"Moderne" Anstaltspsychiatrie - Legitimation und Kritik

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Universität Göttingen, Universitätsklinikum, Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen, Hörsaal MED 568
Veranstalter
Abteilung für Ethik und Geschichte der Medizin, Georg-August- Universität Göttingen und Institut für Geschichte der Medizin, Heinrich-Heine Universität Düsseldorf in Kooperation mit: PD Dr. Christina Vanja Landeswohlfahrtsverband Hessen Funktionsbereich: Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen
Datum
09.09.2004 - 11.09.2004
Bewerbungsschluss
27.08.2004
Von
Dr. Karen Nolte & Dr. Heiner Fangerau

Im 18. Jahrhundert waren Hospitäler, die so genannte »Irre« versorgten, auf Grund der in ihnen herrschenden Versorgungsumstände einer starken Kritik ausgesetzt. Insbesondere die gefängnisähnliche Verwahrung psychisch Kranker und die unhygienischen Verhältnisse wurden von aufklärerischen Gelehrten, die verschiedene so genannte Tollhäuser, Irrenhäuser bzw. Narrenhäuser bereisten, angeprangert. Mit den als mittelalterlich diffamierten Verhältnissen in der »Irrenversorgung« begründeten die Kritiker im beginnenden 19. Jahrhundert moderne Anstaltskonzepte für Heilanstalten bzw. Heil- und Pflegeanstalten.

Die von Michel Foucaults Thesen geleitete kritische Psychiatriegeschichtsforschung hat in den 1980er Jahren die fortschrittsoptimistische Sichtweise der von Psychiatern selbst geschriebenen Geschichte der »modernen« Anstaltspsychiatrie in Frage gestellt. Insbesondere die sozialen Kosten der zur Humanisierung der »Irrenversorgung« entworfenen Konzepte wurden herausgestellt. Im Fokus geschichtswissenschaftlicher Forschung stand daraufhin die »totale Institution« (Goffman) mit ihren repressiven Strukturen.

Erst jüngst traten dieser struktur- und diskursgeschichtlichen Perspektive auf das psychiatrische Anstaltswesen patientengeschichtliche Untersuchungen zur Seite. Die in den psychiatrischen Anstalten arbeitenden und therapierten Menschen werden seither als soziale Akteure und Akteurinnen mit Handlungsspielräumen wahrgenommen und untersucht.

Doch nicht erst die in den 1980er Jahren einsetzende Psychiatriegeschichtsschreibung hat die Konzepte und Strategien der »modernen« psychiatrischen Anstalten kritisiert: Schon in der Zeit des Gründungsbooms der neuen Anstalten um 1900 formierte sich eine psychiatriekritische Bewegung – von den »Irrenärzten« polemisch als »Antipsychiatrie« bezeichnet – welche die moderne Anstaltspsychiatrie in Theorie und Praxis einer scharfen Kritik unterzog. Die soziale Struktur sowie politische Inhalte der »antipsychiatrischen Bewegung« um 1900 sind im Detail allerdings noch kaum erforscht. Insofern ist die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Anforderungen an die Psychiatrie einerseits und psychiatrischer Reaktion andererseits auf diesem Gebiet noch ein blinder Fleck in der Historiographie. Gerade aktuelle psychiatriekritische Reaktionen auf psychiatrische Forschung und Praxis erscheinen vor diesem Hintergrund als historisch bedingte Phänomene, weisen sie doch historische Äquivalente auf.

Ziel des Symposiums ist es deshalb, die Spannung zwischen Legitimations- und Professionalisierungsbestrebungen der Psychiater, Psychiatrieerfahrungen der Patienten und Patientinnen und der öffentlichen Psychiatriekritik historisch zu untersuchen und zu diskutieren.

Um Anmeldung wird gebeten bis zum 27.9.2004 bei:
Karen.Nolte@web.de
oder
Heiner.Fangerau@uni-duesseldorf.de

Tagungsgebühr (incl. Abendessen und Imbiss): 30 € / 20 € ermäßigt

Das Symposium wird unterstützt von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung.

Programm

Donnerstag, den 9. September 2004

18:00 Uhr
Begrüßung

18:30 Uhr
PD Dr. Christina Vanja, Kassel
Nur »finstere und unsaubere Clostergänge«? - Die hessischen Hohen Hospitäler in der Kritik reisender Aufklärer

19:30 Uhr
Gemeinsames Abendessen

Freitag, den 10. September 2004

9:00 bis 10:40 Uhr
1. Sektion:
»Anstaltspsychiatrie um 1800«

Dr. Fritz Dross, Düsseldorf
»›…dass … unheilbare Irre im Krankenhaus … den Etat … bedeutend belasten.‹ - Krankenhaus und Irrenanstalt in Konkurrenz um knappe Ressourcen«

Dr. Alexandra Chmielewski, Frankfurt
»Norm und Autonomie. Legitimierungsstrategien süddeutscher Anstaltspsychiater zu Beginn des 19. Jahrhunderts.«

10:40 bis 11:00 Uhr
Kaffeepause

11:00 bis 13:30 Uhr
2. Sektion:
»Psychiatriekritik und ›Patient’s view‹«

Dr. Thomas Röske, Heidelberg
»›unschuldig hier eingesperrt und ausgeplündert‹ - Das gestickte ›Staats-Album‹ (1871-76) der Emma Mohr aus Erfurt«

Dr. Heiner Fangerau, Düsseldorf
»›Geräucherte Sülze, mit Schwarten durchsetzt, teilweise kaum genießbar…‹ - Patientenkritik und ärztliche Reaktion im Nervensanatorium ›Rasemühle‹ zwischen 1903 und 1933«

Dr. Karen Nolte, Würzburg
»Querulantenwahnsinn – ›Irrsinn‹ oder ›Eigensinn‹?«

13:30 bis 15:00 Uhr
Mittagessen & Pause

15:00 bis 16:40 Uhr
3. Sektion:
»Psychiatriekritik und Reform um 1900«

PD Dr. Martin Lengwiler, Zürich/Berlin
»Antipsychiatrie um 1900: Die bürgerliche Bewegung für Irrenrechtsreformen im deutschsprachigen Raum«

Dr. Marietta Meier, Zürich
»›Günter Wallraff‹ im Zürcher Burghölzli: Zur Reaktion von Medizin, Behörden und Öffentlichkeit auf Psychiatriekritik am Ende des 19. Jahrhunderts«

16:40 bis 17:00 Uhr
Kaffeepause

17:00 bis 18:40
4. Sektion:
»Psychiatriekritische Inszenierungen«

Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, Hamburg
»›Zerquälte Ergebnisse einer Dichterseele‹ – Literarische Kritik an der Psychiatrie um 1900«

Dr. Urs Germann, Bern
»Inszenierte psychiatrische Moderne. Mediale Legitimationsstrategien in der schweizerischen Anstaltspsychiatrie der Zwischenkriegszeit«

Samstag, den 11. September 2004

9:00 bis 10:40 Uhr
5. Sektion:
»Anstaltspsychiatrie nach 1945: Legitimation und Kritik«

PD Dr. Susanne Regener, Berlin
»Lobotomie oder Der weiße Schnitt: Zurichtungen des Menschen in der Psychiatrie nach 1945«

Dr. Cornelia Brink, Freiburg
»›Keine Angst vor dem Psychiater.‹ Psychiatrie, Psychiatriekritik und Öffentlichkeit in der Bundesrepublik (1960 – 1980)«

10:40 bis 11:00 Uhr
Kaffeepause

11.00 bis 13:30 Uhr
6. Sektion:
Psychiatrische Institutionen zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Karoline Mehling-Großenbach, Kassel
»Das großherzoglich hessische Landeshospitals Hofheim in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - Reform und Kritik«

Dr. Emese Lafferton, Budapest
»The Mental Asylum as Miniature Version of the Kingdom. The Administrative Arrangement and Social “Make-Up” of Public Mental Asylums in Hungary, 1860s-1910s«

Dr. Christian Müller, Essen
»Heilanstalt oder Sicherungsanstalt? Die Unterbringung geisteskranker Rechtsbrecher als Herausforderung der Anstaltspsychiatrie im Deutschen Kaiserreich«

13:30 bis 14:00 Uhr
Imbiss

14:00 bis 15:30 Uhr
Abschlussdiskussion mit Podium und Verabschiedung

Kontakt

Heiner Fangerau

Institut für Geschichte der Medizin, Universität Düsseldorf
Universitätsstrasse 1 - D-40225 Düsseldorf

Tel. +49 (0)211 - 81 13947
+49 (0)211 - 81 13949
heiner.fangerau@uni-duesseldorf.de

Zitation
"Moderne" Anstaltspsychiatrie - Legitimation und Kritik, 09.09.2004 – 11.09.2004 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 08.07.2004, <www.hsozkult.de/event/id/termine-2934>.