Bewahren – aneignen – zerstören. Formen des Umgangs mit dem Alten und Fremden in der Vormoderne

Ort
Rom
Veranstaltungsort
Bibliotheca Hertziana, Via Gregoriana, 28
Veranstalter
Brackweder Arbeitskreis für Mittelalterforschung / Bibliotheca Hertziana – Max–Planck–Institut für Kunstgeschichte
Datum
23.11.2017 - 25.11.2017
Bewerbungsschluss
30.09.2017
Von
Christoph Mauntel

Die Zerstörung und Plünderung von Teilen der antiken Stadt Palmyra durch den sogenannten IS im Jahr 2015 haben, wie schon die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban 2001, Diskussionen um Möglichkeiten des Wiederaufbaus ausgelöst. Dem Hass der Einen auf das kulturell und religiös Fremde steht die Wertschätzung der Anderen für die historischen und technischen Hinterlassenschaften vergangener Gesellschaften gegenüber – sowie zuweilen die Weigerung, sich mit dem Verlust der historischen Artefakte abzufinden.
Der Umgang mit dem Alten und Fremden ist kulturell bedingt, partiell von Pragmatik bestimmt und keineswegs einheitlich zu fassen. Auch sind ‚Altes‘ und ‚Fremdes‘ nicht immer klar definierbar. Das tatsächliche Alter eines Objekts mag vom wahrgenommenen abweichen, darüber hinaus ist die Wertschätzung, die dem Alten an sich entgegengebracht wird, von sozialen und zeitlichen Bedingtheiten geprägt und damit historischem Wandel unterworfen. Gleiches gilt für das ‚Fremde‘. Die Beschreibungsformen von ‚alt‘ und ‚fremd‘ können primär als soziale Konstruktionen verstanden werden, mit denen ein Objekt oder ein Gedanke in einer spezifischen historischen Situation eingeordnet wird. Als Zuschreibungen sind sie von den Äußerungen Einzelner abhängig, die dann diskursiv akzeptiert oder zurückgewiesen werden. Es stellt sich also die Frage, was unter welchen Umständen überhaupt als ‚alt‘ oder ‚fremd‘ aufgefasst und beschrieben wird: In welchem Maß wurde z.B. antikes Wissen über Kosmos und Welt im Mittelalter als ‚alt‘ aufgefasst, oder aber Spolien in mittelalterlichen Neubauten? Wurde die kufische Inschrift auf dem Krönungsmantel der römisch-deutschen Könige als ‚fremd‘ wahrgenommen – oder überhaupt als Schrift erkannt?
Die hier angerissenen Fragen gelten weniger spezifischen Artefakten, Wissensbeständen oder anderen Abstrakta an sich, sondern den konkreten Zuschreibungen an sie sowie den damit verbundenen Praktiken, die von ehrfürchtiger Musealisierung über pragmatische Nutzung bis hin zu zielgerichteter Vernichtung reichen. Mit den drei Schlagwörtern bewahren, aneignen und zerstören können exemplarisch drei Praktiken des Umgangs mit dem als alt oder fremd Wahrgenommenen benannt werden, die für den praxeographischen Ansatz der Tagung stehen: es sollen nicht die Artefakte selbst, sondern der Umgang mit ihnen im Mittelpunkt stehen: Gab es für spezifische Objekte (Bauten, Schriftstücke etc.) so etwas wie einen bewahrenden Denkmalschutz? Wie verliefen die Diskussionen um die Aneignung antik-heidnischen Wissens im Frühmittelalter, oder aber arabischer Wissenschaftstexte im Hochmittelalter? Inwiefern wurden Bücher gezielt vernichtet, Bauten bewusst zerstört oder aber pragmatisch als Steinbruch genutzt? Ausgehend von konkreten Beispielen sollen auf der Tagung sowohl die zeitgenössischen Zuschreibungen reflektiert als auch die vielfältigen Umgangsformen mit Objekten und Abstrakta diskutiert werden.

Die Tagung ist öffentlich und bedarf keiner Einladung. Um besser planen zu können, bitten wir jedoch um Anmeldung bis zum 30.09.2017 unter christoph.mauntel@uni-tuebingen.de.

Programm

Donnerstag, 23. November 2017

14:00h Tanja Michalsky (Rom): Begrüßung; Christoph Mauntel (Tübingen): Einführung

14:30h Roland Scheel (Göttingen): Chrysobulls, Relics, Garments: Biographies of Foreign Objects in Medieval Scandinavian Literature

15:30h Kaffeepause

16:00h Matthiashardt (Leipzig): Vom Reichtumsanzeiger über die Visualisierung gentiler Überlieferung zumhacksilber. Über den Umgang mit spätantiken Edelmetall¬objekten im frühen Mittelalter

17:00h Christiane Elster (Rom): Zum Umgang mit spätmittelalterlichen Textilgeschenken

20:00h Gemeinsames Abendessen

Freitag, 24. November 2017

09:00h Michael Schonhardt (Freiburg): Von Toledo nach Regensburg – zur Rezeption arabischen Wissens über den Kosmos im 11 und 12. Jahrhundert

10:00h Kaffeepause

10:30h Simona Slanicka (Bern): Kopernikus’ Revolutionen im Kirchenstaat: Padua und Ferrara als Geburtsorte derheliozentrischen Astrologie

11:30h Lukas-Daniel Barwitzki (Zürich): Status bewahren – Ordensregel aneignen – Idee zerstören? Agnes von Ungarn und das Doppelkloster Königsfelden

12:30h Mittagsimbiss

13:30h Maree Shirota (Heidelberg): Old and Foreign Relations: England’s Neighbours in Late Medieval Genealogies

15:00h Theresa Jäckh (Heidelberg): The old and the new capital: Conquering and incorporating Islamic Palermo

15:30h Kaffeepause

16:00h Jan Stellmann (Tübingen): Sol kvnst sin verdorben? Das Verhältnis zwischen Albrechts ‚Jüngerem Titurel‘ und Wolfram von Eschenbach

17:00h Resümee und Abschlussdiskusion

Samstag, 25. November 2017

09:30h Exkursion zur Crypta Balbi (Führung durch Jan Gadeyne (Rom)) (bis ca. 12h)

Kontakt

Christoph Mauntel

Universität Tübingen, GrK 1662 "Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800-1800)"
Liebermeisterstraße 12, 72076 Tübingen
+49 (0)7071/29-7733

christoph.mauntel@uni-tuebingen.de

Zitation
Bewahren – aneignen – zerstören. Formen des Umgangs mit dem Alten und Fremden in der Vormoderne, 23.11.2017 – 25.11.2017 Rom, in: H-Soz-Kult, 10.09.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-34967>.