Grenzen und "Kontaktzonen". Rekonfigurationen von Wissensräumen zwischen Frankreich und den deutschen Ländern 1700-1850 / Les frontières et les zones de contact. Reconfigurations des espaces des savoirs entre la France et les pays germaniques,1700 à 1850

Ort
Augsburg
Veranstaltungsort
Universität Augsburg, Universitätsstr. 10, 86135 Augsburg: Philologisch-Historische Fakultät, Geb. D5, Ebene 1, Raum 1012
Veranstalter
Deutsch-französischer Forschungsverbund "Euroscientia"; Prof. Dr. Lothar Schilling, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Augsburg
Datum
15.09.2011 - 16.09.2011
Von
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Augsburg

Das von der DFG und der ANR im Rahmen eines gemeinsamen Programms geförderte deutsch-französische Forschungsprojekt „Euroscientia“ verfolgt das Ziel, die Konstitution, den Status und die Institutionalisierung verschiedener Formen staatlichen und staatsbezogenen Wissens im 18. und 19. Jahrhundert zu untersuchen. Als staatliches bzw. staatsbezogenes Wissen („savoir[s] d’État“) in den Blick genommen werden all jene Wissensformen und -bestände, die von zeitgenössischen Akteuren im Sinne der berühmten Formel Francis Bacons („et ipsa scientia potestas est“) als für staatliches Handeln relevant erachtet wurden, denen man also etwa zutraute, zur Erhaltung und Verbesserung der inneren Ordnung, zur Hebung der wirtschaftlichen Leistungskraft der Bevölkerung oder zur Stärkung der öffentlichen Finanzen beizutragen – auch dann, wenn sie auf individuelle Erfahrungen weitab von staatlicher Regierungspraxis zurückgingen.

Nicht nur die Inhalte, auch der Status, die Ordnung und die institutionelle Verfaßtheit dieses Wissens waren im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts erheblichen Veränderungen unterworfen – nicht zuletzt durch die allmähliche Auflösung der Policey- und Kameralwissenschaften und die Herausbildung neuer Disziplinen wie der Nationalökonomie und der Verwaltungswissenschaft. Grundlegend verändert haben sich im Laufe der beiden Jahrhunderte aber auch die Modi der Kommunikation und Wissenszirkulation, die mit dem Wissen verknüpften Praktiken und die sie tragenden sozialen Formationen und Netzwerke – eine Entwicklung, der die These von der allmählichen Transformation der alteuropäischen Gelehrtenrepublik in eine primär national konstituierte Wissenskultur nur unzureichend gerecht wird.

Im Rahmen dieser Problematik geht der Workshop der Frage nach Grenzen und Kontaktzonen der Zirkulation staatsbezogenen Wissens nach. Anhand von Fallbeispielen soll geklärt werden, inwieweit dieses Wissen von Akteuren als in allen Staaten gleichermaßen gültig, als lediglich auf dem Gebiet eines Staates anwendbar oder gar als strikt ortsbezogen verstanden wurde, wo es gesammelt, diskutiert und publiziert und auf welchen Wegen es formalisiert und ausgetauscht wurde, wobei dem Wissensaustausch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und den diesen Austausch ermöglichenden Schnittstellen, etwa aufgeklärten gemeinnützigen Gesellschaften, Akademien und Höfen, aber auch der Bedeutung von „Grenzlandschaften“ wie dem Elsaß besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Der Workshop wird sich zudem mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern durch die Kriege und politischen Ereignisse um 1800 ein Wandel der Territorialregime des Wissens befördert wurde. Kann für das Ancien régime von einem europaweiten Austausch staatsbezogenen Wissens ausgegangen werden, oder wurde dieser Austausch im Gegenteil bereits vor 1789/1800 durch spezifische Grenzen und Hindernisse strukturiert? Zu fragen ist sodann, in welchem Ausmaß Revolutionskriege und napoleonische Besatzung in verschiedenen Regionen die Zirkulation von staatsbezogenem Wissen verändert haben. Entstanden neue Wissenslandschaften und -kulturen? Inwieweit wirkte sich die Entstehung neuer Institutionen staatsbezogenen Wissens (etwa der „Grandes écoles“) auf die Wissenszirkulation aus? Oder hatten letztlich Veränderungen wie die „Informationsrevolution“ des 19. Jahrhunderts gravierendere Auswirkungen auf die Zirkulation staatsbezogenen Wissens als die von einzelnen Nationalstaaten vorangetriebenen Institutionalisierungsbestrebungen? Läßt sich mit Blick auf die „savoirs d’État“ tatsächlich von einer „Nationalisierung“ der Wissensräume im frühen 19. Jahrhundert sprechen – oder bestanden regionale Austauschbeziehungen, wie sie etwa das Elsaß mit dem Raum des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches verbanden, über die Zäsur der napoleonischen Zeit hinweg fort?

Ziel des Workshops ist es also nicht nur, den spezifischen Status staatsbezogenen Wissens und seine Entwicklung im 18. und frühen 19. Jahrhundert zu untersuchen, sondern zugleich die komplexen Raumbezüge dieses Wissens näher zu ergründen. Denn ohne die Kenntnis dieser Raumbezüge wird es kaum möglich sein, die Strategien und Praktiken der Träger staatsbezogenen Wissens oder dessen Deutung als Grundlage von Macht zu verstehen.

Programm

Do, 15.09.2011

14:00 Uhr: Begrüßung

14:30 Uhr: Einführung

Sektion I: 15:00-19:00 Uhr

Birgit Näther, Essen
Wissen und Herrschaft: Zur Bedeutung der landesherrlichen Visitation im vormodernen Bayern

Simona Boscani Leoni, Heidelberg
Helvetische Netze: J. J. Scheuchzer als Organisator des Wissens

16:45 Uhr: Kaffeepause

Martin Stuber, Bern
Die Oekonomische Gesellschaft Bern als «Kontaktzone» im europäischen Austausch agrarisch-ökonomischen Wissens

Jani Marjanen, Helsinki
Economic Societies as Reform Organisations: State Knowledge and Voluntary Association in Eighteenth-century Sweden

Fr, 16.09.2011

Sektion II: 9:00-13:00 Uhr

Kirill Abrosimov, Augsburg
Hof als Raum für die Etablierung und Vermittlung des neuen ökonomischen Wissens - das fürstliche Netzwerk der französischen Physiokraten

Bettina Severin-Barboutie, Gießen
Rekonfiguration von Wissen. Die höheren Staatsdiener im Großherzogtum Berg (1806-1813)

10:45 Uhr: Kaffeepause

Guillaume Garner, Lyon
Conditions, modalités et limites du transfert des savoirs de l’Etat vers les milieux marchands en Allemagne (milieu du XVIIIe siècle – années 1830)

Igor Moullier, Lyon
Administration et Öffentlichkeit : les défis de la réforme (1800-1830)

13:00-14:30 Uhr: Mittagspause

Sektion III: 14:30-18:15 Uhr

Stéphane Blond, Evry
[Cartographie et savoirs d‘Etat]

Richard Hölzl, Göttingen
Der 'deutsche' Wald als Objekt eines transnationalen Wissenstranfers? Forstreform in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert

Marcus Popplow, Heidelberg/Salzburg
Zum Weiterleben der "Ökonomischen Aufklärung" nach 1800: Das Fallbeispiel Kurpfalz/Baden

Schlussdiskussion

Kontakt

Elisa Schaarschmidt B.A.
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit
Universitätsstraße 10, 86135 Augsburg
elisa.schaarschmidt@phil.uni-augsburg.de

Zitation
Grenzen und "Kontaktzonen". Rekonfigurationen von Wissensräumen zwischen Frankreich und den deutschen Ländern 1700-1850 / Les frontières et les zones de contact. Reconfigurations des espaces des savoirs entre la France et les pays germaniques,1700 à 1850, 15.09.2011 – 16.09.2011 Augsburg, in: H-Soz-Kult, 21.08.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-17030>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.08.2011
Beiträger