Diskurs – kontradiktorisch

Place
Bremen
Venue
Teerhof
Host/Organizer
Universität Bremen (Organisation: Heidrun Kämper, Martin Reisigl, Ingo H. Warnke)
Date
16.11.2017 - 18.11.2017
By
Elisa Erbe

Tagungsnetzwerk ‚Diskurs – interdisziplinär‘
7. Jahrestagung, 16. bis 18. November 2017, Universität Bremen, Teerhof

"Diskurs – kontradiktorisch" (Call for Papers)

Das Tagungsnetzwerk ‚Diskurs – interdisziplinär‘ ist ein Forum, auf dem Vertreter*innen der Linguistik, Soziologie, Politologie, Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und anderer kultur- sowie wissensanalytisch arbeitender Wissenschaften die Perspektive ‚Diskurs‘ fachspezifisch und fachübergreifend, disziplinär und transdisziplinär reflektieren und diskutieren. Diese Idee setzt voraus, dass eine zentrale Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften in der Analyse von Diskursen besteht.

Seit 2011 fanden bereits sechs Tagungen des Netzwerks ‚Diskurs – interdisziplinär‘ statt, die methodisch-theoretische Zugänge auf Diskurs einerseits und Studien zu Diskursen andererseits zur Diskussion gestellt haben. Ein Überblick zu den bisherigen Aktivitäten des Netzwerks findet sich unter http://www1.ids-mannheim.de/lexik/sprachlicherumbruch/diskursinterdisziplinaer/.

Beim siebten Treffen sollen Formen und Funktionen des Widerspruchs im Zentrum der diskursanalytischen Perspektive stehen. Im IV. Abschnitt seiner Archäologie des Wissens widmet Michel Foucault den Widersprüchen ein eigenes Kapitel [‚Les contradictions’] und unterstreicht so bereits in den 1960er Jahren die Bedeutung von kontradiktorischen Aussagenkonstellationen für jede Art von Diskursanalyse. Entscheidend ist hier Foucaults Abgrenzung von der Ideengeschichte, weil es in der Diskursanalyse im Gegensatz zu dieser nicht um die Darstellung von Kohärenzen gehe, sondern um die Aufdeckung von Widersprüchen als fundamentale Struktur von Diskursen. Dabei hinterfragt Foucault auch wissenschaftliche Praktiken, sofern es ihnen um die Produktion von Kohärenz geht. Foucault (1969/1981: 213) spricht davon, dass „fast ein moralischer Zwang der Forschung“ bestehe, das „Gesetz der Kohärenz“ als „heuristische Regel“ zu beachten. Folgt man ihm, so geht es nicht darum, Widersprüche als Gebote zur ihrer Auflösung zu verstehen, sondern Widersprüche als Gegenstände wissenschaftlichen Interesses zu begreifen, „die um ihrer selbst willen beschrieben werden müssen, ohne daß man untersucht, von welchem Gesichtspunkt aus sie sich auflösen können oder auf welcher Ebene sie sich radikalisieren und aus Wirkungen zu Ursachen werden“ (Foucault 1969/1981: 216).

Die Tagung ‚Diskurs – kontradiktorisch’ richtet ihr Interesse genau auf die damit verbundenen „Räume der Entzweiung“ [‚espaces de dissension’] (Foucault 1969/1981: 218).

Wir halten ‚Widerspruch’ angesichts politischer Entwicklungen der zunehmenden Konfrontationen von nationalen vs. transnationalen Geltungsansprüchen in superdiversen Diskursen für einen ebenso aktuellen und drängenden Gegenstand von Diskursanalyse wie wir auch eine Relevanz von ‚Widerspruch’ als diskurslinguistisches Objekt im Hinblick auf eine zunehmende Konfrontation von Diskurspositionen in sozialen Netzwerken und anderen Formaten öffentlicher und privater Alltagskommunikation sehen.

‚Widerspruch’ verstehen wir dabei nicht ausschließlich als eine logische Aussagenrelation, sondern auch als eine Praktik im Sinne von ‚widersprechen’ und nicht zuletzt als eine Genrebezeichnung für Kommunikate mit widersprechender Funktion. Damit öffnen wir die Tagung für Beiträge zu argumentationsanalytischen Aspekten von Widerspruch ebenso wie für Paper, die sich mit Widerspruchspraktiken und -formaten befassen, sofern die Perspektive darauf diskursanalytisch gerahmt ist bzw. eine solche Rahmung reflektiert.

Mit Blick auf Foucault interessieren uns nicht zuletzt wissenschaftshistorische Beiträge, die den Kohärenzanspruch einer westlichen bzw. nördlichen General Theory (vgl. Connell 2007: 28) in den Sozial- und Geisteswissenschaften hinterfragen oder zu dekonstruieren beabsichtigen.

Wir laden Sie herzlich ein, vor diesem Hintergrund konzeptioneller, disziplinärer und thematischer Komplexität das Thema ‚Widerspruch’ zu diskutieren und dabei als konzeptionellen Anker von Diskursanalyse und -theorie zu reflektieren.

Die Tagung, die im Rahmen der Bremer Verbundforschungsinitiative Worlds of Contradiction ausgerichtet wird, hat das Format einer Arbeits- und Diskussionstagung mit Kurzvorträgen (ca. dreißig Minuten mit anschließender fünfzehnminütiger Diskussionsrunde) und voraussichtlich zwei Round-Table-Diskussionen; sie steht selbstverständlich auch für Early Career Researchers offen.

Rahmenthemen können u.a. sein:
- Widerspruch als diskursargumentativer Normalfall
- Pragmatische Funktionen des Widerspruchs und Widersprechens
- Formen und Medien des Widerspruchs
- Methoden der Widerspruchsanalyse
- Gebote zur Vermeidung von Widersprüchen und ihre Dekonstruktion

Abstracts (200 bis 300 Wörter) sowie Angaben zur Affiliation mit Nennung einer bis dreier eigener Publikatio¬nen werden bis zum 10. Mai 2017 als PDF erbeten an:

Universität Bremen
Verbundforschungsinitiative ‚Worlds of Contradiction‘
http://www.woc.uni-bremen.de
Frau Elisa Erbe, M.A., Projektkoordination Forschungsbereich I ‚Machtdifferenzen’
erbe@uni-bremen.de

Eine Benachrichtigung über die Annahme des Papers erfolgt zum 1. Juni 2017. Es wäre schön, wenn sich Ihre jeweilige Institution zur Übernahme Ihrer Reisekosten bereit erklären würde.

Literatur:

Connell, Raewyn. 2007. Southern Theory. The Global Dynamics of Knowledge in Social Science. Crows Nest: Allen & Unwin.
Foucault, Michel. 1969/1981. Archäologie des Wissens [frz. L’archéologie du savoir. Paris 1969]. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Citation
Diskurs – kontradiktorisch, 16.11.2017 – 18.11.2017 Bremen, in: H-Soz-Kult, 20.03.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-33579>.
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Published on
20.03.2017
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