Sammlungsökonomien. Vom Wert wissenschaftlicher Dinge

Ort
Gotha
Veranstaltungsort
Schloss Friedenstein
Veranstalter
Nils Güttler, Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt; Ina Heumann, PAN - Perspektiven auf Natur Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, Berlin
Datum
21.11.2013 - 22.11.2013
Bewerbungsschluss
31.05.2013
Von
Nils Güttler

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Sammlungsökonomien. Vom Wert wissenschaftlicher Dinge, Teil 1:
Sammeln und Markt seit dem späten 18. Jahrhundert

In Sammlungen vermischen sich epistemische und ökonomische Kreisläufe. Wissenschaftliches Sammeln lässt sich als ein Prozess der Wertschöpfung begreifen, der Kapital mobilisiert und anhäuft – soziales, ökonomisches, politisches, vor allem aber wissenschaftliches Kapital. Dies hängt unmittelbar mit der Materialität von Sammlungen zusammen: Sammeln verbindet die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Herstellung und Zirkulation von Dingen. Während die jüngsten Forschungen zu Museen, Sammlungen und Wissensdingen vor allem deren Erkenntniswert in den Mittelpunkt gestellt haben, konzentriert sich der erste Workshop zum Thema “Sammlungsökonomien” auf den wenig beachteten Zusammenhang von Sammeln, Wissen und ökonomischer Wertzuschreibung seit dem späten 18. Jahrhundert. Denn Dinge und Wissenschaften sind historisch sehr konkret durch verschiedene Märkte und Ökonomien miteinander verbunden. Wissensdinge werden gehandelt, verkauft, getauscht und geschenkt. Sie werden ausgestellt, zirkulieren zwischen Sammlern, Händlern, Besitzern und Institutionen und erhalten in diesen Kreisläufen ihren spezifischen Wert.

Die Schnittstellen von Sammeln und Markt prägen sowohl Archive, die wie die Sammlung Perthes in Gotha aus betriebswirtschaftlichen Kalkülen angelegt wurden, als auch naturwissenschaftliche Sammlungen wie beispielsweise im Berliner Naturkundemuseum, die scheinbar rein wissenschaftlich motiviert sind. Mit dem Fokus auf Sammlungsökonomien lassen sich sowohl diese geldökonomischen Prozesse als auch sammlungsinterne Fragen des Verwaltens, Haushaltens und Ordnens des Wissens historisch schärfer fassen. Diese Perspektive erlaubt es zudem, aktuelle wissenschaftspolitische Entwicklungen anders zu diskutieren, denn Debatten über Sammlungen und deren historische Erschließung sind zunehmend durch eine Rhetorik der kulturellen Ökonomie geprägt. Objekte werden als Teil unseres „kulturellen Erbes“ definiert, den es als Beleg und Ausweis der wissenschaftlichen, nationalen und kulturellen Gegenwart zu bewahren gilt.

Ziel des Workshops “Sammeln und Markt” ist es, an Fallbeispielen zu zeigen, dass der Kultur- und Erkenntniswert wissenschaftlicher Dinge untrennbar mit ökonomischen Infrastrukturen verbunden ist. Wir fragen danach, ob und wie sich Sammlungsökonomien historisieren lassen. Wie etwa veränderte sich der Wissenshandel, als fürstliche und gelehrte Sammlungen seit dem späten 18. Jahrhundert verstärkt in staatlichen Besitz übergingen? Welchen Einfluss hatte die politische Förderung von Sammlungsreisen? In welcher Beziehung stand der privatwirtschaftliche Markt für wissenschaftliche Dinge mit den akademischen Sammlungen? Wie wurden Sammlungen organisiert, damit sie ökonomisch, d.h. effizient, benutzt werden konnten? Welchen Status hatte das Original in Bezug auf Dublette oder Reproduktion? Wie beeinflusste die Zirkulation von Dingen zwischen Akademie und Handel wissenschaftliche Diskurse, Disziplinen und Institutionen? Wie veränderte der Handel die epistemische Struktur von Sammlungen? Inwiefern wurde Kategorisierung wissenschaftlicher Objekte als "neu" oder "einzigartig" durch einen Markt gesteuert? Welche ökonomischen und historischen Wechselwirkungen lassen sich zwischen Ordnen, Präsentieren und Vermarkten erkennen und wie wirken diese bis heute fort?

Mit diesem Call for Papers laden wir Forscher/innen und Nachwuchswissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Bereichen – von der Sammlungsgeschichte und -theorie, über Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bis hin zur Wissenschafts-, Kunst- und Kulturgeschichte – ein, die Verbindungen von Sammlungs- und Ökonomiegeschichte zu diskutieren. Ziel ist es, einen Einstieg in das umfassende Thema “Sammlungsökonomien” zu finden, der in Folgeveranstaltungen erweitert und vertieft werden soll.

Die Tagung ist eine Kooperation des Projektes “Globalisierung und lokales Wissen: Sammlungsbezogene Forschung zum Verlag Justus Perthes” am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt und der kulturwissenschaftlichen Forschungsinitiative “PAN - Perspektiven auf Natur” am Berliner Museum für Naturkunde. Sie findet am 21./22. November 2013 auf Schloss Friedenstein in Gotha statt. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Bewerbungen mit Abstracts (max. 500 Wörter) und kurzem Lebenslauf bitte bis spätestens 31. Mai 2013 an nils.guettler@uni-erfurt.de oder ina.heumann@mfn-berlin.de senden.

Konzept und Organisation: Nils Güttler & Ina Heumann

Dr. des. Nils Güttler
Projekt: Globalisierung und lokales Wissen
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
Postfach 100561
99855 Gotha
+49(0)361/737-1726

Dr. Ina Heumann
PAN - Perspektiven auf Natur
Museum für Naturkunde
Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Invalidenstr. 43
10115 Berlin
+49(0)30/2093-8977

Wissenschaftlicher Beirat: Martin Mulsow, Susanne Rau, Petra Weigel

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Call for Papers (English version)

Economies of Collections and the Value of Scientific Things
Part 1: Collections and the Marketplace since the late 18th Century

Gotha, November 21-22, 2013

Scientific collecting is a process that mobilizes and spawns social, economic, political, and scientific capital. The materiality of collections links the production of scientific knowledge to the production and movement of things. Whereas historical research has recently emphasized the epistemic impact of collections we want to focus on their often neglected economic dimensions from the late 18th century onwards. Historically, things and sciences have always been connected through marketplaces and economies. Prior to public display, scientific things used to circulate between collectors, traders, owners, and institutions. Indeed, things acquire their unique value by means of circulation.

To focus on the economies of collections affords a clearer picture of monetary processes. As such it also draws attention to questions concerning the management, house-keeping and ordering of knowledge within collections. Economies, for instance, have shaped the archive of the cartographical publishing company Perthes in Gotha as well as the collections of the Berliner Naturkunde Museum. Furthermore, the perspective on the economies of collections allows for new discussions about contemporary scientific and political developments. Being dominated by rhetorics of cultural economies objects are defined as part of our cultural heritage.

The workshop series “Economies of Collections and the Value of Scientific Things” argues that cultural and epistemic values of objects are intrinsically linked with economic infrastructures. In part 1 – “Collections and the Marketplace” – we ask how such a history can be established. How did the scientific marketplace change when early modern collections were transferred into the possession of nation states in the late 18th century? What impact did political sponsorship have on expeditions? To what extent were private and academic markets connected? How were collections efficiently organized? What status did originals have in relation to copies? How did the economic circulation of objects shape scientific debates and what was its impact on new disciplines and institutions? In which way did 19th-century trade change the status of objects from the “typical” to the “exceptional”? How can historians come to an integrative view on processes of ordering, presenting, and marketing?

With this call for papers we invite researchers and young scholars to collaboratively explore the relations between collections and the marketplace. Contributions from different disciplines are welcome including, for instance, the history of science, the history and theory of collections, history of economics, art history and cultural studies. This call for papers is an initial articulation of our interest in “Economies of Collections” to be extended and deepened in forthcoming workshops.

The conference is a co-operation between the project “Globalisation and local knowledge: research on collections of the publishing company Justus Perthes” at the Research Institute for Social and Cultural Studies in Gotha, Universität Erfurt and the research initiative “PAN - Perspectives on Nature” at the Museum für Naturkunde Berlin. The conference will take place on November 21-22, 2013 in Gotha. Applications in German or English including abstracts (max. 500 words) and a short CV are due on May 31, 2013.
Contact: nils.guettler@uni-erfurt.de or ina.heumann@mfn-berlin.de

Organizers: Nils Güttler & Ina Heumann

Dr. des. Nils Güttler
Projekt: Globalisierung und lokales Wissen
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt
Postfach 100561
99855 Gotha
+49(0)361/737-1726

Dr. Ina Heumann
PAN - Perspektiven auf Natur
Museum für Naturkunde
Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Invalidenstr. 43
10115 Berlin
+49(0)30/2093-8977

Kontakt

Nils Güttler
Projekt: Globalisierung und lokales Wissen
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt, Postfach 100561, 99855 Gotha
+49(0)361/737-1726
nils.guettler@uni-erfurt.de

Ina Heumann, PAN - Perspektiven auf Natur
Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin

Zitation
Sammlungsökonomien. Vom Wert wissenschaftlicher Dinge, 21.11.2013 – 22.11.2013 Gotha, in: H-Soz-Kult, 07.04.2013, <www.hsozkult.de/event/id/termine-21523>.