Wewelsburg 1933-1945 - Ideologie und Terror der SS

Ort
Büren-Wewelsburg
Veranstalter
Kreismuseum Wewelsburg
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Karsten Wilke, Bielefeld

Am 15. April 2010 wurde im Kreismuseum Wewelsburg eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Ideologie und Terror der SS“ eröffnet. Sie löst die stärker lokalhistorisch orientierte Dokumentation „Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS“ aus dem Jahr 1982 ab.[1] Die Ausstellung in dem kleinen Ort bei Paderborn formuliert als erste überhaupt den Anspruch, eine Gesamtgeschichte der Schutzstaffel (SS) zu zeigen.[2] Gleichwohl handelt es sich nicht um den ersten Versuch, die SS in einer Gedenkstättenausstellung näher zu thematisieren. Das Entwicklungsteam um Wulff E. Brebeck, Kirsten John-Stucke und Jan Erik Schulte konnte auf einschlägige Erfahrungen zurückgreifen, beispielsweise in Neuengamme[3], Ravensbrück[4] oder in der Berliner „Topographie des Terrors“.[5]

Für eine Ausstellung zur Geschichte der SS ist die Wewelsburg besonders geeignet. Heinrich Himmler hatte zu Beginn der 1930er-Jahre beschlossen, die Burg – eigentlich ein im 17. Jahrhundert errichtetes fürstbischöfliches Residenzschloss – als „Reichsführerschule der SS“ zu nutzen. Die Planungen weiteten sich kontinuierlich aus bis hin zu der Idee, eine gigantische ringförmige Anlage mit der Wewelsburg als Zentrum zu schaffen. Bei den Arbeiten wurden seit 1939 Konzentrationslagerhäftlinge eingesetzt, die ab 1941 in dem in der Nähe errichteten Konzentrationslager Niederhagen untergebracht wurden. Insgesamt handelte es sich um etwa 3.900 Häftlinge, von denen dort mindestens 1.285 ums Leben kamen.

Untergebracht ist die aus Bundesmitteln, vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe sowie aus dem Etat des Landkreises Paderborn finanzierte Ausstellung in dem 1935/36 errichteten ehemaligen Wachgebäude. Auf zwei Stockwerken steht eine etwa 850 Quadratmeter große Ausstellungsfläche zur Verfügung, auf der vor allem über die Binnenintegration innerhalb der „SS-Sippengemeinschaft“, über deren politische Ziele und über die Expansion der SS zu einer Massenorganisation informiert wird. Gleichermaßen werden die Auswirkungen der SS-Weltanschauung auf die Verfolgung potenzieller und tatsächlicher Gegner des Nationalsozialismus verdeutlicht. Zu diesem Zweck versammelt die Ausstellung mehr als 1.000 Exponate aus dem Bereich der SS und aus der Geschichte des Konzentrationslagers in Wewelsburg.

Die umfangreichen Arbeiten haben sich in jeder Hinsicht gelohnt. Insbesondere überzeugt die Grundthese der Ausstellung, dass die fortlaufenden Planungen in Wewelsburg als Ausdruck des Aufstiegs der SS zu einer der mächtigsten Organisationen im NS-Staat zu deuten seien. Weit über die Lokalgeschichte hinaus wagt die Präsentation den Versuch, eine umfassende Geschichte der SS zu zeichnen und diese zugleich als Teil der Geschichte der NS-Zeit insgesamt einzuordnen. Gleich mehrere Rezensionen heben in diesem Zusammenhang exemplarisch die Obergruppenführerbesprechung vom 12. bis 15. Juni 1941 hervor, auf der Himmler die Ermordung von 30 Millionen „Slawen“ während des bevorstehenden Krieges gegen die Sowjetunion angekündigt haben soll.[6] Nach der Lesart Jan Erik Schultes handelte es sich bei der Tagung um einen Akt der Selbstvergewisserung der SS-Führung.[7] Die Folgen erschließen sich in einem als Ruhezone gestalteten Ausstellungssegment, in dem Vernichtungsaktionen von SS-Einheiten in den besetzten Gebieten dargestellt werden. Über die Ausweitung des geografischen Fokus wird hier die Verbindung von Ideologie und Terror dokumentiert.

Auch bei der Darstellung der Verbrechen innerhalb des Deutschen Reiches überzeugt der Ansatz, die Beziehungen zwischen lokalen Ereignissen und übergeordneten Entwicklungen ins Zentrum zu rücken. Beispielhaft hierfür sind die Erläuterungen zum System der Konzentrationslager. Dabei zeigt sich aber zugleich, dass Konstellationen vor Ort nicht in jeder Beziehung als pars pro toto gesetzt werden können. Das gilt beispielsweise für die Häftlingssozialstruktur: In Wewelsburg waren überdurchschnittlich viele Zeugen Jehovas inhaftiert; hier unterscheidet sich das Fallbeispiel deutlich von der allgemeinen Entwicklung. Zudem wurde das Lager bereits im Frühsommer 1943 aufgelöst. Die Ausstellung analysiert und profiliert das Lager daher sowohl als Spiegel einer Gesamtentwicklung wie auch über seine historischen Besonderheiten.

Gleiches gilt für die Nachgeschichte des „Dritten Reiches“. Wiederum werden sowohl gesellschaftliche Entwicklungen, wie zum Beispiel die Geschichte der Strafverfolgung, als auch Abläufe vor Ort dargestellt. Zentral stehen dabei die Erinnerungsberichte von Überlebenden des Konzentrationslagers Niederhagen und ausgewählte memorialkulturelle Ereignisse in Wewelsburg. Dazu gehört die Debatte um einen Gemäldezyklus des Paderborner Künstlers Josef Glahe, der im Juli 1950 als eines der ersten Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik in der so genannten „Gruft“, einem Kellergewölbe im Nordturm der Burg, ausgestellt wurde. Die Bilder wurden von der lokalen Öffentlichkeit jedoch entschieden abgelehnt und später entfernt.[8] Die neue Dauerausstellung begnügt sich nicht damit, diesen Vorgang zu reflektieren, sondern deutet mit Hilfe von Kopien auch eine Wiederherstellung des früheren Mahnmals an.

Die größte Herausforderung bestand darin, die Geschichte der SS darzustellen, ohne deren Selbstbeschreibung und Selbstdeutung zu übernehmen. Nach wie vor üben das Selbstverständnis der Organisation als „Orden“ oder Spekulationen über okkulte Praktiken und nicht zuletzt die Wewelsburg selbst eine besondere Faszination aus. Neonazis und andere Gruppen deuten den Ort noch immer wahlweise als „Kultstätte“ oder „Mittelpunkt der Welt“[9], und auch die Fachwissenschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten von derartigen Zuschreibungen nicht unbeeinflusst geblieben.[10] Von besonderem Interesse sind in diesem Kontext die beiden so genannten „Kulträume“, die nach der Sprengung im Jahre 1945 einzig erhaltene originale Bausubstanz der Burg aus der NS-Zeit. Dazu gehört neben der bereits erwähnten „Gruft“ auch der „Obergruppenführersaal“. Der wissenschaftliche Beirat, dem unter anderem der Historiker Wolfgang Wippermann, die Leiter der Gedenkstätten Deutscher Widerstand und Neuengamme, Johannes Tuchel und Detlef Garbe, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte in Düsseldorf, Angela Genger, die Geschichtsdidaktikerin Waltraud Schreiber sowie der Kunsthistoriker Detlef Hoffmann angehörten, empfahl, die bis dato verschlossenen Räume einzubeziehen. Hier zeigt sich ganz besonders die Notwendigkeit der Dekonstruktion.

Entsprechend finden sich vielfältige Brechungstechniken – inhaltlich und gestalterisch. Dazu gehört, die SS an ihren eigenen Maßstäben zu messen. Detaillierte Einblicke in die Innenwelt der Organisation legen die Erkenntnis nahe, dass beispielsweise die als „unabänderlich“ überhöhten „Ordensgesetze“ jederzeit zu Gunsten pragmatischer Erwägungen außer Kraft gesetzt, ergänzt oder umgedeutet werden konnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Aufhebung der restriktiven „rassischen“ und „erbgesundheitlichen“ Anforderungskriterien für die Genehmigung einer Ehe. In Anbetracht des massenhaften Sterbens auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges erkannte schließlich auch der Reichsführer-SS die Dringlichkeit sozialer Absicherung und erleichterte das komplizierte Heiratsverfahren. Eine andere Methode besteht darin, die Quellen der SS mit Erinnerungsberichten von Dorfbewohnerinnen und -bewohnern sowie Überlebenden des Konzentrationslagers zu konfrontieren. Auf diese Weise erschließen sich Informationen, die aus der Überlieferung der Täter nicht rekonstruiert werden können, beispielsweise zur Praxis der Gewalt. Beide Methoden sind für sich genommen zwar nicht besonders innovativ, aber sie transportieren sehr deutlich den Eindruck einer abgehobenen und in sich widersprüchlichen Scheinwelt.

Die Selbstbeschreibung der SS wird auch über eine museumsdidaktische Ebene gebrochen. Auf großformatige Fotos etwa wird verzichtet – ganz im Gegensatz zur neuen Dauerausstellung in der „Topographie des Terrors“.[11] Die Struktur der Ausstellung erinnert mehr an ein Magazin oder Depot und vermeidet es auf diese Weise, kultische Gegenstände zu überhöhen. Ein eiserner Kerzenhalter beispielsweise steht in einer im oberen Bereich verdeckten Vitrine. Um das Objekt vollständig anschauen zu können, ist eine gebückte Körperhaltung erforderlich. Überhaupt animiert die Ausstellung zu einer selbstständigen Auswahl und Aneignung. Dafür sorgen Vertiefungsbereiche, die mit Schubkästen, Videostationen und Heftordnern ausgestattet sind. Dem Entwicklungsteam ist es damit nicht nur gelungen, den begrenzten Raum optimal auszufüllen; zugleich wird die Architektur – ein Teil der Ausstellung befindet sich im ehemaligen SS-Casino – in die Dekonstruktion eingebunden.

Die Ausstellung setzt auf Multiperspektivität und zielt über ihr Baukastensystem vor allem auf Einzelbesucherinnen und -besucher. Pädagogische Gruppenprogramme werden zurzeit noch erprobt. Das entdeckende Lernen birgt gewiss die Gefahr der Akklamation – es lässt sich nicht ausschließen, dass Besucherinnen und Besucher ihnen unbequeme Erkenntnisse übergehen. Aus diesem Grund wurde die Dauerausstellung als Rundgang geplant, so dass eine Besichtigung der „Kulträume“ innerhalb der Burg ohne Konfrontation mit den Verbrechen der SS nicht möglich ist. Ob das jedoch davon abhält, die Räume dennoch beliebig zu deuten und die Wewelsburg zu mystifizieren, wird sich zeigen. Zumindest wird aber ein wenig Verstörung bleiben, insbesondere durch die Gestaltung des „Obergruppenführersaals“. Die wahllos darin verteilten neonfarbigen Sitzsäcke wirken einer weihevoll-überhöhten Atmosphäre entgegen.

Durch den multiperspektivischen Ansatz und eine besondere Akribie setzt die Ausstellung Maßstäbe. Niemals zuvor wurde vor allem die „private“ Dimension der SS so detailliert und differenziert gezeigt. Gerade das Eintauchen in die Kultur der SS kann deren Widersprüchlichkeit – und Banalität – begreifbar machen kann. Somit leistet die Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur Dekonstruktion noch immer kolportierter Legenden und Mythen.

Die Aufklärung über die Geschichte der Täter sollte jedoch nicht die Perspektive der Opfer des SS-Terrors vernachlässigen. Die Ausstellung setzt daher bewusst ein Gegengewicht; die Geschichte des Konzentrationslagers wird über die Interview-Zeugnisse früherer Häftlinge erzählt. Die Präsentation geht aber weit darüber hinaus: Sie verbindet den gesprochenen Text mit Gegenständen, die aus dem Lager erhalten sind, wie zum Beispiel ein Barackenbauteil. Hier befindet sich der einzige Bereich, in dem audiovisuelle Eindrücke von Menschen sowie persönliche Schilderungen und Meinungen im Mittelpunkt stehen. Das Individuum – so die Botschaft – überwindet die Uniformität, sowohl diejenige der SS-Angehörigen als auch diejenige des Konzentrationslagers.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Karl Hüser, Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS. Eine Dokumentation, Paderborn 1982, 2., überarb. Aufl. 1987.
[2] Vgl. dazu Volker Ullrich, In Himmlers Reich. Auf der Wewelsburg bei Paderborn wurde Deutschlands erstes Museum zur Geschichte der SS eröffnet, in: ZEIT, 25.4.2010, S. 19, online unter <http://www.zeit.de/2010/17/Wewelsburg-Museum> (31.8.2010). Ein Ausstellungskatalog wird derzeit erarbeitet; als grundlegende Publikation siehe vorerst Jan Erik Schulte (Hrsg.), Die SS, Himmler und die Wewelsburg, Paderborn 2009 (rezensiert von Thomas Köhler, 3.2.2010: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-1-083> [31.8.2010]).
[3] Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Werkheft 3: Die Konzentrationslager-SS in Neuengamme. Konzeptskizze einer Ausstellung, Neuengamme 2003; dies. (Hrsg.), Die Ausstellungen, Bremen 2005.
[4] Simone Erpel (Hrsg.), Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Begleitband zur Ausstellung, Berlin 2007. Siehe demnächst auch Christine Eckel, „Täterausstellungen“. Vergleichsaspekte der Ausstellungen in den KZ-Gedenkstätten Neuengamme und Ravensbrück, in: Andreas Ehresmann u.a. (Hrsg.), Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Akteure, Inhalte, Strategien (in Vorbereitung).
[5] Vgl. Reinhard Rürup (Hrsg.), Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“. Eine Dokumentation, 10. Aufl. Berlin 1995. Zur dortigen neuen Ausstellung vgl. die Rezension von Gerd Kühling, 22.5.2010: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=139&type=rezausstellungenngen> (31.8.2010).
[6] Vgl. Ullrich, In Himmlers Reich; Moritz Pfeiffer, SS-Ordensburg Wewelsburg. Treffpunkt der Massenmörder, 2.3.2010, online unter <http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/6049/treffpunkt_der_massenmoerder.html> (31.8.2010).
[7] Jan Erik Schulte, Himmlers Wewelsburg und der Rassenkrieg. Eine historische Ortsbestimmung, in: ders., Die SS, S. 3-20, hier S. 17.
[8] Vgl. Josef Glahe, 50 Jahre danach, Münster o.J. Die Broschüre enthält einen zuvor erschienenen Aufsatz: Angelika Gausmann / Iris Schäferjohann-Bursian, Das vergessene Mahnmal Josef Glahes – Kunst als Mittel der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Bürener Land (1949–1974), Nachdruck aus: Westfalen 71 (1993), S. 121-138.
[9] Vgl. Daniela Siepe, Die Rolle der Wewelsburg in der phantastischen Literatur, in Esoterik und Rechtsextremismus nach 1945, in: Schulte, Die SS, S. 488-510.
[10] Vgl. Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS [1967], Augsburg 1992, S. 142ff. Die Darstellung wurde in den Jahren 1966/67 zuerst als Serie im „Spiegel“ veröffentlicht und in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen als Buch publiziert (auf Deutsch zuletzt: München 2008).
[11] Vgl. Stiftung Topographie des Terrors (Hrsg.), Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße. Eine Dokumentation, 2. Aufl. Berlin 2010.

Zitation
Karsten Wilke: Rezension zu: Wewelsburg 1933-1945 - Ideologie und Terror der SS, Büren-Wewelsburg, in: H-Soz-Kult, 04.09.2010, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-138>.