Ordnungen des Wissens. Disziplinäre Macht im archäologischen Diskurs

Ort
Berlin
Veranstalter
AG Theorien in der Archäologie (AG TidA e.V.) und Forum Archäologie in Gesellschaft (FAiG)
Datum
15.04.2014
Bewerbungsschluss
15.04.2014
Von
Karin Reichenbach (AG Theorien in der Archäologie [AG TidA e.V.]) und Thomas Meier (Forum Archäologie in Gesellschaft [FAiG])

Sektion der AG Theorien in der Archäologie (AG TidA e.V.) und des Forums Archäologie in Gesellschaft (FAiG) beim 8. Deutschen Archäologiekongress, 6.-10. Oktober 2014 in Berlin

„Es ist immer möglich, daß man im Raum eines wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven ‘Polizei’ gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muss.

Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. […] Gewöhnlich sieht man in der Fruchtbarkeit eines Autors, in der Vielfältigkeit der Kommentare, in der Entwicklung einer Disziplin unbegrenzte Quellen für die Schöpfung von Diskursen. Vielleicht. Doch ebenso handelt es sich um Prinzipien der Einschränkung, und wahrscheinlich kann man sie in ihrer positiven und fruchtbaren Rolle nur verstehen, wenn man ihre restriktive und zwingende Funktion betrachtet” (Foucault 1972 [1993], 25).

Mit Michel Foucaults inzwischen deutlich verfeinertem diskurstheoretischen Ansatz nebst Werkzeugkasten und vor allem seiner betont machtkritischen Perspektive lässt sich auch für die deutschsprachige Archäologie die Frage aufwerfen, welches archäologische Wissen innerhalb des Faches als wissenschaftlich, als - um es mit Foucault zu sagen – „im Wahren“ gilt, und welches ausgeschlossen ist, und besonders wodurch diese Zuschreibungen entstehen. Wodurch und von wem wird bestimmt, was gedacht/gesagt/getan werden darf, und was geschwiegen werden muss. Wie werden Wissen und seine Objekte, die nicht „im Wahren” sind, ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht: „What silences us?“, wie John Barrett bei einem Round Table zu diesem Thema 2013 in Pilsen fragte (Meier/Reichenbach im Druck).

Neben dem Charakter herrschender disziplinärer Diskursordnungen, ihrem Gewachsensein und ihrer (möglichen) Abhängigkeit von außerfachlichen Wirkmächten geht es uns auch um Orte und Strategien der (Re)Produktion von „wahrem” Wissen bzw. der Saktionierung oder des Zum-Schweigen-Bringens „unwahren” Wissens. Wir möchten ein Nachdenken über die Mechanismen disziplinärer Macht anstoßen und zur Diskussion stellen, ob wir nicht tagtäglich durch das Befolgen und damit verbundene Aufrechterhalten der disziplinären Diskursordnung(en) dazu beitragen, nicht-konformes Wissen von vornherein abzuwehren und auf diese Weise nur Mainstream zu erzeugen, und schlimmer noch: neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verhindern?

Wir bitten um Vortragsvorschläge für folgende Themenblöcke:
1. Wie wirkt die (Selbst)Verortung der Archäologie in Gesellschaft und Wissenschaft diskursprägend: Welche wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurse bestimmen das Wissenschaftsideal der Archäologie(n), wo verortetet sich das Fach in den Wissenschaften/der Wissenschaftslandschaft allgemein, welche Ansprüche werden an „Wissenschaftlichkeit” und „Wahrheit” bzw. welche Bedingungen an ein „Im-Wahren-Sein” gestellt.

Seit der „naturwissenschaftlichen“ Wende der Geisteswissenschaften im späteren 19. Jahrhundert muss archäologisches Wissen (auch?) naturwissenschaftlich erscheinendes/präsentiertes Wissen sein. Wir denken etwa an die Erwartungshaltung, mit naturwissenschaftlichen Methoden kulturwissen-schaftliche Fragestellungen klären zu können.
Das Cartesische Weltbild als dominante Sicht auf die Welt der europäischen Moderne (Ingold 1993) erschwert nicht nur die Rezeption phänomenologischer, sondern auch sozial-konstruktivistischer Ansätze (Bender 1998; Cosgrove 2004, 58). Der zunehmende Einsatz von GIS-Analysen verstärkt diesen Trend bereits durch die Wahl des Werkzeugs.

Die positivistische Überzeugung, das Material sei die Basis allen Wissens, und aus ihr heraus lasse sich induktiv die wahre Vergangenheit rekonstruieren, wird durch dominante Strömungen des new materialism bzw. material turn (z.B. Latour, Gumbrecht) mit aktualistischer Theorie aufgepeppt und sorgt für neues Selbstbewusstsein, materielle Kultur „aus sich heraus“ zu interpretieren.

Entgegen dem Trend zur Vernaturwissenschaftlichung der Geisteswissenschaften führt die gesellschaftliche Fixierung auf Schrift als Träger „wahrer“ Information dazu, dass Archäologien in historischen Epochen nicht ohne Schriftquellenbezug arbeiten wollen/dürfen, während Historikerinnen und Historiker dieser Epochen kein zwingendes Bedürfnis verspüren, ihre Interpretationen mit archäologischem Wissen abzugleichen.

Archäologisches Wissen ist konzeptionell (als Kulturtechnik) weißes, männliches, (west)europäisches Wissen, und es baut auf einem Bildungskanon der Mittelschicht auf (Bildungsbürgertum) (z.B. Berg 2001). Alle diese Aspekte werden durch die Struktur archäologischen Wissens unterstützt und legitimiert, sie dominieren andere kulturelle Formen historischer materieller Erinnerung. Doch außer dem Gender-Aspekt werden in der deutschen Archäologie andere Privilegierungen und Ausgrenzungen kaum thematisiert.

2. In welche Teildiskurse werden gültiges archäologisches Wissen und Wahrheiten z. B. in den Bereichen Universität, Museum und Bodendenkmalpflege aufgefächert, wie unterscheiden sie sich? Wo wird das sichtbar und wie/warum entstehen Unterschiede?

3. Ordnungshüter, Machtbewahrer – Wer und was hält Diskursordnungen aufrecht? Wie und wo lassen sich Diskursordnungen als/und disziplinäre Machtstrukturen offenbaren, also wo sind die – mit Foucault – Dispositive als „institutionalisierte infrastrukturelle Momente und Maßnahmebündel” freizulegen, die Diskurse reproduzieren und vollziehen und somit Diskursmacht ausüben (Keller 2004, 63). Derartige Strukturen, in denen Diskursordnungen sichtbar oder gegenständlich werden, könnten beispielsweise Peer Review- und andere Begutachtungsverfahren, akademische Rituale und Verfahren, Schulenbildung und Zitierkartelle nebst Sprachbarrieren, Gender- und Political Correctness-Vorgaben, der Druck, sich an interdisziplinären Forschungsverbünden zu beteiligen, „Exzellenzstalinismus“ und „Evaluierungsbuchhaltung” (Weichhardt 2012) u.ä. sein. Dabei geht es nicht darum, diese Verfahren grundsätzlich nur unter dem Aspekt der Machtausübung zu verstehen, doch ist zu fragen, wie sie als taugliche Mittel der Wissenschaftlichkeit konzipiert werden können, ohne zugleich machtvolle Diskurse zu (re-)produzieren.

4. Und schließlich, welche Effekte und Auswirkungen auf die Arbeit des Faches bewirken die Diskurse, also wie wirken sich Diskursordnungen auf archäologisches Analysieren, Interpretieren und Erzählen aus: Wir denken an konkrete Fallbeispiele, in denen sich die Diskursordnungen, unter denen eine archäologische Interpretation entstand, in der historischen Interpretation selber widerspiegelt.

Wir erbitten Vorschläge mit kurzem Abstract (max. 15 Zeilen) bis 15. April an Karin Reichenbach (reichenbach@uni-leipzig.de) und/oder Thomas Meier (thomas.meier@zaw.uni-heidelberg.de). Je nach thematischem Schwerpunkt stellen wir uns „normale“ Vorträge (ca. 20 Minuten, kürzere Diskussion) oder stimulierende Kurzbeiträge (max. 10 Minuten, 20 Minuten Diskussion) vor.

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Barbara Bender, Stonehenge. Making space (Oxford/New York 1998).
Lawrence D. Berg, Masculinism, Emplacement and Positionality in Peer Review. The Professional Geographer 53:4, 2001, 511-521.
Denis Cosgrove, Landscape and Landschaft. German Historical Institute Bulletin 35, 2004, 57-71.
Michel Foucault: L’ordre du discours = Inauguralvorlesung am Collège de France 1970 (Paris 1972) [wir zitieren nach der deutschen Ausgabe: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/Main, 1993].
Tim Ingold, Globes and Spheres. The Topology of Environmentalism. In: Kay Milton (Hrsg.), Environmentalism: The View from Anthropology (London 1993) 31-42.
Reiner Keller, Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen (Opladen 2004).
Thomas Meier/Karin Reichenbach, Orders of Knowledge. Disciplinary Powers in the Archaeological Discourse. Round Table Report TEA (im Druck).
Peter Weichart, „Slow Science“ versus Exzellenzstalinismus. Vom Nutzen wissenschaftlicher Reflexionen abseits der Evaluierungsbuchhaltung. In: Marc Michael Seebacher (Hrsg.), Raumkonstruktionen in der Geographie. Eine paradigmenspezifische Darstellung gesellschaftlicher und fachspezifischer Konstruktions-, Rekonstruktions- und Dekonstruktionsprozesse. Unter Mitarbeit von Peter Weichhart. Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung 14 (Wien 2012) 7-38.

Kontakt

Karin Reichenbach (reichenbach@uni-leipzig.de)
Thomas Meier (thomas.meier@zaw.uni-heidelberg.de)

Zitation
Ordnungen des Wissens. Disziplinäre Macht im archäologischen Diskurs, 15.04.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 25.03.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-24539>.