Kalkulierte Gelehrsamkeit. Zur Ökonomisierung der Universitäten im 18. Jahrhundert

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Herzog August Bibliothek
Datum
12.06.2013 - 14.06.2013
Bewerbungsschluss
20.07.2012
Von
Elizabeth Harding

Die Debatte um die angemessene Finanzierung von Wissenschaft und Universität ist so alt wie die Geschichte der akademischen Lehranstalten selbst. Über die Jahrhunderte hinweg finden sich Diskussionen über die Ausstattung der Universitäten ebenso wie mannigfache Klagen des Lehrkörpers, er befinde sich angesichts des dürftigen Unterhaltes an der Grenze des Ruins. In der Entwicklung der Hochschullandschaft des Alten Reiches tritt indes das lange 18. Jahrhundert durch eine Vielzahl von diesbezüglichen Neuerungen hervor. Auf institutioneller Ebene lässt sich allenthalben nicht nur beobachten, wie vorhandenes Wissen zur Ökonomie an Universitäten verschriftlicht wurde, auch erfolgte anhand von Bedarfsrechnungen die Umstrukturierung der Haushalte. In inneruniversitären Kontexten zeigt sich ein gesteigertes Interesse an Hörergeldern und studentischem Zahlungsverhalten, was von dem Aufkommen neuer Wettbewerbspraktiken und verschärfter Diskussionen um den Nutzen universitärer Bildung begleitet wurde. Besonders deutlich äußert sich diese Ökonomisierung auch in der Gelehrtenkorrespondenz, die ein gesteigertes Interesse an Grundgehältern, zusätzlichen Einkunftsquellen und außeruniversitären Verdienstmöglichkeiten dokumentiert. Den Endpunkt dieser Entwicklung markiert schließlich das große „Universitätssterben“ um 1800, zu dessen Erklärung seither insbesondere ökonomische Modelle herangezogen werden.

Aus unterschiedlichen Richtungen kommen seit einiger Zeit neue Impulse zu einer veränderten Sichtweise auf die Geschichte der Universitäten im 18. Jahrhundert und die Praktiken des Kalkulierens, Vermessens und Vergleichens. So sind berechtigte Einwände gegen eine allzu starke Betonung des Traditionsbruchs um 1800 formuliert und angesichts der Wandelbarkeit der Universitäten im 18. Jahrhundert ein differenziertes Bild der Wissenschaftsgeschichte gezeichnet worden. Zudem konnte die bislang nur in Ansätzen erprobte komparative Perspektive bemerkenswerte Konkurrenzsituationen und Nachahmungspraktiken identifizieren. Veränderungen und Umstrukturierungen an einzelnen akademischen Lehranstalten erscheinen aus diesem Blickwinkel betrachtet als wechselseitige Prozesse in einer eng verflochtenen Universitätslandschaft. Die Tagung greift diese Vorarbeiten auf und führt sie unter spezifisch ökonomiehistorisch inspirierten Fragestellungen der Kulturgeschichte fort. Anstatt die Geschichte der frühneuzeitlichen Hochschullandschaft von ihrem scheinbar zwangsläufigen Ende her zu denken, werden die Praktiken der Ökonomisierung in den Fokus gerückt und so die Universitätsgeschichte für neuere Herangehensweisen geöffnet.

Die Beschäftigung mit der Ökonomisierung der Universitäten soll auf unterschiedlichen Ebenen geschehen:

1.) Zu fragen ist nach den ökonomischen Leitkonzepten (etwa die Kameralistik), die an den Universitäten aufgegriffen und auf die universitäre Lehr- und Wissenschaftsorganisation appliziert wurden.

2.) Ferner sind die institutionellen Rahmenbedingungen zu thematisieren: Welche Positionen vertraten die landesherrlichen, kirchlichen und städtischen Universitätsträger hinsichtlich der Finanzierung und der Leistungsfähigkeit ihrer Hochschulen?

3.) Die Veränderungen sind nicht jenseits der (Selbst-)Konzeptionalisierung des akademischen Milieus zu denken, weshalb die Alltagspraktiken der Studentenschaft und des akademischen Lehrkörpers in den Blick zu nehmen sind: In welchen Kontexten erwiesen sich ökonomische Fragen als relevant, wie wurde gehaushaltet und wie die wirtschaftliche Lage beurteilt?

4.) In Briefen und Tagebüchern ebenso wie in Zeitschriften wurde über die Finanzierung von Universitäten, akademischer Bildung und Gelehrsamkeit debattiert; die Ökonomisierung erscheint daher auch als ein mediales Ereignis. Besondere Aufmerksamkeit ist der Bedeutung der publizistischen Sichtbarkeit des Kalkulierens, Vermessens und Vergleichens zu schenken.

Ziel der Tagung soll es demnach sein, die ökonomischen Denk- und Handlungsweisen, die in der Zeit zwischen der Gründung Halles (1694) und der Etablierung der Berliner Universität (1810) sämtliche Bereiche des akademischen Lebens durchdrangen, zu untersuchen und in vergleichender Perspektive die Folgen dieses Prozesses für die Universitätslandschaften zu diskutieren. Besonders willkommen sind auch Beiträge, die die Entwicklung an katholischen Hochschulen in den Blick nehmen.

Interessenten werden gebeten, eine kurze Skizze ihres Vortragsthemas (max. eine Seite) bis zum 20.07.2012 an die u.g. Adresse zu senden.

Reise- und Übernachtungskosten der Referenten werden im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen übernommen.

Dr. Jens Bruning/ Dr. Elizabeth Harding
bruning@hab.de
harding@hab.de

Informationen zum Forschungsprojekt „Universität Helmstedt“ finden sich unter:
http://www.http://uni-helmstedt.hab.de/

Kontakt

Elizabeth Harding

Herzog August Bibliothek
Abt. 4: Forschungsplanung und Forschungsprojekte
Projekt: Universität Helmstedt
Postfach 1364
Wolfenbüttel D-38299
+49 (0) 5331808-239

harding@hab.de

Zitation
Kalkulierte Gelehrsamkeit. Zur Ökonomisierung der Universitäten im 18. Jahrhundert, 12.06.2013 – 14.06.2013 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 09.05.2012, <www.hsozkult.de/event/id/termine-19181>.