Die Sprache des Rechts. Historische Semantik und karolingische Kapitularien

Ort
Paris
Veranstaltungsort
Deutsches Historisches Institut Paris
Veranstalter
Philippe Depreux, Stefan Esders, Bernhard Jussen, Steffen Patzold, Karl Ubl
Datum
21.02.2017 - 22.02.2017
Von
Karl Ubl

Die Herrschererlasse (Kapitularien) sind die wichtigsten Zeugnisse für die Versuche der karolingischen Könige und Kaiser, ihren durch die Expansionen des 8. Jahrhunderts enorm angewachsenen Machtbereich regierbar zu machen. Trotz der Bedeutung, die diese Texte für die Rekonstruktion der Verwaltung des Frankenreichs haben, ist sich die Forschung seit langem bewusst, dass die Gattung der Kapitularien höchst problematisch ist. Historiker des späten 19. Jahrhunderts konstatierten bereits eine „volle Regellosigkeit des karolingischen Verordnungswesens“, was aber die Forschung nicht daran hinderte, weiterhin an der Existenz dieser Textsorte festzuhalten und sich um die Rekonstruktion eines gesicherten „Gesetzestextes“ zu bemühen. In jüngster Zeit ist angesichts der häufig ephemeren Überlieferung und der damit zusammenhängenden variablen Textgestalt der Kapitellisten auch grundsätzlicher gefragt worden, was Kapitularien denn nun eigentlich waren und ob die Annahme einer rechtshistorischen Gattung der „Kapitularien“ die Forschung nicht in die Irre geführt hat. In dieser Debatte um die normative Geltung, die handschriftliche Verbreitung und die textliche Stabilität der Kapitularien wurde bislang der Semantik der Texte kaum Beachtung geschenkt. Die Forschungsliteratur ist heute reich an Studien zur rechtshistorischen Deutung und zur handschriftlichen Überlieferung, aber arm an Erkenntnissen zu Wortgebrauch, semantischen Zusammenhängen und diesbezüglichen Veränderungen in den Kapitularien.

Die Tagung will sich diesem Thema konzentriert zuwenden und damit zwei Langzeitprojekte (Akademieprojekt „Edition der fränkischen Herrscherlasse“ und Leibniz-Projekt „Politische Sprache im Mittelalter/CompHistSem“) auf fruchtbare Weise zusammenbringen. Mit der in Köln und Frankfurt gemeinsam erarbeiteten lemmatisierten Datenbank aller Kapitularientexte steht der Forschung nun ein Rechercheinstrument zur Verfügung, das die gezielte Suche nach Worten und die Rekonstruktion ihrer semantischen Felder in unterschiedlichen Verwendungskontexten erlaubt. Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit, Parallelstellen in den gesamten, von CompHistSem bereits lemmatisierten Texten zu finden und so bisher nicht in Betracht gezogene mögliche Einflüsse anderer Quellengattungen zu erkennen. Im Mittelpunkt sollen Fragen stehen wie jene, ob sich Ansätze einer den Kapitularientexten eigenen Sprache erkennen lassen, wie sich diese zur Sprache der Urkunden, Rechtsbücher (leges) und Konzilstexte (und des Kirchenrechts allgemein) verhält, welche Formulierungen des Autorisierens von Recht Verwendung fanden und welche Funktion normative Begründungen in der Sprache der Kapitularien haben. Untersuchungen zu ausgewählten Wortverwendungen und Wortclustern sollen die heterogenen Verwendungskontexte in den Kapitularien und die diachrone Dynamik in dieser Textsorte im Verlauf der rund hundert Jahre ihrer Verwendung herausarbeiten. Als gemeinsame Arbeitsgrundlage wird den Tagungsteilnehmern das lemmatisierte Textcorpus der Kapitularientexte zur Verfügung gestellt, das mit Hilfe von CompHistSem analysierbar ist, sowie eine auch von den Teilnehmern zu beeinflussende Auswahl an Vergleichstexten.

Eine Publikation der Vorträge ist vorgesehen.

Programm

Dienstag, 21.2. 2017

9:00-9:15 THOMAS MAISSEN (Paris)/KARL UBL (Köln): Begrüßung

9:15-9:45 BERNHARD JUSSEN (Frankfurt): Zur Erforschung fränkischer Rechtstexte zwischen Zählen und Lesen

Sektion 1: Kapitularien und andere Textsorten
Section 1: Capitulaires et d’autres types de texte

Moderation / Présidence: Rolf Große (Paris)

9:45-10:30 HELMUT REIMITZ (Princeton): Historische Horizonte in den Kapitularien der Karolingerzeit

10:30-11:00 Pause

11:00-11:45 MAGALI COUMERT (Brest): Écrire des ajouts aux lois. La langue des différents capitula legibus addenda
11:45-12:30 STEFFEN PATZOLD (Tübingen): Die sogenannten „Capitularia monastica“ von 816-819: Kapitularien oder Canones?

12:30-14:30 Mittagspause

Moderation / Présidence: François Bougard (Paris)

14:30-15:15 NICOLAS PERREAUX (Frankfurt/Paris): Langue des capitulaires et langue des chartes : richesses, circulations, spécificités
15:15-16:00 MAXIMILIAN DIESENBERGER (Wien): Die moralische Sprache der Kapitularien und der Predigten

16:00-16:30 Pause

Sektion 2: Wortfelder in Kapitularien
Section 2: Champs sémantiques dans les capitulaires

Moderation / Présidence: Geneviève Bührer-Thierry (Paris)

16:30-17:15 PHILIPPE DEPREUX (Hamburg): Autour du ban : le vocabulaire de la protection et de la domination
17:15-18:00 JENNIFER R. DAVIS (Washington, D.C.): The Vocabulary of Power in Charlemagne's Capitularies

Mittwoch, 22.2.2017

Moderation / Présidence: Thomas Lienhard (Paris)

9:00-9:45 JEAN MEYERS (Montpellier): L'environnement syntaxique du verbe iubere dans les capitulaires carolingiens
9:45-10:30 STEFAN ESDERS (Berlin): Fideles Dei et regis. Ein Zeugma in der 'gepflegten Semantik' des Karolingerreiches

10:30-11:00 Pause

Moderation / Présidence: Sören Kaschke (Köln)

11:00-11:45 ELS ROSE (Utrecht): Peregrinus and alienus in Carolingian Capitularies
11:45-12:30 ETIENNE RENARD (Namur): Le vocabulaire relatif aux paysans et à leurs terres dans les capitulaires carolingiens

12:30-13:00 KARL UBL (Köln): Zusammenfassung

Kontakt

Prof. Dr. Karl Ubl
Universität zu Köln
Historisches Institut
Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln

Zitation
Die Sprache des Rechts. Historische Semantik und karolingische Kapitularien, 21.02.2017 – 22.02.2017 Paris, in: H-Soz-Kult, 09.01.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-32924>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.01.2017
Beiträger