Vom Wissen zum Wert? Forschungsinstitutionen und die Kommerzialisierung der Wissenschaft / From Knowledge to Profit? Scientific Institutions and the Commercialization of Science

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Max Planck Institute for the History of Science
Veranstalter
Research Program "History of the Max Planck Society"
Datum
10.10.2016 - 12.10.2016
Bewerbungsschluss
28.02.2016
Von
Forschungsprogramm "Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft"

(English version available below)

Die Beziehung von Wissenschaft und Technik resp. Grundlagenforschung und angewandter Forschung ist ein Dauerthema der Wissenschaftsforschung. Die Kommerzialisierung wissenschaftlicher Forschung hat dabei in den letzten Jahren kontinuierlich an Aufmerksamkeit gewonnen. Daran anknüpfend, richtet unser Workshop den Fokus auf die Institutionen der Wissenschaft – Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, nationale und internationale Wissenschaftsorganisationen – und ihre Rolle bei der Kommerzialisierung der Wissenschaft.

Die Beiträge zum Workshop sollen Kommerzialisierungsprozesse von Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit besonderen Augenmerk auf die Wissenschaftsinstitutionen, ihre Außen- und Innenverhältnisse behandeln. Der nationale und internationale Vergleich mit anderen Wissenschaftsinstitutionen soll unserem Forschungsprogramm helfen, die Kommerzialisierungsprozesse in der Max-Planck-Gesellschaft besser zu verstehen, weshalb vergleichend angelegte Beiträge besonders willkommen sind. Angesprochen sind Wissenschaftsforschung, Wissenschafts-, Medizin- und Technikgeschichte, Kulturwissenschaften sowie Wirtschafts-, Rechts- und Unternehmensgeschichte.

Definition und Agenda

Unter Kommerzialisierung von Wissenschaft verstehen wir die kommerzielle Verwertung wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlichen Wissens in ihren verschiedenen unmittelbaren und mittelbaren Formen sowie die Rückwirkung von Kommerzialisierungsprozessen auf Wissenschaft und Forschung. Historisch gesehen ist die Kommerzialisierung von Wissenschaft keine Neuerfindung. Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie beispielsweise reichen lange zurück. Indes herrscht in der Wissenschaftsforschung Konsens, dass sich die Kooperationsverhältnisse zwischen Wissenschaft und Wirtschaftsunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten verändert und neu geordnet haben. Zudem gewannen kommerzielle Kriterien und Gesichtspunkte verstärkt Einfluss auf Wissenschaft. Einige erkennen darin einen tiefgreifenden Bruch mit akademischen Traditionen (Wahrheits- vs. Anwendungsbezug; Konzept von mode1/mode2), andere betonen die gestiegene Bedeutung der Universitäten für die ökonomische Entwicklung in der Verbindung mit Industrie und Staat (Konzept der triple helix). Alternativ zu diesen Konzepten ist vorgeschlagen worden, unterschiedliche Regime der Kommerzialisierung von Wissenschaft herauszuarbeiten (Mirowski und Sent 2008).

Die Wege der Kommerzialisierung, so unser Ausgangpunkt, sind unterschiedlich. Kommerzialisierungsprozesse vollziehen sich in den Institutionen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Formen, umfassen unterschiedliche Dimensionen und Akteure und finden in einem je spezifischen gesellschaftlichen Zusammenhang statt. Kalter Krieg, Systemkonkurrenz, ökonomische Krise, Liberalisierung und Deregulierung, Internationalisierung und Globalisierung sind Beispiele für solche gesellschaftlichen Bezüge. Als einen übergreifenden Bezugspunkt sehen wir die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die Transformation kapitalistisch verfasster Gesellschaften. Kommerzialisierungsprozesse in nicht-kapitalistischen Gesellschaftssystemen sind damit freilich nicht von der Betrachtung ausgeschlossen. Ziel ist es, die regional, national und zeitlich unterschiedlichen Mechanismen von Kommerzialisierungsprozessen und ihre politischen Ökonomien historisch klarer zu fassen.

Themen und Fragestellungen

Der Workshop soll ein möglichst breites Spektrum von Kommerzialisierungsaspekten national und international vergleichend abdecken: wissenschaftliche Institutionen und ihre Governance, Fragen des geistigen Eigentums, Profit und Finanzierung sowie Politik, Praktiken und Diskurse. Neben schon relativ häufig behandelten Thema des Patentschutzes umfasst dies andere Verwertungszusammenhänge von Wissenschaft und Forschung wie etwa die Lizensierung von Forschungsinstrumenten, Klauseln in Arbeitsverträgen, Veröffentlichungsklauseln, Vertragsforschung, Industriekooperationen, Konvergenz von zivilen und militärischen Forschungszusammenhängen (Dual-use-Problematik), Outsourcing, Start-ups und Spin-offs, Architektur und Räume des Technologietransfers, aber auch die Politisierung und (öffentliche) Problematisierung der Kommerzialisierung.

Übergreifende Forschungsfragen sind: Was ist Gegenstand der Kommerzialisierung an Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsorganisationen (einschließlich Stiftungen, Gesellschaften und Verbände) geworden und wie? Auf welchem Weg, wann und wie hat sich der Begriff der Kommerzialisierung darin implizit oder explizit verändert? Was waren die Triebkräfte der Kommerzialisierung innerhalb und außerhalb der Forschungsinstitutionen? In welcher Weise veränderten die Kommerzialisierungsprozesse die jeweiligen Institutionen und in ihren Forschung? Inwieweit bestimmte der „Markt“ zunehmend die Produktionsweise wissenschaftlichen Wissens, mithin die Forschungspraxis? Inwiefern avancierte „Marktfähigkeit“ zum Kriterium für wissenschaftliche Innovation? Wer waren die maßgeblichen Akteure in den Forschungsinstitutionen, in welchem nationalen und internationalen Zusammenhang handelten sie? Nicht zuletzt geht es uns um das Verhältnis von Kommerzialisierung, Effektivierung sowie „Wissens- und Technologietransfer“, dem dominierenden Leitkonzept von Innovationsforschung und Wissenschaftspolitik der letzten Jahre.

Exposés: 200-300 Wörter
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The relationship of science and technology – often seen as the relation of basic and applied research – is a constant theme in science and technology studies. Especially the commercialization of scientific research has steadily gained attention in the last years. Our workshop will focus on scientific institutions such as universities, independent research institutes and other national and international scientific organizations, and the roles they play in the commercialization of science.

The contributions to the workshop should examine the process of commercialization in science with a special focus on scientific institutions and their internal and external relationships in the second half of the 20th century. Papers applying a comparative approach are especially welcome. Proposals are invited from all relevant perspectives: science studies; history of science, medicine and technology; cultural studies; business history; economic history; and the history of law.

Definition and Agenda

According to our definition, commercialization of science is the utilization of scientific work and knowledge for commercial purposes in various ways, including ‘feedback reactions’ of commercialization processes on scientific research. From a historical perspective the commercialization of science is not new. Various forms of cooperation between industry and academic science reach far back in time, though a consensus has been reached that it has been deeply rearranged in the last few decades. Foremost, commercial criteria now have a stronger influence on scientific research than ever before. Some recognize a profound transformation of academic traditions in these developments (truth oriented vs. application; concept of mode1/mode2), others highlight the increased importance of universities for economic development in relationship with the industry and the state (concept of the triple helix). As an alternative it has been suggested to analyze the different commercialization regimes of science (Mirowski and Sent 2008).

Our starting point is that the ways and methods of commercialization have been diverse. Processes of commercialization affect institutions in many ways and on various levels, comprise different dimensions and take place in specific social contexts. The Cold War, the competition of political systems, economic crises, privatization, deregulation, and globalization come to mind. We see the capitalist economic system and the transformations of capitalist societies as an overarching point of reference. However, we include processes of commercialization in non-capitalist social systems. Our goal is to contribute to the understanding of the temporally, regionally and nationally different mechanisms of commercialization and their political economies in a historical context.

Themes and research questions

The workshop covers a broad spectrum of aspects of commercialization in the second half of the 20th century with an emphasis on national and international comparisons. We welcome contributions that focus on scientific institutions and their governance, intellectual property law, financing and economics, the practices and effects of commercialization, science policy, and discourse. Next to the relatively often studied theme of patent protection, themes may include the licensing of research instruments, terms and clauses in employment contracts, publishing clauses, contract research, cooperation with industries, convergence of civil and military research contexts (dual-use-problem), outsourcing, start-ups and spin-offs, the architecture and spaces of technology transfer, and the politicization and the (public) debates of problems surrounding commercialization.

Overarching questions are: What is the object of commercialization at universities, independent research institutions and other scientific organizations (including foundations, societies and associations)? When and how has the concept of commercialization changed? What where the driving forces of commercialization inside and outside of scientific institutions? In which ways did particular institutions change due to commercialization processes? To what extent did the ‘market’ influence the production methods of scientific knowledge and how did market forces change scientific practice? To what extent did commercial viability become a criterion of scientific innovation? Who where the significant actors in the research institutions, and how did they act in a national and international context? Finally, we are interested in the relationship of commercialization and knowledge and technology transfer, which has been a dominating concept of innovation studies and science policy studies in the last years.

Abstracts: 200-300 words

Kontakt

Jaromir Balcar, Florian Schmaltz, Alexander v. Schwerin

Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Boltzmannstr. 22
14195 Berlin

commercialization@mpiwg-berlin.mpg.de

Zitation
Vom Wissen zum Wert? Forschungsinstitutionen und die Kommerzialisierung der Wissenschaft / From Knowledge to Profit? Scientific Institutions and the Commercialization of Science, 10.10.2016 – 12.10.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.12.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-29682>.