Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Organisationen – Idiome -­ Praktiken

Ort
Essen
Veranstaltungsort
Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI), Goethestraße 31, 45128 Essen
Veranstalter
Fabian Link, Uwe Dörk, Henning Borggräfe
Datum
26.03.2015 - 27.03.2015
Bewerbungsschluss
31.12.2014
Von
Uwe Dörk

Seit Mitte der 1990er Jahre rückt die “Verwissenschaftlichung des Sozialen” (L. Raphael) in den Fokus der Geschichts- und Sozialwissenschaften. Im Zuge dessen findet auch die Geschichte der Sozialwissenschaften eine wachsende Aufmerksamkeit. Der Workshop greift diesen Trend auf, indem er die Entwicklung und epistemische Eigenart der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jh. ins Zentrum stellt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich die Sozialwissenschaften – zwischen ideographischen und nomothetischen Erkenntnisstilen schwankend – als eine dritte Kultur (W. Lepenies) etabliert haben, die sich durch konkurrierende Theorien und Methoden sowie unscharfe disziplinäre Grenzen auszeichnet. Vor diesem Hintergrund stellt der Workshop die Frage, welche Rolle fachspezifische Organisationen, Idiome und Praxisformen für die Prästabilisierung dieser Vielfalt ohne Harmonie- und Paradigmenzwang gespielt hatten. Zugleich erhoffen wir uns von einem solchen Fragehori-zont, die bisher vorwiegend binnendisziplinäre, fachklassikerfixierte und national begrenzte Sicht auf die Geschichte der Sozialwissenschaften aufzubrechen und für disziplinen- und nationenübergreifende Transferprozesse zu öffnen. Der Terminus „Sozialwissenschaften“ soll im Plural stehen und ihre gesamte Bandbreite abdecken, ohne eine klare Grenze zum Begriff Kulturwissenschaften markieren zu wollen.

Organisationen, Idiome und Praktiken markieren drei Felder, auf denen Probebohrungen, Aufschluss über epistemische Sedimentierungen in den unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen geben und Vergleiche ermöglichen sollen. Das Feld ‚Organisationen’ umgreift etwa Fachverbände, Forschungsinstitute und -labore etc., die sich durch Entscheidungen (über Ziele, Mittel, Mitglieder, Ämter etc.) definieren und dadurch auch die Wissensproduktion beeinflussen. Umgekehrt üben auch Texte, die das Phänomen Organisation reflektieren, Einfluss auf organisatorisches Entscheidungsverhalten aus. Denn anders als in den Naturwissenschaften besteht zwischen Organisation und Wissensproduktion in den Sozialwissenschaften ein ‚intimer’ Zusammenhang. Und da jede Disziplin hier ihr eigenes Genre (Organisationssoziologie, -psychologie, -ethnologie, -pädagogik etc.) pflegt, dürfte dieses sogar fachliche Unterschiede begründen. Wie prägten also unterschiedliche Reflexionsstile die Organisationsstrukturen und -kulturen von Fachgesellschaften oder Forschungsinstituten? Zirkulieren auch gemeinsame Klassiker, Termini und Theorien, die den Diskursraum der Sozialwissenschaften in Gang halten?

Sozialwissenschaftliche Disziplinen waren (und sind) nicht nur durch verschiedene Organisationen, sondern auch durch unterschiedliche Fachsprachen geprägt. Das zweite Feld thematisiert diesen Aspekt unter dem Begriff des „Idioms“, der sowohl die disziplinäre Schließung und als auch Möglichkeiten interdisziplinären Austauschs beschreibt. Der Begriff Idiom (B. Waldenfels) bezeichnet die „Singularität“ eines Denkstiles, für den die Muttersprache Modell steht: Sie führt die Sprechenden in die Welt der Sprache ein, versorgt sie mit Bedeutungshorizonten und limitiert sie. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit von Sprache und Denken und Grenze zugleich. Das galt (und gilt) auch für die Pluralität sozialwissenschaftlicher Idiome, die sich in unterschiedlichen Sozialisationsweisen, Exerzitien, Grammatiken und Kanons reproduzieren, unterschiedliche Kreativitätszentren speisen und Grenzen von Forschergemeinden, Schulen und Disziplinen setzen. Grenzüberschreitender Verkehr zwischen verschiedenen Idiomen (und Schulen, Theorien etc.), erfordert Übersetzungsleistungen, da er auf keine voll ausgebildete Metasprache zurückgreifen kann. Dieser Hinweis gilt nicht nur einer unterbelichtete Stelle diskurstheoretischen und denkstilorientierten Ansätze (A. Langenohl). Vielmehr soll er für Schwierigkeiten intertheoretischer, -schulischer und -disziplinärer Kommunikation sensibilisieren, die gerade auch den geplanten Workshop betrifft. Welche Idiome aber markierten Grenzen von Disziplinen oder Schulen und welche überschritten sie? Welche Rolle spielt(e)n Organisationen bei der Limitierung und Stabilisierung, welche bei der Variation, Aneignung und beim Transfer von Idiomen? Lässt sich doch so etwas wie eine sozialwissenschaftliche Tiefengrammatik beschreiben, die unterschiedlichen Idiomen gemein ist?

Das dritte Feld gilt der Geschichte sozialwissenschaftlicher Praktiken wie Messen, Sammeln, Isolieren, Apparate herstellen, Dokumentieren von Methoden und rhetorische Exerzitien moralisch-ethischer Enthaltsamkeit. Unterschiedliche sozialwissenschaftliche Idiome begründen unterschiedli-che Praktiken: Die empirische Sozialforschung präferiert etwa hypothesengeleitetes Beobachten und Quantifizieren von Daten, qualitative Sozialforschung hingegen sequenzanalytisches Zerlegen und Rekonstruieren von Sinnprozessen. Hierbei werden Praktiken als Mittel-Zweck-Relationen begriffen und entsprechend organisatorisch umhegt. Doch zwischen der idiomatisch intendierten, also zweckhaft begründeten Praxis und den konkreten Forschungspraktiken bestehen oft beträchtliche Unter-schiede. Forschungspraktiken können nicht nur unintendierte Folgen zeitigen, sondern auch den unausgesprochenen Logiken des wissenschaftlichen Alltags folgen. Denn als ‚Modus operandi’ be-gründen Idiome nicht nur die Praxis der Datengewinnung und -auswertung in Form horizontaler Arbeitsteilung, sondern auch Hierarchien, die wiederum organisatorisch verfestigt sind. So betrachtet sind Praktiken nicht nur Mittel zum Zweck der Erkenntnisgewinnung, sondern auch Modi sozialer Unterscheidung.

Wie hängen die Etablierung und Veränderung von Forschungspraktiken mit der Gründung und den Entscheidungsprozessen von Organisationen zusammen? Wie werden Hegemonie- und Vorrangansprüche formuliert, wie durch sozialwissenschaftliche Forschungspraktiken auch soziale Hierarchien reproduziert? Wie rezeptionsbereit oder -resistent waren unterschiedliche Disziplinen und Schulen für fremde Praktiken und Idiome – und was bedeutete dies für ihre Entwicklung und Eigenarten?

Die Beiträge sollen methodisch innerhalb dieses Referenzrahmens angesiedelt sein. Der Workshop zielt auf eine gemeinsame Publikation, in der die hier vorgeschlagene Fragestellung systematisch bearbeitet werden soll.

Kontakt

Uwe Dörk

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)

06403-7788440

Uwe.Doerk@kwi-nrw.de

Zitation
Geschichte der Sozialwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert. Organisationen – Idiome -­ Praktiken, 26.03.2015 – 27.03.2015 Essen, in: H-Soz-Kult, 03.08.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-25559>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2014
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