Wissenszirkulation auf dem Land vor der Industrialisierung

Ort
Irsee
Veranstaltungsort
Schwabenakademie Irsee
Veranstalter
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Augsburg; Bezirk Schwaben
Datum
26.09.2013 - 28.09.2013
Von
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Augsburg

Die Vorstellung, die ländliche Lebenswelt in Europa habe vor der Doppelrevolution des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen nicht gekannt, kann seit geraumer Zeit als überholt gelten. So haben etwa Forschungen zu den Stadt-Land-Beziehungen, zur Protoindustrialisierung und zur Ökonomischen Aufklärung gezeigt, daß die sozialen und religiösen Praktiken, die Formen des Wirtschaftens und Arbeitens sowie die materiellen Lebensbedingungen in ländlichen Gesellschaften bereits in der Vormoderne oftmals tiefgreifenden Transformationen unterworfen waren.

Die wissensgeschichtlichen Voraussetzungen, Begleitumstände und Konsequenzen dieser Transformationsprozesse sind freilich erst in jüngerer Zeit in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses gerückt und bis heute noch wenig untersucht. Wie sich Wissen in ländlichen Räumen verbreitete, welche Strukturen den Austausch von Wissen beförderten und welche sozialen, politischen und räumlichen Grenzen diesem Austausch entgegenstanden, ist weithin unbekannt. Generell ist die Frage, welche Bedeutung neuen Wissensbeständen bei Transformations- und Innovationsprozessen auf dem Land zukam, bislang nur sehr punktuell untersucht. Die Erforschung des Verhältnisses von Wissen und Innovation bzw. Transformation auf dem Land ist freilich insofern besonders reizvoll (und zugleich komplex), als dabei unterschiedliche Formen, Ordnungen und Legitimationen von Wissen miteinander konfrontiert wurden und konkurrierten: So trafen neue, auf den Bruch mit überkommenen Traditionen abzielende Wissensbestände auf traditionales Wissen, explizite Anleitungen, Programme und Rezepte auf implizites, sich auf gelingende Praxis stützendes Wissen, regional nicht verankerte Expertise auf „lokales Wissen“.

Vor diesem Hintergrund wird die geplante Tagung die Zirkulation von Wissen und die Funktionen neuen Wissens in ländlichen Gesellschaften des Jahrhunderts vor der Industrialisierung untersuchen. Dabei sollen einzelne thematische Wissensfelder (u.a. agrarisches, technologisches, medizinisches Wissen) in den Blick genommen, beispielhaft die Auswirkungen der jeweiligen Agrar- und Herrschaftsverfassung auf die Wissenszirkulation untersucht, aber auch Medien, Akteure und Kontexte des Transfers analysiert werden. Gefragt wird aber auch nach konkreten Verbesserungen und Fortschritten im Ertrag. In die Untersuchung einbezogen werden soll der gesamte deutsche Sprachraum mit einem regionalen Schwerpunkt in Schwaben und den angrenzenden Gebieten.

Programm

Donnerstag, 26.09.2013

14:15
Begrüßung und Einführung

Sektion: Pfarrer als Multiplikatoren agrarischen Wissens

14:45-15:45
Wolfgang Ott (Museum Weißenhorn):
Der Landwirtschaftsreformer Pfarrer Christoph von Zwerger

Michael Happe (Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen):
Der Landwirtschaftsreformer Pfarrer Johann Friedrich Mayer aus Kupferzell

15:45-16:15
Kaffeepause

Sektion: Sonderkulturen und Wissenszirkulation

16:15-17:30
Stefan Dornheim (Dresden):
Zwischen Religion, Naturwissenschaft und Patriotismus:
Über ‚Bienenpfarrer‘, Bienengesellschaften und die Anfänge agrarischer Volksaufklärung in Sachsen

Corinna Malek (Augsburg):
Die Moorkultivierung in Bayerisch-Schwaben vor 1800

17:30-17:45
Kaffeepause

17:45-19:00
Annerose Menninger (Köln):
Konsuminnovationen auf dem Land: Tabak und Kaffee

Regina Dauser (Augsburg):
‚Experten-Kulturen’. Wissenszirkulation und Tabakanbau am Beispiel der Kurpfalz

19:00
Abendessen

Freitag, 27.09.2013

Sektion: Samenhandel, Gartenkultur und Obstanbau: Akteure und Praktiken der Wissenszirkulation

8:30-10:30
Hubertus Habel (Bamberg):
"Schdadsinäri", Knoblauch, "Mussäron": Samenhandel, Gesellenwandern und Innovationen der Bamberger Gemüsekultur

Sylvia Butenschön und Heike Palm (Berlin):
Aufgaben und Engagement der Amtmänner im Prozess der gartenkulturellen Entwicklung im Kurfürstentum/Königreich Hannover

Jochen Hofmann (Bamberg):
Innovation Obst. Pomologie und Agraraufklärung im 18. Jahrhundert

10:30-11:00
Kaffeepause

Sektion: Ertragsintensivierung als Wissensproblem

11:00-12:15
Jana Sprenger (Göttingen):
Die Bekämpfung schädlicher Insekten – Zur Bildung, Sammlung und Vermittlung von Wissen im vorindustriellen Brandenburg

Daniel Burger (Nürnberg):
Waldordnung, Waldmandat und Verkündzettel.
Die Vermittlung herrschaftlicher Weisungen zum Schutz des Waldes in der Frühen Neuzeit am Beispiel der Reichsstadt Nürnberg

12:15-13:45
Mittagspause

Sektion: Wissenszirkulation, soziale Ordnung und politische Partizipation in der Agrarintensivierung

13:45-15:45
Martin Knoll (Darmstadt):
Hazzis Bauern und ihre Natur. Aggregatszustände agrarischen Umweltwissens in Bayern um 1800

Niels Grüne (Innsbruck):
Agrarmodernisierung und politische Teilhabe. Sozioökonomische Wissensbezüge als partizipatorische Argumente im 18. und frühen
19. Jahrhundert

Gunter Mahlerwein (Mainz):
Agrarintensivierung und Wissenszirkulation – vergleichende Beobachtungen an rheinhessischen, nordbadischen und schwäbischen Beispielen

15:45-16:00
Kaffeepause

Sektion: Wissenszirkulation und lokales Wissen in der Agrarintensivierung

16:00-17:30
Reinhold Lenski (Bobingen):
Die landwirtschaftlichen Modernisierungsversuche in dem hochstiftischen Pflegamt Bobingen am Ende des 18. Jahrhunderts

Franz Karg (Fuggerarchiv Dillingen):
Landwirtschaftliche Modernisierungsversuche in der Fuggerherrschaft Babenhausen am Ende des 18. Jahrhunderts?

Hartmut Steger (Fürstlich Oettingen-Wallersteinsches Archiv Harburg):
Landwirtschaftliche Modernisierungsversuche im Fürstentum Oettingen-Wallerstein im späten 18. Jahrhundert

17:30-17:45
Kaffeepause

17:45-18:45
Johann Kirchinger (Regensburg):
Philosophisch-theologische Konditionierung agrarischer Epistemik. Traditionales, empirisches und theoretisches Wissen in der Gutswirtschaft des Augustiner-Chorherrenstifts Polling während der Amtszeit von Propst Franziskus Töpsl (1744-1796)

Hubert Raab (Friedberg):
Die landwirtschaftlichen Modernisierungsversuche in altbayerischen Hofmarken um Aichach und Friedberg im 18. Jahrhundert

19:00
Abendessen

Samstag, 28.09.2013

Sektion: Neue Zugänge zur Wissenszirkulation auf dem Land im 18. und 19. Jahrhundert

8:30-9:45
Lothar Schilling (Augsburg):
Intelligenzblätter als Medium wirtschaftlicher Reformen auf dem Land

Eva Brugger (Konstanz):
„Was bey selber zu verrichten sey“. Zur Wissensgeschichte der Wallfahrtspraxis im 18. Jahrhundert

9:45-10:15
Kaffeepause

10:15-11:30
Peter Fassl (Augsburg):
Physikatsberichte als Quellen zur Wissenszirkulation auf dem Land

Simon Pickl (Salzburg):
Der Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben als Forschungsinstrument zur Wissenszirkulation

11:30-11:45
Kaffeepause

11:45-12:45
Marcus Popplow (Augsburg):
Schlußkommentar

Schlußdiskussion

12:45
Mittagessen

Informationen zu Tagungsgebühr und Unterkunft sowie Tagungsanmeldung unter http://www.schwabenakademie.de/cms/programm/details/artikel//wissenszirkulation-auf-dem-land-vor-der-industrialisierung/

Kontakt

Prof. Dr. Lothar Schilling
Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit
Universität Augsburg
Universitätsstr. 10
86135 Augsburg

Informationen zum Programm:
regina.dauser@phil.uni-augsburg.de

Zitation
Wissenszirkulation auf dem Land vor der Industrialisierung, 26.09.2013 – 28.09.2013 Irsee, in: H-Soz-Kult, 04.09.2013, <www.hsozkult.de/event/id/termine-22648>.