Stimmen aus der Vergangenheit: Interviews mit Überlebenden des Holocaust. Die Boder-Sammlung und das Archiv der Erinnerung

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Centre Marc Bloch, Schiffbauerdamm 10, 10117 Berlin-Mitte / Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin-Wannsee
Veranstalter
Florent Brayard (Centre Marc Bloch) Anna Lipphardt (Centre Marc Bloch) Eva Lezzi (Universität Potsdam) Wolf Kaiser (Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz)
Datum
07.06.2007 - 09.06.2007
Bewerbungsschluss
01.06.2007
Von
Centre Marc Bloch, Berlin

Internationales Forschungssymposium und Workshop für MultiplikatorInnen aus der Bildungsarbeit

Seit etwa 20 Jahren sehen sich Holocaust-Forschung und Öffentlichkeit damit konfrontiert, dass die Generation der Überlebenden stirbt und damit der Nachwelt auch ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen unwiederbringlich verloren gehen. In zahlreichen Ländern haben seither sowohl Wissenschaftler als auch lokalhistorische Laieninitiativen Interviewprojekte mit Überlebenden durchgeführt und umfangreiche Sammlungen dazu angelegt. Während heute nicht mehr darüber gestritten werden muss, wie wichtig diese Quellen für unser historisches Wissen und Bewusstsein sind, so bleiben doch viele grundlegende Fragen in Bezug auf den wissenschaftlichen und den pädagogischen Umgang damit offen.

Das interdisziplinäre Symposium wird die grundlegenden Fragen und Problemfelder, die sich für Forschung und pädagogische Arbeit in Zukunft stellen, am Beispiel von zwei Interviewprojekten vergleichend in den Blick nehmen:
David Boder, Professor für Psychologie am Illinois Institute of Technology, verbrachte im Sommer 1946 mehr als zwei Monate in Europa, um überwiegend jüdische Displaced Persons in Frankreich, Deutschland, Italien und der Schweiz zu befragen. Um möglichst authentische Berichte zu erhalten, stellte Boder den Zeitzeugen frei, in welcher Sprache sie sich ausdrücken wollten. Darüber hinaus entschied er sich dafür, die Interviews auf Magnetbändern – der damals modernsten Aufnahmetechnik – aufzuzeichnen. Diese beiden Besonderheiten machen den unschätzbaren Wert dieses in Deutschland weitgehend unbekannten Berichtskorpus aus, der 120 Interviews und 200 Aufnahmestunden umfasst und online unter http://voices.iit.edu zugänglich ist.
Das „Archiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah“ entstand 50 Jahre nach Kriegsende als internationales Kooperationsprojekt zwischen dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (Universität Potsdam), dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies (Yale University, New Haven) und der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz (Berlin). Fast 80 zumeist in der Region Berlin-Brandenburg lebende jüdische Zeitzeugen wurden zwischen 1995 und 1996 von einem interdisziplinären Team interviewt, wobei die mehrstündigen lebensgeschichtlichen Interviews mit der Videokamera aufgezeichnet wurden. Da die Interviewpartner nach dem Krieg teilweise in der DDR, teilweise in der BRD lebten, ergeben sich aus ihren Erzählungen zudem nicht nur aufschlussreiche Einblicke in den Alltag jüdischer Überlebender in den beiden Staaten, sondern auch in die unterschiedlichen narrativen Muster, die die Berichte über die Verfolgungszeit prägen.

Das Symposium stellt die Originalstimmen in den Mittelpunkt und beleuchtet, wie die Überlebenden selbst mit der Extremerfahrung der Verfolgung umgegangen sind. Durch die Tonaufnahmen von David Boder kommen heutige Zuhörer dem Wort und der Stimme der Zeitzeugen, die gerade der Katastrophe entkommen sind, sehr nahe und damit auch den ersten Versuchen, das Erlebte einzuordnen und in Worte zu fassen. Die Videokamera, mit der 50 Jahre später die Interviews für das Archiv der Erinnerung aufgezeichnet wurden, fokussierte das Gesicht, teilweise den Oberkörper oder die ganze Person der Interviewpartner, sodass deren Erzählungen über Mimik und Gestik, über das Leisewerden der Stimmen, das Schweigen oder das Wiedergeben von Geräuschen eine unerwartete Eindringlichkeit erhalten und sich die Erinnerung vergegenwärtigt. Ausschnitte aus Ton- und Videodokumenten werden bei der Veranstaltung daher eine zentrale Rolle spielen, damit nicht nur über die Stimmen der Vergangenheit gesprochen wird, sondern damit sie auch zu hören sind.

Programm

SYMPOSIUMSPROGRAMM

Hinweis : Alle Vorträge werden simultan Deutsch/Englisch bzw. Englisch/Deutsch gedolmetscht.

ERÖFFNUNGSVORTRAG

Donnerstag, 7. Juni 2007, 19.00 Uhr
Centre Marc Bloch, Schiffbauerdamm 19, 10117 Berlin-Mitte

Einführung: Anna Lipphardt (Centre Marc Bloch)

Omer Bartov (Brown University/American Academy)
Testimonies as Historical Evidence: Reconstructing the Holocaust from Below

mit anschließender Diskussion

*

SYMPOSIUM

Freitag, 8. Juni 2007, 9.00-19.00 Uhr
Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin-Wannsee

9.00-10.40 Uhr
I. Einführung

Einleitende Bemerkungen und Moderation: Florent Brayard (Centre Marc Bloch)

Alan Rosen (Yad Vashem) – The Summer of 1946. David Boder’s DP Audio Interviews

Eva Lezzi (Universität Potsdam) – Das Archiv der Erinnerung: Videointerviews mit Überlebenden des Holocaust (1995-1997)

10.50-11.30 Uhr
II. Zeitzeugengespräch

Moderation: Anna Lipphardt (Centre Marc Bloch)

Gespräch mit Abraham Kimmelmann, Zeitzeuge und Interviewter aus dem Boder-Projekt

11.50-13.20 Uhr
III. Sprache/Sprechen/Das Unaussprechliche

Moderation: Pascale Laborier (CMB)

Maria Ecker (Universität Salzburg) – Early Voices. The Boder Interviews in Comparison to Later Testimony Projects

Cathy Gelbin (University of Manchester) – Women and Genocide: Speech and Silence

14.30-16.00 Uhr
IV. Trauma

Moderation: Andrés Nader (Studienforum Berlin)

Dori Laub (Yale University/Fortunoff Archive) – Evolving Narratives of Trauma. Testimonies at Different Stages of Life and in Changing Societal Contexts

Kurt Grünberg (Sigmund Freud Institut, Frankfurt/Main ) – Szenische Erinnerung der Shoah. Überlegungen zu den intergenerationellen Spätfolgen der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland

16.15-17.45 Uhr
V. Erinnerung/Geschichtsschreibung/Öffentlicher Diskurs

Moderation: Wolf Kaiser (Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz)

Daniel Blatman (Hebrew University, Jerusalem) – ”Why don't they exterminate us all immediately?”: The Death Marches Experience in Survivors Testimonies

Helmut Peitsch (Universität Potsdam) – Narrative Muster in der DDR und der BRD anhand von Beispielen aus dem Archiv der Erinnerung

Diskussion

18.00-19.00 Uhr
VI. Resümee

Moderation: Eva Lezzi (Universität Potsdam)

Friedhelm Boll (Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn/Universität Kassel) – Resümee und Ausblick

Abschlussdiskussion

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Workshop für MultiplikatorInnen aus der Bildungsarbeit zum Einsatz von Interviewmaterial aus der David-Boder-Sammlung und aus dem Archiv der Erinnerung

Ort: Centre Marc Bloch
Zeit: Samstag, 9. Juni 2007, 10.00 – 14.30 Uhr
Leitung: Wolf Kaiser, Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz,
Anna Lipphardt, Centre Marc Bloch

Der Workshop wendet sich an MultiplikatorInnen, die an Schulen, in außerschulischen Bildungseinrichtungen für Jugendliche und in der Erwachsenenbildung tätig sind, und mit Interviewmaterial arbeiten wollen.
Der erste Teil wird einen Überblick über die Sammlungen schriftlicher und audio-visueller Zeugnisse der Holocaust-Überlebenden vermitteln, die an Institutionen in Berlin und Brandenburg zugänglich sind.
Im zweiten Teil werden – am Beispiel des Themas „Ankunft im Lager“ – die Möglichkeiten und Ziele einer pädagogischen Verwendung von Überlebenden-Zeugnissen vorgestellt und diskutiert. Neben den Tonband-Aufzeichnungen der Boder-Interviews und den Video-Dokumentationen des Archivs der Erinnerung werden dafür auch schriftliche Zeugnisse herangezogen.
Die anhand dieses Materials vorgetragenen Überlegungen, Thesen und Vorschläge zur Prägung der Berichte durch die Zeit ihrer Entstehung, zur Bedeutung der unterschiedlichen Medien für die Rezeption und zu den Methoden der Erschließung sollen dann im dritten Teil von den Workshop-Teilnehmern an einem weiteren thematischen Schwerpunkt – der Befreiung – erprobt werden. Dem Workshop-Charakter der Veranstaltung entsprechend werden die teilnehmenden MultiplikatorInnen den Einsatz der Zeitzeugenberichte für ihren jeweiligen Tätigkeitsbereich planen, indem sie Passagen auswählen und Fragestellungen bzw. Impulse für die Auseinandersetzung ihrer Adressaten mit diesen Zeugnissen entwickeln.

Anmeldung:

Der Eröffnungsvortrag am 07.06.2007 im Centre Marc Bloch steht allen Interessierten offen.

Die Teilnehmerzahl für das Symposium am 08.06.2007 in der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz ist begrenzt. Bitte melden Sie sich deshalb mit Angabe Ihres Namens und Ihrer Institution bis zum 01. Juni 2007 im Sekretariat des Haus der Wannsee-Konferenz an. Bitte teilen Sie uns auch mit, ob Sie am gemeinsamen Mittagessen während des Symposiums teilnehmen wollen (Unkostenbeitrag 5 Euro, vor Ort zu entrichten).
Sie erhalten eine Anmeldebestätigung.

Für die Teilnahme am Multiplikatoren-Workshop am 09. Juni 2007 im Centre Marc Bloch (die nicht abhängig von der Teilnahme am Symposium ist) melden Sie sich bitte ebenfalls mit Angabe Ihres Namens und Ihrer Institution bis zum 01. Juni 2007 im Sekretariat des Haus der Wannsee-Konferenz an. Sie erhalten eine Anmeldebestätigung.

Anmeldebüro für Symposium und Workshop:
Haus der Wannsee-Konferenz, Gedenk- und Bildungsstätte
e-mail: secretariat@ghwk.de
Tel : 030-80 500 10
Fax : 030-80 500 127

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass die Interview-Sammlung von David Boder, am Samstag, den 9. Juni, von 20.00 – 22.00 Uhr im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften am Centre Marc Bloch einem breiten Publikum vorgestellt wird; mehr unter http://www.cmb.hu-berlin.de/cmb/

Kontakt

Anna Lipphardt
Centre Marc Bloch
Schiffbauerdamm 19, 10117 Berlin
tel: 030-20 93 37-86
anna.lipphardt@cmb.hu-berlin.de

Zitation
Stimmen aus der Vergangenheit: Interviews mit Überlebenden des Holocaust. Die Boder-Sammlung und das Archiv der Erinnerung, 07.06.2007 – 09.06.2007 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.05.2007, <www.hsozkult.de/event/id/termine-7299>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.05.2007
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