Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen und nordamerikanischen Einwanderungsgesellschaften

Ort
Siegen
Veranstalter
NachwuchswissenschaftlerInnen der Universität Siegen
Datum
15.10.2015 - 16.10.2015
Bewerbungsschluss
30.08.2015
Von
Andreas Kewes

Im Zuge von so unterschiedlichen Prozessen wie Globalisierung und zunehmenden Migrationsbewegungen gewinnt das Thema der Staatsbürgerschaft wieder an wissenschaftlicher Bedeutung. In den vergangenen Jahren wurden wiederholt unterschiedliche Begriffe von Staatsbürgerschaft/Citizenship diskutiert, um das Spektrum der Exklusionsprozesse zu verdeutlichen und auf verschiedenen Ebenen Inklusion anzuregen. Auch wenn Staatsbürgerschaft in einem Nationalstaat formal Inklusion und gleiche Rechte bewirken soll, sehen sich Bürgerinnen und Bürger Ungleichheit erzeugenden Alltagspraxen ausgesetzt, wodurch Inklusionsversprechen schnell wieder in Exklusionsprozessen münden können.
So sind manche Bevölkerungsgruppen auf Grund ihres Alters, Geschlechts, ihrer Herkunft, Konfession, sozioökonomischen Situation, etc. an der uneingeschränkten Ausübung ihrer Staatsbürgerschaft gehindert. Ungeachtet der rechtlichen Gleichstellung schließt der Besitz der Staatsbürgerschaft also eine faktische Diskriminierung nicht aus. Die Exklusion findet sowohl beim Zugang zum Status der Staatsbürgerschaft (Exklusion von Nicht-Staatsbürgerinnen und Nicht-Staatsbürgern) als auch bei der gesellschaftlichen Teilhabe der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger statt. Die Exklusion auf den beiden Ebenen ist, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in je anderen Formen, mit verringerter gesellschaftlicher Partizipation und mit eingeschränktem Zugang zu Rechten und sozialstaatlichen Leistungen verbunden.
Insofern wird für die Tagung das Ziel gesetzt, „Lücken“ und Diskrepanzen zu suchen, die zwischen einer formalen Staatsbürgerschaft und einer substanziellen Ausbuchstabierung derselben liegen, um hier ein Gegensatzpaar von James Holston und Arjun Appardurai (1999) zu bemühen. Diese Suche nach den Lücken kann beispielsweise geschehen, indem die verschiedenen Maßstabsebenen (scales) von Staatsbürgerschaft(en) betrachtet werden und dabei Rechtegewährungen von der lokalen Ebene bis hin zur post-nationalen Konstellation in den Blick geraten. Ein Weg, sich dem Ziel zu nähern, könnte darin bestehen, makrosoziale Beobachtungen anzustellen und dabei beispielsweise das Verhältnis von Markt, Staat und Zivilgesellschaft zu befragen. Diskrepanzen könnten sichtbar werden, wenn die Rolle von Institutionen fokussiert wird, insbesondere aus dem Bereich der Judikative. Lücken und Diskrepanzen könnten auch da gesucht werden, wo formale Staatsbürgerschaft noch unzureichend mit Rechten ausgestattet ist. Diese Diagnose wäre denkbar, wenn der Fokus auf einer digital citizenship läge, die zusätzlich zu den klassischen bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten noch Neuformulierungen bedarf, weil insbesondere das Kommunizieren im digitalen Zeitalter Staatsgrenzen überschreitet und längerfristig für Staatsorgane beobachtbar bleibt. Die Suche nach „Lücken“ kann aber auch den Blick auf individuelle Akteure richten, welche sich in Acts of Citizenship (Isin 2008) selbst ihre Bürgerschaft erkämpfen und damit einen performativen Begriff von Staatsbürgerschaft anwenden.
Die Tagung „Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion“ befasst sich mit den Themen der Inklusion bzw. Exklusion mit Blick auf Staatsbürgerschaft in Deutschland und in vergleichender Perspektive innerhalb europäischer und nordamerikanischer Gesellschaften. Dabei sollen insbesondere folgenden Fragen betrachtet werden:
- Welche Exklusions- oder Diskriminierungsformen treten mit Blick auf die (Ausübung von) Staatsbürgerschaft in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen und nordamerikanischen Einwanderungsgesellschaften auf?
- Welche Auswirkungen haben diese Exklusions- und Diskriminierungsformen auf die gesellschaftliche Partizipation sowie auf den Zugang zu wohlfahrtsstaatlichen und sozialrechtlichen Leistungen?
- Welche Rahmenbedingungen begünstigen eine Teilhabe und ein Gefühl der Zugehörigkeit?
- Mit welchen Maßnahmen wird Exklusionsformen erfolgreich begegnet? Welche Best Practice-Beispiele gibt es?

Dieser Call for Papers richtet sich insbesondere an NachwuchswissenschaftlerInnen, aber auch an Personen, die in der Praxis in unterschiedlichen Bereichen wie Politik, Soziales, Kultur, Bildung, Verwaltung, etc. beschäftigt sind. Wir freuen uns über Beiträge, die sich dem Staatsbürgerschaftsbegriff entweder theoretisch nähern oder eigene empirische Arbeiten vorstellen; darunter können ebenfalls konkrete Praxiserfahrungen und Anwendungsbeispiele von PrakterInnen in kommunalen Behörden und bei lokalen Trägern fallen. Eine vergleichende Perspektive ist erwünscht, aber nicht zwingend. Beiträge können entweder in Form eines Vortrags oder Posters erfolgen.
Abstracts von nicht mehr als 500 Wörtern (mit Angabe des gewählten Formats: Vortrag/Poster) sind bis zum 30.08.2015 bei Sarah J. Grünendahl (Email-Adresse: sarah.gruenendahl@student.uni-siegen.de) einzureichen. Eine Auswahl der Beiträge erfolgt anschließend zeitnah. Als Veranstaltungssprache für die Plenen ist deutsch geplant. Gleichwohl können auch Beitragsvorschläge in englischer Sprache eingereicht werden. Für eine Kinderbetreuung während der Veranstaltung ist gesorgt.
Weitere Informationen zu Tagungsprogramm, Anreise, Übernachtungsmöglichkeiten usw. werden sukzessive unter http://www.uni-siegen.de/phil/staatsbuergerschaft/ bereitgestellt.

Programm

Bereits zugesagte Gastvorträge: Albert Scherr (PH Freiburg), Karin Schittenhelm (Universität Siegen), Chantal Munsch (Universität Siegen), Oliver Schmidtke (University of Victoria)

Kontakt

Andreas Kewes

Adolf-Reichwein-Straße 2
57068 Siegen

andreas.kewes@uni-siegen.de

Zitation
Staatsbürgerschaft im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen und nordamerikanischen Einwanderungsgesellschaften, 15.10.2015 – 16.10.2015 Siegen, in: H-Soz-Kult, 08.07.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-28381>.