Ethnographie und Geschichtsdenken. Ein Workshop zu Ernesto de Martino und seinen Hinterlassenschaften

Ort
Siegen
Veranstaltungsort
Universität Siegen, Adolf-Reichwein-Campus
Veranstalter
Lehrstuhl für Medientheorie, Universität Siegen; in Kooperation mit der Regionalgruppe Mittelmeerraum, Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde
Datum
07.04.2011 - 08.04.2011
Von
Ulrich van Loyen

Ernesto de Martino (1908-1965) war der anregendste Folklorist und Kulturhistoriker des italienischen Südens. Als Croce-Schüler suchte er seine geschichtsphilosophischen Ambitionen zu retten, indem er sich dem Studium der sogenannten Primitiven zuwandte. Die in den 1930er und 1940er Jahren durch Schriftsteller wie Carlo Levi angetriebene Entdeckung der italienischen Binnenexotik, einer Universalität, die von vatikanischen Mächten ebenso befreien sollte wie vom faschistischen Führerstaat, fand in de Martinos religionsethnologischen Werken ihre Fortsetzung. Auch hier ging es um die Rechtfertigung einer angeblich zurückgebliebenen Welt und ihrer Denkweise. In den Augen der italienischen Linken enthielt sie nicht zuletzt ein eigenständiges Konzept von Communitas und war dementsprechend attraktiv.

De Martinos im Kollektiv mit Psychologen, Filmemachern und Musikologen durchgeführte Forschungen müssen daher in verschiedener Hinsicht betrachtet werden: u.a. als Versuch, die Geschichtsphilosophie nach Croce zu retten, indem ihre Kategorien historisiert werden; als politische Aktion, die eine andere, ebenso alte wie neue Geschichte Italiens erfindet; als Säkularisierung des Katholizismus und als Sakralisierung des Kommunismus; als avantgardistische Praxis; als Ethnographie magischer Praktiken für einen „kritischen Ethnozentrismus“ der Moderne; als Phänomenologie des sozialen Lebens im Mittelmeerraum. Der Workshop wird die Sicht unterschiedlicher Disziplinen (italianistische, wissenschaftsgeschichtliche, philosophische, medienhistorische und sozialanthropologische) auf de Martino bündeln, laufende Projekte vorstellen und weitere Forschungsaufgaben umreißen.

Programm

Donnerstag, den 7.4.2011/ Raum: AR K-612

14:30 – 15:00 Ulrich van Loyen (Siegen): Einführung

15:00 – 16:00 Annette Werberger (Tübingen): De Martino und die (europäische) Folkloristik

Kaffeepause

16:30 – 17:30 Manfred Bauschulte (Bochum): De Martino und die zeitgenössische italienische Literatur (zu Einaudis Collana Viola und C. Paveses „Dialoghi con Leucò“)

17:30 – 18:30 Martin Zillinger (Siegen): Klage und Gewissenspein im Mittelmeerraum. Ein Forschungsbericht

Freitag, den 8.4.2011, Raum: AR H-420 (Filmstudio des Medienstudiengangs)

09:00 – 10:00 Alexandra Rieder (Wien): Revisiting Salento 1959. Ernesto de Martino, Bilder und die Geschichte(n) von der Terra del rimorso

10:00 – 11:00 Antonio Roselli (Paderborn): Am Leitfaden der Präsenz. Zur Aktualität von Ernesto de Martino – Mit Blick auf H.U. Gumbrecht und Hans Blumenberg

Kaffeepause

11:30 – 12:30 Barbara Peveling (Tübingen/ Paris): Magie, Religion und soziale Sicherheit im Mittelmeerraum. Ernesto de Martinos Ansatz zur religiösen Magie angewendet auf eine lokale Feldstudie zu nordafrikanischen Juden und Muslimen in Marseille

12:30 – 13:30 Michaela Schäuble (Halle): Zwischen radikalem Realismus und visionärem Delirium: eine Annäherung an das filmische Schaffen von Luigi di Gianni

Diskutantin: Tatiana Silla (Wien)

Kontakt

Ulrich van Loyen

Medienwissenschaftliches Seminar
Adolf-Reichwein-Straße 2
57076 Siegen

vanloyen@medienwissenschaft.uni-siegen.de

Zitation
Ethnographie und Geschichtsdenken. Ein Workshop zu Ernesto de Martino und seinen Hinterlassenschaften, 07.04.2011 – 08.04.2011 Siegen, in: H-Soz-Kult, 17.03.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-15988>.