Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Tagungszentrum an der Sternwarte, Geismar Landstraße 11, 37083 Göttingen
Veranstalter
Martin Mulsow, Universität Erfurt; Frank Rexroth, Universität Göttingen; Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Datum
29.02.2012 - 02.03.2012
Von
Heiduk, Matthias

Ziel der Tagung ist, einen seit einiger Zeit prägenden Trend der Wissenschaftsgeschichte verstärkt für die Vormoderne fruchtbar zu machen: Demnach wird die Generierung wissenschaftlicher Erkenntnis nicht mehr als selbstreferentieller Prozess allein aus dem Gang der Forschung und ihrer Erweiterung vorhandenen Wissens verstanden. Stattdessen stehen die soziokulturellen Elemente wissenschaftlicher Kommunikation im Fokus. Schlagwörter wie politische Einflussnahmen, Ausdifferenzierung von Institutionen und Disziplinen, Bezüge zur nichtwissenschaftlichen Umwelt, habituelle Faktoren und spezifische Semantiken innerhalb der Trägermilieus der Wissenschaften und Kanonisierungen akzeptierten Wissens umreißen dabei nur einige der Untersuchungsfelder, die Aufschluss über Praktiken und Logiken bei der Formulierung von Ergebnissen und Theorien sowie deren Etablierung oder Ausschließung in den Wissenschaften zu geben vermögen. Im Mittelpunkt stehen somit Grenzziehungen, die im Sinne von Thomas F. Gieryns Verständnis von boundary work plural, situativ flexibel und bisweilen sogar widersprüchlich vorgenommen werden können. Differenzierungen erscheinen dadurch nicht mehr nur an stabile institutionelle Rahmen gebunden, sondern werden in vielfach uneindeutigen und dynamischen Systemen, in Zwischenräumen und entlang verborgener Schwellen ausgehandelt.

Lange Zeit ist der Vormoderne wenn nicht sogar Wissenschaftlichkeit generell so doch eine wissenschaftliche Autonomie abgesprochen worden. Mit der Frage, was als wissenschaftlich gelten darf, verbinden die Veranstalter daher das Anliegen, spezifische institutionelle Ausprägungen, soziale Vernetzungen und Regulierungsmechanismen von Wissenschaft in den Jahrhunderten vor 1800 zu thematisieren, ohne den Blick auf das Besondere durch eine Zielrichtung auf die Modernisierung hin zu verstellen. Gleichwohl vermag der angestrebte Vergleich gerade von hoch- und spätmittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Grenzziehungspraktiken bereits die nicht lineare Geschichte von Ausdifferenzierungen von Wissenschaft in einer longue durée zu verdeutlichen. Findet beispielsweise die Scholastik in den Universitäten einen spezifischen Ort für die Ausbildung von Regeln der Wissenschaftlichkeit, kennzeichnet sich die humanistische Gelehrtenrepublik durch eine institutionelle Ungebundenheit, die ganz andere Strategien der Grenzziehungsarbeit erfordert. Im Bestreben um den Vergleich thematisiert die Tagung somit bewusst eine Vielfalt an individuellen Lebenssituationen, Gruppen- und Netzwerkbildungen, Selbstbehauptungs- und Autonomiebestrebungen, Institutionalisierungen und Anpassungen an außerwissenschaftliche soziale Räume, Öffnungsversuchen gegenüber neuen Wissensfeldern und dezidierten Absonderungen etwa von Dilletantismus, Geheimwissen und Pseudowissenschaft in den vormodernen Gelehrtenmilieus.

Programm

Mittwoch, 29. Februar 2012:

14.30 Uhr: Begrüßung und thematische Einführung (Frank Rexroth, Göttingen)

15.00-16.30 Uhr: Sektion 1:

Roger Bacon und die Geheimwissenschaften – Ein Grenzfall für zeitgenössische und historiographische Wissenschaftskonzeptionen (Matthias Heiduk, Göttingen)

Herren der Worte. Wissenschaft, Religion und Entscheidungsfindung im
Bettelordensstreit des 13. Jahrhunderts (Sita Steckel, Münster)

16.30 Uhr: Kaffeepause

16.45-18.15 Uhr: Sektion 2:

Disputatorem non esse, sed cavillatorem – Grenzziehungen innerhalb
französischer Wissensgemeinschaften des Hochmittelalters (Marika Bacsóka, Berlin)

Institutionen und Disziplinen. Grenzen des Wissens im Mittelalter
(Maarten Hoenen, Freiburg i. Br.)

18.30 Uhr: Öffentlicher Abendvortrag (Historische Sternwarte, Grüner Saal):

Johann Christoph Gatterer und die Grenzen historiographischer
Wissenschaftlichkeit im 18. Jahrhundert (Martin Gierl, München)

Donnerstag, 1. März 2012:

9.00-10.30 Uhr: Sektion 3:

Eine zu elitäre Wissenschaft – Astrologische Verfahren als Ausweis medizinischer Gelehrsamkeit von Thomas Bodier bis Giovanni Antonio Magini (Sabine Kalff, Berlin)

Johann Christoph Götz (1688-1733). Ein Nürnberger Arzt, seine Patienten, das gelehrte Publikum und die Sprache der Wissenschaft (Kay Peter Jankrift, Augsburg)

10.30 Uhr: Kaffeepause

11.00-12.30 Uhr: Sektion 4:

Ausgrenzung und Attraktivität – Kataloge seltener und gefährlicher Bücher als doppelter Wertmaßstab (Michael Multhammer, Erfurt)

Repräsentationen intellektueller Milieus in China im 18. Jahrhundert
(Mareen Anders, Münster)

12.30 Uhr: Mittagspause

14.30-16.00 Uhr: Sektion 5:

Was darf als landwirtschaftliches Wissen gelten? Zur Etablierung eines neuen Sachverstands in Zeitschriften der Bauernaufklärung (1750-1815)
(Verena Lehmbrock, Jena)

Hirschfeld versus de Ligne: Zwei Experten in der Arena der sich formierenden Wissenschaft vom Garten (Urte Stobbe, Vechta)

16.00 Uhr: Kaffeepause

16.30-18.00 Uhr: Sektion 6:

Offenheit und Abgrenzung im Mathematikerkreis um Leibniz
(Charlotte Wahl, Hannover)

Dilettantisches Vergehen. Distinktionstechniken in Elogen auf Ehrenmitglieder der Berliner Akademie (Anna Echterhölter, Berlin)

18.00-19.30 Uhr: Sektion 7:

Samuel Simon Witte, Travelers´ Accounts and Scientific Explanations of Persepolis and the Pyramids around 1800 (Marita Hübner, Pasadena)

Mechanik und Mirakel: Johann Andreas Schmidt (1652-1726) und die technischen Grenzen des Wunders in Helmstedt (Bernd Roling, Berlin)

Freitag, 2. März 2012:

9.00-11.15 Uhr: Sektion 8:
Wie hierarchisch soll Wissenschaft sein? Debatten in der Académie Royale des Sciences von Paris (Caspar Hirschi, Zürich)

Symbolische Grenzen. Gelehrter Habitus und moralische Ökonomie des Wissens im 18. Jahrhundert (Marian Füssel, Göttingen)

„…pour satisfaire à la curiosité des Princesses & des Dames de la Cour“ – Gelehrsamkeit bei Hofe im Frankreich des 17. Jahrhunderts (Andreas Pietsch, Münster)

11.15 Uhr. Kaffeepause

11.45-13.15 Uhr: Sektion 9:

Antoine Varillas als Gegenmodell wissenschaftlichen Arbeitens in der Historiographie des späten 17. und des 18. Jahrhunderts (Andreea Badea, Münster)

Der wissende Kosmos – Die Kunst der Menschenkenntnis Marin Cureau de la Chambres als Versuch der Begründung einer neuen Wissenschaft (Laurens Schlicht, Jena)

13.15 Uhr: Resümee der Tagung und Schlussdiskussion (Martin Mulsow, Erfurt/Gotha)

14.00 Uhr: Ende der Tagung

Kontakt

Matthias Heiduk

Universität Göttingen, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Platz der Göttinger Sieben 5
D-37073 Göttingen
+49-551-394673

mheiduk@uni-goettingen.de

Zitation
Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne, 29.02.2012 – 02.03.2012 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 05.02.2012, <www.hsozkult.de/event/id/termine-18392>.