Ethnologische vs. soziologische Ethnographie

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin
Veranstalter
Thomas Scheffer (HU Berlin) & Christian Meyer (Uni Bielefeld)
Datum
21.05.2010 - 22.05.2010
Bewerbungsschluss
31.10.2009
Von
Thomas Scheffer

Ethnologische vs. soziologische Ethnographie
Zur Belastbarkeit und Perspektive einer Unterscheidung

In den Sozial- und Kulturwissenschaften steht die Ethnographie bis heute für eine Erfolgsgeschichte, die zugleich von teils vehementen Konflikten um den Status ihrer Beforschten, Repräsentationen oder Konzeptualisierungen begleitet wird. Sie findet Zulauf als Allheilmittel gegen Unübersichtlichkeit des Beforschten, Distanzierung vom Eigentlichen und einer Methodisierung der Forschung; sie trifft auf Ablehnung, wo sie mit mangelnder Strenge und einem inflationären, undisziplinierenden Gebrauch identifiziert wird.
Ihre Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Felder scheint der Ethnographie zum Vor- und Nachteil zu gereichen. Letzteres spiegelt sich wieder in einer Vielzahl von Versuchen, ihren eigentlichen Kern zu bestimmen: mal ist sie vor allem Feldforschung, mal einfühlende Beobachtungsweise, mal anspruchsvolle Methode, mal offener Methoden-Mix, mal Methodologie eines erfahrungsge-sättigten Theoretisierens.
Der Zuschnitt von Ethnographie und die Praxis des Ethnographierens scheinen von jeher zwischen Ethnologie und Soziologie fundamental zu variieren. Deren Unterschiede in der Aneignung und Praxis von Ethnographie scheinen bereits in den disziplinären Orientierungen selbst begründet: auf Kultur oder Gesellschaft; auf das Fremde oder das Verfremdete, auf Holismus oder Differenzierung. Auffällig ist, dass Ethnographie für Ethnologinnen oder Soziologinnen unterschiedliche Probleme löst:
Ethnographie erscheint den ‚im Eigenen’ Forschenden als zeitgemäße und angemessene Antwort auf die Herausforderungen der spät- bis postmodernen Erosion vormaliger Gewissheiten, der ‚neuen’ Unübersichtlichkeiten, der unhintergehbaren Mehrdeutigkeit allen Geschehens, etc. Die Vollzugs- und Praxisnähe von Ethnographie stellt sich, so das Versprechen, derlei Wirrungen.
Den ‚in der Fremde’ Forschenden gilt sie als mittlerweile kanonisierte Antwort auf den überkommenen ethnozentristischen Blick, auf interkulturelle Missverständnisse, auf den propagierten „Kampf der Kulturen“ oder auf die Ausgrenzung von Lebensformen, die sich nicht in dem hegemonialen „way of life“ fügen. Ethnographie fungiert hier, so das Versprechen, als Türöffner, Übersetzerin und Sprachrohr.
Das Lob der Ethnographie fällt nicht nur verschieden, sondern auch mehr oder weniger enthusiastisch aus, je nachdem welche Disziplin sich ihrer bedient oder bedienen möchte. Ja mehr noch, Ethnographie antwortet nicht nur auf verschiedene Probleme, sie ist auch unter-schieden, je nach disziplinärer Handhabung:
Der Soziologie stellt sie sich als eine Reaktion auf den „linguistic turn“ und den „practice turn“ dar. Der Vollzugscharakter und die Situiertheit von Sozialität erfahren theoretisch wie methodisch verstärkte Relevanz und stellen deduktive Theorieprogramme infrage. Themen einer derart theoretisierenden Ethnographie sind nicht mehr vorrangig marginale Subkulturen wie noch zu Zeiten der Chicago School, sondern Vergesellschaftungszentren oder gar „totale Institutionen“ wie naturwissenschaftliche Labore, Börsen und Banken, der Justizapparat, Medienanstalten und Parlamente, Software-Firmen, Krankenhäuser und Schulen.
Während sich die soziologische Ethnographie dezidiert theoretisch und methodologisch positioniert, operiert die ethnologische Ethnographie außer Konkurrenz. Sie gilt als die Methode der Ethnologie, deren Wahl keiner besonderen Erklärung bedarf. Sie wird nicht in Abgrenzung zu anderen Methoden, in Anlehnung an bestimmte Kulturtheorien oder als Anpassung an den Gegenstandsbereich begründet. Vielmehr fungiert sie als breite Klammer, die qualitative Interviews, Dokumentenanalysen, audio- und videogestützte Beobachtungen oder gar Surveys umfasst. Mehr noch, Feldforschung gewinnt für die Ethnologie zuweilen den Status einer Initiation. Die Ethnographie entspricht der Ethnologie dann einem Leidensprozess, der die Person der Forscherin transformiert und ihre Erkenntnisfähigkeit begründet. Nicht zuletzt aus wissenschaftshistorischen Gründen versteht sich die Ethnologie als die disziplinäre Heimstatt der Ethnographie.
Der Abgleich von soziologischer und ethnologischer Ethnographie erscheint heute, unter teils postdisziplinären Verhältnissen, als überzeichnet. Es finden sich neue und wieder andere Versionen der Ethnographie, die quer zur oder jenseits von Soziologie und Ethnologie verfahren, mit eigenen Spezialisierungen hinsichtlich eines Gegenstandsbereiches, einer präferierten Theorie oder eines methodischen Zuschnitts. Im Angebot sind Technographie, Praxeographie, Mikroethnographie oder auch Videographie, sowie eine analytische, fokussierte oder lebensweltliche Ethnographie. Im angloamerikanischen Raum finden sich weitere Spezifikationen: etwa eine „global ethnography“ oder eine „multi-sited ethnography“.

Mit dem Workshop wollen wir die disziplinären wie die postdisziplinären Fundierungen der Ethnographie nachvollziehen und diskutieren – und auf diese Weise unseren ‚Erfolgsgeschichten’ mit kritischen Nachfragen begegnen:
- Was unterscheidet und verbindet die Varianten der Ethnographie und was lernen wir daraus und voneinander?
- Wie zeigen sich die Varianten hinsichtlich Feldzuschnitt, Handwerk und Handwerkszeug, analytischer Rahmung, präferierten Datenformaten und Schreibstil?
- Wie werden Ethnographie-Innovationen anderer Disziplinen, etwa aus der Informatik, den Politikwissenschaften, den S&TS, der Sozialpsychologie, der Pädagogik, etc. aufgegrif-fen?
- Welche Rolle spielten und spielen sozial-, sprach- und/oder kulturwissenschaftliche Trends und Turns bei der Weiterentwicklung der jeweiligen Ethnographie?
Wir laden ein, das Workshop-Thema mit empirisch-informierten, methodologisch-reflektierten, theoretisch-orientierten oder auch anwendungsbezogenen Beiträgen zu bearbeiten. Ein Abstract von nicht mehr als einer halben Seite richten Sie bitte bis zum 31.10.2009 an die beiden Veranstalter:
Dr. Christian Meyer und Dr. Thomas Scheffer

Programm

Bislang haben die folgenden Kolleginnen und Kollegen ihr Kommen zugesagt: Kebeet Benda-Beckmann, Hans-Jörg Dilger, Thomas Hauschild, Stefan Hirschauer, Gertraud Koch, Karin Knorr-Cetina, Regina Römhild, Richard Rottenburg, Nikolaus Schareika, Robert Schmidt und Gisela Welz.

Kontakt

Dr. Christian Meyer
Fakultät für Soziologie
Universität Bielefeld
christian.meyer5@uni-bielefeld.de
&
Dr. Thomas Scheffer
Institut für Europäische Ethnologie
HU Berlin
scheffer@law-in-action.org

Zitation
Ethnologische vs. soziologische Ethnographie, 21.05.2010 – 22.05.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 30.09.2009, <www.hsozkult.de/event/id/termine-12277>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.09.2009
Klassifikation
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Sprache Beitrag
Land Veranstaltung