Brüche und Brücken. Deutschland und Frankreich 1923 bis 1963

Place
Tutzing
Venue
Akademie für Politische Bildung
Host/Organizer
Akademie für Politische Bildung, Tutzing; Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; Institut Français, München
Date
08.12.2017 - 10.12.2017
Deadline
15.07.2017
By
Mayer, Michael

Nach den Schrecken zweier Weltkriege, so lautet die Meistererzählung zur deutsch-französischen Verständigung, hätten sich (west)deutsche und französische Politiker eines Besseren besonnen, die alte Feindschaft begraben und den Weg des Miteinanders gefunden, der schließlich in den Élysée-Vertrag 1963 mündete. Diese allzu glatte Narration, die von klaren historischen Bruchkanten, etwa 1918 oder 1945, ausgeht, soll in dieser Konferenz hinterfragt werden. Zugleich sollen drei (idealtypisch überzeichnete) unterschiedliche Formen der deutsch-französischen „Annäherung“ in chronologisch wie geographisch vergleichender Perspektive in den Blick genommen werden, wobei sich selbstverständlich auch Mischformen ausbildeten:

1.) die unter relativem Zwang erfolgten „Annäherungen“ wie die französische Ruhrbesetzung 1923 bis 1925, die deutsche Besatzung in Frankreich 1940 bis 1944 oder die französische Okkupation in Deutschland ab 1945;
2.) die undemokratischen „Annäherungen“, z.B. die Zusammenarbeit von ehemaligen Frontkämpfern oder von Rechtsextremen (bspw. Comité France-Allemagne) vor allem in der Zwischenkriegszeit;
3.) die freiwilligen „Annäherungen“, darunter die Kooperationen im Wirtschaftsbereich ab 1925 bzw. ab 1951.

Ziel der Konferenz ist es dabei, bewusst die gemeinhin geltenden historischen Zäsuren zu hinterfragen und den Blick stärker auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Phase von der französischen Ruhrbesetzung 1923 bis zum Abschluss des Élysée-Vertrages 1963 zu lenken. Dabei können etwa folgende Fragen aufgeworfen werden:

1.) Wie wirkten sich die wechselseitigen Okkupationen in den Phasen der unter relativem Zwang erfolgten „Annäherungen“ auf das deutsch-französische „Miteinander“ aus? Welche Formen der positiven oder negativen „Annäherung“ fanden in jenen Zeiten statt, und welche übergreifenden Merkmale wiesen diese auf?
2.) In welcher Weise wurde in der deutsch-französischen Zusammenarbeit im Rahmen der undemokratischen „Annäherungen“ vor allem der Zwischenkriegszeit ein Gegenmodell zur westlichen Demokratie verfochten? Welche Rolle spielten dabei der Aufstieg des Nationalsozialismus und die Zunahme an Rechtsextremismus in Frankreich (z.B. im Gefolge des 6. Februar 1934)? In welcher Weise kam die Perzeption des italienischen Faschismus zum Tragen? Welche wechselseitigen antidemokratischen Transferprozesse sind zu erkennen, etwa bei den Vorstellungen zur Gestaltung eines autoritären Herrschaftssystems resp. im Umgang mit politischen Gegnern oder Juden?
3.) Welche übergreifenden Traditionslinien lassen sich neben Neuansätzen in Hinblick auf die freiwilligen „Annäherungen“ seit Mitte der 1920er bzw. seit Anfang der 1950er Jahre herausarbeiten? Welche Rolle spielten im Rahmen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit z.B. das wechselseitige Konkurrenzverhältnis (Frage der Wettbewerbsfähigkeit in der Kohle- und Stahlindustrie) bzw. mehr oder minder freiwillige Kooperationen wie im Saarland? Wie wirkte sich langfristig das Bestehen des NS-Großwirtschaftsraums, der 1940 bis 1944 eine gemeinsame Kohle- und Stahlproduktion in Deutschland und Frankreich erzwungen hatte, auf die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl aus?
4.) Inwieweit standen die einzelnen Phasen der „Annäherung“ komplementär zueinander oder in einem Wechselverhältnis miteinander?

Ziel der Tagung ist es insgesamt, eine integrierte, deutsch-französische Verflechtungsgeschichte zu schreiben, welche die vielfach für gegeben angenommenen Brüche hinterfragt und zeitlich voneinander geschiedene Perioden (z.B. Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit nach 1945) stärker aufeinander bezieht und in einen Kontext stellt, ohne dabei die vorhandenen Zäsuren zu unterschätzen.
Einzureichende Vorschläge sollten sich möglichst auf übergreifende Fragestellungen der histoire croisée franco-allemande beziehen und dabei einen diachron oder synchron vergleichenden Aspekt aufweisen. Jedoch sind auch Beiträge willkommen, die sich Einzelaspekten der deutsch-französischen Verflechtungsgeschichte widmen, dabei aber in einen größeren Interpretationszusammenhang gestellt werden können.
Bewerbungen mit einem Abstrakt (max. 200 Wörter) und kurzem Lebenslauf richten Sie bitte bis zum 15. Juli 2017 an: Tagungsassistenz1@apb-tutzing.de.

Kontakt

Michael Mayer

Buchensee 1, 82327 Tutzing

Tagungsassistenz1@apb-tutzing.de

Citation
Brüche und Brücken. Deutschland und Frankreich 1923 bis 1963, 08.12.2017 – 10.12.2017 Tutzing, in: H-Soz-Kult, 18.05.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-34183>.
Editors Information
Published on
18.05.2017
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