Nichtwissen. Phänomene - Funktionen - Forschung (Driburger Kreis 2012)

Ort
Mainz
Veranstalter
Driburger Kreis
Datum
26.09.2012 - 28.09.2012
Bewerbungsschluss
31.07.2012
Von
Timo Engels

Der Driburger Kreis findet dieses Jahr vom 26. bis 28. September 2012 im Vorfeld der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik e.V. (DGGMNT) in Mainz statt. Er richtet sich an Studierende, Promovierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen der Medizin-, Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie an Interessenten aus anderen Disziplinen (Kulturwissenschaften, Soziologie, Psychologie, Artistic Research u.a.).

Der Driburger Kreis versteht sich als informelles Forum, in dem neben inhaltlichen Fragen auch methodische Probleme und vorläufige Arbeitsergebnisse vorgestellt und in einer konstruktiven Atmosphäre diskutiert werden können. Einzelreferate sollen den Zeitrahmen von maximal 25 Minuten nicht überschreiten. Das diesjährige Rahmenthema lautet:

Nichtwissen. Phänomene - Funktionen - Forschung

"Mögliche Biowaffe. Dieser Holländer entwickelt tödliches Supervirus" (BILD, 21.12.11).
Hinter diesem Titel verbarg sich im Dezember letzten Jahres die Geschichte von einem Team von Wissenschaftlern aus den Niederlanden, die mit Mutationen des H5N1-Vogelgrippe-Virus experimentiert und eine für den Menschen hochinfektiöse Art geschaffen hatten. Staatliche Stellen der U.S.A. versuchten in der Folge eine detaillierte Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu verhindern. Das gefährliche Wissen könne Terroristen in die Hände spielen, die biologische Anschläge planten. Diese Begründung erscheint panisch und gleichzeitig einleuchtend – sie zeigt auf, dass Regierungen manchmal begründet die Unterdrückung oder Geheimhaltung von Wissen fordern können. Und das gilt nicht nur für Regierungen: Es gibt Situationen im Alltag, wo uns das Nichtwissen eines Anderen (manchmal auch das eigene) als wünschenswert oder sogar notwendig erscheint. Individuell oder auf der Ebene ganzer Gesellschaften kann nach der Funktion von Nichtwissen gefragt werden: Wollen wir überhaupt wissen, unter welchen Bedingungen der Kaffee, das Steak oder der Porno entstanden, die wir konsumieren?

Wie entsteht Nichtwissen? Wie Robert Proctor am Beispiel der Informationspolitiken von Tabakkonzernen gezeigt hat, kann Nichtwissen aktiv produziert werden. Sei es durch die Betonung anderer Ursachen von Krebserkrankungen als Tabakgenuss oder durch die mantraartige Forderung weiterer Forschung. Noch wüsste man nicht genug.

Wissenspolitik läuft andererseits häufig – von uns unbemerkt – auf unbewussten Ebenen ab: Nichtwissen entsteht beiläufig und wird strukturell reproduziert. War es eine bewusste oder unbewusste Entscheidung von Kolonialbeamten und Forschungsreisenden, das autochthone Wissen über Pflanzen, die zur Abtreibung von Föten verwendet wurden, in Europa zu verschweigen? Diese von Londa Schiebinger behandelte Frage weist exemplarisch auf das große Feld möglichen Nichtwissens hin, welches historisch rekonstruiert oder unter heutigen Wissensoberflächen zutage gefördert werden könnte.

Die Forderung nach einer bewussten Erforschung von Nichtwissen stellten die beiden erwähnten Autoren in ihrem 2008 erschienenen Band Agnotology. Mit dem Namen wurde gleichzeitig das Programm geliefert – Nichtwissen als natürlicher Zustand (native state), als verlorenes Wissen (lost realm) oder als aktives Konstrukt (strategic ploy) bilden dessen analytische Knotenpunkte.

Während Geheimwissen und Desinformation besonders fruchtbar als aktives Konstrukt (strategic ploy) analysiert werden können, kennt gerade die Wissenschaftsgeschichte eine Vorstellung von Nichtwissen in einem „unschuldigen“ Sinn (native state), genauer: Nichtwissen als unentbehrliche Ressource. Denn wäre unser Nichtwissen eines Tages erschöpft, wäre auch das Unternehmen Wissenschaft am Ende. Selbstverständlich für das moderne Wissenschaftssystem ist, dass Nichtwissen sich stetig regeneriert und jede beantwortete Frage neue Anschlussfragen erzeugt. Dem Noch-Nicht-Wissen steht ein ständig wachsender Bestand des Nicht-Mehr-Wissens gegenüber, entweder, weil die betreffenden Bestände als überholt gelten und bewusst – mitunter strategisch – ausgeschieden werden, oder weil sie einfach verloren gehen. Gerade im Bereich des wissenschaftlichen Handlungswissens haben wir offenbar einen stetigen Verlust zu konstatieren: Physikalische Experimente aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts sind oft nicht mehr mit originalen Mitteln nachvollziehbar. Uns fehlt trotz vielfältiger Quellen das benötigte Wissen (lost realm).

Zentral erscheint außerdem die Frage nach dem Standpunkt. Gläubige Christen akzeptieren nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis. Umgekehrt gelten viele Wissenssysteme aus Sicht der modernen Wissenschaft nicht als Wissen. David Gugerli und Philipp Sarasin stellen die Geste, Nichtwissen zuzuschreiben, selbstkritisch in Frage: Sie sei zuallererst „die geheime Erkennungsmarke jener, die aus einem durch mehrere Zugangskontrollen gesicherten und mit Sprachrohren verschiedener Stärkeklassen und Kaliber ausgestatteten akademischen Raum heraus agieren“ (Nach Feierabend 5 (2009), S. 7).

Der diesjährige Driburger Kreis möchte ein Forum bieten, um über diese und andere mögliche Ausprägungen von Nichtwissen sowie über die Möglichkeiten und Grenzen seiner Erforschung zu diskutieren.

Wenn Sie teilnehmen bzw. einen Vortrag präsentieren möchten, bitten wir bis zum 31. Juli 2012 um Anmeldung mit Themenvorschlag und einem kurzen Exposé (20 Zeilen) an: timo.engels@uni-flensburg.de und verena.lehmbrock@uni-jena.de.

Wer sowohl am Driburger Kreis als auch an der Tagung der DGGMNT teilnimmt und als Studentin oder Doktorand über kein eigenes Einkommen verfügt, kann einen finanziellen Reisekostenzuschuss erhalten. Dieser Zuschuss ist ebenso bis zum 31. Juli 2012 unter Angabe eines betreuenden Hochschullehrers beim Vorsitzenden der DGGMNT zu beantragen: Prof. Dr. Andreas Fickers, Faculty of Arts and Social Sciences, Maastricht University, Grote Gracht 90-92, NL-6200 MD Maastricht, Email: a.fickers@maastrichtuniversity.nl.

Lukas Engelmann (Berlin)
Timo Engels (Flensburg)
Verena Lehmbrock (Jena)

Kontakt

Timo Engels

Institut für Physik und Chemie und ihre Didaktik
Universität Flensburg
Auf dem Campus 1
24943 Flensburg

Zitation
Nichtwissen. Phänomene - Funktionen - Forschung (Driburger Kreis 2012), 26.09.2012 – 28.09.2012 Mainz, in: H-Soz-Kult, 25.04.2012, <www.hsozkult.de/event/id/termine-19076>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.04.2012
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