Fragmentierung oder glatte Linien? Biographie und biographische Selbstwahrnehmungen im 20. Jahrhundert

Ort
Mannheim
Veranstaltungsort
Universität Mannheim, L 7, 3-5, Raum 4.58.
Veranstalter
Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Historisches Institut, Universität Mannheim
Datum
25.04.2014 - 26.04.2014
Von
Lommatzsch, Erik

Auf die Falle der „biographischen Illusion“ – bekannt geworden durch Pierre Bourdieu – wird in nahezu jeder neueren Biographie hingewiesen. Vielfach bleibt es jedoch zumeist bei dieser theoretischen Anmerkung. Auch wissenschaftliche Biographien ziehen oft Linien, die zumindest bei genauer Prüfung den Gedanken einer nachträglichen Konstruktion nahelegen, die ein geschlossenes Lebensbild vermittelt. Bedingt ist dieses vom Historiker geschaffene Artefakt mitunter auch durch die Quellenlage. Personen, die durch ihr Wirken im Blickfeld der Öffentlichkeit standen, hatten an der Vermittlung einer bestimmten Selbstdarstellung Interesse bzw. wurden durch öffentliche Debatten zu einer entsprechend nach außen wirkenden Reflexion über frühere Lebensphasen angehalten.

Die Tagung soll sich in erster Linie der biographischen Fragmentierung, der Frage der Selbstreflexion sowie dem Problem des nachträglich konstruierten Bildes widmen.

Anhand exemplarisch ausgewählter Persönlichkeiten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts soll folgenden Fragen nachgegangen werden. Auf jeweils sehr unterschiedliche, aber für alle Personen maßgebliche Weise bildet das „Dritte Reich“ einen zentralen Bezugspunkt.

Als Ansatz und Leitlinie sollen folgende Fragen dienen, auch um eine Diskussion bzw. Zusammenführung von Einzelproblemen zu erreichen.

1. In welchem Verhältnis stehen Selbsteinschätzungen aus der Endphase des Lebens („Memoiren“) und die Faktenlage aus der jeweiligen Zeit?
2. Welche Beurteilung erfährt die NS-Zeit insgesamt? Auf welche Weise wurde Stellung genommen?
3. Wie wird die eigene Rolle in der NS-Zeit nach 1945 verortet?
4. Welche Anstöße erfolgten von außen, um sich zur NS-Zeit zu äußern bzw. die mit dem eigenen Wirken auseinanderzusetzen?
5. Sind Versuche erkennbar, eine eigene Lebensgeschichte zu konstruieren? Wie weit reichen diese?
6. Wo finden sich unvereinbare Positionen/Stellungnahmen/Äußerungen? Ist der Wechsel ohne „glättendes“ Bemühen des Historikers erklärbar bzw. sind Entwicklungen erkennbar?

Die Fragen, von denen zumindest ein Teil für jede der zu diskutierenden Personen beantwortbar sein dürfte, gelten als Orientierung. Damit wird eine vergleichende Bilanzdiskussion/Auswertung möglich, die – wenn auch beschränkt auf die Auswahl –zusammenfassende und zumindest teilweise zu verallgemeinernde Aussagen ermöglicht.

Insgesamt versteht sich die Tagung als Beitrag zur Diskussion um die Problematik der Biographie und der damit verbundenen Erkenntnismöglichkeiten, d.h. ihrer Grenzen, vor allem aber ihrer durch andere methodische Zugriffe nicht gegebenen Perspektiven.

Programm

Freitag, 25. April 2014

13.00 Einführung in die Thematik: Dr. Erik Lommatzsch, Mannheim

13.30 I. Kriegsende als Neuanfang

Moderation: Dr. Sebastian Demel, Mannheim

Dr. Alexander Korb, Wien/Leicester: Der Tatkreis in der Nachkriegszeit. Kontinuitäten politischen Denkens und journalistischer Praxis am Beispiel von Hermann Proebst, Giselher Wirsing und Alfons Dalma, 1930 bis 1950

Dr. Kristian Buchna, Stuttgart: Neuformierung der konfessionellen Lager: Wilhelm Böhler (1891-1958) und Hermann Kunst (1907-1999)

15.00 Pause

15.30 II. Geprägt von der Bundesrepublik - prägend für die Bundesrepublik

Moderation: Prof. Dr. Julia Angster, Mannheim

Dr. Jacob Eder, Jena: Lebenslänglich liberal: Hildegard Hamm-Brücher (*1921)

Dr. Michael Kitzing, Stuttgart/Singen: Die Erfahrung des Dritten Reiches als Grundlage für das politische Engagement von Alex Möller (1903-1985) in der Bundesrepublik

17.00 Pause

17.15 III. Mehr als Berührungspunkte: Biographie und Kommunismus

Moderation: Anne Bieschke, Mannheim

Dr. Udo Grashoff, Leipzig: Der Mann, der nie ins Kino ging – Adolf Sauter. Vom KPD-Nachrichtendienst über die Gestapo zur Organisation Gehlen

Dr. Sebastian Schaar, Leipzig: „Linksschwenk, Marsch“ – Zur Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung des Schriftstellers Ludwig Renn (1889-1979)

19.30 Abendessen

Sonnabend, 26. April 2014

9.00 IV. Im Dienst des NS-Staates - Nähe, Distanz und Ambivalenzen vor und nach 1945

Moderation: Prof. Dr. Philipp Gassert, Mannheim

Martin Munke, Chemnitz: "Stratege der Besatzungspolitik" oder "anständig geblieben"? Fremd- und Selbstwahrnehmung der Rolle Georg Leibbrandts im "Dritten Reich"

Dr. Stefan Paulus, Augsburg: Zwischen Demokratie und Diktatur. Selbst- und Fremdwahrnehmung im Falle Otto Meißners (1880-1953)

Gerhard Wenzl, Augsburg/Ingolstadt: Vom Helden zum Heuchler. Himmlers Leibarzt Felix Kersten (1898-1960) und die Konstruktion von Mythen

11.15 Pause

11.30 V. Wege im NS-Staat, in der Besatzungszeit und in der Bonner Republik

Moderation: Priv.-Doz. Dr. Angela Borgstedt, Mannheim

Hubert Seliger, Augsburg: Klare Linien? Der Weg des Otto Kranzbühler (1907-2004)

Alexander Müller, Chemnitz: Die Karrieren des Reinhard Höhn (1904-2000)

13.00 Abschlussdiskussion

13.30 Ende

Kontakt

Erik Lommatzsch

Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, 68131 Mannheim

elommatz@mail.uni-mannheim.de, erik lommatzsch@gmx.de

Zitation
Fragmentierung oder glatte Linien? Biographie und biographische Selbstwahrnehmungen im 20. Jahrhundert, 25.04.2014 – 26.04.2014 Mannheim, in: H-Soz-Kult, 21.04.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-24773>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.04.2014
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