Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts

Ort
Bad Wiessee
Veranstalter
Jahrestagung des Herder Forschungsrates und des Collegium Carolinum
Datum
23.11.2006 - 26.11.2006
Bewerbungsschluss
19.02.2006
Von
PD Dr. Thomas Bohn, Prof. Dr. Klaus Roth

Für die Länder des östlichen Europa war die Geschichte des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt durch Eisernen Vorhang, Parteidiktatur, Kollektivierung der Landwirtschaft, Planwirtschaft sowie durch tief greifende soziale Veränderungen. Eine für die meisten Länder entscheidende Komponente war der forcierte Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft und die rasche Urbanisierung unter sozialistischen Vorzeichen. Aus diesen Voraussetzungen ergaben sich die Spezifika der „sozialistischen Stadt“, die den Ländern des östlichen Europa ihren Stempel aufgedrückt haben. Unabhängig davon, ob bestehende Städte in „sozialistische“ umgeformt oder aber völlig neue Städte geplant und errichtet wurden, galten als Markenzeichen osteuropäischer Städte stets monumentale Zentren und monotone Wohngebiete mit uniformen Plattenbauten. Diese Entwicklung war durch mehrere Widersprüche gekennzeichnet: Hatten die meisten Städte vor dem Sozialismus ohnehin kein Bürgertum im westlichen Sinne aufzuweisen, so zog die staatlich angestrebte Proletarisierung der Gesellschaft durch die enorme Landflucht zudem noch die Verbäuerlichung vieler Städte nach sich. Die meisten von ihnen waren gekennzeichnet durch ein krasses Nebeneinander von archaischen und modernen Elementen und beeindruckten durch den Kontrast zwischen der Großzügigkeit der öffentlichen Räume und der Enge der privaten Behausungen. Weithin führte die „sozialistische Stadt“ zum Rückzug weiter Teile der Bevölkerung ins Private und zur Abkehr von den zivilgesellschaftlichen Traditionen und Strukturen der „europäischen Stadt“. Der Systemwandel brachte für die Städte zum einen Versuche, an vorsozialistische bürgerliche Traditionen anzuknüpfen, zum andern aber vor allem die oftmals hemmungslose Imitation alles „Westlichen“; gerade im Bereich der Wohnbauten ist allerdings die Persistenz (und der anhaltende Verfall) der sozialistischen Bausubstanz, aber auch das Entstehen eigener, z. T. innovativer Formen zu beobachten. Zudem werden alle postsozialistischen Länder durch den zunehmend schärferen Gegensatz zwischen blühenden Metropolen und verarmenden peripheren Regionen beherrscht.

Zu erhellen, wie sich diese Prozesse in den verschiedenen Regionen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas im internationalen Vergleich vollzogen, soll Gegenstand der Tagung sein. Sie stellt sich die Aufgabe, der Frage nach den urbanen Transformationen im östlichen Europa im Sozialismus und Postsozialismus in sechs Panels nachzugehen:

Panel 1. Industrialisierung und Urbanisierung: Wird der Typus osteuropäische Stadt von der Industrie geprägt? Welches Ausmaß hatte die Land-Stadt-Migration in den einzelnen Ländern? Wie gestaltete sich das Verhältnis von Stadt und Land? Welche Maßnahmen ergriff der Staat, um das Wachstum der Städte zu regulieren?

Panel 2. Demographie und Sozialstruktur: In welcher Weise vollzog sich der demographische Übergang in unterschiedlichen Regionen? Welche Auswirkungen hatten die Weltkriege auf die Bevölkerungszusammensetzung? Wie entwickelte sich die Familienstruktur? Wie wurde mit dem Problem der sozialen Segregation umgegangen?

Panel 3. Stadtplanung und Repräsentation: Welche städtebaulichen Leitbilder lagen zugrunde? Wie verlief die Debatte über die Realisierung architektonischer Entwürfe? Welche Bedeutung hatte der öffentliche Raum im Verhältnis zum privaten Raum? Welche Rolle spielten Denkmäler und Aufmarschplätze? Wie wurden Räume für Feiertage gestaltet und öffentliche Feste organisiert und durchgeführt?

Panel 4. Urbane Lebenswelt und Lebensweise: In welchem Verhältnis standen Arbeiten, Wohnen und Freizeit zueinander? Wie waren die dafür vorgesehenen Räume gestaltet? In welcher Weise war die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln, Dienstleistungen und Infrastruktureinrichtungen gesichert? Wie funktionierte der Alltag? Welche dörflichen Lebensformen gab es in der Stadt? Welche Milieus und Subkulturen bildeten sich heraus?

Panel 5. Zivilgesellschaft und (Partei)Öffentlichkeit: Welchen Einfluss hatte das Bürgertum bzw. die kommunistische Nomenklatura? Gab es eine Öffentlichkeit jenseits der Parteiöffentlichkeit? Wie und wo organisierte sie sich? Welche Rolle spielte der Eigensinn? Inwiefern unterschied er sich vom Dissens?

Panel 6. Ethnizität und Religiosität: Wie gestaltete sich Multikulturalität im Sozialismus und wie wird heute mit dem Phänomen umgegangen? Kamen Minderheiten zu ihrem Recht? In welcher Situation befanden sich die Religionsgemeinschaften? Welche Freiräume hatten und nutzten Sekten?

Themenangebote mit einem kurzen Kommentar werden bis zum 19. Februar erbeten.

Kontakt

PD Dr. Thomas Bohn

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Historisches Institut
Fürstengraben 13
07743 Jena

03641 944460
03641 944462
Thomas.Bohn@uni-jena.de

Zitation
Von der „europäischen Stadt“ zur „sozialistischen Stadt“ und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts, 23.11.2006 – 26.11.2006 Bad Wiessee, in: H-Soz-Kult, 02.02.2006, <www.hsozkult.de/event/id/termine-4962>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.02.2006
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