Medienökonomien

Ort
Frankfurt am Main / Zürich
Veranstalter
Monika Dommann, Vinzenz Hediger, Florian Hoof
Datum
26.06.2017
Bewerbungsschluss
30.09.2017
Von
Florian Hoof

MEDIENÖKONOMIEN
CALL FOR PAPERS Heft 18 (1/2018; erscheint im APRIL 2018)

Die Theorietradition der Medienwissenschaft ist auf vielfältige Weise von Fragen der Ökonomie durchwirkt, auch wenn diese noch wenig beachtet scheinen. Unterschiedliche Argumentationsfiguren der Medientheorie verbindet die Vorstellung, dass wirtschaftliches Handeln und ökonomische Strukturen die Lage mitbestimmen, in die Medien uns versetzen. Die kritische Theorie sieht in den wirtschaftlichen Strukturen der Kulturindustrie ein System zur Standardisierung kultureller Produkte und einer damit verbundenen Entwertung angelegt. Die Cultural Studies reagierten auf die damit verbundene Ausweglosigkeit mit der Betonung des kritischen Potentials in der Populärkultur, das sie gegen die ökonomischen Macht- und Gesetzmäßigkeiten in Anschlag bringen. Filmwissenschaftliche Perspektiven beschäftigen sich mit experimentellen, avantgardistischen Formen, die ex negativo außerhalb ökonomischer Zwänge verortet werden. Aus einer historischen Perspektive sind technische Medien wiederum im Zusammenhang mit der Kriegswirtschaft zu betrachten, einer Phase erhöhter staatlicher Investitionen in die Rüstungsindustrie und einem in diesem Zusammenhang beobachtbaren Spillover medientechnischer Innovationen. Die Bereitstellung von Kapital, so das implizite »economies of scale« Argumentation, treibt die Medienentwicklung und mündet in einen grundlegenden Medienverbund, der die Bedingungen gesellschaftlicher Existenz prägt.
Ausgehen von diesen sehr unterschiedlichen Argumentationsfiguren hat sich in den letzten Jahren eine explizitere Hinwendung zu ökonomischen Fragestellungen etabliert. Medien treten dort weniger als zu berücksichtigende Nebenbedingungen, denn als konstitutive Faktoren von Wirtschaftsordnungen und damit auch in ihrer epistemologischen Dimension in Erscheinung. Film- und Mediengeschichte fragen zunehmend nach wirtschaftlichen Prozessen und arbeiten an einer als Mediengeschichte verstandenen Wissens- und Unternehmensgeschichte. In Wirtschaftssoziologie, der Wirtschaftsgeschichte und der Kulturanthropologie treten die kulturtechnischen Faktoren bei der Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung ins Blickfeld. Die Kulturökonomik verhandelt seit Kurzem die Frage, ob der Markt für Informationsgüter und die digitalen Netzwerke nach der Entwicklung neuer ökonomischer Modelle verlangen.
Ähnlich wie seit geraumer Zeit die Wissenschaftsgeschichte zu einem produktiven Feld für die Medientheorie und -geschichte geworden ist, scheinen nun auch die Wirtschafts- und Wissensgeschichte, die Wirtschaftswissenschaften und die Sozial- und Organisationstheorie zu einem solchen neuen vielversprechender Pol zu werden. In diesen Zusammenhängen entwickelten sich neue interdisziplinäre Perspektiven auf Medienökonomien, mit denen es zunehmend gelingt, bislang unterbelichtete epistemologische Strukturen und Handlungszusammenhänge in den Blick zu nehmen. Etwa die Rolle protokollunterstützter Konsenssuche bei internationalen Verhandlungen über Staatsschulden, der Einfluss rechnergestützter Extrapolationen auf Statistik, Prognostik und Modelle, oder die Rolle von Medientechniken für die Etablierung und Veränderungen von Märkten, etwa die Funktion des Elektrozählers in Strommärkten, die Rolle des Börsentickers oder des Finanzanalysten für die Finanzmärkte. Und nicht zuletzt die Relevanz von Medien im Bereich des Organisationshandeln, etwa in der Bürokratie des Sozialstaats oder von Großunternehmen. Informations- und Kommunikationstechnologie fungiert dort als Infrastruktur, standardisiert und prozessiert Daten, setzt diese in visuelle Oberflächen um. Etwa in der Form von »decision-environments« wie »Chart-rooms« bei der Steuerung von Großunternehmen, der Simulation volatiler Absatzmärkte oder bei der Beratung von Unternehmen und staatlichen Behörden. Ökonomische Motive stellen sich so weniger als eine Verunreinigung des Wesens der Technik, der Kultur oder des Sozialen dar, sondern erscheinen als eine epistemologische Bedingung, die sich neben grundsätzliche mediale Kategorien wie dem »Übertragen«, »Speichern« und »Prozessieren« einordnen lässt.
Der Themenschwerpunkt »Medienökonomien« will eine Kartographie dieses Forschungsfeldes leisten, das sich derzeit aus der Hinwendung zur Erforschung des Zusammenhangs von Medien und Ökonomie entwickelt. Das Heft widmet sich dem heuristischen Potenzial einer Verschränkung von medienwissenschaftlichen mit wirtschaftswissenschaftlichen, wirtschaftssoziologischen, organisationstheoretischen und wirtschaftshistorischen Ansätzen. Im Mittelpunkt steht dabei die historische und systematische Frage welchen epistemologischen Stellenwert »Medien« für eine Wirtschaftsordnung einnehmen.

Zur Sprache kommen sollen insbesondere die folgenden Aspekte:

– Forschungsfelder zwischen Mediengeschichte und Wirtschaftsgeschichte (Geschichte des Wachstums, der Verschuldung, der Effizienz, der Prognose etc. ) und Unternehmensgeschichte (Geschichte der Unternehmung als Organisation, als Adresse von Innovation, als Treiber von Medienentwicklung im Rahmen von Management, Marketing etc.)
– Medientheorie und Wirtschaftstheorie (Epistemologische Perspektiven auf die Geschichte wirtschaftstheoretischer Ordnungsvorstellungen und Modellierungen)
– Medienwissenschaft und Medienökonomik bzw. Kulturökonomik (Medientheoretische Grundlagen der ökonomischen Analyse in Märkten für informationsgüter – „social network markets“, kulturelle Innovation durch „Informationsspiralen“)
– Zur ökonomischen Modellierung und Struktur digitaler Netzwerkmärkte (Verfahren algorithmischer Verdatung, Over-the-top Distribution, Strategien der Risikominimierung etc.)
– Medien- und Kulturtechniken des Ökonomischen (wie etwa Buchhaltung, Protokolle, Visualisierungen und Narrative, Modelle, Standardisierungen)

Einreichung kompletter Beiträge im Umfang von ca. 25.000 Zeichen bis Ende September 2017 erbeten.

Redaktion des Schwerpunkts: Monika Dommann, Vinzenz Hediger, Florian Hoof
Kontaktadresse: florian.hoof@rub.de
Stylesheet und weitere Hinweise unter
http://www.zfmedienwissenschaft.de/service/submission-guidelines

Zitation
Medienökonomien, 26.06.2017 Frankfurt am Main / Zürich, in: H-Soz-Kult, 30.06.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-34507>.