Cover
Titel
Deutschland: Schicksalsstunden.


Hrsg. v.
Die Zeit
Erschienen
Umfang
12 DVDs mit 1 Begleitbuch
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Grisko, Lübeck

Deutsche Schicksalsstunden. Unter diesem reißerischen Titel versammelt die Wochenzeitung „Die Zeit“ nach eigenem Bekunden auf dem Schuber, zwölf „legendäre“ Doku-Dramen. Inwieweit der Begriff „legendär“ gerade im Zusammenhang mit Geschichtsdokumentationen – von der Wannseekonferenz bis zur Wiedervereinigung – nicht ein vorschnelles Label eifriger Werbestrategen darstellt, muss letztlich jeder selbst entscheiden, unstrittig ist jedoch, dass es lediglich 10 Filme sind, wenn auch teilweise über zwei DVD’s verteilt.

Dass audiovisuelle Medien immer stärker auch die Geschichte als Sujet entdecken, ist in den letzten Jahren auch bis in den letzten Winkel wissenschaftlicher Bildabstinenz vorgedrungen. Zunehmend haben auch Bildungseinrichtungen den Film als moderne Unterrichtsmedien entdeckt, bauen darauf Unterricht auf oder begleiten diesen entsprechend, wobei sich Spielfilme zwar auf der einen Seite ob ihrer Emotionalisierung anbieten, auf der anderen Seite – fernab der unterrichtsuntauglichen Länge – genau aus diesem Grund den Zugang zu einem objektiven Blick auf die Ereignisse verschließen.

Guido Knopp auf der Dokumentationsseite, flankiert von zahlreichen Nachahmerformaten auf den privaten Sendern, und der eigentlich zur fiktionalen Regisseursgarde zählende Heinrich Breloer, auch dem letzten Fernsehzuschauer durch sein Doku-Drama „Die Manns – ein Jahrhundertromans“ (2001) bekannt geworden, haben die Geschichte fernseh- und gelegentlich auch primetime-tauglich gemacht. Dass ist – fernab pseudodokumentraischer TV-Events – eine Erfolgsgeschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Heinrich Breloer hat den Begriff des Doku-Dramas in zahlreichen Beispielen – von Speer über Barschel, die RAF und Brandt – bis zur Perfektion gebracht. Und nicht zuletzt deswegen ist es auch kein Zufall, dass zwei der zehn Filme von ihm stammen („Eine geschlossene Gesellschaft“ 1987 und „Todesspiel“ 1997). Heinrich Breloer vereinigt wie kein zweiter die Tugenden eines gewissenhaften Faktensammlers mit denen eines leidenschaftlichen Geschichtenerzählers. Dies kommt auch in seinen Filmen, in denen er kongenial Dokumentarfilmanteile mit fiktionalen Spielszenen verbindet, zum Ausdruck. Neben dem Dokumentarmaterial sind es vor allem die Zeitzeugeninterviews, die Heinrich Breloer auszeichnen. Penibelst vorbereitet, trifft er auf sein Gegenüber, weiß ihn geschickt zu befragen und trifft dabei – nicht selten mit einem journalistischen und historischen Mehrwert – den Kern des Problems. Heinrich Breloer gehört mit Abstand zu den besten dieses Genres, seine Filme schreiben wichtige Teile deutscher Gesellschaftsgeschichte, von denen er – wie beispielsweise in „Die geschlossene Gesellschaft“ in den 1950er-Jahren – auch selbst betroffen war. Auch seine Rekonstruktion der Ereignisse im Heißen Herbst 1977 in dem Zweiteiler „Todesspiel“ bedienen historische Interessen auf der einen und das Bedürfnis nach fiktionaler Unterhaltung auf der anderen Seite gleichermaßen – ein preisgekrönter Spagat, der bisweilen auch Überlegungen zur Materialität historisch-dokumentarischer Bilder und Erzählformen zulässt. Heinrich Breloer löst im besten Sinne die von seinem langjähriger Partner Horst Königsstein formulierte Herausforderung an Doku-Dramas ein: „Die erzählende Konkurrenz – und jedes Programm erzählt, jeden Augenblick – ist so groß, daß das Doku-Drama unter einem besonderen Druck steht, den ich allerdings fruchtbar finde: den Druck, wirkliches Ereignis sein zu müssen und Geschichten so zu erzählen, wie sie noch nicht gesehen wurden, Geschichten aus unserer Zeit, deren Aktualität sich gerade im Nacherzählen von Geschichte erweist.“[1]

Es ist wohl deswegen kein Zufall, dass sich viele der nachfolgenden Filmemacher an Breloer orientieren, ohne dass dieser die Erfindung der Mischung von fiktionalem und dokumentarischem Material für sich in Anspruch nehmen könnte. So erinnert der ebenfalls in der Box mitgelieferte Film „Im Schatten der Macht“ (2003) von Oliver Storz stark an den 1993 von Heinrich Breloer inszenierten Film „Wehner. Die unerzählte Geschichte“. Storz wollte mit seiner Geschichte über Willy Brandt zunächst eine spannende Geschichte inszenieren, insofern orientiert er sich an den historischen Fakten, hält sich aber nicht immer an sie. Dies ist nur in diesem besonderen Fall eine Gefahr mit Blick auf den didaktischen Einsatz.

Überhaupt gilt es den an den Film herangetragenen Anspruch zu reflektieren: historischer Mehrwert, Erstinformation, Themeneinstieg, Unterhaltung? Zunächst und zuallererst muss ein Film nämlich den Gesetzen des Mediums gehorchen und unterliegt dann den Zwängen seiner Herstellung (Kosten, Archivzugänge, Stand der Forschung, Redaktion) und Distributionsstrecke (Sender, Sendeplatz, Redaktion). Die Struktur bestimmt den Anspruch.

Gleichzeitig zeigt sich, dass der Begriff Doku-Drama von den Editoren der DVD’s weit gedehnt wird. Denn neben den bereits erwähnten Filmen von Heinrich Breloer und Oliver Storz, den Filmen von Hans Christoph Blumenberg („Der Aufstand“ 2003, „Deutschlandspiel“, 2000, Teil 1 und 2) und Raymond Ley („Die Nacht der großen Flut“, 2005), die als Doku-Dramen im engeren Sinne gelten können, finden sich auch reine Spielfilme, wie zum Beispiel „Die Wannseekonferenz“ (Regie: Heinz Schirk, 1984) oder reine Dokumentationen („Der Polizeistaatsbesuch“, Regie: Roman Brodmann, 1967 oder „Jeder schweigt von etwas anderem, Regie: Marc Bauer, 2006) – eine abgeschwächte Form stellt zu guter letzt „Der Olympiamord“ (Regie:Sebastian Degenhardt/Uli Weidenbach/Manfred Oldenburg, 2006) dar, in dem Szenen zum OFF-Ton der Beteiligten nur nachgestellt werden.

Die zeitgeschichtlichen Ereignisse liegen zwischen Wannseekonferenz und Wiedervereinigung und berücksichtigen jedes Jahrzehnt. Mit Ausnahme von Raymond Leys „Die Nacht der großen Flut“ (2006), die zudem eine überdurchschnittlich starke Emotionalisierung aufweist, „Die geschlossene Gesellschaft“, die eher ein mentalitätsgeschichtliches Phänomen aufgreift, und „Jeder schweigt von etwas anderem“, der in sensibler Form den privaten und individuellen Umgang inhaftierter und freigekaufter DDR-Regimegegner mit der eigenen Geschichte nach dem Mauerfall auf den Bildschirm bringt, sind es Themen, der jüngeren deutsch-deutschen Zeitgeschichte – Filme aus der DDR-Produktion sind nicht dabei. Selbstverständlich beeinflussen auch die notwendigen Rechtefreigaben der Produzenten die Auswahl der Filme. Ein Buch mit unterschiedlichen Artikeln aus der Zeit ergänzt die Filme, die in ihrer Besonderheit einen jeweils unterschiedlichen Zugang zu besonderen Ereignissen der deutsch-deutschen Geschichte bieten, sie sind ebenso ein Teil ihrer Rezeption, wie ihres Diskurses, dies sollte man nie vergessen.

Anmerkung:
[1] <http://mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/koenigstein_doku/koenigstein_doku.html> (22.06.2010).

Zitation
Michael Grisko: Rezension zu: Die Zeit (Hrsg.): Deutschland: Schicksalsstunden. Berlin 2007 , in: H-Soz-Kult, 13.07.2010, <www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-9584>.
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Veröffentlicht am
13.07.2010
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