Wer schafft Wissen? Figurationen des Laien zwischen Forschung, Leidenschaft und politischer Mobilisierung

Ort
Münster
Veranstaltungsort
Münster, Bezirksregierung, Domplatz 1-3, Saal 1 (Freitag); Münster, Fürstenberghaus, Domplatz 20-22, Raum F234 (Samstag)
Veranstalter
Volkskundliche Kommission für Westfalen, Landschaftsverband Westfalen-Lippe
Datum
30.10.2015 - 31.10.2015
Bewerbungsschluss
23.10.2015
Von
Christiane Cantauw

Dass Wissensgeschichte lange modernisierungstheoretisch als Verwissenschaftlichungsgeschichte geschrieben und erzählt worden ist, hat sich in der Alltagssprache niedergeschlagen: Laien, Dilettanten, Amateure und Autodidakten personifizieren das Sammeln, Dokumentieren, Forschen, Schreiben, Vermitteln mit großem Eifer aber ohne legitimierendes Studium und ohne wissenschaftlich relevantes Ergebnis.

Wie insbesondere wissenschaftshistorische Arbeiten gezeigt haben, war und ist die mit der geläufigen Hierarchisierung von ‚wissenschaftlich‘ und ‚populär‘ verknüpfte Abwertung jedoch nie die einzige Dynamik im hier interessierenden Feld: Als Ehrenamtliche oder Bürger können Laien politisch mobilisiert und staatlich geehrt werden, dann nennt man ihre Tätigkeit ‚Engagement‘ oder ‚Partizipation‘. Historische Fälle dieser Orientierung sind SammlerInnen oder StifterInnen. Zahlreiche kleine Museen werden von Vereinen betrieben und getragen; die neueste museologische Forschung hat diese „Wilden Museen“ (A. Janelli) erstmals in den Blick genommen. Aktuell sind alle Beteiligten mit dem Konzept der Bürgerwissenschaft oder citizen science konfrontiert; die neueste Forschung hat solche Absichten und Programme bereits als machtvolle „elite attempts to constitute ‚engaged publics‘“ (J. Gregory/Ch. Thorpe) kritisch betrachtet.

Initiativen, AGs oder Geschichtswerkstätten signalisieren heterodoxe Positionen und Kritik. Insbesondere zur Geschichte von unten, zur Frauen- bzw. Geschlechtergeschichte und zur Geschichte des NS-Regimes haben Aktivitäten im Lokalen angesetzt, um blinde Flecken akademisch etablierter Wissenschaft zu erhellen und zugrundeliegende Geschichtsbilder zu kritisieren. Die Beteiligten sind damit vor Ort mit einem breiten Spektrum von Arbeitsbehinderung bis hin zu persönlichen Anfeindungen konfrontiert; auf lange Sicht jedoch waren diese Initiativen nicht selten Impulsgeber und Pioniere auf Forschungsfeldern, die später an den Universitäten aufgegriffen wurden.

Broker, Informanten und Gewährsleute vermitteln Kontakte und Fakten. Sie ermöglichen überhaupt erst das Erheben von qualitativen wie quantitativen Massendaten wie in den Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts (z.B. der weltweite bird count) oder im Großprojekt Atlas der Volkskunde von den 1920er bis in die 1980er Jahre. Als einfache Leute fungieren sie aber auch, wie die Viehmännin der Gebrüder Grimm, als Bürgen für Authentizität. Die Big Data genannte Möglichkeit der Digitalisierung und Verknüpfung von Massendaten hat alte Hoffnungen auf umfassende und objektive Dokumentation durch namenlose Viele neu belebt.

Die Tagung möchte sich Figurationen des Laien an den Schnittstellen von Forschung, Interesse und Politik seit dem 19. Jahrhundert widmen. Dem Arbeitsfeld des Veranstalters (Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, Münster) entsprechend liegt der Fokus dabei vor allem auf den geistes- bzw. sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen.

Übergreifend soll es vor allem um folgende Fragestellungen gehen:
Inwiefern sind Figurationen des Laien mit Dynamiken gesellschaftlicher Ordnung wie Klasse, Milieu, Geschlecht, race, verknüpft?

Wie ist das Verhältnis zwischen eingeladener bzw. institutionalisierter Beteiligung und unerwünschten Initiativen?

Welche Effekte haben die Forderung nach Professionalisierung einerseits und der Anspruch der Demokratisierung von Wissen bereits im Stadium der Forschung andererseits?

Welche Medien und Schnittstellen dienen/ dienten der Transformation von Wissen?"

Die geplante Tagung wird und will keinen Überblick bieten. Vielmehr sollen ausgewählte historische und aktuelle Fälle einen Einblick in je spezifische Figurationen des Laien bieten. Aus diesem Grund sind Berichte aus der Praxis ebenso erwünscht wie Fallstudien aus der Wissenschaftsgeschichte bzw. aus der Wissenschaftsforschung im Gegenwartshorizont.

Programm

Freitag, 30. Oktober 2015
Bezirksregierung Münster, Saal 1, Domplatz 1-3, Münster

14:30 Begrüßung: Elisabeth Timm, Vorsitzende der Volkskundlichen Kommission für Westfalen

14:45 Kirsten John-Stucke (Büren): „Mythos“ Wewelsburg? Legenden und Mythenbildung rund um ein Schloss

15:30 Ralf Klötzer (Münster): Lepra ist im Verein am schönsten: Über die Möglichkeiten der Gesellschaft für Leprakunde e.V. im Lepramuseum Leprageschichte zu dokumentieren

Moderation: Jakob Smigla-Zywocki
16:15 Fahrt zum Lepramuseum in Münster-Kinderhaus und Besichtigung

Ab 18:00 Gelegenheit zum Abendessen

20:15 Grußwort Stephan Ludwig, Prorektor der WWU Münster

20:30 Öffentlicher Abendvortrag: Tobias Scheidegger (Zürich): „La petite science“. Anmerkungen zu außeruniversitärer Wissenschaft am Beispiel der Naturforschung in der Schweiz um 1900

Moderation: Elisabeth Timm

Samstag, 31. Oktober 2015
Fürstenberghaus, WWU Münster, Raum F234, Domplatz 20-22, Münster

9:15 Günter Achterkamp (Rheine-Mesum): „Erinnerung ist Wachsamkeit für die Zukunft“. Bürgerschaftliches Engagement und zur Verantwortung stehen – eine Herausforderung. Praxisbericht

10:00 Jutta Jäger-Schenk (Emmendingen): Deutsches Tagebucharchiv in Emmendingen. Ehrenamtliche bewahren deutsche Zeitgeschichte

11:00 Kaffeepause

11:15 Susanne Maurer (Marburg): community archives als Gedächtnisorte sozialer Bewegungen: Das Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs

Moderation: Jutta Nunes-Matias

12:00 Mittagsimbiss

13:00 Andreas Eiynck (Lingen): Das „Neujahrskucheneisenforschungsteam“ des Heimatvereins Burgsteinfurt – ergebnisorientiert oder erlebnisorientiert?

13:45 Christiane Torzewski (Münster): Heimat sammeln. Volkskundliche Wissensproduktion in Westfalen (1928 – 1955)

Moderation: Christiane Cantauw

14:30 Abschlussdiskussion und Ende der Tagung

Kontakt

Christiane Cantauw

Scharnhorststraße 100

0251/832-4398
0251/8328393
christiane.cantauw@lwl.org

Zitation
Wer schafft Wissen? Figurationen des Laien zwischen Forschung, Leidenschaft und politischer Mobilisierung, 30.10.2015 – 31.10.2015 Münster, in: H-Soz-Kult, 09.09.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-28782>.