. 162-167.
[9] Touraine, Alain, Das Ende der Städte?, in: Die Zeit, 31.05.1996, S. 24.
[10] Sieverts, Thomas, Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Braunschweig 1997.
[11] Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991.
[12] Hoffmann-Axthelm, Dieter, Die dritte Stadt, Frankfurt am Main 1993.
[13] Oswald, Franz; Baccini, Peter; Michaeli, Meli, Netzstadt. Einführung zum Stadtentwerfen, Birkhäuser 2003.
[14] Koolhaas, Rem, The Generic City, in: Ders., S M L XL, Rotterdam 1995.
[15] Rötzer, Florian, Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter, Mannheim 1995.
[16] Mitchell, William J., City of Bits. Space, Place and the Infobahn, Cambridge 1995.
[17] Vgl. Siebel, Walter (Hg.), Die europäische Stadt, Frankfurt am Main 2004.
[18] Vgl. Marcuse, Peter (1989): "Dual City": A Muddy Methaphor for a Quarted City, in: International Journal of Urban and Regional Research 13 (1989), S. 697-708; Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Polarisierung der Städte und Politisierung der Kultur, in: Heinelt, Hubert; Wollman, Hellmut (Hgg.), Brennpunkt Stadt. Stadtpolitik und lokale Politikforschung in den 80er und 90er Jahren (Stadtforschung aktuell 31), Basel 1991, S. 353-370; Dangschat, Jens S., Modernisierte Stadt, gespaltene Gesellschaft. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung, Wiesbaden 1999.
[19] Park, Robert, Die Stadt als räumliche Struktur und als sittliche Ordnung, in: Atteslander, Peter; Hamm, Bernd (Hgg.): Materialien zur Siedlungssoziolgie, Köln 1974, S. 90-100.
[20] Vgl. Dangschat, Jens S., Lebensstile in der Stadt. Raumbezug und konkreter Ort von Lebensstilen und Lebensstilisierungen, in: Dangschat, Jens S.; Jörg Blasius (Hgg.), Lebensstile in den Städten, Opladen 1994, S. 335-354; Dangschat, Modernisierte Stadt (wie Anm. 18).
[21] Manderscheid, Katharina, Milieu, Urbanität und Raum. Soziale Prägung und Wirkung städtebaulicher Leitbilder und gebauter Räume, Wiesbaden 2004.
[22] Vgl. Zeiher, H., Organisation des Lebensraumes bei Großstadtkindern – Einheitlichkeit oder Verinselung?, in: Bertels, Lothar; Herlyn, Ulfert (Hgg.), Lebenslauf und Raumerfahrung, Opladen 1990, S. 35-58.
[23] Schulze, Gerhard, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt am Main 1992.
[24] Lange, Bastian, Culturepreneurs in Berlin: Orts- und Raumproduzenten von Szenen, in: Färber, Alexa (Hg.), Hotel Berlin. Berliner Blätter, Hamburg 2005, S. 53-64.
[25] Lange, Culturepreneurs (wie Anm. 24). Zur Unterschiedlichkeit der Vergemeinschaftungspraktiken in Ort und Zeit zwischen Milieus und Szenen vgl. Dangschat, Jens S., Creative Capital – Selbstorganisation zwischen zivilgesellschaftlichen Erfindungen und der Instrumentalisierung als Standortfaktor, in: Veröffentlichungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, 2006 (im Druck).
[26] Sieverts, Zwischenstadt (wie Anm. 10).
[27] Ebd. zit. nach <http://www.netzwerkzeug.de/netzwerkzeug/hauptvernetzung.htm> (23.08.2006).
[28] Vgl. Frey, Oliver, Urbane öffentliche Räume als Aneignungsräume. Lernorte eines konkreten Urbanismus, in: Deinet, Ulrich; Reutlinger, Christian: Aneignung als Bildung in Zeiten entgrenzter Lernorte. Beiträge zum Bildungsverständnis der Sozialpädagogik, Wiesbaden 2004, S. 219-234.
[29] Vgl. Streich, Bernd, Stadtplanung in der Wissensgesellschaft. Ein Handbuch, Wiesbaden 2005.
[30] Vgl. Keim, Karl-Dieter, Milieu in der Stadt. Ein Konzept zur Analyse älterer Wohnquartiere. Stuttgart 1979; Matthiesen, Ulf (Hg.), Die Räume der Milieus: Neue Tendenzen in der sozial- und raumwissenschaftlichen Milieuforschung. In der Stadt- und Regionalplanung, Berlin 1998; Fromhold-Eisebith, Martina, Innovative Milieu and Social Capital – Complementary or Redundant Concepts of Colloboration-based Regional Development, in: European Planning Studies 12 (2004), S. 747-766.
[31] Vgl. Aydalot, Milieux Innovateurs (wie Anm. 5); Camagni, Roberto (Hg.), Innovation Networks: Spatial Perspectives, London 1991; Camagni, Roberto, The Concept of Innovative Milieu and Its Relevance for Public Policies in European Lagging Regions, in: Haynes, Kingsley E.; Button, Kenneth; Nijkamp, Peter; Qiangsheng, Li (Hgg.), Regional Dynamics, Bd. 2, Cheltenham 1996, S. 269-292.
[32] Staufenbiel, Fred, Magdeburg – Stadtentwicklung und Wohnmilieus. Soziologische Studie, Weimar 1987.
[33] Matthiesen, Ulf (Hg.), Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden 2004.
[34] Vgl. Hall, Peter, Cities in Civilization. Culture, Technology and Urban Order, London 1998; Landry, Charles, The Creative City. A Toolkit for Urban Innovators, London 2000; Florida, The Creative Class (wie Anm. 6).
[35] Matthiesen, Ulf (Hg.), Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden 2004, S. 77.
[36] Ebd.
[37] Vgl. Jakob, Doreen, It Don't Mean a Thing, If It Ain't Got That Swing. The Development of Intra-metropolitan Creative Industries Clusters. Paper presented at the International Conference: Urban Conditions and Life Changes, Amsterdam July 6th-8th 2006 Universiteit van Amsterdam, AMIDSt, Research and Training Network UrbEurope 2006.
[38] Camagni, Roberto, Local "Milieu", Uncertainty and Innovation Networks: Towards a New Dynamic Theory of Economic Space, in: Ders. (Hg.), Innovation Networks: Spatial Perspectives, London 1991.
[39] Landry, The Creative City (wie Anm. 34), S. 133.
[40] Löw, Martina, Raumsoziologie, Frankfurt am Main 2001.

Zitation
Ein neuer Stadttypus in der Wissensgesellschaft: Die amalgame Stadt der kreativen Milieus, in: H-Soz-Kult, 15.09.2006, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-795>.
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Veröffentlicht am
15.09.2006
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