Anwendungsorientierung in der universitären Forschung. Historische Perspektiven auf eine aktuelle Debatte

Ort
München
Veranstaltungsort
Deutsches Museum
Veranstalter
Desiree Schauz und Thomas Wieland, Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte
Datum
03.03.2011 - 05.03.2011
Bewerbungsschluss
15.11.2010
Von
Desiree Schauz

Wissenschaft wird heute mehr denn je als Quelle wirtschaftlichen Wachstums begriffen. Das von ihr generierte Wissen soll nicht nur zum allgemeinen Erkenntnisfortschritt beitragen, sondern auch möglichst zeitnah und direkt der ökonomischen Verwertung zufließen. Publizieren und Patentieren lauten die weithin vernehmbaren Forderungen an die Hochschulforscher. Dadurch erfährt eine Wissenschaftsform starke Aufwertung, die Donald E. Stokes in Abkehr vom „linearen Modell“ der Nachkriegszeit mit der Metapher von Pasteurs Quadrant umschrieben hat. Forschung in Pasteurs Quadrant verfolgt grundlegende wissenschaftliche Fragestellungen mit hohem Anwendungspotential. Der Wissenschafts- und Wirtschaftspolitik gilt diese Wissenschaftsform mittlerweile als Idealtyp akademischer Forschung.

In der Innovations- und in Teilen der Wissenschaftsforschung wurde diese Entdifferenzierung von Grundlagen- und Anwendungsforschung in zahlreichen Konzepten wie „Modus 2“ oder „Triple Helix“ beschrieben und normativ begrüßt. Gleichzeitig wurden aber auch Stimmen laut, die in der Öffnung der Grundlagenforschung für kommerzielle Anwendungskontexte den Ausverkauf der Hochschulwissenschaft sahen. Ein Krisendiskurs setzte ein, der als Ergebnis der aktuellen Entwicklung das Ende der offenen Wissenschaft mit ihren hohen, von Robert K. Merton beschriebenen Normen prophezeite.

Die Frage nach Zweck und Anwendungsmöglichkeiten wissenschaftlichen Wissens ist nicht grundsätzlich neu. Sie gehört zum festen Repertoire wissenschaftlicher Selbstreflexion und wurde seit der Entstehung der modernen Wissenschaft periodisch neu verhandelt. Bereits Francis Bacon definierte Wissenschaft nicht allein über das Ziel der Naturerkenntnis. Vielmehr sah er ihre Aufgabe auch darin, die Natur durch den Menschen beherrschbar zu machen. Bacon steht freilich am Anfang eines Prozesses, in dem sich die Wissenschaftslandschaft immer stärker ausdifferenziert, sodass heute ganz unterschiedliche Wissenschaftsformen bzw. Forschungstypen nebeneinander bestehen. In diesem Prozess sind Phasen einer stärkeren Ausdifferenzierung von „reiner Grundlagenforschung“ und „angewandter Forschung“ ebenso zu beobachten wie Phasen der Entdifferenzierung. Zu denken wäre hier etwa an Entwicklungen im Zuge der deutschen Autarkiebestrebungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neben der historischen Varianz lassen sich auch disziplinäre Unterschiede beobachten. So haben Disziplinen wie Chemie und Physik in großen Teilbereichen bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts enge Verbindungen zum Industriesektor herausgebildet, während die Öffnung für industrielle Anwendungen für andere Wissenschaftsdisziplinen wie die Biologie eine relative neue Herausforderung darstellt.

Vor diesem Hintergrund möchte die Tagung einen historischen Blick auf die Öffnung der akademischen Forschung für Anwendungskontexte werfen und nach ihrer Bedeutung für Wissenschaftskultur und Wissenschaftsverständnis fragen. Der geschichtliche Zuschnitt der Tagung zielt nicht nur darauf ab, der aktuellen Debatte historische Tiefenschärfe zu verleihen, um das Ausmaß des momentanen Wandels besser einschätzen zu können. Ebenso sehr soll es darum gehen, wiederkehrende Muster in Phasen stärkerer Anwendungsorientierung zu identifizieren, aber auch disziplin-, zeit- und kulturabhängige Unterschiede herauszuarbeiten. Gefragt sind deshalb Beiträge, die sich unter einer oder mehrerer der folgenden Perspektiven mit Veränderungen der Anwendungsorientierung in der akademischen Wissenschaft befassen und dabei unterschiedliche Disziplinen in ihrem gesellschaftlichen Kontext in den Blick nehmen.

1) Gesellschaftliche und wissenschaftspolitische Perspektiven auf die Öffnung der Grundlagenforschung für Anwendungskontexte:
Aus diesem Blickwinkel interessieren vorrangig gesellschaftliche Prozesse, die die Erwartungen gegenüber wissenschaftlichem Wissen prägen. Zu diskutieren wäre einerseits, inwiefern ökonomische Krisen, militärische Konflikte oder anderweitige gesellschaftliche Probleme die Nachfrage nach stärkerer Anwendungsorientierung beeinflussen. Anderseits ist danach zu fragen, inwiefern gesellschaftliche Tabus und Ängste darüber entscheiden, dass bestimmte Anwendungspotenziale abgelehnt werden.

2) Voraussetzungen und Konsequenzen anwendungsorientierter Forschung für Wissenschaftskultur und -praxis:
Wie verändert sich die Wissenschaftskultur in Bereichen, in denen die Bedeutung von anwendungsnaher Forschung wächst? Eine Frage wäre hier, inwiefern Anwendungsorientierung Chancen für die Weiterentwicklung einzelner Disziplinen und Forschungsfelder bietet. Insbesondere vor dem Hintergrund des Krisendiskurses ist zu diskutieren, ob Anwendungsorientierung tatsächlich die Ideale und Normen einer offenen Wissenschaft gefährdet.

3) Vermittlungsprozesse zwischen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Zielen und ihre Semantiken:
Wie gestaltet sich die Aushandlung von Forschungszielen und Forschungsförderung? Welche Funktion übernimmt dabei die Wissenschafts- und sozialwissenschaftliche Begleitforschung? In der Vermittlung unterschiedlicher Zielvorstellungen und Umsetzungsanforderungen spielen Symbole, Begriffe und Modelle wie „angewandte Forschung“, „Grundlagenforschung“, „lineares Modell“ usw. eine zentrale Rolle. Welche diskursiven Strategien sind damit verbunden?

4) Disziplinen im Schatten des Anwendungsimperativs:
In der bisherigen Diskussion wurde selten danach gefragt, was eigentlich mit Disziplinen geschieht, die aktuellen Anwendungserwartungen nicht entsprechen können. Entwickeln sie vor dem Hintergrund der Konkurrenz um Forschungsgelder neue Legitimierungsstrategien? Eine weitere Frage wäre, welche Auswirkungen innerhalb von Fachbereichen und Disziplinen auszumachen sind, wenn einzelne Teildisziplinen durch ihren Anwendungsbezug besondere Förderung erhalten.

Die Tagung findet vom 3. bis 5. März 2011 am Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte im Deutschen Museum statt. Reise- und Unterbringungskosten werden für die Referentinnen und Referenten übernommen. Alle Interessierten sind eingeladen, sich mit Vorschlägen für Beiträge (maximal 500 Wörter) bis zum 15. November 2010 an eine der folgenden Adressen zu wenden:

Kontakt

Dr. Désirée Schauz
Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte
c/o Deutsches Museum
80306 München
Tel.: [*49]-89-2179.407, Fax:-408
E-mail: Desiree.Schauz@mzwtg.mwn.de
Homepage: http://www.lrz-muenchen.de/~Desiree_Schauz

Dr. Thomas Wieland
Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte
c/o Deutsches Museum
80306 München
Tel.: [*49]-89/2179-540, Fax: -408
E-mail: Thomas.Wieland@lrz.tum.de
Homepage: http://www.lrz-muenchen.de/~thomas_wieland

Zitation
Anwendungsorientierung in der universitären Forschung. Historische Perspektiven auf eine aktuelle Debatte, 03.03.2011 – 05.03.2011 München, in: H-Soz-Kult, 19.10.2010, <www.hsozkult.de/event/id/termine-14930>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.10.2010