(Kontingente) Iterationen: Performative Entsprechungen von Gedächtnis und Geschlecht

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Clubhaus der Freien Universität Berlin
Veranstalter
Sabine Lucia Müller Anja Schwarz Freie Universität Berlin
Datum
03.11.2006 - 04.11.2006
Bewerbungsschluss
22.05.2006
Von
Sabine Lucia Müller

In den Kulturwissenschaften ist „Gedächtnis/ Erinnern und Vergessen“ in den letzten 15 Jahren zum zentralen Paradigma geworden, das inzwischen fächerübergreifend sowie inter- und transnational erörtert wird. Auch die interdisziplinären Gender Studies haben in diesem Zeitraum eine starke Konjunktur und akademische Institutionalisierung erfahren. Mögliche Analogien zwischen Gedächtnis- und Geschlechterforschung sind jedoch nicht auf solche institutionellen Parallelen beschränkt: Die für die Gender Studies inzwischen grundlegend gewordene Performativitätstheorie bietet einen innovativen und fruchtbaren Ansatz gerade auch zur Erforschung von kollektivem und kulturellem Gedächtnis. Ziel der Konferenz ist es daher, Gedächtnis- und Geschlechterforschung unter performativitätstheoretischer Perspektive zusammenzubringen. Aus diesem Blickwinkel werden Analogien in der Theoretisierung von Geschlecht und Erinnerung evident, von deren Untersuchung wiederum weiterführende Ergebnisse sowohl auf dem Gebiet der Gender Studies als auch in der Gedächtnisforschung zu erwarten sind.

Zur performativen ‚Entsprechung’ von Geschlecht und Gedächtnis:

Mit ihrer polarisierenden Publikation Gender Trouble (1990) hatte Judith Butler in den frühen 1990er Jahren eine heftige Diskussion in den Gender Studies ausgelöst. Angelehnt an Michel Foucault versteht Butler das Subjekt und dessen geschlechtliche Identität als Effekt eben jener Diskurse, die seine Existenz immer schon voraussetzen. Obwohl eindeutig anti-essentialistisch, liegt dieser Ansatz jedoch auch quer zu jenen Spielarten des Konstruktivismus, die Geschlecht als arbiträren Effekt einmaliger performativer Handlungen erscheinen lassen. Vielmehr, so Butler, sei Gender als der Effekt sich ständig wiederholender (iterierender) Praktiken zu verstehen. Dabei wird das Subjekt durch die Notwendigkeit, Gesetze und Konventionen immer wieder zitieren zu müssen, nicht determiniert, sondern überhaupt erst zum Handeln befähigt.

Eine analoge Einsicht in die Bedeutung von Iteration für Erinnerungspraktiken lässt sich in der gegenwärtigen Theoretisierung von Gedächtnis- und Geschichtspolitiken ausmachen. Der ebenfalls in den 1990ern zentral gewordene Begriff des Gedächtnisses (u.a. durch Studien von Warburg, Halbwachs, Nora und Jan und Aleida Assmann) beschäftigt sich mit der Konstruktion (kollektiver) Identitäten durch Erinnerungsakte. Diese haben mit Butlers Konzeption des Geschlechts als Produkt reiterierter performativer Akte gemein,

a) dass diese Akte nicht als Handlungen autarker Subjekte begriffen werden, sondern die Identität dieser Subjekte vielmehr erst im Akt der Erinnerung, der sie gleichzeitig als schon existent voraussetzt, geschaffen wird.

b) dass sie kontinuierlicher Wiederholung bedürfen, um formative gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen und zu erhalten.

c) dass es sich bei diesen Wiederholungen nicht um (immer schon) ‚gelungene’, identische Repetitionen handelt, sondern vielmehr um Rekonstruktionen im jeweilig aktuellen Kontext.

d) dass performative Gedächtnisakte wie Inszenierungen von Geschlecht auf einem Archiv möglicher (Erinnerungs- oder Körper-)Handlungen beruhen, von denen jeweils nur einige im jeweiligen Kontext von Macht/ Wissen aktualisiert werden.

Aus der Einsicht in das analoge ‚Funktionieren’ von Gedächtnis und Gender ergeben sich eine Reihe bisher wenig geklärter Fragestellungen zum Verhältnis von Geschlecht und Geschichte, denen mit der geplanten Konferenz weiter nachgegangen werden soll:

- Wie tragen bestimmte Erinnerungs- und Gedächtnispolitiken zur Tradierung von gesellschaftlichen Strukturen bei, die bestimmte Gender-Entwürfe favorisieren?

- Wie können gendertheoretische Analysen für eine Kritik von Geschichts- und Gedächtnispolitiken fruchtbar gemacht werden?

- Welche Repräsentationsmöglichkeiten und -bedingungen lassen sich für Geschlecht und Erinnerung bestimmen?

- Welche Bedeutungen nähme in diesem Kontext die Materialität von Körpern und Orten ein?

- Welche Handlungsspielräume und -beschränkungen eröffnen sich für Geschlecht und Erinnerung aus performativitätstheoretischer Perspektive?

- Wie gestaltet sich das Verhältnis von individueller, vergeschlechtlichter Selbstschaffung und Erinnerung zu kollektiven Erinnerungsakten und Subjektkonstitutionen? Welche Einschränkungen ergeben sich durch Erinnerungsakte für die Selbstschaffung gegenderter Subjekte? Und, in Umkehrung hierzu, wie ist das Subjekt durch seine geschlechtliche Verfasstheit und durch das für es vorhandene Spektrum identifikatorischer Positionen möglicherweise in seinen Erinnerungsakten eingeschränkt?

Von Interesse für diesen Ansatz sind damit weniger eine historische Rekonstruktion von Gender oder die Verschiebung des geschichtswissenschaftlichen Blickwinkels auf geschlechtsspezifische Zusammenhänge. Vielmehr soll ein Ausloten der strukturellen Korrespondenz gegenwärtiger Theoretisierungen von ‚Geschlecht’ und ‚Gedächtnis’ erfolgen, das sowohl die Möglichkeiten als auch die Beschränkungen dieser Analogie zu bestimmen sucht.

Die interdisziplinäre Tagung mit Workshopcharakter soll ein erster Schritt sein, um einen Austausch über diese und weitere Fragen zu initiieren. Beiträge sollten die Beziehung von Geschlecht und Gedächtnis unter der titelgebenden performativitätstheoretischen Perspektive, gerne anhand aktueller Forschungsprojekte, reflektieren.

Die Tagung richtet sich insbesondere an NachwuchswissenschaftlerInnen aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Daher erfolgt die Ausschreibung der Konferenz und gegebenenfalls ihre Umsetzung in deutscher und englischer Sprache.
Reise- bzw. Übernachtungskosten für auswärtige SprecherInnen können teilweise (ggf. bis zu einem Beitrag von maximal € 200) erstattet werden. Die Publikation eines Tagungsbandes ist geplant.

Vortragsvorschläge im Umfang von nicht weniger als einer Seite bzw. ca. 500 Worten und einige Angaben zum akademischen Lebenslauf werden bis zum 22.05.2006 per Email an beide untenstehenden Adressen erbeten.

Bitte um Beachtung:
Zur Intensivierung und Vertiefung der Diskussion wird gebeten, die vollständigen Vorträge (die einen Zeitrahmen von 30 Minuten nicht überschreiten sollten) bis 09.10.2006 den Veranstalterinnen zur Verfügung zu stellen, welche diese dann an alle SprecherInnen weiterleiten werden.

Kontakt

Anja Schwarz
Sabine Lucia Müller
Institut für Englische Philologie
Freie Universität Berlin
Goßlerstr. 2-4
14195 Berlin

Email:
schwarz@philologie.fu-berlin.de
salucia@zedat.fu-berlin.de

Zitation
(Kontingente) Iterationen: Performative Entsprechungen von Gedächtnis und Geschlecht, 03.11.2006 – 04.11.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 03.04.2006, <www.hsozkult.de/event/id/termine-5207>.