Über/In Freundschaft schreiben: Gelebte und literarisch inszenierte Freundschaften in der deutschsprachigen Literaturgeschichte

Ort
Frankfurt an der Oder
Veranstalter
Dr. Andree Michaelis-König, Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg / Axel Springer-Stiftungslehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration Kulturwissenschaftliche Fakultät der Europa-Universität Viadrina
Datum
14.02.2018 - 16.02.2018
Bewerbungsschluss
31.07.2017
Von
Andree Michaelis-König

Freundschaft ist nicht nur eine bis heute omnipräsente soziale Bindungsform, die eine die Jahrtausende seit der griechischen Antike umspannende philosophische Denktradition gestiftet hat, sie firmiert seit je, wie Kant einmal formulierte, als „Steckenpferd der Romanschreiber“ und Dichter. So ruht schon die Philosophiegeschichte der Freundschaft – angefangen mit Platons Lysis und Hippothales über Ciceros Laelius und Scipio bis hin zu Montaigne und La Boétie – auf vielfältigen Erzählungen von paradigmatischen Freundschaftsgeschichten, die zugleich intertextuell immer wieder Bezug aufeinander nehmen. Die Reflexion von Freundschaft führt ins Schreiben und schafft selbst literarische Topoi, auf die sich die Tradition bezieht. Diese Topoi haben in und seit der deutschsprachigen Schreib- und Lebenspraxis des 18. Jahrhunderts eine besonders markante Reaktualisierung erfahren. Ausgehend von der rhetorischen wie sozialgeschichtlichen Praxis des Freundschaftskults im bürgerlichen Alltag dieses „Jahrhunderts der Freundschaft“ (Eckhardt Meyer-Krentler) wurde die Freundschaft zum Gegenstand nahezu aller literarischen Gattungen: Freundschaft begegnet im Reflexionsmilieu des Dramas bei Gellert, Lessing, Diderot und Goethe oder lyrisch inszeniert und besungen bei Chamisso, Schiller, Hölderlin, Heine und Eichendorff. Schließlich fand sie in zunehmendem Maße Eingang auch in die Prosa, in der Konstellationen der Freundschaft angefangen bei Sophie von La Roche, Jean Paul und E.T.A. Hoffmann über Thomas Mann, Hermann Hesse oder Christa Wolf bis in die Gegenwartsliteratur hinein porträtiert und analysiert wurden und werden. Während die Anfänge einer solchen Literatur der Freundschaft im 18. Jahrhundert mittlerweile gut erforscht sind, scheint sich gleichwohl deren ästhetische Spur im 19. Jahrhundert zugunsten romantischer Liebesbeziehungen zu verlieren. Auch zur literarischen Reflexion von Freundschaft in der Literatur des 20. Jahrhunderts, vor allem angesichts der Erfahrungen von Krieg und Verfolgung, in der Freundschaft als Rückzugsort des sozial entfremdeten Individuums wieder aktuell wurde, liegen bisher nur einige wenige Beiträge vor.
Dabei war gerade in den Krisenphasen der Moderne in besonderem Maße auch eine soziokulturelle Praxis des freundschaftlichen Dialogs eng mit der literarischen Thematisierung von Freundschaft verbunden: „Wo die Gesellschaft zweifelhaft geworden“, resümiert Ernst Bloch in Das Prinzip Hoffnung, „tauchte gleichzeitig mit dem Wunschbild Einsamkeit das der Freundschaft auf: nicht als Flucht, sondern als Ersatz der Gesellschaft, als ihre bessere Gartenform.“ Freundschaft als Ersatz für die von Ausgrenzungsmechanismen geprägte Gesellschaft deutet zugleich auf das dialogische Moment literarischen Schaffens. Denn gerade im „Collectivgeist“ (Nietzsche) mit dem Freund sowie in einem das Selbstgespräch aufbrechenden „zeugenden Gespräch“ (Kracauer) findet literarische Kreativität ihren Ausdruck. So ist denn auch die Literaturgeschichte der Freundschaft nicht nur voller inszenierter literarischer Freundschaften, sondern zugleich eine Geschichte der Freundschaften unter Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Von Schiller und Goethe über Heine und Immermann, Benjamin und Scholem, Lasker-Schüler und Benn, Kafka und Brod, Andersch und Richter bis hin zu Thomas Kling und Durs Grünbein ließe sich zugleich eine Literaturgeschichte als Geschichte literarisch produktiver Freundschaften schreiben, für die der „Dialog der Dichter“ (Erik Schilling) ein entscheidendes Grundmoment konstituiert.
Die geplante Konferenz „Über/in Freundschaft schreiben“ nimmt die Schnittmenge dieser beiden Perspektiven auf Freundschaft und Literatur in den Blick, um zwei bisher weitgehend disparate Forschungsansätze zusammenzuführen. Nicht allein nach einzelnen Theorien und Konzeptionen von Freundschaft, auch nicht nach der allein biographischen Rekonstruktion von Freundschaftsgeschichten soll dabei gefragt, sondern danach, wie sich die gelebten Erfahrungen der Autorinnen und Autoren zu deren inszenierten Freundschaftskonstellationen im fiktionalen literarischen Raum verhalten. Denn erst, wenn Freundschaft „als Punkt der Berührung und Überschneidung von Denken, Schreiben und Leben“ (Elke Siegel) verstanden wird, lässt sich ihr Erfahrungsraum in seinem ganzen Umfang ausleuchten. Vorgeschlagen wird damit eine Hinwendung zum Bereich des Ästhetischen, bei der Biographie, Briefe und Zeugnisse Dritter nur äußerer Anlass einer Auseinandersetzung mit der Begegnung in Freundschaft sein können, die tief in die Poetologie der Schreibenden hineinführt. Die bereits punktuell untersuchte Bedeutung von Freundschaft für intellektuelle Denker der Moderne – wie Nietzsche, Hannah Arendt u.v.a. – rückt so zugunsten eines konzentrierten Blicks auf das literarische Schaffen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in den Hintergrund. Eben hier setzt die für das Vorhaben leitende These an, dass gerade die literarisch imaginierte Reflexion von Freundschaft einen spezifischen Zugang zum Freundschaftsdiskurs der Moderne erlaubt.
Gesucht werden Beiträge, die sich mit der deutschsprachigen Literatur seit dem 19. Jahrhundert befassen und gerade das literarische Schreiben als besonderen Denk- und Erkenntnisraum der Freundschaft ins Zentrum rücken. Damit soll einerseits der Kanon literarischer Freundschaften über die weithin bekannten Beispiele hinaus um bislang weniger beachtete Paare erweitert werden, z.B. im Umkreis von Rahel Levin Varnhagen, Bettina von Arnim, Fanny Lewald, Adalbert Stifter, Margarete Susman, im George-Kreis, im antifaschistischen Exil wie auch im NS-Deutschland nach 1933, im Nachkriegsdeutschland sowie in der DDR. In Verbindung damit soll andererseits ein besonderer Fokus auf einige neuralgische Punkte des Diskurses der Freundschaft gelegt werden, die bislang nur wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, etwa das Verhältnis von Freundschaft und Geschlecht sowie von Freundschaft und Liebe. Weitere mögliche Themen und Fragestellungen unter anderen sind:
- der literaturgeschichtliche Stellenwert von Freundschaft und dessen Entwicklung in der deutschsprachigen Literatur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart;
- die Bedeutung von Freundschaft angesichts von Gewalt, Verfolgung und Flucht, insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts;
- Freundschaften von Autorinnen bzw. von Frauenfiguren;
- Überlegungen zur Verknüpfung bzw. Korrelation von Leben und Schreiben in/über Freundschaft anhand ausgewählter Beispiele;
- Poetologien der Freundschaft und ihre literarische Praxis;
- literarische Reflexionen des Diskurses der Freundschaft und seiner Geschichte;
- Freundschaft in der Literatur im Verhältnis zu anderen Kunstformen wie Malerei oder Musik und deren Implementierung in literarischen Inszenierungen von Freundschaft.

Interessierte Kolleginnen und Kollegen sind herzlich eingeladen, einen Beitragsvorschlag (Abstract von max. 500 Wörtern) sowie einen kurzen CV bis spätestens 31. Juli 2017 an Andree Michaelis-König (michaelis@europa-uni.de) zu schicken. Beiträge sind sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache willkommen. Eine anschließende Publikation der Beiträge ist geplant.

Kontakt

Andree Michaelis-König

Große Scharrnstr. 59
15230 Frankfurt (Oder)

michaelis@europa-uni.de

Zitation
Über/In Freundschaft schreiben: Gelebte und literarisch inszenierte Freundschaften in der deutschsprachigen Literaturgeschichte, 14.02.2018 – 16.02.2018 Frankfurt an der Oder, in: H-Soz-Kult, 16.07.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-34656>.