Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert

Ort
Köln
Veranstaltungsort
Philosophikum
Veranstalter
Dr. Kristoff Kerl, Abteilung für Nordamerikanische Geschichte und Florian Schleking, Abteilung für Neuere Geschichte, Universität zu Köln
Datum
29.07.2017
Bewerbungsschluss
15.05.2017
Von
Florian Schleking und Kristoff Kerl, Universität zu Köln

Konzeption:

Sportliche Aktivitäten, religiöse Erlebnisse, orgastische Sexualität oder Drogengebrauch wurden in verschiedenen historischen Zusammenhängen als Rauschpraktiken oder auch als Auslöser berauschter und ekstatischer Körperzustände problematisiert, ausgeübt oder eingeübt. Im 19. und 20. Jahrhundert kam es in Westeuropa und den USA förmlich zu einer Explosion von Rauschdiskursen und einer Auffächerung von Rauschverständnissen. Rausch materialisierte sich wiederum körperlich – in Bildern und Wissen, im Erleben und Einsatz, in Bewegungen und Stellungen, in Gesundheit und Wohlbefinden des Körpers. Berauschte Körper entfalteten mitunter enorme gesellschaftliche Wirkmacht und wurden in Prozessen der Subjektivierung wie auch der Vergesellschaftung produktiv.
Unser Workshop soll eine Plattform für Forscher_innen bieten, die üblicherweise in eng gezogenen Grenzen ihrer jeweiligen Fragestellungen, Fach- und Forschungstraditionen arbeiten. Ziel ist, unterschiedliche Räusche (z.B. Sex, Drogen, Religion, Tanz, Sport, Gewalt, Geschwindigkeit) zusammen, vergleichend oder auch in ihrer Verknüpfung und unter einem gemeinsamen Blickpunkt zu analysieren und zu diskutieren. Zeitlich konzentriert er sich auf ein langes 20. Jahrhundert, das mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt und bis heute reicht. Rauschdiskurse und -praktiken waren und sind aufs Engste mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verflochten. Deswegen ermuntern wir alle Interessierten, der Wirkmacht von Differenzachsen wie Klasse, Geschlecht, Ethnie, Alter oder (Dis-)Ability nachzugehen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem alltäglichen Machen sowie dem populären Sprechen über Räusche. Besonders willkommen sind Beiträge, die sich mit der Rolle von Rausch für die Körpergeschichtsschreibung auseinandersetzen. In diesem Kontext suchen wir ausdrücklich nach Beiträgen, die das Scheitern von Rauschtechniken analysieren sowie nach dem Umgang mit und den Effekten von gescheiterten oder negativen Rauscherfahrungen fragen.

Mögliche Themenfelder und Frageperspektiven für Workshopbeiträge wären:

- Politiken des Rauschs: Die Politisierung berauschter Körper war und ist ein „Dauerbrenner“. Das betrifft die Bekämpfung und Vertreibung unproduktiver und verworfener Körper ebenso wie die pädagogische, polizeiliche, rechtliche oder technische Kontrolle des Rauschs. Andersherum wurde Rauschpraktiken ein politisches Moment oder Potential zugesprochen, das ihnen von anderer Seite wiederum aberkannt wurde. Man denke etwa an, „widerständiges“ Tanzen und Trinken von Punks, an Straßengewalt oder an „Selbstbefreiung“ mit und ohne Drogen. Politiken des Rauschs waren notorisch umstritten: Zum einen wurden sie als Gefahr für den Individual- wie auch Kollektivkörper (Nation, Gemeinschaft, Bewegung) begriffen, begrüßt oder attackiert. Zum anderen berührten sie gesellschaftliche Gefühlsregeln, beleuchteten die Rolle von Emotionen oder Affekten im politischen Feld und verwiesen auf das Problem, welche die „richtigen“, legitimen, erwünschten Gefühle politischer Praxis waren.
- Rausch und Religion: Ekstasen, Trancen, Rituale, spirituelle und mystische Erfahrungen oder die Herstellung religiöser Transzendenz- oder Gemeinschaftserlebnisse spielten immer wieder eine zentrale Rolle für religiösen und gesellschaftlichen Wandel. Untersuchen ließe sich derartige Körperpraktiken beispielsweise für Erweckungsbewegungen im 19. Jahrhundert, in neureligiösen oder charismatischen Bewegungen im späteren 20. Jahrhundert, oder mit Blick auf Figuren wie Gurus, Schamanen oder Fernsehprediger.
- Musik und Tanz: Auf Konzerten oder Festivals, in Clubs und Diskotheken oder auch auf Partys und Raves als Klein- oder Großveranstaltungen standen ekstatisierende Körperbewegungen im Zentrum des Geschehens. Wie wurden hier die Räume hergerichtet und Multimedia-Ensembles mit Sinneswahrnehmungen und Bewegungsabläufen verkoppelt? In welchen Schritten bereiteten Performer und Tanzende ihre Körper vor- und nach und in welchen Praktiken übten sie sich?
- Sport und Geschwindigkeit: Ausdauer-, Trend- oder „Extremsportarten“ verlangten sowohl das passende Equipment für, als auch ein angemessenes Training der Körper, damit sich ein wie immer gearteter Rausch einstellen konnte. Vergleichbares ließe sich für Geschwindigkeits-„Kicks“ bei den ersten Eisenbahnreisen, auf Fahrgeschäften oder beim Motorsport behaupten und analysieren.
- Rausch und Drogen: Welche Rauscharten und welche Effekte wurden welchen Drogen zugeschrieben? Auf welche Weise wurden Drogenräusche zu anderen Rauschformen (z.B. Erleuchtungen, Orgasmen, „natürliche“ Euphorie) ins Verhältnis gesetzt? Wie wurden ihr Konsum angeleitet, reguliert und praktiziert? Drogengebrauch steht exemplarisch für den Umgang mit riskanten und potentiell scheiternden Praktiken sowie nicht-intendierten Effekten: „highs“, die sich nicht (mehr) einstellen oder in „Horrortrips“ verkehren; der „goldene Schuss“, Alkoholvergiftungen oder andere Gesundheitsfolgen.
- Sexualität und Orgasmus: Wie wurde das (Nicht-)Erleben von Sexualität im weiteren und Orgasmen im engeren Sinne verstanden und verhandelt? Mit welchen körperlichen Risiken und Potenzialen wurden sexuelle Ekstasen verbunden? Anregen möchten wir besonders zu Beiträgen, die sich mit der (Wieder-)Herstellung rauschfähiger Körper – z.B. durch Aphrodisiaka oder Potenzmittel, Operationen oder Techniken – befassen.
- Medien und Wissen: Eine übergreifende Frage wäre, wo und wie Rauschwissen produziert wurde und über welche Medien es zirkulierte. Als interessante Untersuchungsfelder erweisen könnten sich hier neben den Massenmedien (Presse, Musik, Film und Fernsehen) etwa Menschen- und Tierversuche in Laboren, Forschungsreisen und Feldforschungen, aber auch künstlerische und populäre Auseinandersetzungen mit Rauschphänomenen.
- Rausch in Schrift und Bild: Methodisch weiterführend dürfte es sein, sich mit der Darstellung – und Darstellbarkeit – von Räuschen und Rauschkörpern auseinanderzusetzen. Auf welche Weise wurden Rausch und berauschte Körper schriftlich, besonders aber in stehenden oder bewegten Bildern dargestellt? Mit welchen Bildsprachen machten z.B. Fotographien, Zeichnungen, Dokumentationen oder Kinofilme Räusche sichtbar und sagbar?
- Rausch, Dinge und Technik: Rausch-und Körpertechniken greifen regelmäßig auf bestimmte Dinge, Apparaturen o.ä. zurück und schließen andere (oft kategorisch) aus. Inwieweit sind Rauschzustände von der Verwendung bestimmter Objekte oder dem Konsum bestimmter Substanzen abhängig? Wann, wo und warum wurden welche Gegenstände zu Mitwirkenden an berauschenden Techniken? In welchen Kontexten blieben Rausch-Mittel stumm oder unsichtbar – und weshalb?

Organisation:
Die Ausrichter des Workshops, Kristoff Kerl und Florian Schleking bitten um kurze Abstracts (max. eine Seite) und ein kurzes biographisches Statement für deutsch- oder englischsprachige Beiträge. Diese sind bis zum 15.5.2017 an F.Schleking@uni-koeln.de und Kristoff.Kerl@uni-koeln.de zu senden.
Der Workshop wird am 29.7.2017 an der Universität zu Köln stattfinden. Die Kosten für eine Übernachtung werden von den Veranstaltern übernommen. Auch die Finanzierung der Fahrtkosten wird angestrebt, zum jetzigen Zeitpunkt sind die finanziellen Mittel dafür jedoch noch nicht vorhanden.

Im Anschluss an den Workshop ist die Herausgabe eines Heftes von Body Politics. Zeitschrift für Körpergeschichte zum Thema „Rausch“ geplant.

Kontakt

Florian Schleking

Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln

F.Schleking@uni-koeln.de / Kristoff.Kerl@uni-koeln.de

Zitation
Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert, 29.07.2017 Köln, in: H-Soz-Kult, 12.04.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-33856>.