Aztecs - Ausstellung der Royal Academy of Arts

Ort
London
Veranstalter
Royal Academy of Arts Die Ausstellung ist inzwischen in Deutschland zu sehen; aktuell vom 26. September 2003 bis 11. Januar 2004 in Bonn: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. [2] Nähere Informationen unter: http://www.kah-bonn.de/index.htm?ausstellungen/azteken/index.htm
Datum
16.10.2002 - 11.04.2003
Publikation
Breuer, David; Burden, Harry; Krueger, Carola u.a (Hrsg.): Aztecs. London 2002 ISBN 1-903973-22-8; 1-903973-13-9, 520 S. 27,95 £ (paperback), 55,- £ (hardback).
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Hinz, Historisches Seminar, Abteilung für Iberische u. Lateinamerikanische Geschichte, Universität zu Köln

Menschenopfer heißt das Stück.
Uralt ist der Stoff, die Fabel;
In der christlichen Behandlung
Ist das Schauspiel nicht so gräßlich.“
(Heinrich Heine: Vitzliputzli)

Dies beweist einmal mehr die derzeitige Ausstellung „Aztecs“ in der Royal Academy of Arts, London, die mit ihren 359 Stücken diejenige von 1987/88 („Glanz und Untergang des Alten Mexiko. Die Azteken und ihre Vorläufer“, Hildesheim, München u.a. Orte) an Größe sogar noch übertrifft. Die Welt dieses Volkes, das an exotischer und schauerlicher Faszination für Europäer seit der Eroberung durch Hernán Cortés 1521 nichts eingebüßt hat, wird dem Besucher der Reihe nach in elf Räumen, die jeweils einem speziellen Thema gewidmet sind, vorgestellt:
1. Vorläufer
2. Die menschliche Gestalt
3. Die natürliche Umwelt
4. Götter des Lebens
5. Götter des Todes
6. Religion
7. Gold und Statussymbole
8. Der Haupttempel von Tenochtitlán
9. Schätze
10. Kontakt: indianisch-christliche Kunst
11. Codices.

Hierbei fällt gleich positiv auf, dass die Ausrichter der Ausstellung bemüht sind, die aztekische Kultur in ihren historischen Kontext einzuordnen und nicht nur ihren Wurzeln einen Saal zu widmen, sondern mit den beiden Nummern 10 und 11 der Legende entgegenzutreten, dass mit der Conquista die aztekische Kultur von heute auf morgen einfach ausgerottet wurde. Dabei werden ganz im Sinne der angelsächsischen Tradition von Nigel Davies in Bezug auf die Vorläufer vornehmlich die Tolteken mit ihrem nicht zu überschätzenden Einfluss auf die Azteken vorgestellt. Und dies zu Recht, glaubten doch die Azteken, die wir korrekterweise lieber Mexica nennen wollen, dass sie von den Tolteken abstammten und dass diese die Erfinder aller Kultur seien (vgl. Sahagún 2000, II: 951-954). Die Selbstidentifikation mit den bewunderten Vorläufern ging sogar so weit, dass sich die Mexica den ersten Kastiliern nicht etwa als „Azteken“, sondern als „Tolteken“ vorstellten (zum „Toltekenkomplex“ der Mexica vgl. ausführl.: Davies 1974 u. 1980). Auf der anderen Seite kann man bewundern, von welch hoher künstlerischer Qualität die Werke indianisch-christlicher Kunst des frühen Neuspanien sind, die man sonst selten zu sehen bekommt.

Es ist überhaupt eines der großen Verdienste der Organisatoren, in dieser Ausstellung bemerkenswerte Objekte insbesondere aus zahlreichen zweitrangigen und eher unbekannten Sammlungen Europas (z.B. Mannheim, München, Basel etc.) in einer einzigen zu vereinen - ohne natürlich die großen des Museo Nacional de Antropología e Historia in México D.F. oder des Museums für Völkerkunde in Wien zu vernachlässigen. Das British Museum war auf der anderen Seite aus gutem Grund nur sporadisch vertreten: Es liegt nicht weit von der Royal Academy entfernt, und in den Ausstellungskatalog sind die dortigen Highlights glücklicherweise denn auch an den entsprechenden Stellen eingefügt.

Gut gelungen (und im Eintrittspreis enthalten) ist die Kopfhörer-Führung, die einen von der wegen des hohen Besucheraufkommens meist anstrengen Notwendigkeit entbindet, sich über die Schultern diverser Menschenpulks hinweg die Augen an kleinen Schrifttafeln zu verderben. Sie ist fundiert und lenkt die Aufmerksamkeit auf die wichtigsten Details, ohne dabei durch Langatmigkeit zu ermüden. Sowohl Tafeln als auch die Audio-Führung sind lediglich auf Englisch, das man aber wohl bei den allermeisten Besuchern voraussetzen darf und das daher nicht unbedingt als Manko zu bewerten ist. Mein Tipp: Man sollte auch einmal in die Version für die jüngeren Besucher hineinhören, die eines gewissen Charmes nicht entbehrt.

Die Objekte an sich sind gut präsentiert. Auf niedrigen Podesten, die auch Kinder und körperlich Behinderte einsehen können, sind die Stücke effektvoll ausgeleuchtet. Dies gilt vor allem für solche, die man normalerweise aus konservatorischen Erwägungen heraus allenfalls im Halbdunkel zu sehen bekommt wie den berühmten Federschild der Ambras-Sammlung aus Wien (Nr. 299).

Des Weiteren möchte ich noch auf die Räume 3 („Die natürliche Umwelt“) und 11 („Codices“) hinweisen. Im ersteren lernt man nicht nur einiges über die Tierwelt der Mexica, sondern darf auch über die naturgetreue Darstellung derselben staunen. Bedauerlicherweise wird man mit diesem Staunen dann aber meist allein gelassen - beispielsweise darüber, wie die damaligen Künstler einen Floh (Nr. 73, vorsichtshalber nur als „Insect“ ausgewiesen) überhaupt so genau sehen konnten, dass sie ihn 22 x 21,5 x 36,5 cm groß und so beeindruckend naturgetreu in Stein zu meißeln vermochten. Daneben werden auch Fabelwesen wie die Feder-Schlange (Nr. 78) vorgestellt. Das ist berechtigt, denn die Mexica dürften hinsichtlich dieser Wesen andere Konzepte von Realität und Mythos gehabt haben als wir. Im Raum 11 schließlich erhält man Einblicke in die berühmtesten Codices zu Geschichte und Kultur der Mexica, die einen guten Eindruck hinsichtlich des Wandels der Schriftkultur durch die Eroberung und der frühen ethnographischen Bemühungen diverser Chronisten des 16. Jhs. vermitteln. Unter den berühmten Annalen und Chroniken findet sich schließlich auch ein deutsches Bonbon: Es handelt sich um das „Trachtenbuch“ des Straßburgers Christoph Weiditz (Nr. 359), der 1529-30 die Mexica zeichnete, die Cortés Kaiser Karl V. vorführte. Über einem Akrobaten, der einen Holzbalken auf den Füßen herumwirbelt, lesen wir da (mit einiger Mühe): „Allso empfachtt Er Wider das holtz auf die vies [sc. Füße], so ers auffgeworffen hat.“ (Vgl. hierzu ausführl.: Cline 1969).

Man darf von einer Ausstellung, die sich ja vor allem an den Laien wendet, natürlich nicht erwarten, dass sie zu sehr ins Detail geht. Ich erwähnte auch bereits, dass die Begleittexte und die Audio-Führung fundiert sind. Was jedoch zu kurz kommt, ist die Problematisierung der hauptsächlichen Forschungsprobleme in Bezug auf die Nahua, zu denen die Mexica gehören, beispielsweise durch die Formulierung einiger prägnanter Fragen. Zwar wird man eingangs nicht als, sondern nur vom Gott Quetzalcóatl empfangen, doch im weiteren Verlauf erfährt man nichts über den Streit darüber, ob es nun eine Legende von der Wiederkehr dieses Gottes gab und die Kastilier mit diesem auf tragische Weise verwechselt wurden, oder ob dem nicht so war (vgl. vor allem Stenzel 1980), bzw. darüber, dass es auch noch den Priesterkönig gleichen Namens gab und dass nicht jede „Gefiederte Schlange“ mit diesem Gott identisch ist, der uns hier in Gestalt des Windgottes Ehecatl entgegentritt. Überhaupt hapert es bei der Darstellung der mexicanischen Götterwelt etwas. Diese in „Götter des Lebens“ und „Götter des Todes“ zu unterteilen, ist eurozentristisch und daher unzulässig, denn den Mexica waren solch dualistischen Konzepte im Gegensatz zum christlichen Denken (besonders auch in „gut“ - “böse“) fremd. Die Götter der Mexica waren vielschichtig und undurchsichtig. Namen wie Tezcatlipoca - „Rauchender Spiegel“ - deuten dies an. Der Leitgedanke dieser Religion war gerade, dass Leben und Tod einander bedingen und letztlich ein und dasselbe sind und einen kosmischen Kreislauf bilden, der auch im Nahua-Kalender seinen Ausdruck findet. Und hier sind wir beim nächsten Problem: den Menschenopfern, die zwar behandelt aber vielleicht nicht ausreichend in ihrer zentralen Bedeutung für die Religion und damit alle Lebensbereiche der Nahuas betont werden. Wünschenswert wäre es, wenn sich der Besucher nach dem Verlassen der Ausstellung zusammen mit Octavio Paz weigern kann, in ihnen „einen besonderen Ausdruck von Grausamkeit zu sehen, der mit ihrer übrigen Kultur nicht in enger Verbindung stünde“ (Paz 1998: 105). Andererseits sind vor diesem Hintergrund hinsichtlich der Eroberung durch Cortés die Fragen nach dem „gerechten Krieg“ oder dem Recht auf Einmischung bei „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ja durchaus zentral und aktuell. Die Problematisierung dieses Themenkomplexes würde es uns Besuchern erleichtern, darüber zu reflektieren, wer wir heute sind - und wer die Mexica eigentlich waren.
Ein weiterer Kritikpunkt besteht im vagen Begriff „Aztecs“. In wenigen Sätzen ließe sich darstellen, dass die Mexica im Grunde nur die Bewohner der Schwesterstädte Tenochtitlán und Tlatelolco waren, und dass es ein aztekisches „Reich“ nicht gegeben hat, sondern allenfalls eine Herrschaft dreier Stadtstaaten (Tenochtitlán - Tetzcoco - Tlacopán), die sich auf Tributforderungen in einem Gebiet erstreckte, das keine festen Grenzen aufwies (vgl. ausführl.: Carrasco 1996). Die fehlende Definition führt dann leider auch dazu, dass sich in die Ausstellung tlaxcaltekische (Nr. 157) und mixtekische (Nr.n 175-182 u.a.) Exponate einschleichen, die zwar sehr schön, den aztekischen auch sehr ähnlich, aber eben nicht „aztekisch“ sind.

Auch vermisst man etwas die großen Möglichkeiten, die einem heutzutage die Multimedia-Techniken bei derartigen Veranstaltungen böten. Bis auf eine Leinwand-Projektion, die die Größe der Inselstadt Tenochtitlán-Tlatelolco und ihres Haupttempels vorführt, wird darauf verzichtet, dem Besucher Gelegenheit zu geben, sich auf spielerische und bequeme Art zu einigen Themen weitergehende Informationen zu beschaffen.

Dafür entschädigt aber der Katalog zu den „Aztecs“, an dem renommierteste Archäologen und Historiker wie Eduardo Matos Moctezuma (Ausgräber des Haupttempels in México D.F.), Miguel León-Portilla (Altmeister der Altmexikanistik) und Hugh Thomas (im englischsprachigen Raum der Fachmann für die Geschichte der Conquista Mexikos) mitgearbeitet haben. Diese Namen sprechen für sich, sie lassen keinen Zweifel an Niveau und Qualität. Kleinere Fehler wie z.B. die Verwechselung von Grijalva und Hernández de Córdoba in der Legende zur Karte auf S. 74 schmälern diesen Eindruck nicht sehr. Ganz außergewöhnlich ist jedoch auch die fotographische Qualität. Die großformatigen Abbildungen vor weißem oder schwarzem Hintergrund lassen hier nichts zu wünschen übrig und zählen unbedingt zu den besten, die je von diesen Objekten publiziert wurden.

Trotz der erwähnten Kritikpunkte ist die Ausstellung, geöffnet vom 16.10.2002 und noch bis zum 11.04.2003, zweifellos sehr sehenswert und sollte wie gesagt durch einen Besuch der mexikanischen Sammlung des British Museum (Eintritt frei!) ergänzt werden. Aus begreifbaren Gründen wird man sich für die Monumentalplastik der Mexica nach wie vor nach Mexiko und für sehr empfindliche Objekte wie dem berühmten Quetzalfeder-Kopfschmuck nach Wien begeben müssen, aber ansonsten präsentiert die Royal Academy auserlesene Stücke, die normalerweise in Europa weit verstreut sind und zusammengetragen einen interessanten Überblick über die Kultur der Mexica bieten. Ausstellung und Katalog sind ein Muss für alle, die sich mit den Nahuas beschäftigen, und den übrigen Azteken-Begeisterten wärmstens ans Herz zu legen.

Zur Vorbereitung können die folgenden Internetseiten dienen:
http://www.aztecs.org.uk/
http://www.royalacademy.org.uk/
http://www.studio-international.co.uk/reports/aztecs-ra.htm

Anmerkungen und Literaturhinweise:
[1] Diese Ausstellung wurde organisiert von der Royal Academy of Arts, London. Sie ist des Weiteren eine Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Ethnologischen Museum, der Berliner Festspiele und dem Martin-Gropius-Bau Berlin.
[2] Zuvor war die Ausstellung vom 17. Mai 2003 bis 10. August 2003 in Berlin im Martin-Gropius-Bau zu sehen; siehe auch http://www.smb.spk-berlin.de:8000/smpk/de/kalender/details.jsp?objectId=3904&typeId=10d=10

Carrasco, Pedro: Estructura político-territorial del Imperio tenochca. La Triple Alianza de Tenochtitlan, Tetzcoco y Tlacopan. México 1996.
Cline, Howard F.: „Hernando Cortés and the Aztec indians in Spain“, in: Quarterly Journal of the Library of Congress 26/ 2 (1969), 70-90.
Davies Claude, Nigel Bugan: Die Azteken. Meister der Staatskunst - Schöpfer hoher Kultur, Düsseldorf 1974.
Davies Claude, Nigel Bugan: The Toltec heritage: From the fall of Tula to the rise of Tenochtitlan. Norman/ London 1980.
Paz, Octavio: „Cortés und die Folgen“, in: Das Labyrinth der Einsamkeit. Frankfurt a.M. 1998, 92-117.
Sahagún, Bernardino de: Historia general de las cosas de Nueva España (versión íntegra del texto castellano del manuscrito conocido como Códice florentino), hrsg. von Alfredo López Austin u. Josefina García Quintana, 3 Bd.e, México 2000.
Stenzel, Werner: Quetzalcoatl von Tula. Die Mythogenese einer postkortesischen Legende, in: Zeitschrift für Lateinamerika Wien 18 (1980).

Zitation
Felix Hinz: Rezension zu: Aztecs - Ausstellung der Royal Academy of Arts, 16.10.2002 – 11.04.2003 London, in: H-Soz-Kult, 30.11.2003, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-19>.
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30.11.2003
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